• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
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    Man muss in einer Demokratie auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie zu beseitigen!”
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Jordanien macht mit dem Elend der Palästinenser ein Geschäft

Tuvia Tenenbom, 51, wurde in Tel Aviv geboren und ist Dramatiker und Regisseur. Er leitet das Jewish Theater in New York.
Unser Autor Tuvia Tenenbom, geboren in Israel, hat unter falscher Identität ein riesiges Palästinenserlager in Amman besucht. Er fand Erstaunliches heraus: Die Flüchtlinge haben keine Chance, der Armut zu entrinnen – weil Jordanien mit ihrem Elend ein Bombengeschäft macht

Die fähigsten Politiker haben ihm ihr Leben gewidmet, die brillantesten Experten haben es unter allen erdenklichen Aspekten untersucht, die klügsten Denker haben beeindruckende Werke darüber geschrieben und einige der kreativsten Dichter haben es besungen: Palästina. Aber wer von ihnen ist jemals in al-Wadaht gewesen?

Auch meine Chancen, nach al-Wadaht zu kommen, waren nur gering. Ich bin nie morgens aufgewacht und habe mir gesagt: Heute muss ich nach al-Wadaht. Zunächst hatte ich kaum von al- Wadaht gehört. Und als ich davon hörte, klang es nach einem Ort, den man besser meidet. Warum fahre ich also heute nach al-Wadaht? Weil Morad mir sagt, ich soll es nicht tun.

Kennen Sie Morad? Höchstwahrscheinlich nicht. Morad, der meinen Becher mit bitterer Limonade füllt, ist ein Jordanier mit Geld. Er fährt einen neuen BMW, er besitzt viele Häuser, er »importierte« eine Frau aus Chicago, und er mag keine Juden. »Die Juden«, erklärt er seinen Gästen, die bei ihm zum Abendessen sind, »kaufen alle Grundstücke in Jordanien und Dubai. Das macht mich rasend!« Morad nimmt kein Blatt vor den Mund, und wenn Morad spricht, hören alle zu. Und dann lässt Morad, ohne jegliche Vorwarnung, die Bombe fallen: »Sie«, sagt er und zeigt auf mein Gesicht, »sind ein Jude.« Die versammelte Runde hält inne und mustert mich, das Schwein in ihrer Mitte, etwas genauer. Niemand kennt meinen richtigen Namen. Ob Morad mein kleines Geheimnis entdeckt hat? Alle fixieren mich und warten auf meine Reaktion. »Und Sie«, sage ich und sehe ihn unverwandt an, »sind ein schwuler Jude. Aus Chelsea. Ihre Nase: jüdisch. Ihre Lippen: homo. Geh zurück nach New York, falscher Araber!«

Meine Antwort beeindruckt Morad. Er sieht mich neugierig an und sagt: »Sie sind ein Deutscher. Aber in Ihnen steckt noch etwas, was könnte das sein?« Al-Hamdulillah, Test bestanden. Ich habe Morad mehrfach beleidigt, also müssen meine Vorfahren in Ordnung sein. »Vater deutsch, Mutter polnisch«, entgegne ich. »Genau«, sagt er. »Das sieht man.« Na bitte. Ich habe einen evangelischen Deutschen als Vater und eine polnische Katholikin als Mutter; ich gehöre zu den guten Europäern, die es den Juden richtig gezeigt haben. Eine bessere Herkunft ist undenkbar. Morad und ich werden im Laufe des Abends gute Freunde. Er lädt mich ein, über Nacht zu bleiben. Oder solange ich möchte. Er fährt mich in seinem Auto herum. Er lädt mich zu einem kurzen Urlaub außerhalb von Amman ein. Aber ich lehne ab und bleibe lieber in der Hauptstadt, was er gut versteht. Er empfiehlt mir noch die besten Sehenswürdigkeiten und nennt Orte, die ich meiden sollte. Al-Wadaht steht ganz oben auf der Negativliste. »Gehen Sie da bloß nicht hin, es sei denn, Sie wollen abgeschlachtet werden.«

Ich liebe Jordanien. Als ich das erste Mal in das Land kam, wurde Adolf Hitlers Mein Kampf aufgrund der großen Beliebtheit des Buchs an den Zeitungsständen zum Verkauf angeboten. Heute, fünf Jahre später, wird eine »gekürzte Fassung« von Mein Kampf verkauft. Die Welt hat sich gewandelt. Klar. Und ich, der ich aus den großartigen Vereinigten Staaten von Amerika nach Jordanien fliege, liebe den Wandel. Ich lege mir eine Kufija auf den Kopf, kaufe mir einen Schal mit dem Aufdruck »Jerusalem gehört uns« und versuche, ein paar mir bekannte Jordanier zu überreden, mich nach al-Wadaht zu begleiten, in eines der größten palästinensischen Flüchtlingslager. Zu meiner Überraschung lehnen alle ab. »Es gibt bessere Möglichkeiten, um zu sterben«, erklären mir die Reichen von Amman und schnurren in ihren glänzenden Autos davon. Ich nehme meine Verkleidung ab, winke ein Taxi und fahre nach al-Wadaht. So, wie ich bin, höchstpersönlich: Tobias aus Deutschland – das sind mein Name und meine Nationalität während meines Aufenthalts in Jordanien.

»Shu ismak?« – Wie heißen Sie? –, empfängt mich eine 30- bis 40-köpfige Kinderschar, die sich gleich nach meiner Ankunft in al-Wadaht an meine Fersen heftet. Wenn ich je gehofft hatte, mich hier unbemerkt bewegen zu können, machen diese Kinder meine naive Vorstellung schnell zunichte. Leider entdecken mich nun auch die Erwachsenen. »Sind Sie wegen der Hochzeit hier?«, fragt eine Frau. Ich wünschte ja, aber natürlich weiß ich nicht, wer heiratet und wie genau meine verwandtschaftlichen Bande zur Braut oder zum Bräutigam sind. Ich betrachte meine neue Umgebung: Verglichen mit den Massen hier, wirkt der Times Square zur betriebsamsten Zeit wie eine Wüste. Mir bleibt kein Ausweg, ich muss eine Antwort finden: Ist Tobias für die Leute hier gut genug, oder sollte ich origineller sein und mich, sagen wir, Adolf nennen? Werden mir die Leute meine deutsch-polnische Herkunft abkaufen? Sieht nicht so aus. Ich fürchte, die Feinheiten eines deutschen evangelischen Vaters und einer katholischen polnischen Mutter sind ein bisschen zu komplex, um akzeptiert zu werden. Ich brauche eine schlüssige Erklärung, die sofort verstanden wird, einen Satz, den die wachsende Menge begeistert billigt. Ich beschließe, es gleich mit der Nationalität zu versuchen: »Ich bin ein deutscher Journalist«, sage ich. »Ahlan wa sahlan« – willkommen –, begrüßen sie mich. »Was können wir für Sie tun?« Ich erkläre ihnen: »Ich bin gekommen, um zu sehen, wie ihr lebt, und es der Welt zu berichten.« Das verlangt, dass sie mich wie einen Star behandeln. »Deutscher Journalist ist hier!«, sagen sie. »Marhaba! Möchten Sie einen Mann treffen, der Ihnen die Wahrheit erzählt, die ganze Wahrheit?« Ja, natürlich. Wer möchte das nicht?

Ali Mohammed Ali, ein Mann von 84 Jahren, erhebt sich vom Boden des kleinen Raums, aus dem seine zur ebenen Erde liegende Wohnung besteht, und lässt mich höflich auf einem Plastikstuhl Platz nehmen. »Vor ein paar Tagen«, sagt er, »war al-Dschasira hier. Und mit wem haben sie gesprochen? Mit mir. Und jetzt Sie! Danke, dass Sie aus Deutschland kommen, um mich zu sehen!« Schon bald sammelt sich eine Menge: Alis Söhne und Töchter, ihre Kinder, ihre Kindeskinder, ein paar enge Freunde samt Ehepartnern, Freunde von Freunden mit einer Horde Kinder im Schlepptau. Natürlich finden nicht alle Platz im Raum, aber die Straße draußen geht auch. Hijabs in allen Schwarz-Weiß-Schattierungen bedecken die Frauengesichter, den Männern dagegen stecken alle möglichen Zigaretten zwischen den Lippen. »Ich«, sagt Ali, »wurde in Palästina geboren.« Die Anwesenden lauschen. Sie kennen die Geschichte, haben sie tausendmal gehört, aber sie noch einmal zu hören ist eine Freude.

Das wird ein langer Tag, wie ich schnell merke, denn Alis Geschichte beginnt 1948. Wir müssen sechzig Jahre abdecken. Ganz zu schweigen von den vielen Zuhörern, die vermutlich auch einiges zu erzählen haben. Vorsichtig erkläre ich Ali, dass mich die Entwicklung des Nahostkonflikts nicht interessiert. Ich will etwas über das Leben der Menschen in der Gegenwart wissen. Ich will keine Wiederholung seines Interviews mit al-Dschasira. Wird Ali mitspielen, oder wird er mir die Tür zeigen?

Kochender Tee wird gebracht. Ja, Ali ist bereit, über das Jetzt und Heute zu reden.

»Die Juden«, setzt er an, »sind Verbrecher. Die Juden sind Hunde.«

Aber ich will nichts über die Juden hören, ich bin hier, weil mich die Palästinenser interessieren. »An welches Tier«, versuche ich mein Glück, »erinnern Sie die Palästinenser?«

»Löwen!« Alle stimmen zu, aus jedem Blick spricht Einverständnis.

Ich sehe mir die vielen hier versammelten Löwen an: Niemand kann sich rühren in diesem kleinen, vier mal vier Meter großen Raum, in dem es außer Gebetsteppichen an den Wänden und drei Plastikstühlen keine Möbel gibt.

Löwen! Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, aber meine Lippen bewegen sich unkontrollierbar: »Können Sie mir sagen«, höre ich mich fragen, »welche Zootiere Sie an welches Volk erinnern?« Schallendes Gelächter folgt. Den Frauen gefällt die Frage. Die Männer ziehen an ihren Zigaretten. Auch Ali Mohammed Ali erfreut die Frage, ein breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. Dieser Deutsche ist gut, er bringt Stimmung in Alis traurige Bude.

»Die Jordanier«, sagt er, »sind Pferde. Die Amerikaner sind Schweine. Die Briten, die das Heilige Palästina den Juden gaben, sind Mäuse. Und die Deutschen sind Kamele.«

Kamele? Warum Kamele?

»Deutsche«, erklärt Ali, »haben die Fähigkeit, großes Ungemach und viele Enttäuschungen zu ertragen, weil sie geduldig sind. Jahrelang litten sie unter den Juden, aber als die Gelegenheit kam, es den Juden zurückzuzahlen, haben die Deutschen sie umgebracht.« Haben die Juden das verdient? »Deutschland brachte eine Million Juden um«, sagt Ali, »und das war gut.« Alle Anwesenden stimmen zu.

»Tobias aus Deutschland« will es nun genau wissen. »Wenn ein Fremder ohne Ausweis zu Ihnen nach Hause käme, könnten Sie dann sagen, ob er Jude oder Deutscher ist?«, frage ich ihn.

Wahrscheinlich ist das die dümmste Frage, die ich stellen konnte. Auch Ali ist ziemlich enttäuscht. Wie kann ich seine Intelligenz so beleidigen? Natürlich würde er wissen, wer der Fremde ist! Und dann verstummt Ali für einige Minuten. Er taxiert mich – den Kopf, die Augen – und kommt offenbar zu dem Schluss, dass ich ein paar grundlegende Lektionen brauche.
»Wenn wir gute Muslime sind«, hebt er an, »und das Wort Allahs erfüllen, wird uns Palästina wieder gehören. Sehen Sie sich Nasrallah im Libanon an:

Er hält an Allah fest, und Allah hilft ihm beim Töten der Juden. Mögen wir alle wie Nasrallah sein.

Die Juden verfälschten das Wort Allahs in der Thora. Die Christen verfälschten das Wort Allahs im Neuen Testament. Aber es gibt einen Mann, der das Erste Buch Allahs besitzt, und er kennt die Wahrheit. Wissen Sie, wer das ist?« Nein, keine Ahnung. »Der Papst!« Der deutsche Papst? »Ja, genau der.« Gesegnet sei dein Haupt, Papa Benedikt, die Menschen in al-Wadaht lieben dich. »Welches Buch genau besitzt der Papst?«, frage ich. »Das wahre Wort Allahs, das Original, ist im Keller des Vatikans versteckt!«, ruft Ali. Hat Ali Mohammed Ali das Buch denn gesehen? »Ich habe eine Kopie davon, es ist der Koran.« Ali liest mir jetzt aus dem Koran vor. Er schlägt das Buch auf und sagt:

»Die Juden werden alle getötet werden. Jeder Baum und jeder Stein wird am Töten der Juden teilhaben.«

Alis Sohn, der zu meiner Rechten sitzt, nimmt ein Stück Papier und schreibt judenfeindliche Schmähungen auf, »heilige Worte«. Er reicht mir das Papier, eine Art Talisman gegen das Böse. Ich danke ihm überschwänglich für das Geschenk und stelle noch eine Frage: Behandelt die jordanische Regierung die Palästinenser gut? »Ja, das tut sie. Das Leben in Jordanien ist sehr schön. Keine Klagen.« Während Ali über die jordanische Regierung spricht, sehen die Anwesenden still zur Seite, niemand darf Ali in seinem eigenen Haus widersprechen. »Wozu dann kämpfen«, frage ich weiter, »um nach Palästina zurückzukehren, wenn das Leben in Jordanien so schön ist?« Ali senkt den Blick und murmelt: »Ja, ja. Schön, alles ist schön.« Darf ich der Welt berichten, dass die Palästinenser in Jordanien glücklich sind und keine Probleme haben? Ich darf.

Ein Mann, der nicht weit von mir sitzt, bietet an, mich herumzuführen und mir das schöne Leben der Palästinenser in al-Wadaht zu zeigen. Er fragt, ob ich einen Spaziergang machen möchte.Und wir gehen spazieren.

Wir gelangen zum Marktplatz von al-Wadaht. Das Wort Auschwitz kommt mir seltsamerweise in den Sinn. Im Holocaust Museum in Washington gibt es eine Ausstellung, in der zahllose gebrauchte Schuhe ungeordnet übereinanderliegen. Dieser Teil der Ausstellung ist am bewegendsten, da er auf die Schuhe anspielt, die die Juden auf dem Weg in die Gaskammern zurücklassen mussten. Daran denke ich, als ich jetzt an einem »Laden« vorbeigehe, den hier alle »Europäische Schuhe« nennen. Gebrauchte Schuhe liegen in keiner erkennbaren Ordnung auf der Straße. Fast wie die Schuhe in Washington. Nur dass diese hier zu verkaufen sind. Mein Fremdenführer, ein Mann, dessen Namen ich nicht kenne, sieht mich an und fragt sich, ob ich Schuhe kaufen will. Der Markt, sagt er, habe Besseres zu bieten: palästinensische Süßigkeiten. Ob ich welche probieren möchte? Wir gehen zum Bäcker und kommen am lokalen Sportclub vorbei. Am Eingang ziert eine israelische Flagge den Boden. Werden die Palästinenser in al-Wadaht etwa alle zu Zionisten? Nicht direkt. Wie mein Führer mir erklärt, schreitet jeder, der den Sportclub betritt, mit seinen schmutzigen Schuhen über die Flagge. Gibt es eine süßere Methode, sich an den verbrecherischen Hunden zu rächen? Wir lachen beide über diesen großartigen Affront und gehen weiter. Alle paar Schritte halten Männer meinen Begleiter an und fragen, wer der Fremde sei. Nach einiger Zeit befindet er, dass es reicht. »Möchten Sie gern reden?«, fragt er mich. Wir kehren in die Wohngebiete von al-Wadaht zurück: »Häuser«, die so aussehen wie Alis, 4 mal 4 Meter. Jede Familie bewohnt ein solches Haus, unter den Einheimischen werden sie »Einheit« genannt. Was auch die Bedeutung von al-Wadaht ist: Einheiten. Als al-Wadaht gebaut wurde, erklärt man mir, wurde jeder Flüchtlingsfamilie eine Einheit zugewiesen, und seitdem heißt es Lager der Einheiten.

Wir erreichen eine Einheit ohne Strom. Überall Kerzen. Ob ich lieber draußen sitzen möchte? Ein fremder Mann tritt zu uns und schlägt vor, dass wir uns auf die Straße setzen. Aber keine Fotos bitte. »Wenn die jordanische Regierung erfährt, was ich Ihnen gleich erzähle, bedeutet das 20 Jahre Gefängnis. Wir stellen 70 Prozent der Bevölkerung in Jordanien, aber nicht ein einziger Palästinenser ist bei den Sicherheitsdiensten. Wir kennen sie nur durch das Gefängnis. Verstehen Sie?« Er sagt nicht, wie er heißt, und überlässt es mir, wie ich ihn nennen will. »Wie wär’s mit Haled?«, frage ich. Ist ihm recht. Haled, der von Beruf Englischlehrer ist, unterhält sich lieber auf Englisch. Das ist sicherer.

Haled:

»Der Geheimdienst ist allgegenwärtig. Unser Leben ist erbärmlich. Den meisten von uns bleibt die Chance, jemals hier rauszukommen, zeitlebens verwehrt. Ein jordanischer Highschool-Absolvent mit einem mittelmäßigen Notendurchschnitt bekommt eher einen Studienplatz als ein Palästinenser mit einem guten Durchschnitt. Und die meisten Palästinenser, die an jordanischen Universitäten genommen werden, dürfen nur Literatur, Geschichte oder etwas in der Richtung studieren. Medizin? So gut wie nie, es sei denn, wir zahlten dafür. Keine Stipendien, wie man sie den Jordaniern gewährt. Ich habe einen jordanischen Pass, aber jeder Polizist kann sofort erkennen, dass ich Palästinenser bin: Wir haben andere Ausweisnummern. Die jordanische Regierung erhält von den UN und aus anderen Quellen für jeden hier lebenden Palästinenser Geld und steckt es sich in die eigene Tasche. Wir sind ein ›Schatz‹ für die Jordanier: Kühe, die man melken kann. Wir sind eine Ware. Wir werden nicht wie Menschen behandelt. Warum gibt es die Lager immer noch? Warum sieht man hier überall diese menschliche ›Ware‹? Warum so viele arme Palästinenser? Weil wir wie Aktien an der Wall Street sind. Die jordanische Regierung hält uns an. Verhaftet uns. Herrscht über uns. Vertraut uns nie. Und niemand auf der Welt interessiert sich dafür. Millionen armer Palästinenser werden nie aus ihrem Elend herausfinden. Warum? Wegen ihrer arabischen Brüder. Die Juden haben uns Unrecht getan, und dafür werden sie den Preis zahlen: Eines Tages wird sich die arabische Nation ändern und für uns kämpfen. Alle arabischen Armeen werden sich in Jordanien versammeln, in Palästina einmarschieren und die Juden auslöschen. So steht es im Koran, und das glaube ich. Ganz fest. Doch bis dieser Tag kommt, müssen wir leiden. Durch die Hand unserer Brüder, die uns verachten und auf unsere Kosten reich werden. König Hussein sagte mal, dass Menschen ›Kapitalanlagen‹ sind. Ja, für ihn waren wir das. Und für seinen Sohn, König Abdallah, sind wir es noch. Sehen Sie sich dieses Lager an: Wo sonst leben Menschen unter derart schlimmen Bedingungen? Und wie kommt es, dass sich niemand auf der Welt darüber beklagt? Wenn sich jemand für die Palästinenser interessiert, warum dürfen uns die Jordanier dann wie Kühe behandeln? Und wir haben es noch gut, das kann ich Ihnen sagen. Das Leben der Palästinenser im Libanon ist viel härter. Sie dürfen nicht nur keine Häuser kaufen, sie dürfen auch kein Auto besitzen. Möge Allah sich an den verfluchten Juden rächen.«

Während Haled spricht, sind wir von Männern umgeben, die uns vor möglichen Störenfrieden schützen. Ich werde von namenlosen Bodyguards bewacht, den armen Menschen von al-Wadaht. Soweit ich sehe, trägt keiner eine Schusswaffe. Stattdessen bieten mir Haleds Freunde eine Vielzahl verschiedener Süßigkeiten an. Das Leben in diesem von Allah im Stich gelassenen Erdenwinkel mag bitter sein, doch die Backwaren von al-Wadaht sind die besten, die Tobias aus Deutschland jemals gegessen hat. Köstlich.

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