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Die letzte Ehre – Juden ehren die Toten

Gemäß der Thora soll der Mensch als Ganzes begraben werden. Den Zaka-Leuten ist das wichtig.
Zaka kennt und macht keine Unterschiede – nicht bei Opfern, nicht bei Tätern.

Bedächtig, andächtig steigen sie über Zerbrochenes. Umgekippte Tische, überall Splitter. Teile der Deckenverkleidung hängen herab, sie sind blutbespritzt. Die vier Männer tasten sich in dem Falafel-Imbiss am Busbahnhof von Tel Aviv voran. Den Krater, den die Bombe gerissen hat, beleuchten Scheinwerfer. Die Männer tragen Schläfenlocken und Kipas, auf ihren neongelben Westen steht Zaka. Auf Hebräisch heißt das Zihuy Korbanot Asson, Identifizierung von Unfallopfern. Sie sammeln hier Haare, Körperteile, Gewebefetzen ein. Von Opfern, von Tätern. Diesmal das, was von dem Selbstmordattentäter geblieben ist, nachdem sein Körper seiner eigenen Bombe zerfetzt wurde. Die elf Anschlagsopfer haben knapp überlebt. Passanten wenden sich ab. Ein Fotograf hält den Moment fest, in dem der abgetrennte Kopf, das scheinbar schlafende Gesicht des Attentäters, zu sehen ist.

Vorgestern, genau drei Monate nach diesem Anschlag vom Januar, vollzieht sich das Grauen erneut. Es ist derselbe Falafel-Imbiss am Busbahnhof. Diesmal sterben zehn Menschen: der Attentäter und seine neun Opfer. Allen geben die Zaka-Männer die „letzte Ehre“. Kurz nach der Detonation um 13.35 Uhr sind zwei Dutzend Zaka-Männer im Einsatz. Erst in den frühen Morgenstunden lesen sie den letzten blutbefleckten Gummihandschuh auf.

„Die sind verrückt!“

Eine Passantin spricht aus, was viele in Israel denken: dass die Freiwilligen der Organisation Zaka nach jedem Attentat oder Autounfall stundenlang menschliches Fleisch von umliegenden Trümmern kratzen, kann nur aus religiösem Wahn geschehen. Gemäß dem Gebot der Thora soll der Mensch als Ganzes begraben werden. Den orthodoxen Juden von Zaka ist das wichtig. Gibt es tödliche Unglücke, kommen sie. Die 1.400 Freiwilligen, ausschließlich Männer, sind schnell da, oft überholen ihre Motorräder die Rettungswagen. Am Tatort suchen sie zuerst nach Überlebenden, leisten erste Hilfe. Dann treten sie zurück. Geduldig warten sie, bis alle fertig sind: die Polizei, die Ambulanz, die Journalisten.

„Jeder Mensch ist geschaffen von Gott.“

Jehuda Meshi Zahav spricht Jiddisch mit der Reporterin. Der 44-jährige Chef von Zaka sitzt in seinem Büro in Jerusalem, geduldig formuliert er um, was für deutsche Ohren schwer verständlich ist. Es ist Nachmittag, durch die offene Tür dringen die Geräusche seiner Mitarbeiter: Papierrascheln, Handys, Beeper. Was fühlt er, wenn er die sterblichen Überreste eines Terroristen aufliest?

„Das tut weh, wir machen das mit Schwierigkeiten“, antwortet er. Dennoch, er hasse die Palästinenser nicht. Zaka ist für ihn „keine politische Sach“, wie es im Jiddischen heißt.

Zaka kennt keine Unterschiede – nicht bei Opfern, nicht bei Attentätern. Meshi lächelt.

Seine weißen Schläfenlocken, das faltige Gesicht lassen den Vater von sieben Kindern aussehen wie einen alten Mann. Kein Wunder, Meshis Augen haben viel gesehen. Tausende, vielleicht zehntausende Tote.

„Ich habe sie nicht gezählt.“ Schlaflose Nächte habe er gehabt, sagt er.

Nach stundenlangen zermürbenden Aufräumarbeiten, in dem Bemühen, die blutigen Bilder nicht in seine Träume zu lassen. Der Beeper meldet minütlich Unfälle im ganzen Land. Auch während des Interviews checkt er routiniert jede Nachricht.

„Gerade ist ein Kind vom Baum gefallen“, sagt er, „tot.“ Heute sind vier Menschen gestorben.

Seine schwarze Weste, die weißen Bänder, die ihm an den Oberschenkeln herabhängen, rühren aus einer Zeit, zu der Beeper undenkbar waren.

Meshi, der orthodoxe Jude, wirkt routiniert. Er ist es nicht.

„Der Tsunami war eine andere Sach für mich. So viele Tote“, sagt er. „Ein normaler Mensch kann nicht begreifen das.“

In Thailand ist er an seine Grenzen gestoßen. Schon vorher musste er jüdischen Toten außerhalb Israels die letzte Ehre erwiesen. Zaka, die von privaten Sponsoren unterstützte Organisation, wurde auch nach dem 11. September von den US-Behörden um Hilfe gebeten. In Meshis kleinem Büro hängen Fotos von Menschen, die ihm die Hand schütteln: der israelische Verteidigungsminister Shaul Mofas ist darunter, Vertreter der Vereinten Nationen, auch der deutsche Bundespräsident Horst Köhler. „Ja, er ist seit einem Jahr Freiwilliger bei uns. Und er hat auch schon geholfen.“ Das war im Herbst in Stuttgart. Dort stieß man beim Ausbau eines „Luftfeldes“, wie Meshi den Flughafen nennt, auf die sterblichen Überreste jüdischer Zwangsarbeiter. Den Zaka-Leuten wurde schwindlig, als sie erfuhren, dass deutsche Behörden die Gebeine auseinander nehmen wollen und mittels DNA-Analyse identifizieren. Ein Anruf beim Freiwilligen Köhler genügte. Die genetische Identifikation unterblieb, das Grab wurde wieder geschlossen.

Heute sind Meshi und seine Leute weltbekannt. Auf den zahllosen Pressebildern von Attentaten sieht man sie, die neongelbe Weste über der orthodoxen Kleidung.

Bevor Meshi 1989 gemeinsam mit Rabbi Eisenbach Zaka gründete, war er in Israel eher berüchtigt. Ordnete die Polizei bei einem Unfallopfer eine Autopsie an, riefen die Angehörigen nach Meshi. Nach orthodoxem Glauben muss man Toten ihre Ruhe lassen, und dafür sorgte Meshi. Er kam, nahm die Leiche auf die Schulter und ging. „Das hab ich gesehen viele Male! Früher war er der Schrecken der Polizei!“ Aron Klein lacht. Für ihn, den Zaka-Freiwilligen, war der zehn Jahre ältere Meshi schon in diesen Jahren ein Held.

Damals war Meshi noch in der Jeshiwa, einer religiösen Schule für Männer, und kämpfte dort gegen das säkulare Israel. Nach jüdisch-orthodoxem Glauben ist ein Judenstaat vor dem Erscheinen des Messias Blasphemie. Israels älteste Juden sind entschiedene Gegner eines solchen säkularisierten Staates. Aron Klein erinnert sich gut: „Meshi war der wildeste!“ Im orthodoxen Viertel von Jerusalem hat er Jung und Alt angeführt. Am Shabbat, dem Tag, an dem für Juden absolute Ruhe geboten ist, war Aron unter jenen, die auf Meshis Geheiß Steine gegen vorbeifahrende Autos warfen. „Und das waren solche Brocken!“ Er breitet die Arme aus und grinst. „Es war der Krieg des Shabbes, und Meshi war unser König!“

Dann, binnen einem einzigen Tag, wurde der wilde Meshi zum milden Meshi. 1989 steuerte ein palästinensischer Terrorist einen Bus kurz vor Jerusalem den Berghang hinunter. Es war eines der blutigsten Attentate der ersten Intifada. Meshi, der orthodoxe Antizionist, saß unweit in der Jeshiwa. „Wir haben es gehört und sind gelaufen.“ Was er sah, veränderte ihn. Das Wimmern der Verletzten, 17 reglose, kaputte Körper. Am Ende wurden die menschlichen Überreste mit Wasserschläuchen den Berg hinabgespült. Meshi graute es. In diesem Moment schloss sich seine Vergangenheit mit der Gegenwart kurz. Sein religiöser Aktionismus gegen die säkulare Welt wandelte sich in Aktionismus für sie.

„Nicht nur die jüdische Familie ist nicht ruhig, wenn die Reste nicht sind gebracht auf einen Platz“,

erklärt er sein Motiv. Jeder braucht seine Totenruhe.

In einem Land, in dem viele eines unnatürlichen Todes sterben, entstand eine Joblücke vor den Totengräbern: die Totenberger. Gerade die antizionistischen Juden scheinen dazu fähig. Keiner anderen Gruppe nimmt man die nötige Unparteiischkeit in den israelisch-palästinensischen Tragödien besser ab.

Auch Aron Klein, der Freiwillige und Vater von zwei Kindern, glaubt bei der Arbeit an die Mizwa, die gute Tat. Sie gibt ihm die nötige Kraft. Zwischen seinen schwarzen Schläfenlocken blicken lebhafte Augen hervor.

„In diesem Land bin ich mehr wegen Autounfällen als wegen Attentaten unterwegs“,

sagt er. Im letzten Jahr starben 58 Israelis bei Attentaten, 475 bei Autounfällen. Am Vorabend zu Purim etwa, dem Faschingsfest, hat er eine Mutter und ihre beiden Kindern aus einem Auto geborgen, erzählt er. Alle drei tot. „Zwischendurch musste ich zur Seite gehen und weinen.“ Eines der Kinder trug dasselbe Faschingskostüm wie sein Sohn. Superman.

So wie er von seinen Gefühlen erzählt, beschreibt Aron Klein die Dinge, die er gesehen hat. Leichen, die schon drei Tage vor sich hin westen, umringt von Ratten. Mit Handbewegung und Stimme ahmt er den Sinkflug eines Autos nach, bevor es zerschellt. Den Fahrer konnte er retten. Kleinkinder holte er aus eingeklemmten Fahrstühlen. Auf dem Tisch ein Foto von ihm, wie er einen Hubschrauber fliegt. Nicken und Lächeln, „Ich mag Action.“ Bei Zaka kann er manchmal selbst Superman sein. Der 34-Jährige ist schon seit 13 Jahren dabei. Viele, mit denen Klein angefangen hat, haben aufgehört. Rund um die Uhr abrufbereit sein, zerstückelte Tote – die meisten geben nach ein, zwei Jahren auf. Sie können kein gegrilltes Fleisch mehr riechen. Debora, Kleins Frau, erzählt, ihr Mann habe in den ersten Jahren bei Zaka nach einem Anschlag manchmal tagelang nicht gesprochen.

Meshi hat in seinem Büro eine psychologische Studie liegen: Mindestens zehn Prozent seiner Leute sind traumatisiert. „Ich weiß nicht, was zu tun mit denen“, sagt er. Dabei lässt er sie von Psychologen betreuen. Und ohne die schriftliche Einwilligung der jeweiligen Ehefrau dürfen die Freiwilligen gar nicht erst eintreten.

Aron Kleins Ehefrau trägt nach orthodoxem Brauch eine Perücke. Klein und schlank, leicht geschminkt, wirkt die 34-Jährige wie ein junges Mädchen. Lässig schwingt Debora ihre Beine über die Sessellehne und erzählt. Anfangs habe sie es nicht so toll gefunden, wenn ihr Mann sich mitten im Shabbat-Dinner verabschiedet hat. Inzwischen habe sie sich daran gewöhnt.

„Ich bin auch schon mit einer Leiche im Kofferraum gefahren. Obwohl es eigentlich ins Restaurant gehen sollte.“

Auch Meshi ist der Widerspruch zwischen dem normalen Leben und dem Erfolg seiner Organisation sehr wohl bewusst:

„Mein Junge, Daniel, wollte mir zeigen, er kann schreiben. Er ist fünf Jahre alt. Er hat geschrieben ,Tote‘. Das hat mir gegeben einen Schreck“, sagt er. „Es ist nicht gut, dass die ganze Sach ins Haus kommt.“

Die Arbeit der Zaka-Leute berührt Israels wundesten Punkt: die hohe Zahl unnatürlicher Tode. Vielleicht ein Grund, warum nichtorthodoxe Israelis bei der Arbeit der Zaka-Leute so ungern hinschauen.

via  http://www.taz.de/

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