• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
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    „Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft …
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Das große Schweigen der muslimischen Welt

Von Zafer Senocak

Die meisten Muslime leben vis à vis der Moderne in einem Wertevakuum, in einem abgeschlossenen System der chronischen Problemverdrängung. Die missliche, in vielen Fällen sozial und ökonomisch unerträgliche Lage ihrer Gesellschaften wird von ihnen oft zurückgeführt auf die Machenschaften feindlicher auswärtiger Mächte.

Das schwächt die Eigenkraft, mit der man die Missstände beheben könnte. Das kreative, kritische Potential der in vielen Fällen sehr jungen Bevölkerung liegt brach. In Folge dessen werden nicht nur die korrupten, despotischen Herrschaftssysteme stabilisiert, auch die Probleme werden konserviert und nächsten Generationen übertragen.

Die Grundsatzerklärung von Groß-Ayatollah Montaseri hat im Westen hie und da Erwähnung gefunden. Aber warum schweigen die Muslime in aller Welt dazu? Zumindest jene, die hierzulande nicht müde werden zu betonen, dass sie sich den Werten des Grundgesetzes verbunden fühlen, hätten allen Anlass, Partei in diesem Konflikt zu ergreifen, der die iranische Gesellschaft tief gespalten hat.

Es geht hier nicht nur um einen Konflikt zwischen Radikalen und gemäßigten Kräften. Es geht um ein umfassenderes Verständnis von Religion, Gesellschaft und Herrschaftsproblematik, um etwas, was in der islamischen Welt viel zu selten grundlegend diskutiert wird.

Die Werte, die Hossein-Ali Montaseri in seiner Erklärung einfordert, formulieren Maßstäbe für die Legitimität von Herrschaft, über die Grenzen einer religiösen Gemeinschaft hinaus. Sie decken sich mit den Werten der freiheitlichen Demokratien, wie sie sich in Folge von Aufklärung und Demokratisierung in der westlichen Welt gebildet haben. Regime, die sich auf Gewalt und Betrug stützen, verlieren jegliche Legitimität, unabhängig von der verführerischen Kraft ihrer Propaganda. Verbrechen, die im Namen des Islam begangen werden, als Verbrechen zu bezeichnen, ist der Verdienst dieses mutigen Mannes aus dem Iran.

Montaseri fügt hinzu, „der Islam würde geschädigt, wenn der Welt ein besonders grausames, irrationales, aggressives, abergläubisches und tyrannisches Bild dieser Religion vermittelt wird.“ Dabei argumentiert er nicht ausschließlich aus einer islamischen Perspektive, sondern beruft sich ausdrücklich auch auf die Urteilskraft des Vernünftigen. Das ist ein entscheidender Schritt, der die geistige Abschottung der Muslime aufhebt und ihre Weltsicht mit den Prinzipien der weltlich orientierten demokratischen Herrschaftssysteme im Westen kompatibel macht. In den Augen Montaseris wendet die iranische Herrschaft stalinistische Methoden an und setzt damit ihre Legitimität außer Kraft. Aus dieser Situation heraus folgert er eindeutige Pflichten für den Muslim, die zu nichts Geringerem aufrufen als zum Umsturz.

Einige Wochen ist Montaseris Positionspapier schon im Umlauf. Es richtet sich nicht nur an die Bevölkerung im Iran, sondern an alle Muslime, die in ähnlichen Unrechtssystemen leben, und das ist die überwiegende Mehrheit der Muslime auf der Welt. Auf eine Resonanz, eine zumindest geistige Auseinandersetzung mit den Positionen des Ayatollah aber wartet man vergeblich. Es scheint eben einfacher zu sein, die USA, Israel oder pauschal den Westen für die eigene Misere verantwortlich zu machen, als sich den eigenen Widersprüchen und Defiziten zu stellen.

Eine eigentümliche Unempfindlichkeit gegenüber dem Unrecht hat sich in der islamischen Welt etabliert. Das ist deshalb sonderbar, weil der Rechtsgedanke, das Prinzip der Gerechtigkeit ein zentraler Gesichtspunkt des islamischen Glaubens ist. Dabei wird in der Tradition, vor allem der Schiiten, den Gelehrten und den Gebildeten, also den Aufgeklärten, eine besondere Pflicht auferlegt, das Wort zu erheben, wenn diese Prinzipien verletzt werden. Wenn die Muslime in Europa, in der Türkei, in Nordafrika, im Nahen und Fernen Osten nach dieser Maxime denken und handeln würden, sähe ihre Welt und der Blick auf diese Welt heute anders aus. Vielen aber scheint die Bewahrung einer überholten Sexualmoral und die Verteidigung des Patriarchats mehr Herzensangelegenheit zu sein als Empörung gegenüber Tyrannei und Unterdrückung.

Zafer Senocak, Schriftsteller, 1961 in Ankara geboren, seit 1970 in Deutschland, wuchs in Istanbul und München auf. Er studierte Germanistik, Politik und Philosophie in München. Seit 1979 veröffentlicht er Gedichte, Essays und Prosa in deutscher Sprache. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin, schreibt regelmäßig für die „tageszeitung“ sowie für andere Zeitungen (unter anderem „Berliner Zeitung“, „Die Welt“). Arbeiten von Zafer Senocak wurden bislang ins Türkische, Griechische, Französische, Englische (und Amerikanische), Hebräische und Niederländische übersetzt. Er erhielt mehrere Stipendien und 1998 den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis. Die mehrsprachige Zeitschrift „Sirene“ wurde bis 2000 von ihm mitherausgegeben. Veröffentlichungen unter anderen: „Gefährliche Verwandtschaft. Roman“, München (Babel) 1998, „Der Erotomane. Ein Findelbuch“, München (Babel) 1999, „Atlas des tropischen Deutschland. Essays“, Berlin (Babel) 1992, 1993, „War Hitler Araber? Irreführungen an den Rand Europas. Essays“, Berlin (Babel) 1994, „Zungenentfernung. Bericht aus der Quarantänestation“, München (Babel) 2001, „Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch“, Berlin (Babel) 2006.

Von solchen Leuten, die so denken, brauchen wir mehr.

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