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Richard C. Schneider im Interview

Der Konflikt mit den Palästinensern schwächt Israel auf Dauer, sagte Richard C. Schneider, ARD-Korrespondent inTel Aviv, am 7. Mail 2008 im tagesschau-Chat in Zusammenarbeit mit politik-digital.de. Der Journalist beantwortete außerdem Fragen zur israelischen Innenpolitik und zum Verhältnis von Israel zu Deutschland.

Moderatorin: Herzlich willkommen beim tagesschau-Chat im ARD-Hauptstadtstudio. Aus dem ARD-Studio Tel Aviv ist unser heutiger Gast zugeschaltet, mit dem wir über das anstehende Jubiläum „60 Jahre Israel“ sprechen wollen: Richard Chaim Schneider, der Ihnen von dort bekannte ARD-Korrespondent. Herzlich willkommen – und danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen! Können wir loslegen?

Richard C. Schneider: Sehr gern.

Moderatorin: Wenn Sie heute eine Rede halten müssten zu 60 Jahre Israel – was wäre Ihre Hauptbotschaft?

Richard C. Schneider: Meine Hauptbotschaft wäre: Israel hat viel erreicht, ist wirtschaftlich ein erfolgreicher und starker Staat. Aber – es gibt nach wie vor große Probleme: Der Konflikt mit den Palästinensern schwächt das Land auf Dauer, deswegen muss eine Lösung gefunden werden. Und: Die inneren sozialen Spannungen können auch nur dann aufgelöst werden.

Moderatorin
: Die folgende Frage wurde von den Lesern vorab als sehr wichtig eingestuft.
olaf61: Warum, glauben Sie, wird der Staat Israel so anders gesehen und behandelt, als alle anderen Nationalstaaten? Keinem Land wird es zum Beispiel zugemutet, sich permanent mit Raketen beschießen zu lassen und es dann noch aufgefordert, die Angreifer mit Nahrung, Benzin und Strom zu versorgen?

Richard C. Schneider
: Zunächst einmal: Nach internationalen Gesetzen ist Israel als Okkupationsmacht immer noch für den Gaza-Streifen verantwortlich, auch wenn sich Israel von dort 2005 zurückgezogen hat. Ein weiterer Grund ist sicherlich – und das gilt vor allem für die Europäer – dass sie sich die reale Bedrohungssituation der Israelis nicht vorstellen können. Schließlich kommt hinzu, dass – und das gilt wiederum vor allem für Europa – für viele das Bild des kämpfenden und sich wehrenden „Juden“ noch nicht selbstverständlich geworden ist.

Aber – und das ist der letzte Punkt: Israel ist und bleibt weiterhin Okkupationsmacht. Und da ist ein Volk, das seine eigene Unabhängigkeit haben will. Egal wie.

Marille
: Wie kann es nach Ihrer Meinung gelingen, dass Frieden zwischen Israel und Palästina wirklich gelingt und nicht die Palästinenser immer wieder als das „Puffervolk“ zwischen der arabischen Welt und der israelisch-westlichen Welt zwischen alle Räder gerät?

Richard C. Schneider: Ich bin sehr skeptisch, was Frieden betrifft. Ich glaube, was wir im besten Falle erleben werden, ist ein mehr oder weniger funktionierendes „Managen“ des Konfliktes. Für Frieden ist im Augenblick keine Chance. Denn die Palästinenser sind unter sich zerstritten, die so genannte „moderate“ Fatah ist schwach, sehr schwach und in
Israel ist niemand in der Politik da, der die Möglichkeit hätte, entscheidende Schritte auf die Palästinenser zuzumachen.

Denn das Problem ist, dass in Israel niemand mehr bereit ist, Gebiete zurückzugeben, ohne wirklich etwas dafür zu bekommen. Die Erfahrung mit Gaza ist für viele der Beweis, dass man mit den Palästinensern nicht Frieden schließen kann und somit schließt sich der Kreis. Und die Gewalt geht weiter.

Medina: Hallo Herr Schneider! Sie schreiben, dass die israelische Unklugheit den palästinensischen Widerstand hervorruft… Wenn die Israelis eines Tages nach Gaza auch die West Bank räumen sollten, hören dann die Attacken der Hamas und Co. auf Israel auf? Oder ist es nicht viel wahrscheinlicher, das diese Gruppierungen erst Ruhe geben, wenn die Israelis auch Tel Aviv und Haifa räumen werden? Aber okay, sagen wir mal, dass diese Politik der Israelis unklug ist, was wäre dann klug zu tun?

Moderatorin: Die eben gestellte Frage ist von den Usern vorab als die ihnen am wichtigsten ausgewählt worden. Hierzu eine kleine Korrektur, bevor wir ihn um Beantwortung bitten: Der erste Satz stammt aus der Feder von tagesschau.de
in der Ankündigung des Chats, nicht von Richard Chaim Schneider.
Richard C. Schneider: Nun – in Israel geht man davon aus, dass die Hamas dann auch aus dem Westjordanland mit Raketenangriffen weitermachen würde. Die Hamas will ja „ganz Palästina“ befreien. Ihre Agenda ist religiös motiviert, sie wollen einen islamistischen Staat in ganz Palästina. Man darf auch nicht vergessen, dass inzwischen der Iran die Hamas finanziert. Insofern, was das „Richtige“ zu tun ist, ist wirklich schwer zu sagen. Soviel ist sicher: Solange die internationale Staatengemeinschaft kein wirklich ernsthaftes Interesse hat, den Konflikt zu beenden, solange werden es die Akteure aus eigener Kraft nicht schaffen.

Moderatorin: Eine kurze Nachfrage dazu. Denken Sie das ebenfalls, dass die Hamas dann auch aus dem Westjordanland mit Raketenangriffen weitermachen würde?

Richard C. Schneider:
So wie die Lage im Moment einzuschätzen ist, ja. Die Tatsache, dass noch keine Raketen vom Westjordanland nach Israel fliegen, ist nur dem Umstand zu „verdanken“, dass die israelische Armee nach wie vor dort operiert. Es wurden mehrfach Waffenlaboratorien der Hamas und auch des Islamischen Jihad dort gefunden, wo es schon erste Kassam-Raketen-Teile gab, d.h., dass das Know-How schon transferiert wurde von Gaza aus ins Westjordanland. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) ist darum auch sehr bemüht, die Extremisten im Westjordanland unter Kontrolle zu halten. Erst gestern kam es wieder zu Schießereien zwischen den Sicherheitskräften der PA und dem Islamischen Jihad.

Anne Clara: Meinen Sie, dass der Konflikt hauptsächlich religiöser oder kultureller Natur ist? Oder kann man das gar nicht mehr trennen? Und welche Position haben christliche Länder?

Richard C. Schneider: Ich fürchte, dass der Konflikt mehr und mehr religiös wird. Ursprünglich war es ein national-politischer Konflikt, doch inzwischen spielen auf beiden Seiten religiöse Elemente eine wichtige Rolle. Die Israelis haben mit der Siedler-Bewegung, die religiös ist und in den besetzten Gebieten (des eigentlichen biblischen Israels) siedelt – eine Situation, in der Sicherheitsinteressen und religiöser Eifer Hand in Hand gehen.

Bei den Palästinensern sieht man nicht nur mit der islamistischen Hamas eine religiöse Fundamentalisierung, sondern man erlebt es auch bei vielen „moderaten“ Palästinensern. Ein Beispiel: In einer Schrift, die der Waqf, der islamische religiöse Rat, der die Heiligen Stätten in Jerusalem beaufsichtigt, noch in den 30er-Jahren herausgegeben hat (für Touristen), wird ganz selbstverständlich noch davon gesprochen, dass dort, wo heute Felsendom und Al-Aksa-Moschee stehen, früher die beiden heiligen Tempel der Juden standen. Heute wird das inzwischen vom Waqf geleugnet. Es habe dort nie einen jüdischen Tempel gegeben.

Alexandra: Sie sagen, der Konflikt werde mehr und mehr religiöser Natur. Sollte die Lösung dann auch eben am religiösen Moment ansetzen, auf interreligiösem Dialog aufbauen?

Richard C. Schneider: Ich glaube nicht an interregliösen Dialog hier in dieser Region. Es ist ja ein Konflikt, der fundamentalistischer wird – mit Fundamentalisten kann man nicht reden.

Markus: Ich verstehe es bis heute einfach nicht: Warum forciert die israelische Regierung die Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten? Von außen betrachtet, scheint allein dieser Umstand für die tägliche Eskalation verantwortlich zu sein.

Richard C. Schneider: Nun, es ist wahrlich nicht der einzige Grund für die Eskalation. Aber ich möchte Ihnen versuchen zu erklären, warum da gesiedelt wird: Erstens sind die meisten Regierungen, auch die jetzige, sind auf die religiösen Parteien als Koalitionspartner angewiesen und müssen diesen Parteien gegenüber Konzessionen machen, auch wenn sie dem Ministerpräsidenten nicht schmecken.

Zweitens: Es wird vor allem heute in den Siedlungen gebaut, von denen man weiß, dass sie bei Israel bleiben werden. In den Verhandlungen von Camp David 2000 und Taba 2000/2001 wurde ja schon umrissen, welche Gebiete bei Israel bleiben und welche an die Palästinenser gehen. Demzufolge bleiben die großen Siedlungsblöcke bei Israel und die Palästinenser bekommen dafür im Austausch Gebiete vom jetzigen Kernland Israel (Teile der Negev-Wüste).

Und drittens Jerusalem: Israel baut auch dort weiter, weil man Jerusalem als ungeteilte heilige Stadt des Judentums sieht. Dann aber gibt es natürlich noch die „illegalen Außenposten“. Mehrere Hundert davon. Die werden zwar nicht mit Genehmigung der Regierung gebaut von den Siedlern, aber die Regierung und die Armee tun viel zu wenig, um diese wieder abzureißen. Da hat die Regierung Angst vor den Siedlern. Und irgendwie ist man damit auch schon wieder dabei, Fakten zu schaffen.

student_bw_hd: Lieber Herr Schneider, glauben Sie, dass der Friedensprozess im Nahen Osten nur unter externer Vermittlung Fortschritte machen kann? Oder wird es letztlich allein auf die Bereitschaft der beiden Konfliktparteien ankommen? Welche Rolle könnte/müsste Europa und die USA spielen?

Richard C. Schneider: Natürlich muss es eine Bereitschaft auf Seiten der Beteiligten geben, es braucht starke Politiker (siehe etwa Begin und Sadat…). Aber ohne die USA wird es nicht gehen. Auf keinen Fall. Nur die USA können Israel Sicherheitsgarantien geben, die das Land dann vielleicht zum Einlenken bewegen kann – und: Nur die USA können auch genug Druck auf beide Seiten ausüben. Die Europäer sind untereinander viel zu uneinig, was nun getan werden muss. Und auch oft in ihrer Einschätzung der Lage viel zu naiv, siehe etwa Libanon.

Joachim: Die Internationale Staatengemeinschaft: Wer sollte federführend sein, also welches Land hat in Israel den größten Einfluss? Und vertritt nicht nur seine Interessen?

kathi202: Was kann und sollte denn die Internationale Staatengemeinschaft noch mehr tun, als alle an einen Tisch zu bringen?

Richard C. Schneider: Also: Es sind natürlich die USA, die den größten Einfluss haben. Keine Frage. Und was sie tun können – da geht die Frage zunächst mal nach Washington: Welche Nahostpolitik haben die USA? Wir wissen alle, wieviel Schaden Bush angerichtet hat. Wer immer der nächste US-Präsident sein wird – er wird Mühe haben, aus diesem Schlamassel rauszukommen. Es kann natürlich sein, dass der nächste Präsident darum bewusst versuchen wird, einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern zu erzwingen.

Aber: Wenn Israel keine wirklichen Garantien bekommt – und man darf nicht vergessen: Im Hintergrund lauert die mögliche Atombombe aus Teheran – dann wird auch ein US-Präsident Israel nicht zwingen können, Konzessionen zu machen, die der Staat als reinen Selbstmord begreifen könnte.

Moderatorin: Zum Thema Zwei-Staaten-Lösung sind einige Fragen da. Die folgende ist unseren Lesern besonders wichtig:
fired: Warum sind Israel, die USA und Europa für eine Zweistaatenlösung, während die Palästinenser keine solche Lösung haben wollen, abgesehen von den bezahlten politischen Köpfen der Palästinenser. Wenn man Palästinenser fragt, sehen sie ihre Zukunft darin, dass Jordanien herrscht. Die Hamas hätte auch einen Staat ausrufen können, hat es nicht. Sollte man nicht die Leute fragen, die es betrifft (Demokratie!)?

Richard C. Schneider: Nun, ich bin etwas überrascht – denn ich kenne keinen einzigen Palästinenser, der Jordanien als Herrscher will. Warum die Hamas keinen Staat ausgerufen hat – ganz einfach, das würde sie gegen den Willen der Palästinenser tun. Denn das hätte zu einer nicht nur de facto sondern auch zu einer de jure Teilung des  palästinensischen Volkes geführt. Ein „Hamastan“ also in Gaza und ein „Fatahstan“ im Westjordanland.

DeutscherinIsrael: Ich lebe in Israel und bekomme die innenpolitischen Spannungen vor allem zwischen religiösen und säkularen Bürgern täglich mit. Was glauben Sie wird inner-israelisch passieren, wenn es zu einer Zweistaatenlösung kommen sollte, die ja auch von der Mehrzahl der Israelis befürwortet wird? Vorboten dieser innenpolitischen Spannungen waren beim Rückzug aus Gaza bereits zu sehen und lassen im Falle einer Zweistaatenlösung erahnen, was innenpolitisch auf Israel zukommen könnte. Steuert Israel dann auf einen Bürgerkrieg zu?

Richard C. Schneider: Ich glaube, dass es ganz gewiss zu einer großen innenpolitischen Krise kommen würde. Eine Auflösung der Siedlungen im Westjordanland dürfte wohl blutig werden und den jüdischen Staat in eine Situation bringen, die es so bislang noch nicht gegeben hat.

Darüber hinaus aber kommt dann sicher noch etwas dazu: Es gibt so viele ethnische, soziale, religiöse und politische Spannungen innerhalb Israels, die sich voll „entfalten“ könnten, weil dann die Bedrohung von außen wegfallen würde, dass Israel voraussichtlich erst einmal eine schlimme Zeit durchmachen würde. Allerdings wäre das dann auch eine Chance für den Staat, um dann endlich zu entscheiden, was für ein Staat er denn sein möchte.

Moderatorin: Zwei kontroverse Leser-Fragen zum selben Thema:
elhaqiq: Kann man nach der Verabschiedung der Anerkennung Israels durch die arabische Liga im letzten Jahr von einem spürbaren Bewusstseinswandel in der arabischen Außenpolitik sprechen oder ist die Anerkennung Israels durch die arabische Liga mehr ein Vorwand um auch den Einfluss des (ideologischen) Irans in der Region zu schwächen?

Gerald_Klemenz: Die arabische Welt wird keinen Frieden mit Israel schließen. Glauben Sie, ein eigener Palästinenser-Staat wird dies ändern? Oder ist es nicht ein fundamentales Existenzproblem des Staates Israel im Nahen Osten? Kann es auf lange Sicht überhaupt einen anhaltenden Frieden geben und wie kann dieser aussehen?

Richard C. Schneider: Nun, das Friedensangebot der Arabischen Liga ist sicher ein wichtiger Schritt. Der kommt natürlich auch deshalb, weil die sunnitischen Staaten sich vor dem schiitischen Iran massiv fürchten. Aber: Das Friedensangebot ist so formuliert, dass Israel Ja und Amen sagen muss, dass es wenig Spielraum für Verhandlungen gibt. Das heißt, dass dadurch schon im diplomatischen Vorfeld eine Sackgasse da ist, die nicht weiterführt.

Und: Ohne einen Frieden mit allen arabischen Staaten wird es auch keinen Palästinenserstaat geben. Denn: Die Palästinenser brauchen die Anerkennung der arabischen Staaten. Nur wenn die arabischen Staaten einen Frieden mit Israel abnicken, kann ein palästinensischer Führer wirklich Frieden mit Israel schließen.

arjanius: Ich war letztens in Israel für einen Schüleraustausch, war sehr schön. Aber die Jugendlichen sind ziemlich anti-arabisch gestimmt und machen viele unschöne Witze darüber. Ich glaube, dass dies das Problem auch in Zukunft behindern wird.

Richard C. Schneider: Sie haben Recht. Das gilt aber für beide Seiten. Auch die Araber machen ziemlich anti-israelische und antijüdische Bemerkungen und Witze. Und das zeigt: die Verhärtung des Konflikts auf beiden Seiten. Ein in der Tat großes mentales Problem.

aham: Wünscht sich ein Großteil der israelischen Bevölkerung einen Frieden, auch wenn dieser mit Abstrichen, wie etwa Rückzug aus den Siedlungsgebieten zusammen kommen würde?

Richard C. Schneider: Ja, absolut. Fast 70 Prozent.

meier: Wann kann es frühestens echten Frieden geben? Wenn wir optimistisch in die Zukunft blicken?

Richard C. Schneider: Oje, ich lebe zwar im Lande der Propheten, aber… Im Ernst: Ich fürchte, dass wir noch sehr, sehr weit von einem echten Frieden entfernt sind. Auf eine genaue Zeit kann ich mich nicht festlegen.

Super-Ronni: Wie würden Sie einen schrittweisen Friedensvertrag – falls man das überhaupt so nennen sollte – skizzieren?

Richard C. Schneider: Wie dieser Vertrag ausschaut, ist eigentlich beiden Seiten klar. Er wurde ja schon unter Bill Clinton [im Jahr 2000] formuliert. Also:

  1. Ein Ende des Terrors, dafür im Gegenzug ein Ende des Siedlungsbaus.
  2. Rückgabe des Westjordanlandes, bis auf die großen Siedlungsblöcke, die bei Israel bleiben, die kleinen Siedlungen werden aufgelöst. Die Palästinenser erhalten dafür einen Teil der Negev-Wüste, die jetzt zum Kernland Israels gehört.
  3. Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt beider Völker. Heilige Stätten internationalisiert.

So in etwas würde das – natürlich jetzt sehr verkürzt – ausschauen. Dazu käme auch die Frage, wie die palästinensischen Flüchtlinge kompensiert werden, welche Sicherheitsgarantien Israel bekäme und und und.

Entscheidend aber wäre, neue vertrauensbildenden Maßnahmen zu entwickeln. Das Misstrauen ist nach dem gescheiterten Friedensprozess von Oslo und vor allem nach dem Abzug aus Gaza auf israelischer Seite gleich Null. Und die Palästinenser glauben den Israelis auch kein Wort, weil die Siedlungen weiter ausgebaut werden.

Amish: Aber ist es nicht gerade der Punkt drei (heilige Stätten), der die meisten Probleme bereitet?

Richard C. Schneider: Absolut. Das ist das größte Problem. Aber: Wenn beide Seiten echten Frieden wirklich wollen würden und sich gegenseitig beweisen würden, dass man sich aufeinander verlassen kann, dann, so denke ich, würde man auch eine Lösung für Jerusalem finden können. Aber das ist im Augenblick noch Utopie.

Moderatorin: Ich würde gerne zum Verhältnis Israel-Deutschland übergehen und habe dazu ein paar Fragen aus dem Chatroom gesammelt:
R2d2: Wie sieht man das Verhältnis Deutschland-Israel in Israel?

Richard C. Schneider: Vor allem seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, sieht die große Mehrheit in Israel Deutschland als Freund. Man ist sich sehr bewusst, dass Deutschland ein treuer Partner Israels ist und neben den USA der zweitwichtigstes Handelspartner. Und: Beide Armeen und Geheimdienste arbeiten seit Jahrzehnten bestens zusammen.

cle: Was kann Deutschland tun, damit der Friedensvertrag kommt? Soll es mehr machen?

Richard C. Schneider: Es kann relativ wenig tun – wie die meisten Europäer. Was man in Israel natürlich erwartet ist, dass die Europäer endlich ihre Appeasement-Politik gegenüber Iran aufgeben. Und da will man, dass Deutschland endlich wirklich handelt. Angela Merkel hat ja eindeutige Worte gegenüber Teheran geäußert, aber der Druck der deutschen Wirtschaft ist groß.

Man macht ja bestens Geschäfte mit dem Iran, da wird also politisch nicht viel geschehen können. Die Israelis sehen aber den Iran wirklich als existenzgefährdend an – und wenn Europa da nicht agiert, dann wird der Einfluss Europas in anderen Fragen im Nahen Osten, zumindest was Israel angeht, weiter sinken.

Moderatorin: Was erwarten die Israelis von den Deutschen – eher Einmischung oder Zurückhaltung in der Friedensfrage? Gibt es da Unterschiede zwischen Regierung und Bevölkerung?

Richard C. Schneider: Wie gesagt: Alle erwarten, dass Deutschland in Sachen Iran eindeutiger, klarer, schärfer wird. Man braucht da die Deutschen, um auch die anderen Europäer mitzuziehen.

student_bw_hd: Lieber Herr Schneider. Inwieweit sind Ihrer Meinung nach die Ansichten der jetzigen Israelischen Regierung repräsentativ für die Israelische Bevölkerung? Genießt die Regierung einen breiten Rückhalt quer durch alle Schichten?

Richard C. Schneider: Absolut nicht. Ministerpräsident Olmert ist der unbeliebteste Politiker aller Zeiten. Er hat gerade mal zwei Prozent Zuspruch. Warum er trotzdem noch Ministerpräsident ist? Weil die Israelis wissen, dass die anderen nicht viel besser sind. Und die Linken arrangieren sich mit ihm, weil sie wissen, dass bei Neuwahlen der Hardliner Netanjahu wohl gewinnen würde.

JEH: Was denkt ein Israeli, wenn er einen älteren Deutschen sieht?

Richard C. Schneider: Die Frage ist: Wieviel älter? Wenn er der Generation der Nazis angehört – dann denkt sich der Durchschnitts-Israeli sicher seinen Teil. Aber: Die Israelis haben mit Deutschen überhaupt kein Problem, auch nicht mit Menschen, die heute 60 sind.

Moderatorin: Hier kommt noch eine Reaktion eines in Israel lebenden Chat-Teilnehmers:
DeutscherinIsrael: Ich sehe den Zeitraum nicht so lange, bis es eine Zwei-Staaten-Lösung geben wird, denke aber auch, wie vorher bereits gesagt, dass die Innenpolitik Israels eine größere Rolle dabei spielt als gemeinhin im Ausland angenommen wird und hier die entscheidenden Weichen ebenfalls gestellt werden müssen. Wie wäre es möglich alle gesellschaftlichen Strömungen in Israel in einen realistischen Friedensplan und -prozess frühzeitig einzubinden um einen dauerhaften Frieden zu erreichen?

Richard C. Schneider: Um Himmels Willen – was für eine Frage 🙂 Wenn ich diese wirklich beantworten könnte, würde ich sofort versuchen, der nächste Ministerpräsident in Israel zu werden. Spaß beiseite: Ich glaube, dass Israel innenpolitisch viele Fehler gemacht hat und dass das Zusammenwachsen der Gesellschaft nicht mehr so funktioniert wie früher. Ich glaube, was nötig wäre, ist ein Friedensplan, der überzeugt, also eine garantierte Lösung finden, die die Mehrheit davon überzeugt, dass sie mehr gewinnen als verlieren kann.

Kerke: Einer meiner Vorredner hat von einem Schüleraustausch in Israel berichtet. Gibt es eigentlich für israelische und palästinensische Jugendliche Begegnungs- und Dialogprogramme oder begegnen sich beide Seiten das erste Mal wenn Israelis zum Militärdienst in die Palästinensergebiete geschickt werden?

Richard C. Schneider: Nein, es gibt viele Organisationen, wo sich Juden und Araber treffen und zusammenarbeiten, es gibt Friedensgruppen, es gibt Friedensinitiativen – es gibt sie. Aber sie haben es sehr schwer.

albygeddon: Was erwarten Sie von der Israel-Politik, wenn Barack Obama oder Hillary Clinton in den USA in das Präsidentschaftsamt gewählt werden. Welche Unterschiede in der Herangehensweise erwarten Sie?

Richard C. Schneider: Nun, die große unbekannte Größe ist Barack Obama. Er will ja alles anders machen. Aber was? Er will die Soldaten aus dem Irak abziehen. Sagt er jetzt. Aber realistisch ist das nicht. Was wird er mit Israel und den Palästinensern erreichen wollen? Das ist klar – Frieden. Aber wie? Wird er härter gegenüber Israel sein?

Israel mehr unter Druck setzen wollen? Das kann schon sein. Da stellt sich dann die Frage, inwieweit er das innenpolitisch durchhalten kann. Und: Israel hat schon viele US-Präsidenten „überlebt“, die nicht so eine positive Grundhaltung gegenüber Jerusalem hatten wie jetzt Bush. Das bleibt also abzuwarten. Dasselbe denke ich, gilt für Hillary, auch wenn man im Augenblick glaubt, eher zu wissen, wie sie Nahost-Politik machen würde.

Moderatorin: Wir kommen zum Schluss – das Thema Frieden beschäftigt unsere User sehr, hier zwei Abschlussfragen:
mlentes: Wird die Mauer bestand haben und bleibt Hoffnung, dass sie in absehbarer Zeit fällt?

querbeet: Wäre es für Israel und Palästina nicht sicherer, einen gemeinsamen, demokratisch legitimierten Staat zu schaffen, in dem jeder Bürger egal welcher Herkunft die gleichen Rechte und Möglichkeiten erhält?

Richard C. Schneider: Also – die Mauer kann natürlich in dem Moment fallen, in dem es echten Frieden gäbe. Die Israelis sagen: Eine Mauer kann man wieder entfernen. Einen bei einem Selbstmordanschlag Getöteten, aber kann man nicht wieder lebendig machen. Und zur letzten Frage: ein bi-nationaler Staat, wie ihn viele Palästinenser fordern, würde eindeutig heißen: es gäbe keinen jüdischen Staat mehr. Die ganz große Mehrheit der jüdischen Israelis will aber in einem jüdischen Staat leben. Und darum sehe ich diese Möglichkeit nicht. Es wäre das Ende Israels.

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3 Antworten

  1. Traurig, traurig!
    Mal ein etwas „moderateres“ und trotzdem einseitiges Interview macht leider die ARD und RCS nicht zu einem ausgeglichenen Wahrheitssender.
    Man konkuriert um die Einschaltquoten und will eben sein Klientel nicht enttäuschen.

  2. RCS ist mainstram, auf jeden Fall. Letztens habe ich von ihm einen ganz schlimmen Beitrag im Weltspiegel über die angeblich brutalen Juden gesehen, die die Häuser der Araber in Ostjerusalem einfach so niederreißen. Das fand ich erschütternd – für die ARD und auch für jemanden, dessen Mittelname „Chaim“ ist. Er endete mit den Worten:

    Mussa ist voller Hass auf die Juden. „Hier sind noch die Kleider, die wir nicht rausholen konnten. Hier ist der Ofen. All das ist hier mitten in den Ruinen. Es ist tragisch. Die Badewanne. Alles zerstört. Die Juden sind Kriminelle. Aber was können wir schon tun. Nichts….“

    Da fand ich dieses Interview schon moderater und ausgeglichener.

  3. Besonders aufschlussreich finde ich ARD Korrespondent Schneider nicht! Zu MSM-mäßig angehaftet. Könnte man alles besser formulieren ohne Rücksicht auf die Gefühle von Europäern zu nehmen.

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