• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
    Max Frisch

    „Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft …
    Man muss in einer Demokratie auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie zu beseitigen!”
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Der Iran der Philosoffen

Der Philosoph und vergleichende Religionswissenschafter Dr. Aramech Dustdar war von 1971 bis 1980 Professor für europäische Philosophie an der Universität Teheran. Seit 1981 lebt er in Deutschland im Exil. Dustdar setzt sich sehr kritisch mit der Kultur des Islam auseinander. Er gilt als unbeirrbarer Verfechter der iranischen Aufklärung. Seine Schriften kursieren heute als Raubdruck im Iran, vor allem in Teheran.

Hier  wird der offene Brief von Prof. Dustdar an Jürgen Habermas in Auszügen und mit interessanten Einblicken in Wissenschaft und Gesellschaft dokumentiert – für den gesamten Brief als PDF bitte hier klicken.

Sehr geehrter Herr Professor Habermas,

zweiundzwanzig Jahre nach Michel Foucault sind Sie 2002 nach Teheran gereist, in ein Land, das sich Islamische Republik Iran nennt, und seit ihrem Entstehen vor dreißig Jahren durch unvorstellbare nackte Gewalt und totale Korruption ihre Herrschaft fortsetzt, wobei beide Dimensionen das private wie gesellschaftliche Leben in Tiefe und Breite auch erfasst haben.

Foucaults Iran-Erlebnisse und -Geschichte kennen Sie natürlich. Weitaus weniger bekannt ist, dass er nach seiner endgültigen Rückkehr nach Frankreich von Iranern nichts mehr wissen wollte, dass er jede Verbindung zu den Iranern abgebrochen hat, die ihm in Teheran Kontakte mit den Führern der Revolution ermöglicht hatten, seine Ratgeber dabei waren und bei denen er während seiner zweimaligen Aufenthalte als Gast gewohnt hat.

Anders als er, kamen Sie beeindruckt von Ihrer Iran-Reise zurück. Die selbstbewussten und aufgeschlossenen jungen Menschen, vor allem Studenten und Intellektuelle, haben durch ihre Offenheit und ihr Interesse, alle möglichen Themen mit Ihnen zu diskutieren, Sie recht überrascht. Sogar „das Existenzrecht Israels“ gehörte, wie Sie hervorhoben, zu den Gesprächsthemen, die Sie mit ihnen behandelt haben.

Das alles ist für mich als Iraner ohne weiteres vorstellbar, da wir das Talent besitzen, unser Gegenüber zu beeindrucken, sei es mit geschmeicheltem Verständnis oder vorgetäuschter Selbstsicherheit eines unerschrockenen Gegners. Davon abgesehen sind fanatische Einstellungen der iranischen Gesellschaft vom Mittelstand aufwärts untypisch.

Nun sollten die Situation und die dazugehörigen Faktoren auch mit berücksichtigt werden. Es war damals Mitte der zweiten Wiederwahlperiode des Präsidenten Khatami. Das kann auch an Ihnen nicht vorbeigegangen sein. „Seit den ersten Kontakten“ vergingen schon „sieben Jahre“ schrieben Sie, bis „iranische Kollegen Sie überzeugt“ hätten, dass Sie bei „Ihren Gastgebern an der richtigen Adresse“ seien. In diesem Zusammenhang fallen auch löblich die Namen von Khatami und seinem Ex-Kulturminister. Die Euphorie der Bevölkerung für Khatami hielt zurzeit Ihrer Reise noch immer an, trotz brutaler Morde an den Oppositionellen und den verübten Verbrechen an wehrlosen Studenten, die nachts im Schlaf den tödlichen Angriffen erliegen mussten. Dies geschah auf dem Universitätscampus. Von dem „Erlöser“ Khatami wurden die toten und geschändeten Studenten gar als Mob und Gesindel inkriminiert. Besonders bei uns galten und gelten Studenten doch als höchste Risiko- und Unsicherheitsfaktoren. Die „eigentliche Aufgabe“ von Khatami bestand jedoch darin, den „Dialog der Zivilisationen“ in Gang zu setzen. Er hat sich sogar zugetraut, dem Namen nach dafür einen Atrappenmotor ins Leben zu rufen und ihn sogleich auf Leerlauf zu schalten.

[…] Ihre Reise nach Teheran hatte zwei Aspekte, einen iranischen und einen deutschen. Bei dem iranischen geht es um Eindrücke und Spuren, die Sie bei Ihren Gastgebern hinterlassen haben. Kurz gefasst lässt sich das etwa so charakterisieren: Ein weltbekannter Philosoph aus dem „Land der Philosophen“ kommt nach Teheran zwecks Bekanntschaft mit der dortigen geistigen Welt. Das hebt das Bewusstsein der Elite und spricht für ihren Wert. Wie verschieden auch die Reaktionen Ihres Publikums sein mögen, gemeinsam und hintergründig ist allen, dass man im eigenen Land mit einem Habermas zusammengekommen ist: Man sei also jemand, wie man sich schon immer gedacht hat, was aber nunmehr zum festen Bestand des „Wissens“ gehört, gesteht man sich unausgesprochen freilich zufrieden ein.

Hier interessiert der zweite, also der deutsche Aspekt, nämlich das Bild, das Sie von der Teheraner Geistigkeit für die Deutschen entworfen haben. An dieser Stelle möchte ich zunächst einige Linien des einst von Ihnen skizzierten Bildes für die Deutschen kurz nachzeichnen, um es auf diese Weise etwas augenfällig zu machen.

Die Grundeinstellung Ihrer Gastgeber zur westlichen Kultur bringen Sie mit folgendem Satz unmissverständlich zum Ausdruck. Der Satz ist in seinem Sinn und Ton ironisch provozierend und inhaltlich zentral:

„Wenn man mit kleinem geistigen Gepäck von Westen nach Osten reist, tritt man in die übliche Asymmetrie der Verständigungsverhältnisse, die für uns die Rolle der Barbaren bereit halten: Sie wissen mehr über uns als wir über Sie.“

[…] Fünfzig Jahre hat es gedauert bis die iranische Gesellschaft durch den Schah, der auch unheilvolle Fehler begangen hat, und seinen Vater, den Gründer des Neuen Iran, an die Zivilisation herangeführt worden war. Dieses Erbe hat die islamische Regierung innerhalb von dreißig Jahren in jeder Hinsicht zugrunde gerichtet: wirtschaftlich, verwaltungsmässig, kulturell, rechtlich und moralisch.

[…] Wahr ist dennoch, dass wir keine Wissenschaft haben, weder Natur- noch Geisteswissenschaft. Alle unsere universitären Lehrbücher sind im Grunde Übersetzungen aus entsprechenden westlichen Quellen. Wir schreiben und sagen praktisch nur nach, was wir uns aus dem Westen herbeiholen. Wäre es nicht so, sähe die „wissenschaftliche Lage“ bei uns noch schlimmer aus. Unsere „Wissenschaft“ ist zwar eine Kopie, das Original würde natürlich dadurch nicht entstehen, wenn die Kopie nicht mehr sein würde. Vor einiger Zeit hat Khamnei die Geisteswissenschaft als Quelle allen Übels verdammt und nahe gelegt, man solle sie aus den Universitäten vertreiben. Die Nachricht verursachte sofort Angst und Panik im ganzen Land.

[…] Ich versuche, das Wesentliche Ihrer Erfahrungen in Iran wie folgt zusammenzufassen: Sie waren überrascht, dass Sie sich nicht mit einer „verstummten Gesellschaft“ konfrontiert sahen, die Intellektuellen wie die Bürger machten einen „selbstbewussten und uneingeschüchterten“ Eindruck. Kaum zu überschätzen fanden Sie die „politische Bedeutung der theologischen Auseinandersetzungen innerhalb des Islams“. Exemplarisch erwähnen Sie den „prominenten Geistlichen Modschtahed Shabestari, der in der hermeneutischen Tradition“ steht und der den „einzelnen Gläubigen als Interpret der Offenbarung“ betrachtet. Von gleichem Rang sei auch der „westlich orientierte Philosoph Soroush“. Shabestari, so erklären Sie weiter, argumentiere „protestantisch gegen herrschende Orthodoxie“. Sie gaben damit das wieder, was seit zwei Jahrzehnten zum Schlagwort der Reformer geworden ist. Ein alles beim Wort nehmender deutscher Leser würde sich nicht des Eindrucks erwehren können, der Protestantismus müsse wohl der Zauberstab gegen jede religiös verschlossene Tür sein, selbst bei dem Schiitentum, das seit tausend Jahren immer noch auf den zwölften Imam wartet, um à la Damokles alle Knoten der bösen Welt auf einmal durchzuschlagen.

[…] Denn nicht in der Amtszeit von Ahmadinejad wurde Iran in Grund und Boden zerstört, sondern längst vor seiner Zeit.

Was Ihnen damals in Teheran repräsentiert wurde, ist nichts anderes gewesen als die Gaukelei der iranischen Intelligenz islamischer Art. Intellektuellen Scharlatanismus kennen Sie sicherlich nicht. Ihn gibt es nämlich nicht in der westlichen Kultur, und wenn, dann nur als bedeutungs- und harmlose Randerscheinung im Privaten. Eine Öffentlichkeit dafür existiert hier nicht.

[…] Acht Jahre danach haben sich zwei Begebenheiten von ungleicher Bedeutung, jedoch in einem bestimmten Sinn assoziativ miteinander verknüpft, ereignet. Die erste drang mir erst ins volle Bewusstsein als die zweite geschah. Die erste ereignete sich im letzten Jahr. Ich meine den „friedlichen Aufstand“ von Millionen junger Menschen in ganz Iran, Studenten, Arbeiter und Angestellte, der drei Monate lang anhielt, bis ihn die Regierung vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit unfassbarer brutaler Gewalt niederschlug. Unzählige  junge Menschen landeten in Gefängnissen, wurden zu Tode gefoltert, erschossen, Frauen wie Männer vergewaltigt. Sie, Herr Professor Habermas haben geschwiegen. Waren diese jungen Menschen mit ihrer schlichten und legitimen Forderung, sichere Arbeitsplätze zu  haben, auf ihre Löhne und Gehälter nicht monatelang warten zu müssen, in Freiheit leben zu wollen, ohne Bevormundung jeglicher Art ihre Lebensweisen zu bestimmen, ihre Wünsche zu verwirklichen, ihre Bekleidung nach ihrem Geschmack zu tragen usw. nicht wichtiger  als all die Elite, mit denen Sie in Teheran philosophische und soziologische Gespräche geführt haben, mit Typen wie Mahadscherani, Kachivar, Soroush, Davari, Shabestari und dergleichen mehr?

[…] Die Proteste sollten gesellschaftlich wie staatlich eigentlich nicht die islamische Macht schwächen, sondern eine Machtverlagerung zu Gunsten der Reformer im islamisch regierten Staat herbeiführen. Damit würde der Islam für ihn und seine Gesinnungsgenossen erhalten bleiben. Das war und ist mindestens der Traum der Reformer. In einem islamfreien Staat und dessen Gesellschaft würden die Reformer allein wegen ihrer Machenschaften und noch immer öffentlich unaufgedeckter Tätigkeiten im islamischen Staat zur Rechenschaft gezogen.  Helden wie Soroush, Shabestari, Davari und dergleichen können nur dort sicher auftreten, wo ernsthafte Herausforderung ausbleibt.

Und nun zur zweiten Begebenheit, bei der Sie sich besorgt verhielten, obwohl es sich weder um etwas Dramatisches noch Dringliches handelte, im Gegensatz zu der ersteren, die als Hilferuf in blanker Not verstanden werden musste. Es geht hier um die Belange der Religion. Dieses, Ihr Anliegen, haben Sie kürzlich in Ihrem Vortrag anlässlich eines Philosophentreffens in der New Yorker Cooper University angesprochen. Hauptthema war die „ungerechte“ Freiheitseinengung der Religion in der westlichen Welt!

[…] Den Westen innerhalb der Weltgesellschaft zu „einer einseitigen Einhaltung und Fortsetzung demokratisch-freiheitlichen Wertanwendungsprozesses“ ermahnend, werfen Sie ihm Verstöße im gesellschaftlichen Verkehr vor, welche die Andersgläubigen in der Ausübung ihrer politischen Handlungen hemmen oder gar hindern. Ist der neue Aufschwung des religiösen Pathos nicht gerade frei von jeder richtungsweisenden Intentionalität, die monotheistischen Religionen für sich und nur für sich allein, d.h. gegeneinander, beanspruchen? Es sind genau nur Christentum und Islam, die diesen Anspruch jeweils für sich und gegeneinander geltend machen. Dabei ist aus vielen Gründen das Christentum relativ harmlos und gar von Nutzen, was man vom Islam nicht behaupten kann.

Von einer kleinen Anzahl „Selbstsuchern“ abgesehen, bekehrt sich wohl kaum jemand im Westen zum Islam. Diese Erkenntnis wäre jedoch eine Verharmlosung des Problems Islam. Andererseits ist uns allen bekannt, dass den christlichen Kirchen Tausende jährlich weglaufen, und der fehlende Nachwuchs der Kirche große Sorgen bereitet. Bleibt all das bei Ihnen unberücksichtigt, weil diese Fakten  ihrer These vom religiösen Aufschwung bzw. Renaissance, die berechtigt einen wohlwollenden Schutz verlangt, entgegenwirken würden? Wenn nicht, wie lassen sich diese Entgegensetzungen erklären? Sie fragen nicht einmal nach den Ursachen dieser Religionskonjunktur,  sondern setzen sie als Fakt voraus. Ich will hier nur einen Blick auf einen Ursachenkomplex des Phänomens in einer bestimmten Periode  der Vergangenheit werfen. Als die Sowjetunion in die osteuropäischen Länder einfiel, schlug die Stunde für die katholische Kirche.   Westliche Unterstützung psychologischer, politischer, strategischer wie auch wirtschaftlicher Art, ließ nicht lange auf sich warten. Mit  Hilfe der Politik und der Medien wurde die Religion wieder salonfähig gemacht. Langsam aber sicher gewann diese wieder an Macht und Weltpräsenz.

Irgendwann später begann die Wohlstandsgesellschaft in Westeuropa Risse an sich zu fühlen. Manche erfahrene Fachleute haben die heranrückende Katastrophe erkannt und davor gewarnt und das so häufig, dass schließlich alles im Sande des Alltagslebens verlief. Als sich die Wohlstands-Katastrophe mitten in uns ohne einen Knallefekt ausweitete, waren die Menschen nicht einmal überrascht. Erst war die Arbeiterklasse davon getroffen, dann der Mittelstand. Und irgendwann hat man entdeckt, dass drei Millionen  Kinder unter der Armutsgrenze leben, hier in der Bundesrepublik Deutschland. Dass die verheerenden Auswirkungen der Katastrophe  immer mehr existenzbedrohende Dimensionen annehmen, gehört seit einigen Jahren schon zum festen und erdrückenden Grundbestand alltäglicher Erfahrung der breiten Masse der Bevölkerung, die am Zukunftshorizont alle nur vorstellbaren Gefahren auf sich zukommen sieht. Die heutige Situation lässt sicherlich noch Schlimmeres erahnen.

Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, um in dem geschilderten Prozess die Hauptursache der neuen „Religiösität“ zu erblicken, mit der sich die Kirchenflucht vereinbaren lässt. Das religiöse Phänomen, das Sie ansprachen, ist auf gar keinen Fall auffindbar. Man kann jedoch versuchen, durch Eliminationsverfahren, das von Ihnen Gemeinte herauszustellen. Sie meinen sicherlich weder Hinduismus, noch Shintu, noch Budhismus, Tao usw.. Es bleiben nur noch Christentum und Islam, und wenn Sie gerechte Freiheit fordern, dann nicht für Christen und Okzident, sondern für den Islam in Europa und Amerika. Das ist der Brennpunkt dafür, dass die Musleme, so verstehe ich Sie jedenfalls, zu ihrem völligen Recht verholfen werden soll. Sie entdecken folgendes Verhältnis als Paradox im Leben der modernen Staaten: „Man erlaubt den Menschen“, also Muslemen, „die Ausübung ihrer Religion, aber ihre Beiträge im politischen Prozess müssen frei von religiösen Inhalten“ sein. Also, Sie treten dafür ein, dass die politischen Beiträge der Musleme mit ihren religiösen Inhalten aufgefüllt werden sollen, denn wo und wann wollten die Christen im Westen ihre politischen Aktivitäten mit religiösen Inhalten verknüpfen?

[…] Jedes Unternehmen, politische Prozesse mit religiösen Inhalten zu versehen, was auch unausgesprochen vom Islam erwartet bzw. nötigenfalls erzwungen wird, führt unweigerlich, wie die Erfahrung lehrt, zur Übermacht der Religion.

Kann Iran als Beispiel hierfür übersehen werden?

via eppinger

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AKWs und Leukämie – kein Zusammenhang

Jahrelang wurden wir mit dem schlechten Gewissen „erzogen“, dass die Menschen, die in der Nähe von AKWs wohnen, für uns und unseren übermäßigen Energieverbrauch büßen müssen, da sie mehr Krebs / Leukämie bekommen als andere.

Nun – „endlich“ möchte man sagen – wird dargelegt, dass die wissenschaftlichen Aussagen, mit denen diese Anti-Atomkraft-Aktivisten – hauptsächlich die Grünen – nicht korrekt sind.

Ist das auch so ein Fall wie beim Klimawandel, wo man mit wissenschaftlichen Daten nicht so genau umgehen muss, um die Ergebnisse zu erhalten, die man erhalten will und um daraus – was wären die Grünen ohne Anti-Atomkraft-Bewegung?? – politisches Kapital zu schlagen?

Studien der Anti-Kernkraft-Lobby, wonach Leukämie in der Nähe von Kernkraftwerken gehäuft auftritt, entbehren jeder Grundlage.
Von Walter Krämer

Seit einem Vierteljahrhundert sehen sich die Betreiber von Kernkraftwerken als Krebsverursacher angeklagt. Nach einem von der Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegebenen neueren Gutachten gibt es etwa im Umkreis von Kernkraftwerken „signifikant“ mehr Leukämie bei Kindern als anderswo.

Auch verschiedene andere Studien kamen nach den in der Tat sehr auffälligen Häufungen von Kinderleukämie im Umkreis des Kraftwerks Krümmel in der Elbmarsch, das nach ähnlichen Häufungen um das Kraftwerk Sellafield in Großbritannien das Thema auch in Deutschland in die Medien brachte, zu dem gleichen Resultat. Und schuld daran, so die Auftraggeber, sind natürlich die Kraftwerke selbst. „AKWs erhöhen das Leukämierisiko“ ließen die Grünen in einer Pressemitteilung verbreiten.

Grünen-Studie missachtet systematisch wichtige Faktoren
Dieser Schluss aus den unbestreitbaren lokalen Häufungen ist falsch. Richtig ist allein, dass Leukämie bei Kindern weltweit sehr unregelmäßig auftritt. Im Fachjargon der Epidemiologen spricht man auch von „Clustern“. So ist etwa in gewissen deutschen Landkreisen die Leukämiehäufigkeit pro tausend Kinder fast viermal so hoch wie in anderen, und längst nicht immer ist ein Kernkraftwerk in der Nähe.
Und wo tatsächlich Kraftwerke und Leukämie zusammenfallen, sind vermutlich andere Ursachen dafür verantwortlich zu machen. So beobachtet man etwa bei erwachsenen deutschen Männern eine hohe negative Korrelation zwischen dem Einkommen und der Zahl der Haare auf dem Kopf: je weniger Haare, desto mehr Geld. Aber nicht, weil Glatzen den beruflichen Aufstieg förderten, sondern weil mit wachsendem Alter die Haare ausfallen und das Einkommen steigt.

Und so missachtet auch die Grünen-Leukämiestudie systematisch wichtige weitere Faktoren, die zu einer Häufung von Leukämiefällen bei Kindern führen können. In den USA z. B. findet man eine fast doppelt so hohe Zahl an Leukämieerkrankungen bei weißen im Vergleich zu schwarzen Kindern.

Gründe für Leukämiehäufungen
Und weltweit nimmt die Leukämiegefahr bei Kindern mit dem Einkommen der Eltern zu. Als Ursache wird vermutet, dass Kinder aus begüterten Verhältnissen isolierter aufwachsen und damit in frühen Jahren weniger Kontakte mit Altersgenossen und damit weniger Möglichkeiten zur Entwicklung von Antikörpern haben. In Schottland etwa beträgt die Differenz der Leukämieraten zwischen den reichsten und den ärmsten Gegenden unabhängig von Kernkraftwerken an die 50 Prozent.

Auch scheinen abnormale Bevölkerungsbewegungen die Kinderleukämie zu fördern. Nach einer englisch-chinesischen Studie etwa hat die Kinderleukämie in Hongkong nach dem jüngsten Zuzug von Millionen Neubürgern spürbar zugenommen. Und in den USA gehen oft die lokalen Leukämieraten in die Höhe, wenn irgendwo ein neuer Luftwaffenstützpunkt eingerichtet wird.

So wäre also auch bei Kraftwerken, in deren Nähe tatsächlich erhöhte Leukämieraten festgestellt worden sind, zunächst einmal festzustellen, ob dort auch andere Faktoren aus dem Rahmen fallen. Besonders auffällig ist dies bei dem Atomkraftwerk San Onofre in Südkalifornien, mit dem die ganze Grünen-Studie steht oder fällt – hier ist der Überhang der beobachteten über die erwarteten Leukämiefälle von allen betrachteten Kraftwerken am größten. Aber in dieser Ecke Kaliforniens leben auch überdurchschnittlich viele reiche und mobile Leute. Und in der dem Kraftwerk am nächsten gelegenen Stadt San Clemente beträgt der Anteil der Afro-Amerikaner an der Gesamtbevölkerung weniger als ein Prozent.

Kraftwerke ohne Leukämiefälle
Dagegen leben in dieser Gegend überdurchschnittlich viele Menschen mit hispanischem Migrationhintergrund. Und bei dieser Bevölkerungsgruppe ist die Leukämieanfälligkeit der Kinder am größten: Laut Recherchen des amerikanischen „National Cancer Institute“ erkranken pro Jahr 49 von einer Million spanischstämmigen Kindern und Jugendlichen unter 20 an Leukämie, verglichen mit 42 weißen und 26 schwarzen.

Vermutlich würde man daher in der Gegend des Kraftwerks San Onofre auch dann mehr Leukämie beklagen, hätte man statt eines Kraftwerks dort einen Golfplatz angelegt. Schließt man aber dieses Kraftwerk aus der Zusammenfassung aus, und nimmt einige weitere, in der Grünen-Studie übersehene neuere Arbeiten mit auf, so verkehren sich die Aussagen der Studie in ihr Gegenteil. Wurden vorher bei Kindern unter fünf Jahren in der Nähe der betrachteten Kraftwerke weltweit 103 Leukämiefälle mehr gezählt als zu erwarten waren, so sind es jetzt 40 Fälle weniger.

Auch die Rolle des Zufalls ist nicht zu unterschätzen. Selbst bei Abwesenheit jeglicher Ursachen werden um einige Kraftwerke rein durch Zufall mehr Leukämiefälle auftreten als anderswo, bei anderen dagegen weniger. In den USA gibt es mehrere Atomkraftwerke, in deren Umgebung lange Jahre kein einziger Leukämiefall bei Kindern aufgetreten ist.

Räumliche Verteilung von Lottogewinnern
Und auch in Deutschland liegen die Erkrankungsraten für Kinder bis 14 Jahre in der Nähe der Kraftwerke Brokdorf, Brunsbüttel, Grohnde, Gundremmingen, Stade, Phillipsburg, Lingen und Würgassen unter dem Landesdurchschnitt. Dahinter steht wohl niemand anderes als der Zufall, genauso wie vermutlich auch hinter vielen der erhöhten Raten anderswo. Glückliche wie unglückliche Ereignisse sind nur selten gleichmäßig verteilt; auch Lottogewinner sind in einigen Gegenden Deutschlands häufiger als in anderen, genauso wie Olympiasieger oder Beinprothesenträger.

Die Grünen-Studie behauptet zwar mit viel statistischem Säbelrasseln, den Zufall als Ursache ausgeschaltet zu haben. Aber die Argumente überzeugen nicht. Es handelt sich hier um eine sogenannte „Meta-Analyse“, die nicht Daten selbst erhebt, sondern vorhandene Studien zusammenfasst. Und das noch nicht einmal vollständig, eine Reihe von Negativ-Resultaten fehlen, vielleicht waren sie den Verfassern der Studie nicht bekannt.

Rechnet man dann noch hinzu, dass Negativ-Ergebnisse („kein Effekt vorhanden“) sehr viel schwerer den Weg in wissenschaftliche Journale finden als Studien, die irgendwelche Zusammenhänge herstellen, so bleibt von der behaupteten „Signifikanz“ kaum etwas übrig.

Unwissenschaftlicher Ansatz der Anti-Kernkraft-Lobby
Und eine Kausalbeziehung wird erst recht nicht etabliert. Zwar weist das Gutachten selbst ausdrücklich darauf hin: „Aus den Ergebnissen einer Meta-Analyse kann zweifelsohne keine Kausalbeziehung zwischen möglichen Emissionen der Kernkraftwerke und der ermittelten Risikoerhöhung abgeleitet werden“. Aber dennoch wurde diese Studie sowohl von den Auftraggebern als auch von den Medien genau im Sinne dieser Kausalbeziehung interpretiert und als Argument gegen Kernkraft ausgenutzt.

Spätestens hier entlarvt sich der zutiefst unwissenschaftliche Ansatz der Anti-Kernkraft-Lobby: Ein Wissenschaftler sucht die Wahrheit, ein Glaubender hat sie schon. Wissenschaftlich nachgewiesen ist allein, dass extreme Strahlendosen Krebs erzeugen. Im Normalbetrieb von Kernkraftwerken werden diese auch nicht annähernd erreicht.

Und bei keinem der betrachteten Kraftwerke wurden jemals Strahlendosen registriert, die nach Mehrheitsmeinung aller Wissenschaftler, auch der meisten Kernkraftgegner selbst, auch nur ansatzweise Krebs erzeugen könnten. Was wirklich, wenn nicht der Zufall, hinter den erhöhten Leukämieraten in der Nähe ausgewählter Kernkraftwerke steht – das Immunsystem? die Gene? die Ernährung? – ist derzeit noch nicht geklärt.

Vermeintlich wahrer Glaube
Der bekannte amerikanische Mathematiker Alexander Dewdney hat die grünen Zahlentricks beim Konstruieren von Indizien gegen Kernkraft und die Scheinheiligkeit der darauf gegründeten Argumente in seinem Bestseller „200 Prozent von nichts“ einmal als „numerischen Terrorismus beim Atomkraftwerk“ bezeichnet. Und so ist es auch: Die eigentliche Gefahr für unsere künftige Energieversorgung sind nicht irgendwelche Bombenleger aus dem Morgenland, sondern unwissenschaftlich argumentierende Anhänger eines vermeintlich wahren Glaubens, die in den Daten vorzugsweise das sehen, was sie sehen wollen.

Der Autor ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, u.a. das „Lexikon der populären Irrtümer“. 1999 erhielt er den Deutschen Sprachpreis.

via WELT ONLINE

Diskussion um Absage für den Papst: Was bedeutet Galileo für uns heute?

Die katholische Kirche und die Inquisition. Auch viele Christen schütteln darüber nur ungläubig den Kopf und sind froh, dass es einen Galileo Galilei gab, der der Kirche die Stirn geboten hat.
– Oder war es doch anders?

Hier ein Artikel aus der Zeitung „WELT“:
Nicht Galileis Argumente waren ketzerisch. Verdammenswert war die blinde, rücksichtslose Überheblichkeit, mit der er sie ins Universum hinausposaunte. Ohne sich zu überlegen, was er damit, außerhalb seines akademischen Fachbereichs, anrichtete. Der Fall Galileo Galilei war schlimmer: Dieser verantwortungsloseste aller Wissenschaftler war im Begriff, die ganze Menschheit zu beschädigen.
Kaum war Galileo Galilei 1609 der grosse Scoop mit dem „nuncius sidereus“ gelungen, da stellte er schon das „von ihm erfundene Fernrohr“ hoch auf dem Campanile von San Marco in Venedig auf. Um ihn herum Venedigs Feldherrn. Stolz richtete er das Objektiv auf die Kriegs- und Handelsschiffe unten in der Lagune. Vor dem staunenden venezianischen Militär pries er die Vorzüge seiner angeblichen Erfindung mit folgenden Worten: „Auf dem Meere werden wir die Fahrzeuge und Segel des Feindes zwei Stunden früher entdecken, als er unser ansichtig wird. Indem wir so die Zahl und Art seiner Schiffe unterscheiden, können wir seine Stärke beurteilen, um uns zur Verfolgung, zum Kampf oder zur Flucht zu entschliessen. Ebenso lassen sich auf dem Lande die Lager und Verschanzungen des Feindes innerhalb seiner festen Plätze von entfernten, hochgelegenen Stellungen aus beobachten und auch auf offenem Felde zum eigenen Vorteil jede seiner Bewegungen und Vorbereitungen sehen und in allen Einzelheiten unterscheiden.“
Aufschlussreicher als das, was einer sagt, ist aber die Art, wie er es sagt. „Wir werden“, „wir können“, „wir unterscheiden“, „wir beurteilen“, das ist, obwohl aus Galileis Mund hoch auf dem Campanile von San Marco ertönend, nicht etwa der Plural majestatis. Es ist das „Wir“ bedenkenloser und vorbehaltloser Anbiederung eines Wissenschaftlers mit dem Militär.
In Würdigung solchen militärischen Diensteifers verlieh der Rat von Venedig dem Florentiner auf der Stelle ein Jahresgehalt von tausend Gulden sowie einen Lehrstuhl für Mathematik auf Lebenszeit.

Ein epochaler Januskopf: Champion der Emanzipation der Wissenschaft aus kirchlicher Knechtschaft und Märtyrer moderner Geistesfreiheit, das ist, von vorn betrachtet, das schöne Gesicht der Kultfigur Galileo Galilei. Von hinten betrachtet aber ist dies die hässlichste aller akademischen Fratzen: ein Naturwissenschaftler, der übereifrig, skrupellos sein Wissen und seine Technik in den Dienst politischer Tyrannen stellt. Und ihrer Feldherrn.
Mit moralischen Urteilen war die Inquisition nie so voreilig wie die atheistische Moderne. In diesem exemplarischen Falle allerdings soll das Urteil einem deutschen Atheisten überlassen werden.
In seinen „Aufzeichnungen zum ‚Leben des Galilei’“ schreibt Bertolt Brecht: „Galileis Verbrechen kann als die ‚Erbsünde’ der modernen Naturwissenschaften bezeichnet werden.“ Und für alle jene, die etwas Mühe haben zu verstehen, fügt er hinzu: „Die Atombombe ist sowohl als technisches als auch soziales Phänomen das klassische Endprodukt seiner wissenschaftlichen Leistung und seines sozialen Versagens.“

Warum die Inquisition im Fall Galilei Recht hatte

Der Besuch von Papst Benedikt XVI. in der römischen Universität „La Sapienza“ ist geplatzt. Der Grund liegt im Jahr 1990. Damals hatte Kardinal Ratzinger in einem Vortrag einen österreichischen Philosophen zitiert, der das Vorgehen der Inquisition gegen Galilei verteidigt hat. Zu Recht, denn Galilei war ein selbstsüchtiger Ketzer.
„Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen.“
Diese 45 Worte des österreichischen Philosophen Paul Feyerabend aus dem Jahr 1976 haben den Besuch des Papstes in der römischen Universität „La Sapienza“ gestern (17. Januar) platzen lassen. Weil Joseph Ratzinger sie 1990 einmal in einem Vortrag in Parma zitiert hatte, waren sie jetzt als Sprengsatz gegen den Besuch des Pontifex benutzt worden. Der Fall Galilei ist ein heiliges Tabu der Moderne.
Grund genug, heute noch einmal eine stark gekürzte und provokante Darstellung vom Prozess gegen den Astronomen aus dem Jahr 1633 vorzustellen, die wir der „Kurzgefassten Verteidigung der Heiligen Inquisition“ von Hans Conrad Zander entnehmen. Der ehemalige Stern-Redakteur und Kisch-Preisträger 2007 hatte sie unter dem Gewand des Großinquisitors – und mit einer Narrenkappe – in Gütersloh vorgelegt.

Galileo Galilei am 22. Juni 1633, im Augenblick tiefster Demütigung. Soeben haben die Schergen der Heiligen Inquisition den weltberühmten Astronomen gezwungen, niederzuknien und das Urteil der Infamie als sein eigenes Geständnis vorzulesen: „Ich, Galileo, Sohn des Vincenzio Galilei aus Florenz, siebzig Jahre alt, knie vor Euch Eminenzen Inquisitoren gegen die Verworfenheit der Ketzerei. Von Rechts wegen war mir von diesem Heiligen Amt auferlegt worden, jene falsche Meinung völlig aufzugeben, dass die Sonne der Mittelpunkt der Welt sei und sich nicht bewege, dass die Erde hingegen nicht der Mittelpunkt der Welt sei und sich im Gegenteil bewege.“
Es ist allerdings eine Phantasie, keine Wirklichkeit, die Murillo auf diesem Gemälde in Szene gesetzt hat, wo Galileo Galilei, ungebrochen noch im Augenblick der schändlichen Erniedrigung, die Hand hebt und mit dem Finger hinzeigt auf den Satz, der so berühmt werden sollte wie er selbst: „Eppur si muove. Und sie bewegt sich doch.“
Ein Moment von epochaler Theatralik. Ob die Erde um die Sonne sich drehe oder die Sonne um die Erde, das war gewiss im Jahr 1633 noch nicht wissenschaftlich überprüfbar. Doch alle wussten schon, dass dies grundsätzlich überprüfbar war. Dass es schon bald zuverlässig überprüfbar würde, lag 1633 in der Luft.
var activeTabs = [„poll“]; //activeTabs startupRichmedia(activeTabs,document.location.hash); Die Schande der Inquisition ist deshalb die Glorie Galileo Galileis. Mögen ihn die Foltermönche jenes unmenschlichen Tribunals einen Augenblick in die Knie gezwungen haben, so steht er doch für alle Zukunft aufrecht vor uns. In ihm verkörpern sich jene beiden Ideale, mit denen die Moderne die mittelalterliche Dunkelmännerei überwunden hat: Freiheit des Denkens und – untrennbar mit ihr verbunden – freie, unvoreingenommene Erforschung der Wahrheit. Nur hat Galileo Galilei nie in einem Kerker der Inquisition geschmachtet. Und nicht einen Augenblick wurde er gefoltert. Wohl wurde er „ad formalem carcerem“ verurteilt. Mit „Proforma-Gefängnis“ ist das bestens übersetzt. Selbst während jener wenigen Tage des Prozesses, die er, zuerst im Frühling, dann im Sommer 1633, im Palast der Römischen Inquisition verbringen musste, hat er nicht in einem Folterkeller bei Wasser und Brot gesessen. Der Fiskal, einer der höchsten Beamten der Römischen Inquisition, hat ihm eine ganze Flucht schöner Zimmer in seiner privaten Wohnung überlassen. Sein eigener Diener hat ihm dort den Tisch gedeckt – nicht aus dem Blechnapf, sondern aus der Küche der florentinischen Botschaft. Sie stand im Ruf, die beste von ganz Rom zu sein.
An Folter kein Gedanke. Das römische Tribunal, das den Angeklagten Galileo Galilei so milde behandelt hat, war eine Inquisition mit menschlichem Gesicht.
Nicht abstrakt und übertragen meine ich das, sondern konkret und persönlich: Das Gesicht des Inquisitors, in das der Angeklagte Galileo Galilei blickte, war das Gesicht Robert Bellarmins. Er hat das gesamte Verfahren gegen Galileo Galilei persönlich geprägt. Es gab aber in ganz Rom keinen Menschen mit weiterem Horizont, mit größerer Vorsicht im Urteil als diesen Jesuiten.
In diesem Jahr 1610, das bezeugen alle, befand sich Galileo Galilei in einem Zustand hochgradiger Erregung. Nicht nur innerlich, sondern auch in seiner äußern Art, zu reden und sich zu gebärden. Soeben hatte er ein kleines Heft mit dem Titel „sidereus nuncius“ veröffentlicht: „Der Sternenbote“. Das klingt nach harmlosem Almanach. Noch harmloser war die Auflage: 550 Stück. Doch zu Recht hat man die Wirkung jener winzigen lateinischen Druckschrift verglichen mit der Faszination, die Hunderte von Millionen Menschen im 20. Jahrhundert erfasst hat, als sie im Fernsehen Zeugen wurden, wie der erste Mensch auf dem Mond landete. Schon das Titelblatt versprach „magna, longeque admirabilia spectacula“. Das heißt auf deutsch: „große Sensationen“. Doch die eigentliche Sensation war absichtsvoll im Inneren verschlüsselt. Wer nur ein bisschen Latein konnte, der verstand, dass Galileo Galilei „perspicilli nuper a se reperti“ – mit dem „neulich von ihm erfundenen Fernrohr“ – den Beweis erbringe, dass nicht die Sonne sich um die Erde, sondern im Gegenteil die Erde sich um die Sonne drehe.
Ungeheuer war die Aufregung im gebildeten Europa. Am aufgeregtesten aber war Galileo Galilei selbst. 46 Jahre alt war er im Jahre 1610. Ein vorgerücktes Alter in jener Zeit – und er steckte in Geldnöten.
Und jetzt mit einem Mal der große Scoop des „Sternenboten“. Für ihn selbst der Rausch globalen Ruhms. Und das große Geld: Gleich wird der Astronom „Erster Mathematiker und Philosoph des Grossherzogs von Toskana“. Mit einem Jahresgehalt von tausend Florentiner Scudi.

So berauscht war Galileo Galilei von seinem Triumphzug durch die römischen Salons, dass er eins nicht merkte. Wie leidenschaftlich auch das Rom des 17. Jahrhunderts dem Geniekult huldigte, etwas anderes machte den Römern noch größeren Spaß: so ein hochgefeiertes Genie zu verspotten. Wo immer sich vor ihm die Bewunderer sammelten, kicherten hinter ihm die Spötter: „Schaut, da kommt er, der das Fernrohr erfunden hat.“ Und sie zwinkerten einander zu.
Unbegreiflich, dass Galilei Galilei einen solchen Schwindel gleich aufs Titelblatt seiner Sensations-Schrift gesetzt hat. Sechs Jahre vor ihm schon hatte nämlich ein Zacharias Janssen aus Middelburg das Fernrohr erfunden. Zwei Jahre vor Galilei war die holländische Erfindung bereits auf der Frankfurter Messe im Dutzend feilgeboten worden. Tatsächlich hat Galileo Galilei das protestantische Fernrohr ein bisschen katholisch umgebastelt.
Um die Wahrheit herauszufinden, braucht man in den meisten Fällen kein Fernrohr. Manchmal genügt da einfach ein gutes Gedächtnis. „Erstens: Für alle Himmelskreise gibt es nicht nur einen Mittelpunkt,“ hatte schon im Jahr 1507 ein gewisser Domherr Koppernigk in Heilsberg im Ermland geschrieben. Und weiter: „Zweitens: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Drittens: Alle Planeten umkreisen die Sonne als ihren wahren Mittelpunkt. … Sechstens: Die Sonne dreht sich nicht um die Erde, sondern umgekehrt.“ Und so weiter und sofort. Und so weiter und so fort, rund 100 Jahre vor Galilei. Als wissenschaftliche Hypothese wollte Nikolaus Kopernikus sein astronomisches System verstanden wissen, die zahlreiche Beobachtungen am Himmel besser allerdings besser erklären konnte als die alte Hypothese des Ptolemäus.
Galilei war noch gar nicht geboren, da verbreitete sich die neue Lehre des Kopernikus schon durch alle Universitäten der katholischen Welt. An der spanischen Universität Salamanca wurde Astronomie seit 1561 parallel nach Ptolemäus und nach Kopernikus gelehrt. Damit die Studenten vergleichen konnten.
Im Jahr des Heils 1606 lehrt Professor Galilei in Padua aber stur immer noch nichts weiter, als dass sich die Sonne um die Erde dreht. Zwei Jahre bereits nach der Erfindung des Fernrohrs in Holland! Und nur vier Jahre bevor er mit seinem „sidereus nuncius“ die ganze Welt verrückt macht mit der „großen Sensation“, das „von ihm erfundene Fernrohr“ erbringe den unfehlbaren Beweis, dass hinfort nichts mehr wahr sei, gar nichts anderes mehr als der von ihm bisher kategorisch verworfene Kopernikus.
Dass sie es da mit einem Genie zu tun hatte, war der Inquisition klar. Frage nur, was für ein Genie. Eher wohl Europas erstes Medien-Genie. Ein Genie der Selbstdarstellung. Mitten in der Renaissance ein hochmodernes Marketing-Genie. Aber ein Genie der Astronomie?

Was Galilei leidenschaftlich bewegte, war im Grunde ein steinalter Wissenschaftsbegriff. Aus seiner antiken Badewanne war Archimedes gesprungen, splitternackt war er durch alle Straßen von Syrakus gelaufen, laut schreiend: „Heureka!“. „Ich habe es entdeckt!“ Und so Galileo Galilei. Sehen wir ihm doch die erfundene Erfindung seines Fernrohrs nach und halten wir ihm dies zugute: Was er gesehen hatte durch sein holländisches Rohr, die Jupitermonde zum Beispiel, hatte ihn hineingerissen in den triumphierenden Taumel des Entdeckers: „Heureka!“ – Den Inquisitor Robert Bellarmin hingegen erfüllte schon damals jenes moderne Ideal der Wissenschaft, das im 20. Jahrhundert Karl Popper klassisch vertreten hat, als er lehrte, dass jede wissenschaftliche Behauptung nur Hypothese sein darf. Und dies so, dass noch die überzeugendsten Beweise für die eine Hypothese die andere nicht endgültig ausschliessen.

Fast gelyncht wurde 1908 der berühmte französische Physiker Pierre Duhem, als er die historische Wahrheit aussprach, im Prozess gegen Galileo Galilei habe „die wissenschaftliche Logik“ dort gestanden, wo sie immer noch stehe, nämlich auf der Seite der Inquisition: „Angenommen, die Hypothesen des Kopernikus könnten alle bekannten Erscheinungen erklären, dann könnte man daraus schliessen, dass sie möglicherweise wahr sind, keineswegs aber, dass sie notwendig stimmen. Um diesen letzten Schluss zu ziehen, müsste man ja beweisen, dass kein anderes System erdenkbar ist, das die Erscheinungen genau so gut erklärt. Dieser letzte Beweis ist aber nie geführt worden.“
Monsieur le Professeur, jenes „andere System“ ist inzwischen erdacht! Die Relativitätstheorie nämlich. Sind alle Erscheinungen relativ zum Ort des Betrachtenden und Messenden, dann ist das ganze Universum relativ zu unserem Ort. Zu unserer alten Erde. Vielleicht hat Gott ja schon vor Einstein etwas von Relativität verstanden.
Je länger und aufmerksamer der Inquisitor Galileo Galilei zuhörte, desto mehr wuchsen seine Zweifel. Nicht an der alten These des Kopernikus, sondern an Galileis neuen Beweisen. Wenn es aber etwas gab, was Galileo Galileis cholerisches Temperament nicht vertrug, dann waren das die milden Zweifel eines aufgeklärten, ihm intellektuell überlegenen Inquisitors.
In unbedachter Leidenschaft wählte er die Vorwärtsverteidigung. Bellarmin zum Trotz veröffentlichte er 1616 seinen „Diskurs über Ebbe und Flut“. Endgültig, trumpfte er auf, sei ihm jetzt gelungen zu beweisen, dass nicht die Erde, sondern die Sonne der Mittelpunkt des Universums sei. Die Gezeiten der Meere nämlich seien dafür der empirische Beweis. Die Inquisition schüttelte den Kopf. Italiens Astronomen schüttelten ebenfalls den Kopf. Dass Ebbe und Flut nicht von der Sonne abhangen, sondern, wie das Wohl und Weh der Frauen, vom Mond, weiß inzwischen jedes Kind. Damals wusste es schon jeder Astronom – und konnte es beweisen. Dringend, mündlich zuerst und zuletzt auch schriftlich, hatte Bellarmin Galilei ermahnt, er möge gewiss seine Forschungen weiterführen und seinen kopernikanischen Standpunkt ruhig weitervertreten, jedoch im Sinne einer noch beweisbedürftigen Hypothese. Galilei hat den Rat missachtet.
Oft wird behauptet, im Jahr 1616 habe eine „erste Verurteilung“ Galileo Galileis durch Heilige Inquisition stattgefunden. Das stimmt, ohne zu stimmen. In Wirklichkeit hat die Inquisition nur ein „Dekret“ erlassen. In diesem „Dekret“ kommt der Name Galileo Galilei überhaupt nicht vor. Als „schriftwidrig“ und „töricht“ wird keineswegs eine Person verurteilt, wohl aber zwei Sätze: „1. Die Sonne ist das Zentrum der Welt und infolgedessen unbeweglich“ und „2. Die Erde ist nicht das Zentrum der Welt und nicht unbeweglich.“ Genannt wird nur Kopernikus. Doch wird auch Kopernikus nicht verdammt, seine „revolutiones“ werden nur – 73 Jahre nach Erscheinen – „suspendiert“, solange, bis sie „verbessert“ seien.
Viel zu erzählen ist danach nicht. Dass Galilei, zur Hälfte jedenfalls, recht hatte, war zu seinen Lebzeiten empirisch weder nachzuweisen noch zu widerlegen.
Dass ein Mensch, nach psychiatrischem Befund, an Verfolgungswahn leidet, schließt ja keineswegs aus, dass er, bei Gelegenheit, wirklich Verfolgung erleidet. Er wird ja auch die Gelegenheit, verfolgt zu werden, suchen. Genauso ist es mit dem inquisitorischen Befund, dass ein Mensch erstarrt ist in ketzerischem Trotz. Das schließt nicht aus, dass jener Mensch, bei Gelegenheit, in der Sache recht hat. So wie im Fall Galilei.
Erst ein halbes Jahrhundert später, hat sich – dank Newtons Entdeckung des Fallgesetzes – herausgestellt, dass Kopernikus recht hatte. Zur Hälfte jedenfalls. Denn auch er und mit ihm Galilei irrten in der Hypothese, die Sonne sei der Mittelpunkt der Welt. Es ist deshalb wohl doch zu hoch gegriffen, Galilei mit Archimedes zu vergleichen. Denn im Grunde ist Galileo Galilei im Jahr 1633 mit seinem holländischen Fernrohr so umgegangen wie Erich von Däniken im 20. Jahrhundert mit den Spuren der Außerirdischen im Urwald von Peru. Es ist ja durchaus möglich, dass Außerirdische uns besucht haben. Möglich auch, dass sie uns noch besuchen werden. Auch wenn es nicht so in der Bibel steht, darf dieser Hypothese wissenschaftlich nachgegangen werden.
Möglich, dass im 21. Jahrhundert neue, aufregende wissenschaftliche Entdeckungen Däniken überraschend recht geben werden. Dass dann ganz Europa und die Schweiz Erich von Däniken als den größten Wissenschaftler aller Zeiten feiern werden. Karl Popper würde wohl dennoch nüchtern genug sein, die Sache bis zum letzten Beweis – oder dem Beweis des Gegenteils – skeptisch betrachten. So tat es damals auch die Inquisition.
1621 starb Robert Bellarmin. Galilei verlor den Inquisitor, der ihm, durch alle seine Anmassungen hindurch, mit Verständnis gefolgt war. Sein Fall schien verloren, als 1623 Urban VIII. den Thron der Päpste bestieg. Schon als Kardinal hatte er Galilei seine Gunst erwiesen. Wer konnte Galilei jetzt noch schaden, jetzt, wo der neue Papst selber sein Protektor war?
Nur einer. Nur er selbst. Gegen den dringenden Rat der Inquisition, gegen die beschwörenden Bitten seiner Freunde schrieb er 1631 den „Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo“, einen Dialog über die beiden großen Systeme des Ptolemäus und des Kopernikus.
Dialoge waren damals große humanistische Mode. Auch Thomas Morus hat solche Dialoge geschrieben, und dabei die unterschiedlichen Standpunkte der verschiedenen Gesprächsteilnehmer alle gleich scharfsinnig vertreten – so scharfsinnig, dass bis heute niemand weiß, was er eigentlich selber dachte.
Bei Galileo Galileo merkt das der Dümmste auf der Stelle. Gegen Galilei argumentiert nämlich in seinem Dialogo nur ein Gesprächsteilnehmer. Der heißt „Simplicio“, auf deutsch „Einfaltspinsel“. Dieser Einfaltspinsel aber trägt, für das spottlustige italienisches Publikum jener Zeit sofort erkennbar, die persönlichen Züge Papst Urbans VIII.
War Galilei übergeschnappt? Nein. Das unfehlbare Genie war nur wieder einmal tödlich beleidigt. Beleidigt, weil sein neuer Freund und Beschützer, Papst Urban VIII., es gewagt hatte, ihm ins Gesicht zu sagen, er sei im Irrtum mit seiner These, dass die Gezeiten der Meere das kopernikanische System bewiesen. Und so war, nach 23 Jahren, die langmütigste aller Institutionen dieser Welt, die Heilige Inquisition, am Ende ihrer Engelsgeduld. Im Festsaal des Dominikanerklosters Santa Maria Sopra Minerva zwangen sie am 22. Juni 1633 Professor Galileo Galilei in die Knie.
Inzwischen ging Galilei auf die siebzig zu und war an Leib und Seele krank. Halb erblindet war er schon. 23 Jahre lang war die Inquisition klug genug gewesen, Galileo Galilei, auf deutsch gesagt, auszusitzen. Warum war sie jetzt auf einmal so unklug, jenes höchst spektakuläre Showdown im Festsaal der Minerva zu inszenieren? Und sich damit dem Risiko einer epochalen Blamage auszusetzen? Neues gab es doch im Jahr 1633 nicht. Keine neuen astronomischen Erkenntnisse.
Urban VIII. war es persönlich, der 1633 die Anweisung gab, Galileo Galilei vor aller Welt den Meister zu zeigen. Ausgerechnet Urban VIII., der Galileo Galilei persönlich die größten Sympathien entgegenbrachte. Der ihn sechsmal zu langen, ehrenvollen Audienzen empfangen, ihn huldvoll beschenkt hatte mit allen möglichen Medaillen aus Silber und aus Gold. Der ihm höchstselbst schon eine päpstliche Pension verliehen hatte. Der es in seiner väterlichen Güte nicht einmal ernst nahm, dass Galileo Galilei ihn als „Simplicio“ veralbert hatte.
Etwas anderes aber nahm Urban VIII. sehr ernst: Mit seiner astronomischen Revoluzzerei brachte Galileo Galilei den katholischen Glauben in schwere Gefahr. Galilei scheint das überhaupt nicht gemerkt zu haben.
Luther selber hatte damals den Streit um Kopernikus mit einem Satz auf den protestantischen Punkt gebracht: „Der Narr will die ganze Kunst Astronomiae umkehren. Aber wie die Heilige Schrift anzeiget, so hiess Josua die Sonne stillstehen, und nicht das Erdreich.“
Luthers Freund Philipp Melanchthon, sonst bereit, sich mit jedem zu versöhnen, vielleicht sogar mit dem Papst, rief auf zur Allianz zwischen protestantischer Bibeltreue und gesundem Menschenverstand: „Die Augen sind Zeugen, dass sich der Himmel in vierundzwanzig Stunden umdreht. Doch gewisse Leute haben, entweder aus Neuerungssucht, oder um ihre Klugheit zu zeigen, geschlossen, dass sich die Erde bewegt.“
Und wie erging es Kepler, Galileis deutschem Zeitgenossen, bei den Protestanten? Kepler, dem evangelischen Theologen aus dem Stift in Tübingen? Wie wurde er doch seiner kopernikanischen Neigungen wegen in Tübingen angefeindet! Dem Katholiken Galileo Galilei waren von Venedig bis Florenz die Lehrstühle nur so nachgeworfen worden. An einen Lehrstuhl für Kepler im protestantischen Tübingen kein Gedanke.
Das letzte protestantische Wort war – buchstäblich ex cathedra – von der Kanzel der Kathedrale Sankt Peter zu Genf herab gesprochen worden. Johannes Calvin in gewohnter Strenge: „Wer wird es wagen, die Autorität von Kopernikus über die des Heiligen Geistes zu stellen?“
So stand Papst Urban jetzt da, so wurde er von Galileo Galilei den Protestanten vorgeführt: als Förderer und Beschützer eines grössenwahnsinnigen Narren, der alles auf den Kopf stellen wollte, was Luther und Calvin in der Bibel unumstößlich lasen, was Melanchthon vierundzwanzig Stunden am Tag mit eigenen Augen am Himmel sah.
Das militärische Debakel in Deutschland war schlimm genug. Ein biblisches Debakel konnte Urban VIII. sich jetzt nicht mehr leisten. Der ganzen Christenheit musste er dramatisch zeigen, dass nicht Sankt Peter in Genf, sondern Sankt Peter in Rom der Fels wahrer Bibeltreue war. Urban VIII. musste einem Galileo Galilei den biblischen Meister zeigen. Nicht eigentlich wegen Ketzerei wurde Galileo Galilei verurteilt, sondern – die Formulierung ist geradezu protestantisch – weil er Ansichten vertreten habe, die „der Heiligen Schrift zuwider“ seien.
Galileis private Briefe offenbaren in dieser Zeit ein Delirium kranker Selbstüberschätzung: „Was wollt denn ihr, Herr Sarsi, da es doch mir allein vergönnt war, alles Neue am Himmel zu entdecken, niemand anderem als mir allein!“
Und in einem Brief an seinen Freund Diodati beschwört er „den Himmel, die Welt, das Universum, das ich durch meine wunderbaren Beobachtungen und klaren Beweisführungen hundertfach, ja tausendfach mehr als jeder Weltweise aller vergangenen Jahrhunderte erweitert habe“.
Und kein Gramm Humor. Anders als bei Erasmus kein Milligramm Selbstironie. Hier spricht, auf Deutsch gesagt, der größte Gelehrte aller Zeiten. Hier spricht, auf Lateinisch gesagt, der neue Pontifex maximus eines monströsen Aberglaubens: das Fernrohr als Sakrament unumstößlicher, endgültiger Wahrheit. Wo bleibt da noch Urban VIII., der alte einfältige Pontifex im alten einfältigen Vatikan? Als „Simplicio“, als Hofnarr allenfalls, darf er, der Neuzeit zur Belustigung, dem allwissenden Hohenpriester der neuen Wissenschaftsgläubigkeit die astronomische Schleppe tragen.
Nicht Galileis Argumente waren ketzerisch. Verdammenswert war die blinde, rücksichtslose Überheblichkeit, mit der er sie ins Universum hinausposaunte. Ohne sich zu überlegen, was er damit, außerhalb seines akademischen Fachbereichs, anrichtete. Der Fall Galileo Galilei war schlimmer: Dieser verantwortungsloseste aller Wissenschaftler war im Begriff, die ganze Menschheit zu beschädigen.
Kaum war Galileo Galilei 1609 der grosse Scoop mit dem „nuncius sidereus“ gelungen, da stellte er schon das „von ihm erfundene Fernrohr“ hoch auf dem Campanile von San Marco in Venedig auf. Um ihn herum Venedigs Feldherrn. Stolz richtete er das Objektiv auf die Kriegs- und Handelsschiffe unten in der Lagune. Vor dem staunenden venezianischen Militär pries er die Vorzüge seiner angeblichen Erfindung mit folgenden Worten: „Auf dem Meere werden wir die Fahrzeuge und Segel des Feindes zwei Stunden früher entdecken, als er unser ansichtig wird. Indem wir so die Zahl und Art seiner Schiffe unterscheiden, können wir seine Stärke beurteilen, um uns zur Verfolgung, zum Kampf oder zur Flucht zu entschliessen. Ebenso lassen sich auf dem Lande die Lager und Verschanzungen des Feindes innerhalb seiner festen Plätze von entfernten, hochgelegenen Stellungen aus beobachten und auch auf offenem Felde zum eigenen Vorteil jede seiner Bewegungen und Vorbereitungen sehen und in allen Einzelheiten unterscheiden.“
Aufschlussreicher als das, was einer sagt, ist aber die Art, wie er es sagt. „Wir werden“, „wir können“, „wir unterscheiden“, „wir beurteilen“, das ist, obwohl aus Galileis Mund hoch auf dem Campanile von San Marco ertönend, nicht etwa der Plural majestatis. Es ist das „Wir“ bedenkenloser und vorbehaltloser Anbiederung eines Wissenschaftlers mit dem Militär.
In Würdigung solchen militärischen Diensteifers verlieh der Rat von Venedig dem Florentiner auf der Stelle ein Jahresgehalt von tausend Gulden sowie einen Lehrstuhl für Mathematik auf Lebenszeit.

Ein epochaler Januskopf: Champion der Emanzipation der Wissenschaft aus kirchlicher Knechtschaft und Märtyrer moderner Geistesfreiheit, das ist, von vorn betrachtet, das schöne Gesicht der Kultfigur Galileo Galilei. Von hinten betrachtet aber ist dies die hässlichste aller akademischen Fratzen: ein Naturwissenschaftler, der übereifrig, skrupellos sein Wissen und seine Technik in den Dienst politischer Tyrannen stellt. Und ihrer Feldherrn.

Mit moralischen Urteilen war die Inquisition nie so voreilig wie die atheistische Moderne. In diesem exemplarischen Falle allerdings soll das Urteil einem deutschen Atheisten überlassen werden.
In seinen „Aufzeichnungen zum ‚Leben des Galilei’“ schreibt Bertolt Brecht: „Galileis Verbrechen kann als die ‚Erbsünde’ der modernen Naturwissenschaften bezeichnet werden.“ Und für alle jene, die etwas Mühe haben zu verstehen, fügt er hinzu: „Die Atombombe ist sowohl als technisches als auch soziales Phänomen das klassische Endprodukt seiner wissenschaftlichen Leistung und seines sozialen Versagens.“