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Gefährliche Diaspora

Judenverfolgung im Jemen

Von Martin Gehlen

Noch ein kurzer Wink, dann wendet Said Annahrdi sein Motorrad und knattert davon. Seine beiden schwarzen Schläfenlocken schaukeln im Wind, während er eine kleine Staubwolke hinter sich herzieht. Annahrdi muss zurück in seine Schneiderwerkstatt. Mit seiner Frau und zehn Kindern lebt der 42-Jährige in Raydah, einem Provinzstädtchen 50 Kilometer nördlich von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Said Annahrdi ist Jude. Seine Vorfahren leben seit Jahrhunderten hier, sein Haus steht mitten im Ort, seine Kunden schätzen ihn. Nie hätte er sich träumen lassen, mal von Raydah wegzugehen, „aber ständig Angst zu haben – das ist kein Leben mehr“, sagt er.

Zwanzig jüdische Familien sind hier noch ansässig, 266 Menschen alles in allem. Einige leben im Zentrum von Raydah, die anderen ein paar Kilometer östlich in der Siedlung Beth Harash. Es sind die beiden verbliebenen Wohnorte von Juden im Jemen. Die dritte Gemeinde musste vor zwei Jahren aus der Saada-Provinz im Norden evakuiert und in die Hauptstadt gebracht werden, nachdem schiitische Houthi-Rebellen sie mit dem Tod bedroht hatten. In diesem Gebiet herrscht seit Jahren Bürgerkrieg. Erst kürzlich wurden neun Ausländer entführt, zwei deutsche Frauen und ein Koreanerin kurze Zeit später ermordet aufgefunden. Für die übrigen sechs Gekidnappten – darunter drei Kinder – gibt es vielleicht noch Hoffnung.

Silberschmiede hinter Mauern
Seit 2007 leben die 65 Juden aus Saada in der so genannten Tourist City, einem mit hohen Mauern gesicherten Apartmentkomplex für Ausländer direkt neben der US-amerikanischen Botschaft in Sanaa. Die meisten Männer sind Silberschmiede. Manch älterer muslimischer Handwerker in der historischen Altstadt von Sanaa hat noch bei Juden gelernt. Jetzt will die deutsche Botschaft den hier gestrandeten Meistern helfen und für sie im Silbersouk einen Laden anmieten.

Seit mehr als 2500 Jahren leben Juden in Jemen, vielleicht reichen die Wurzeln sogar zurück bis in die Zeit von König Salomon, als jüdische Händler sich im Süden der arabischen Halbinsel niederließen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es jüdische Gemeinden in allen wichtigen Städten des Landes. Der erste große Exodus erfolgte 1949, als unter dem Decknamen „Operation fliegender Teppich“ etwa 50.000 Menschen nach Israel ausgeflogen wurden. Seitdem hält die Auswanderung an. „Wenn jetzt noch die letzten Juden weggehen, dann wird das der Welt sagen, dass es im Jemen keinen Raum für Toleranz gibt, und dass wir nicht mehr mit Menschen anderen Glaubens zusammenleben können“, fürchtet Mahmoud Taha, ein muslimischer Menschenrechtsaktivist.

An der Hauptstraße von Raydah reihen sich graue Kastenbauten aus Zementziegeln aneinander. Die Synagoge, ein bescheidener Flachbau aus groben Steinen, liegt hinter einem grünen Eisentor mit der hebräischen Aufschrift „Das Tor zum Segen“. In den Teehäusern hocken Halbwüchsige, Kalaschnikows zwischen den Beinen. Aus einem alten, gelben US-Schulbus quellen lärmende Kinder. Das Tal, von wuchtigen Gebirgsketten umgeben, ist hier ungewöhnlich breit, grün und fruchtbar. Manche Bauern pflügen noch mit Ochsengespannen, andere tuckern mit alten Traktoren über die Feldwege zu ihren Kartoffeläckern.

Vor Jahresfrist war die Welt in der jüdischen Diaspora noch in Ordnung. Erst nach dem Mord an Mousa Yaish al-Nahari bekamen die jüdischen Bewohner es mit der Angst. Es war kurz vor Weihnachten. Al-Nahari, 39, kaufte gerade auf dem Gemüsemarkt ein, als sich plötzlich ein Mann vor ihm aufbaute und eine Maschinenpistole auf ihn anlegte. „Jude, hier die Botschaft des Islam für dich“, rief er und jagte al-Nahari mehrere Kugeln in den Leib. Der Vater von vier Söhnen und fünf Töchtern im Alter von ein bis 14 Jahren war sofort tot.

Die Familie besitzt ein zweistöckiges Haus am Ortseingang mit auffällig blau getönten Bogenfenstern. Der kleine Laden im Erdgeschoss ist an einen Lebensmittelhändler verpachtet, die Wände sind mit arabischen Graffiti beschmiert. Die drei ältesten Mädchen der Familie leben inzwischen bei Verwandten in Israel. „Es geht es uns sehr schlecht“, sagt der Sassa, der älteste Sohn, während er mit einem Fuß verlegen im Boden herumstochert.

Nach dem Mord kam im Januar der Gazakrieg. Im Städtchen saßen die Menschen vor dem Fernseher , schauten Al Dschasira – und begannen, die jüdischen Nachbarn zu beschimpfen. „Schaut nur, was Eure Brüder aus Israel machen“, riefen sie. Steine flogen, Fensterscheiben gingen zu Bruch, auf einem Hof explodierte nachts eine Handgranate.

„Wir tun, was wir können, um die Täter zu finden“, sagt Bürgermeister Abdullah Shleif. Man merkt ihm an bei dem Gespräch im Haus von Rabbi Suleiman Jacob, dass er die jüdischen Bürger nicht verlieren möchte. Mal hält er die Hand des 41-jährigen Rabbis, der neben ihm auf dem Boden sitzt, mal tauscht er freundliche Blicke mit den Kindern, die mit großen Augen dem Gespräch der Erwachsenen lauschen.

„Natürlich mache ich mir Sorgen“, sagt der Bürgermeister. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiere die jüdische Gemeinde. Doch wie überall auf der Welt gebe es unter den Leuten „solche und solche“. Nur Verrückte unterschieden zwischen einem Muslim und einem Juden. Sie seien „eine kleine Minderheit, und um die kümmern wir uns“.

Auf die Scharia berufen
Das sieht die Yemen Human Rights Observatory anders. Viel zu spät habe die Polizei durchgegriffen, sagen die Menschenrechtler. Zwar seien einige der meist jugendlichen Täter festgenommen worden, aber dann habe man nie wieder etwas gehört.

„Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt“, sagt Schneider Annahrdi. „Heute kann ich mich wieder normal durch die Stadt bewegen.“ Auch die jüdische Gemeinde tut nach seinen Worten alles, damit sich die Lage nicht hochschaukelt. „Wir nehmen die Angriffe hin und wehren uns nicht, damit es ruhig bleibt“, sagt er. Doch das mulmige Gefühl will nicht weichen. „Ist nicht mehr so toll hier“, murmelt der Tischler Suleiman Yahia Daoud Hamdi, während er auf dem Boden hockend in einer Tüte mit Qat-Blättern herumfistelt, der Volksdroge Nummer eins im Jemen. Jeden Zweig schlägt er zwei, dreimal auf die linke Hand, dann beginnt er die Blättchen einzeln abzuzupfen und in die Backe zu stopfen. So machen es hier viele nach der Mittagszeit. „Katten“ ist überwiegend Männersache. Vier, fünf Stunden sitzt man beieinander, kaut vor sich hin und löst die Probleme der Welt und der Nachbarschaft.

Das einfache Haus von Hamdi steht direkt unterhalb der verfallenen Bergfestung. „Die Salafiten werden immer stärker“, nuschelt er mit voller Backe. Islamische Fanatiker hetzten die Bevölkerung auf, und

„wir baden das aus. Wenn wir zur Polizei gehen und uns beschweren, zucken die nur mit den Schultern. Sie sagen, sie werden sich kümmern – aber alles nur Gerede.“

Während Yaish Al-Nahari, 64, vom Mord an seinem Sohn erzählt, laufen ihm die Tränen übers Gesicht. Fünf Jahre Haft für den Täter und 27 500 Dollar Blutgeld für die Familie des Getöteten lautete das Urteil. Für Vater und Ehefrau, ihren muslimischen Anwalt und die jüdische Gemeinde ein Skandal, gegen den sie Berufung einlegten. Der Angeklagte, ein offenbar geistesgestörter ehemaliger jemenitischer Kampfpilot, hatte bereits vor fünf Jahren seine eigene Frau umgebracht. Er blieb jedoch auf freiem Fuß – und suchte sich sein nächstes Opfer.

„Wenn das Urteil nicht nach der Scharia erfolgt, werde ich das Land verlassen“, sagt Yaish Al-Nahari. Ende Juni verurteilte das Berufungsgericht in der Provinzhauptstadt Amran den Mörder zum Tode.

via fr-online

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