• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
    Max Frisch

    „Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft …
    Man muss in einer Demokratie auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie zu beseitigen!”
    Carlo Schmid (1949)

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    Friedrich Hebbel

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Gedanken der Toleranz

Toleranz ist ein Geltenlassen von Überzeugungen, die außerhalb unserer Konventionen aber noch innerhalb der Welt des wahrscheinlich Begründbaren liegen. Ein akzeptierendes oder zumindest hinnehmendes Geschehenlassen daraus folgender Verhaltensweisen. Sie ist vielleicht Grund unseres Glaubenwollens an das menschliche Recht auf Freiheit, das gleichzeitig unsere eigenen Prinzipien rechtfertigt, oder auch eines unterbewussten Drangs nach Moralität. Auf jeden Fall ist sie Voraussetzung für ein im Zuge der Globalisierung unausweichliches aber auch schätzenswertes Zusammenwachsen von Kulturen. Toleranz ist unabdingbar dort, wo fremdes Gedankengut aufeinandertrifft, was durch richtigen Umgang immer, aber auch nur dann, zu beiderseitigem Fortschritt führen kann. Sie bewahrt uns vor Engstirnigkeit, Entwicklungsstillstand, (selbst-)entwürdigender Respektlosigkeit und den daraus folgenden Konsequenzen, die die Schatten unserer Geschichte sind. Wenn Henryk M. Broder nun Intoleranz fordert, ist all das nicht Grund genug, sich ihm entgegen zu stellen? Ist Toleranz nicht eine Tugend und Fähigkeit, für die der Mensch Dankbarkeit und Stolz empfinden sollte?

Sie ist es. Doch nur so lange, bis sie bloß noch allgemein einverleibte Grundhaltung ohne innere Überzeugung, bis sie bloß noch ein als ungefährlich erachteter Ausweg ist. Denn wo Toleranz in der Aufklärung eine Überwindung des Dogmatismus, ein sich dem Fortschritt Öffnen war, da ist sie doch heute oft nur noch ein Symptom allverbreiteter Unsicherheit. Tagtäglich nehmen wir die unterschwellige Indoktrination durch die Medien als uns eröffnete Möglichkeit zur Teilhabe am weltlichen Geschehen wahr. Doch Informationen erhalten wir bloß über Entscheidungen, die schon außerhalb des Blickfeldes, dem wir unsere Aufmerksamkeit zu schenken fähig sind, gefällt wurden. Bestenfalls erfahren wir von Entscheidungen, die noch in Diskussion sind. Aber wenn wir auch in privaten Kreisen unsere Meinung dazu kundtun, so wird uns die tatsächliche Partizipation doch verwehrt.

Nicht, dass ein jeder das Bedürfnis hat, öffentlicher Entscheidungsträger zu sein. Nicht, dass wir niemals gefragt würden. Doch manchmal ist es ein beklemmendes Gefühl, mit dem Wissen dazusitzen, dass Entscheidungen, die uns betreffen, die vielleicht nur unseretwegen getroffen werden, von Menschen abhängen, deren bloß vorteilhaft gemeißeltes Bild, das uns präsentiert wird, sie uns doch fremd bleiben lässt. Wir gewöhnen uns daran, das Vertrauen, das wir in uns selbst haben sollten, Menschen schenken zu müssen, die trotz ihrer auch uns eigenen menschlichen Fehler über mächtigere Kompetenzen verfügen sollen, als wir es tun.

Dann schalten wir eines Tages den Fernseher an und der Nachrichtensprecher erzählt uns von der Finanzkrise, deren bloße sachliche Zusammenfassung berechtigte Existenzängste in uns aufkommen lässt und mit deren Auswirkungen wir fertig werden müssen, ohne das Gesicht der Verursacher zu kennen. Wir erfahren von sich zuspitzenden Konfrontationen mit ihrerseits keine Toleranz zeigenden Extremisten und Fanatisten, die noch an ihre eigene Vernunft glauben und denken uns, dass die größte Gefahr doch darin liegt, mit welch einer Leichtigkeit der Mensch seinen Geist zur Waffe werden lassen kann. Und plötzlich ist auch noch ein neuer Krieg ausgebrochen, dessen Pläne von wohlgekleideten Männern gemacht wurden, die neben Familienfotos auf dem Schreibtisch von Notwendigkeit sprechen, während ihre Anordnungen auf dem Schlachtfeld von Menschen ausgeführt werden, die plötzlich ein Kind erschießen müssen, das aussieht wie ihr eigenes. Wir sitzen in unserem warmen Haus vor dem Fernseher, müssen sehen, was Menschen einander antun können und halten es für falsch. Vielleicht stellen wir uns tatsächlich die Frage: „Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?“* Doch was wir für falsch halten, geschieht, weil es irgendwo auf der Welt Menschen gibt, die es für richtig halten. Menschen, die über mehr Macht verfügen als wir und das bestimmt nicht ohne Grund. Vielleicht, so denken wir, sind wir überhaupt nicht fähig, die Komplexität internationaler und interkultureller Begegnungen und Beziehungen zu begreifen. Vielleicht muss unser Gewissen, das sich plötzlich auch bei Taten fremder Mitmenschen bemerkbar macht, sich einfach an die Dringlichkeit einer kollektiven Ethik gewöhnen, in der das Prinzip des Mittel heiligenden Zwecks oberste Direktive ist.

Doch wenn über die Mittel beinahe beliebig und ohne erkennbares Leitbild entschieden wird, gibt es dann überhaupt noch feste Regeln, an die man sich halten muss? Halten kann? Unser Gefühl sagt uns, es gibt sie. Wir sind mit Regeln aufgewachsen, haben mehr oder weniger gelernt mit ihnen umzugehen und finden sie irgendwie auch wichtig. Nur von den beständigen, unser Denkmuster prägenden Regeln ist im entfesselten Leben nicht mehr viel zu erkennen. In den sich fortwährend entwickelnden Versuchen der Menschheit, mit sich selbst fertig zu werden, ergeben sich ständig neue Situationen, mit denen umzugehen anscheinend auch ständig neue Regeln erfordert. Aber wir haben uns so sehr daran gewöhnt, diese neuen Regeln und ihre Konsequenzen fertig vorgesetzt zu bekommen, dass wir wohl verlernt haben, eigenen Regeln zu folgen und wenn nicht verlernt, so doch zumindest den Mut dazu verloren. Was mag das für unser Zusammenleben bedeuten?

Nun, wer sich heute als neben der Moral Stehender in der Gesellschaft etablieren möchte, dessen Erfolgschancen waren selten besser. Unsere Unsicherheit lässt uns in Stunden der Ratlosigkeit und Zwiespältigkeit, der Fragwürdigkeit und Selbstzweifel Makel an uns entdecken, die unsere Empathie schärfen und ein zu strenges Verachten anderer plötzlich heuchlerisch erscheinen lassen. Rechtswidrigkeiten wird immer häufiger mit Kompromissen begegnet und auf einmal geschehen Dinge wie ein durch das Unvermögen seine Familie zu ernähren entschuldigter Bankraub mit zwei versehentlich getöteten Angestellten. Der Tod dreier Menschen auf der Autobahn durch einen Geisterfahrer, dessen Alkoholpegel man wegen seines Jobverlustes irgendwie nachvollziehen kann. Der durch schwere Kindheit gerechtfertigte Missbrauch einer Achtjährigen. In Zeiten, in denen man gern von sich behaupten würde, stets nach wohlüberlegt begründbaren und fest vertretenen Maximen zu handeln, es aber nicht vermag, da man täglich neuen Gedanken, Eindrücken und Zuständen begegnet, die noch nicht einkalkuliert werden konnten, sucht man gern auch für andere Menschen nach Ausreden, als ließen sich so die eigenen Fehler leichter hinnehmen. Der Mensch hat eigentlich die Pflicht, andere an ihre Pflichten als Mensch zu erinnern, sie ihnen verständlich zu machen und sie notfalls von jeder Möglichkeit, sie zu umgehen, abzuhalten. Dass dies nun jedoch „praktisch keine Selbstverständlichkeiten [mehr] sind, hat“ – wie Broder meint – „damit zu tun, dass der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz.“*

Ist es möglich, dass dieser Aussage ein trauriger Wahrheitsgehalt zugesprochen werden kann? Auf einmal suchen nämlich wir nach Ausreden für die Menschen, die für uns gegen das vermeintlich Böse in der Welt kämpfen, auf welch inhumane Weise sie es auch tun mögen. Denn wir haben Angst – vor Überforderung. Wir wollen uns nicht auf noch mehr sich jeden Tag potenzierendes Wissen einlassen, weil wir schon kaum noch differenzieren können. Wir tolerieren falsche Abläufe in der Welt, solange wir nicht unmittelbar von ihnen betroffen sind, denn so können wir uns von Problemen abgrenzen, die wir unseren eigenen nicht noch hinzufügen wollen. Probleme, die zu lösen ein erneutes Umdenken, eine erneute moralische Flexibilität verlangen würde. Intoleranz erfordert das Übernehmen von Verantwortung und das zu tun trauen wir uns nicht mehr. Intoleranz an richtiger Stelle erfordert weiterhin, Vertrauen in seine Vernunft zu haben und mit ihr über eigene und fremde Grenzen entscheiden zu können, ohne der Versuchung des Egoismus zu verfallen.

Dies sind tatsächlich Werte der Aufklärung, die zu verteidigen sich irgendwo lohnen und auch irgendwo Intoleranz erfordern würde, da stimme ich Broder zu. Doch wir befinden uns nicht in der Zeit der Aufklärung. Unsere Toleranz ist Zeichen dafür, dass wir die Konflikte, die sich gegen unser Bedürfnis nach Frieden und Harmonie stellen, satt haben und niemand mehr die Schuld für neue Differenzen tragen will. Wer heute kritisiert, ist gleich Rassist, Feind der Demokratie oder Gotteslästerer. Die schiere Grenzenlosigkeit unserer Toleranz ist ein Hilfeschrei nach ideologischer, politischer und moralischer Stimmigkeit in der Welt. Es ist anmaßend, von Toleranz als „Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken“* zu sprechen. Denn die Unmündigkeit, in der wir uns heute befinden, ist nicht unbedingt eine selbstverschuldete. Sie sollte eher Mitleid als Anklage, eher Alarmierung als Spott herausfordern. Diese sich allmählich in der Gesellschaft manifestierende Unsicherheit ist Zeichen dafür, dass irgendetwas in unserer Entwicklung falsch, zu schnell oder unüberlegt abläuft und der Mensch allmählich zu groß für sich selbst wird.

Wahrscheinlich wird es Zeit für eine neue Aufklärung. Sie muss nicht unbedingt die Umwertung aller Werte mit sich bringen, aber doch zumindest eine neue Ordnung. Bloß wie soll das möglich sein? In einem Fortschritt, einem schnellen, beinah erzwungenen Fortschritt, befinden wir uns schon, doch der überzeugte Glaube vieler Menschen an eine jeweils andere Vernunft behindert die Entwicklung unseres allgemeinen Wirklichkeitssinns. Wir leben in Zeiten, in denen sich oft nicht einmal innerhalb einer Familie auf einen Erziehungsstil geeinigt werden kann. Auf wen sollen wir nun also hören?

  • Auf die Politiker, die bloße Euphemismen mit einer solchen Begeisterung aussprechen, dass unsere Unkenntnis der eigentlichen Bedeutung ihrer Aussagen uns nichtig erscheint?
  • Oder sollten wir uns genauer anhören, was die Demonstranten, die diese Aussagen anscheinend verstanden haben und doch irgendwie auch unsere Interessen teilen müssten, als Motiv für ihre anklagende Kritik sehen?
  • Sollten wir uns vielleicht wieder den Religionen zuwenden und die Stimme sprechen lassen, die uns zwar nicht bei den sozialpolitischen Problemen dieser Welt helfen kann, aber zumindest dabei, wieder an das Gute zu glauben?
  • Oder sollten wir dieses ganze frustrierende, uns doch nicht weiterbringende Kopfzerbrechen, das uns nur immer wieder unser Unvermögen einsehen lässt, einfach irgendwem überlassen, dem es Spaß macht, und unseren Abend mit Freunden und Bier verbringen, um einfach mal die Welt zu vergessen?

Denn da hat Broder doch Recht: „Alle wissen, es gibt ein Problem. Keiner weiß, wie man es lösen könnte.“* Wenn wir im Philosophieunterricht Kants kategorischen Imperativ auswendig lernen, von Glückseligkeit als Handlungsmotiv sprechen oder mal eben ein hedonistisches Kalkül aufstellen, dann klingt alles so einfach. Doch liegt in solchen Dingen die Lösung? In der Theorie erscheint alles immer so logisch. Die Gefahr von abstrakten Theorien aber liegt darin, dass ihre Interpretationen variabel und nach persönlichem Belieben zu begründen sind.

Bis sich nicht ganz oben auf eine Moral geeinigt wird, ziehen wir weiterhin die Toleranz der Intoleranz vor, aus Angst, dort Grenzen zu setzen, wo ein wenig weiter vielleicht die Lösung gelegen hätte. Die Lösung, die uns ein Zusammenleben ermöglicht, in dem die Begriffe Respekt, Ehre und Gerechtigkeit nur eine Interpretation zulassen. Wo auch mit dem Begriff der Toleranz allein ihr tatsächlicher Wert assoziiert wird. Denn die Toleranz, auf die wir stolz sein könnten, hat nicht nur einen hohen sondern auch einen unverzichtbaren Wert und sie zu zeigen erfordert eine Stärke, die uns die stets zu erreichen versuchte Aufrichtigkeit unserer Persönlichkeit bestätigt. Echte Toleranz zeugt von Selbstlosigkeit ohne Selbstaufgabe, sie räumt anderen Menschen Freiheiten ein, wo wir ihnen zu unserem eigenen Wohle Grenzen setzen könnten, es aber nicht tun. Natürlich, Herr Broder, unsere heutige Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen. Intoleranz könnte uns wieder auf richtige Wege zurückführen. Doch die Fähigkeit der angemessenen Intoleranz kann nur auf dem Vermögen der Toleranz aufgebaut werden. Toleranz ist eine Macht der Grenzbestimmung und -verschiebung. Wenn diese Macht richtig genutzt wird, nähern wir uns allmählich dem Schritt, der uns selbst und die Welt ein wenig weiter in die Richtung der Erkenntnis führt.

Zusammengefasst: Weder die, die nach bedingungsloser Toleranz schreien und dabei bereit,fast alle eigenen Positionen wie Gerechtigkeit und Moral aufzugeben, noch die , die gnadenlose Intoleranz predigen, haben Recht.

Wie so oft, liegt die Lösung in einer ausgewogenen Einstellung. Toleranz, wo wir anderen damit helfen, freier zu leben – Intoleranz, wo es an unsere Wurzeln geht.

Und mein Glaube ist der: Über der Toleranz steht die Liebe. Das Wissen, ohne Vorbedingung geliebt zu sein und deshalb in der Lage zu sein, selber zu lieben. Und diese Art der Liebe hat nur Einer.

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Eine Antwort

  1. Guten Tag,

    es bedürfte wohl einer Debatte, um wesentliche Unterschiede der Gesellschaft zu Zeiten Kants und der nachnationalsozialistischen kenntlich zu machen.

    Es scheint mir doch mehr als problematisch zu sein, Moral, Ethik, Gewissen etc. zeitlos zu beetrachten, vielleicht in der unterbewßten Absicht, nicht über Massenmord reflektieren zu müssen.

    Diese Reflektion bracht Adorno zur Aufstellung eines neuen lategorischen Imprativs, der nicht nur dem kantischen entgegensteht, sondern auch dem marxschen.

    “ Es bedürfte wohl einer Debatte, um wesentliche Unterschiede der Gesellschaft zu Zeiten Kants und der nachnationalsozialistischen kenntlich zu machen.

    Es scheint mir doch mehr als problematisch zu sein, Moral, Ethik, Gewissen etc. zeitlos zu beetrachten, vielleicht in der unterbewßten Absicht, nicht über Massenmord reflektieren zu müssen.

    Diese Reflektion bracht Adorno zur Aufstellung eines neuen lategorischen Imprativs, der nicht nur dem kantischen entgegensteht, sondern auch dem marxschen.

    „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen. Ihn diskursiv zu behandeln, wäre Frevel: an ihm läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen. Leibhaft, weil es der praktisch gewordene Abscheu vor dem unerträglichen physischen Schmerz ist, dem die Individuen ausgesetzt sind, auch nachdem Individualität, als geistige Reflexionsform, zu verschwinden sich anschickt. Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral. Der Gang der Geschichte nötigt das zum Materialismus, was traditionell sein unvermittelter Gegensatz war, die Metaphysik. Was einmal der Geist als seinesgleichen zu bestimmen oder zu konstruieren sich rühmte, bewegt auf das sich hin, was dem Geist nicht gleicht; was seiner Herrschaft sich entzieht und woran sie doch als absolut Böses offenbar wird. Die somatische, sinnferne Schicht des Lebendigen ist Schauplatz des Leidens, das in den Lagern alles Beschwichtigende des Geistes und seiner Objektivation, der Kultur, ohne Trost verbrannte. Der Prozeß, durch den Metaphysik unaufhaltsam dorthin sich verzog, wogegen sie einmal konzipiert war, hat seinen Fluchtpunkt erreicht. Wie sehr sie in die Fragen des materiellen Daseins schlüpfte, hat Philosophie seit dem jungen Hegel nicht verdrängen können, wofern sie sich nicht an die approbierte Denkerei verkaufte. Kindheit ahnt etwas davon in der Faszination, die von der Zone des Abdeckers, dem Aas, dem widerlich süßen Geruch der Verwesung, den anrüchigen Ausdrücken für jene Zone ausgeht. Die Macht jenes Bereichs im Unbewußten mag nicht geringer sein als die des infantil sexuellen; beide überblenden sich in der analen Fixierung, sind aber kaum dasselbe. Unbewußtes Wissen flüstert den Kindern zu, was da von der zivilisatorischen Erziehung verdrängt wird, darum ginge es: die armselige physische Existenz zündet ins oberste Interesse, das kaum weniger verdrängt wird, ins Was ist das und Wohin geht es. Wem gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen. Theoretisch zu widerrufen wäre die Integration des physischen Todes in die Kultur, doch nicht dem ontologisch reinen Wesen Tod zuliebe, sondern um dessentwillen, was der Gestank der Kadaver ausdrückt
    [Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit: Dritter Teil: Modelle.
    Theoder W. Adorno: Gesammelte GS 6, S. 358 ff.

    Ich bin sketpisch, wenn jemand „Wir“ formuliert. Ich befürchte, daß im „Wirr“ das „Ich“ virtuell vernichtet ist.

    Gute Grüße
    Afgers

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