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Der Feind unter uns: Intoleranz in der Türkei

Eine Umfrage eines türkischen Instituts belegt religiöse Intoleranz in der Türkei. Die Ergebnisse erschüttern das rosige Selbstbild der Türkei als Land des harmonischen Miteinanders der Kulturen. Die Regierung zeigt sich geschockt.

Von Susanne Güsten – Tagesspiegel – Berlin – 2.10.2009

Istanbul –  Plötzlich waren die Zeichen da. Vor wenigen Wochen malten Unbekannte in mehreren Bezirken der türkischen Metropole Istanbul rote, gelbe und grüne Farbkleckse an bestimmte Wohnhäuser – Häuser, in denen armenische und griechische Christen leben. Die Bewohner bekamen es mit der Angst zu tun, denn viele erinnern sich noch an anti-christliche Pogrome in Istanbul in den fünziger Jahren. Nicht-Muslime in der Türkei fühlen sich offenbar nicht zu Unrecht durch radikale Nationalisten bedroht: Wie weit verbreitet die Intoleranz im Land ist, hat jetzt hat eine seriöse Umfrage belegt.

Nach der von der EU unterstützten Umfrage eines türkischen Instituts im Auftrag der jüdischen Gemeinde in der Türkei lehnen

  • 42 Prozent der Türken einen Juden als Nachbarn ab,
  • 35 Prozent wollen nebenan keinen Christen sehen.

Bei Ausländern als Nachbarn liegt die Ablehnungsrate

  • bei knapp 20 Prozent,
  • bei Atheisten bei 57 Prozent.

Viele Türken wollen zudem nicht, dass

  • Angehörige nicht-muslimischer Minderheiten einen Platz im Staatsapparat finden;
  • selbst nicht-muslimische Ärzte erregen Argwohn.
  • Nur sieben bis zehn Prozent der Teilnehmer sagten, sie hätten nicht-muslimische Freunde.

Wie sehr diese Ansichten durch die Vorstellung vom „Feind im Innern“ geprägt sind, zeigen andere Ergebnisse der Studie. Türken jüdischen oder christlichen Glaubens wurden nur von 15 Prozent der Befragten als loyale Staatsbürger eingestuft. Nicht-Muslime gelten zudem als weit weniger vertrauenswürdig als Muslime. Der Anteil der nicht-muslimischen Minderheiten – unter ein Prozent der Gesamtbevölkerung – wurde von vielen Befragten auf bis zu 30 Prozent geschätzt: auch das ein klares Anzeichen für existierende Feindbilder.

Selbst die Regierung zeigte sich geschockt von den Resultaten. „Erschreckend“ seien die Antworten, sagte Vize-Premier Bülent Arinc. Die Türkei zeichne sich doch durch das Zusammenleben verschiedener Kulturen aus.

Arinc selbst verwies aber gleichzeitig darauf, daß nicht nur die Nicht-Muslime unter Intoleranz zu leiden hätten, sondern auch die türkischen Kurden. Erst am vergangenen Wochenende wurden Spieler und Anhänger des Fußballclubs Diyarbakirspor aus dem Kurdengebiet bei einem Auswärtsspiel im nordwesttürkischen Bursa von den dortigen Fans als Separatisten beschimpft, die vertrieben werden müßten. Die Vereinsleitung von Diyarbakirspor drohte daraufhin mit einem Rückzug aus der ersten türkischen Liga, denn es war bei weitem nicht der erste Zwischenfall dieser Art.

Hier geht die Saat der jahrzehntelangen Propaganda vom unteilbaren Staat auf. Lange wurde kulturelle oder religiöse Vielfalt als potenzielle Bedrohung für die Einheit der Republik verstanden. Erst seit wenigen Monaten denkt die Regierung in Ankara laut über demokratische Reformen nach, die insbesondere den Kurden das Leben erleichtern und zur friedlichen Beilegung des Kurdenkonflikts beitragen sollen. Die Opposition verdammt geplante Reformschritte wie die Zulassung kurdischer Ortsnamen als Landesverrat.

Die türkische Bildungspolitk spielt ebenfalls eine große Rolle. Armenier und Griechen werden als Feinde dargestellt, doch der normale muslimische Türke erfährt kaum etwas über diese Minderheiten: Drei von vier Befragten gaben in der neuen Umfrage offen zu, daß sie nichts über Juden, Armenier oder Griechen wüßten – kein Wunder, daß nicht-muslimische Gruppen vielen als verdächtig erscheinen.

Mit solchen Ansichten könnten sich die Türken kaum über die angebliche Türken-Feindlichkeit in Europa beschweren, kommtentierte der Kolumnist Semih Idiz.

„Man ist intolerant und erwartet gleichzeitig von anderen Toleranz.“ Wer Zuneigung und Toleranz einfordere, müsse diese Eigenschaften auch selbst an den Tag legen. Er sehe allerdings keine Anzeichen für eine solch positive Entwicklung, schrieb Idiz.

„Die Entwicklung zeigt vielmehr, daß die Dinge immer schlimmer werden.“

Und aus IDEA:

In der Türkei bleibt die Lage der Christen trotz angekündigter Verbesserungen für religiöse Minderheiten bedrohlich. Diese Einschätzung äußert die Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Erika Steinbach.

Sie fordert die Europäische Union auf, darauf zu reagieren, dass religiöse Minderheiten, insbesondere Christen, in der Türkei keine wirkliche Religionsfreiheit genössen. Anlass sind Meldungen in türkischen Medien, wonach die Polizei Christen bespitzeln lässt.

Aus dem in der Presse zitierten türkischen Ermittlungsdossier geht hervor, dass zu den Ausgespähten auch die drei evangelikalen Mitarbeiter eines christlichen Verlags gehören, die vor zweieinhalb Jahren in der osttürkischen Stadt Malatya auf bestialische Weise umgebracht wurden. Am 18. April 2007 hatten mutmaßlich muslimische Extremisten den Deutschen Tilmann Geske sowie die Türken Necati Aydin und Ugur Yuksel gefesselt und gefoltert, bevor sie ihnen die Kehlen durchschnitten. In dem bereits zwei Jahre dauernden Strafprozess sind fünf junge Türken angeklagt.

Die CDU-Politikerin weist darauf hin, dass Christen Ende des 19. Jahrhunderts noch mehr als ein Viertel der Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Türkei stellten. Heute machten sie mit etwa 120.000 Angehörigen weniger als 0,2 Prozent der 72 Millionen Einwohner aus. Über 95 Prozent sind Muslime. Deshalb sei es völlig unverständlich, so Steinbach, dass die türkischen Christen von vielen Landsleuten als Ausländer und Feinde der Nation angesehen würden.

via idea.de

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Eine Antwort

  1. Diese Intoleranz finden wird leider nicht nur in der Türkei, sondern bsw. auch in „Palästinensischen Gebieten“. Von Saudi Arabien oder Indonesien rede ich nicht, denn diese Gebiete waren nie Jüdisch-Christlich vorher.
    Denn was ich als traurig und als historische Katastrophe empfinde ist, dass ursprüngliche christliche Gebiete langsam Christenrein sind (Istanbul, Betlehem, etc…). Genauso wie in altertümliche jüdische Gebiete, wo der Islam regiert, ist es ebenfalls Judenrein (oder wird es bald sein).
    Unter diesen Tatsachen und das „Migrationsproblem“ in Europa überhaupt daran zu denken die Türkei in die EU aufzunehmen ist unverantwortlich und grenzt von politischer Seite aus an mutwillige Zerstörung europäischer Werte. Traurig aber wahr.

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