• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
    Max Frisch

    „Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft …
    Man muss in einer Demokratie auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie zu beseitigen!”
    Carlo Schmid (1949)

    Die Menschheit lässt sich keinen Irrtum nehmen, der ihr nützt.
    Friedrich Hebbel

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Hass oder Liebe – alle Religionen sind gleich (schlimm)?

Schaut man sich die verschiedenen Religionen an, wird man immer Zeiten, Gruppierungen oder Ideologen finden, die extremen Mist hervorgebracht haben. Selbst der Dalai Lama ist nicht so friedfertig und gewaltfrei wie er im Westen gerne verkauft wird.

Wenn man aber eine Religion oder allgemeiner eine Gruppe bestimmter Menschen beurteilen will, reicht es nicht aus, die Randgruppen und Extreme zu betrachten, sondern man muss sich schon die Mühe machen, den Kern freizulegen: Was wollen diese Leute und wie wollen sie es erreichen? Was ist Weizen und was ist Streu?

Es ist leicht – wie ein Arbeitskollege neulich – zu sagen: Wenn erst mal die Religionen dieser Welt weg sind, dann kann diese Welt friedlich werden. Ein scheinbar so logisches Argument, sind doch viele Konflikte dieser Welt mit Religion verbunden.

Was dabei oft übersehen wird:

  • Es gab und gibt auch viele atheistische Konflikte mit Millionen von Toten (Stalin, Mao Tse-tung, Idi Amin, …)
  • Nicht alle Konflikte, die religiös aussehen, sind es auch – z.B. wird der Nordirland-Konflikt gerne als „Katholiken gegen Protestanten“ dargestellt – ist in Wahrheit weit mehr als das: Ein Jahrhunderte alter Konflikt zwischen Engländern und Iren
  • Der Ursprung der Konflikte ist nicht die Religion, sondern der Wunsch des Menschen, zu herrschen und andere zu unterdrücken. Die Religion heizt dieses Verlangen an und gibt ihm eine Rechtfertigung, die es sonst nicht erhalten würde. Aber der Ursprung ist das Herz des Menschen, das sich Gott nicht unterordnen will.

Ich will nicht auf anderen Gruppen rumhacken. Sondern will die Worte und Taten der Christen in Ägypten hervorheben, die seit Jahren verfolgt und drangsaliert, entführt und ermordet, diskriminiert und erniedrigt werden, die etwas können, was viele andere entweder nie gelernt oder verlernt haben: Vergebung.

Ein Kontaktmann von Open Doors in Ägypten sagt:

„Wir Christen in Ägypten müssen uns nun ganz auf das Vorbild unseres Herrn Jesus Christus fokussieren. Er zeigte keinen Hass gegenüber seinen Verfolgern. Jesus zeigte ihnen seine Liebe und bat um Vergebung für sie. In Zeiten der Verfolgung verspricht Jesus auch uns die Kraft zu geben, diesen Weg zu gehen. Für Ägypten ist es jetzt wichtiger als je zuvor, dass wir Christen Liebe üben.“

Kopten-Bischof Joannes Sakaria:

„Wir brauchen das Gebet von jedem, um unsere Probleme lösen zu können. Es ist die Zukunft für unsere Kinder, um die wir uns sorgen, damit Christen und Muslime Seite an Seite leben können.“

Kopten-Bischof Makaryos aus Minya sagt angesichts seiner frisch geschleiften Kirche:

”Lasst uns für die Muslimbrüder beten! Gott soll ihnen helfen, dass sie mit der Gewalt aufhören“!

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Koptische Christen halten am Sonntag morgen ihren Gottesdienst in der ausgebrannten Anba-Moussa-Kirche von Minya (270 Kilometer von Kairo).
Vor der Eingangstür liegen verbrannte Gebetsbücher, in der Kirche riecht es verkohlt.

Zitat eines Muslims in Ägypten:

„Ich danke Gott, dass ihr Christen nicht mit dem Geist des Hasses und der Vergeltung aufgewachsen seid, wie wir Muslime es sind. Wäre das nach all den Angriffen auf eure Kirchen, Häuser und Läden der Fall, so wäre von Ägypten jetzt nur noch Schutt und Asche übrig. Bewahrt euren Glauben, lebt eure Werte und erhebt eure Hände weiter zum Himmel. Eure Gebete sind die einzige Hoffnung, die Ägypten bleibt, um wieder auf die Füße zu kommen.“

Die Macht der Liebe und der Vergebung ist weit mehr als nur tolerant, politisch korrekt oder nett zu sein. Sie steht über dem, was der andere tut oder sagt. Und nur Menschen, die die Liebe Gottes erlebt haben, der freiwillig einen grausamen Tod erlitten hat, sind in der Lage, diese Liebe weiterzugeben – wie die Christen in Ägypten.

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Ägypten: 15 Jahren Gefängnis wegen Übertritt zum Christentum

IGFM: Regierung Mursi bricht internationale Menschenrechtsverträge

Beni Suef/Frankfurt am Main (14. Januar 2013) – In der oberägyptischen Stadt Biba im Gouvernement Beni Suef wurde am gestrigen Sonntag eine 8-köpfige Familie zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie vom Islam zum Christentum konvertiert ist. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) kritisierte das Urteil als „eklatanten Bruch völkerrechtlich bindender Menschenrechtsverträge“ und forderte die deutsche Bundesregierung auf, nachdrücklich vom ägyptischen Präsident Mursi die Freilassung der Familie zu fordern. „Verträge müssen eingehalten werden“, betonte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin, „auch dann, wenn sie mit archaischen Auslegungen des islamischen Rechts kollidieren.“

Nadia Mohamed Ali, Mutter von sieben Kindern, war nach Information der IGFM ursprünglich Christin und konvertierte vor 23 Jahren zum Islam. Als sie sich nach dem Tod ihres 1991 verstorbenen Ehemannes entschloss, wieder zum Christentum zurückzukehren, halfen ihr von 2004 bis 2006 sieben Beamte, Namen und ihre Religionszugehörigkeit der gesamten Familie in den Dokumenten zu ändern.

Nach Angaben des arabischen Nachrichtenportals „moheet“ wurden diese sieben Beamten ebenfalls zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Nabil Adly Hana, Ayad Naguib Ayad, Hany Bebawy Reyad, Amgad Awad Bebawy, Shehata Wahba Ghobrial, Mohamed Oweis Abdel-Gawad und Mohamed Abdel-Fatah El-Berawy hatten dabei geholfen, die neuen christlichen Namen der Familienmitglieder in deren Geburtsurkunden zu ändern und so neue ID-Karten zu erstellen. Nadia Mohamed Ali sah es nach dem Tod ihres Ehemannes Mohamed Abdel-Wahab im Jahr 1991 als ihre Pflicht an, mit ihren Kindern wieder zum Christentum zurückzukehren.

„De facto kein Recht auf Religionsfreiheit“

Nach Angaben der IGFM seien in Ägypten de facto alle Religionen außer Islam, Christentum und Judentum verboten, ebenso Religionslosigkeit. Durch die Anfeindungen von Islamisten sei die früher große und bedeutende jüdische Gemeinde in Ägypten praktisch erloschen. Die alteingesessene Minderheit der Bahai sei ganz offiziell verboten und insbesondere Konvertiten vom Islam zum Christentum müssten Verhaftungen, Misshandlungen und sogar mit ihrer Ermordung rechnen, so die IGFM.

Weitere Informationen zur Menschenrechtslage in Ägypten unter:

http://www.igfm.de/Menschenrechte-in-AEgypten.575.0.html

Facebook-Seite der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte:

https://www.facebook.com/igfmdeutschland

via http://www.igfm.de/AEgypten-15-Jahren-Gefaengnis-wegen-UEbertritt-zum-Christentum.3445.0.html

Die letzten Jünger

Gläubige werden verfolgt, Kirchen zerstört: Ist im Nahen Osten nach den arabischen Revolutionen noch Platz für die christliche Minderheit? Eine Reise zu Gläubigen in Ägypten, der Türkei und Palästina.

© Jörg Lau für die ZEIT

In der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der TürkeiIn der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der Türkei

Nur ein paar Sekunden, und Fady wäre zum Märtyrer geworden. Hätte er in der Neujahrsnacht bloß ein paar Sekunden früher die Messe verlassen, wäre er heute eines jener 22 Bombenopfer, die von monumentalen Plakaten an der Markuskirche und der Petrikirche auf die Lebenden herunterlächeln. Mithilfe digitaler Bildbearbeitung hat man sie in weiße Kleider gehüllt und ihnen goldene Kronen aufgesetzt.

Die Bombe explodierte damals direkt vor der Kirche. Die Umgekommenen sind heute Heilige für die koptischen Christen Ägyptens. Ihre Überreste – Knochensplitter, Haare, blutbefleckte Kleidungsfetzen – werden in einer Kirche in der Nähe des Strandes von Alexandria ausgestellt. Pilger berühren die Reliquienschreine und beten. Sie kritzeln Wünsche auf kleine Zettel und stecken sie hinein. Fady tut das auch. Er ist 20 Jahre, trägt Jeans, ein schrilles T-Shirt. Ein ganz normaler Student der Betriebswirtschaft. Doch er kann sich nicht mehr richtig bewegen. Vor einem Jahr ist er mit dem Leben davongekommen, aber die Detonation zertrümmerte sein linkes Bein und verbrannte ihm die Hände.

Fady M., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung gedruckt haben möchte, ist ein verfolgter Christ. Dem aufgeklärten Kirchgänger des Westens dürfte schon der Begriff Christenverfolgung unangenehm sein. Aber es gibt tatsächlich wieder Christen, die ihres Glaubens wegen ihr Leben lassen. In Europa wird das Christentum selbstkritisch mit Macht, Reichtum, Imperialismus und Kolonialismus assoziiert. Doch im Nahen Osten, an den ältesten Stätten ihrer Religion, den historischen Orten der Urgemeinde, sind Christen heute unter Druck, verletzlich, schwach – und in Gefahr. Am Schicksal der christlichen Minderheiten in Ägypten, im Irak, in Syrien und anderswo wird sich zeigen, wie human und tolerant die demokratiehungrigen islamischen Gesellschaften sind.

In Kairo wurden vor einem Jahr koptische Demonstranten von Sicherheitskräften niedergewalzt. Sie hatten vor dem Gebäude des ägyptischen Fernsehens gegen die Drangsalierung einer Gemeinde im Süden des Landes protestiert. 28 Menschen starben, Hunderte wurden schwer verletzt. Täglich werden seither Christen entführt und Kirchen angegriffen. Das Neueste ist, dass koptische Intellektuelle wegen »Blasphemie« eingesperrt werden, wenn sie den Islam kritisieren.

Die Christen gehören zu den Verlieren der arabischen Revolutionen. Wer sie besucht, findet Menschen im Ausnahmezustand vor – schwankend zwischen Panik und trotzigem Gottvertrauen, hin- und hergerissen zwischen Angriffslust und Fluchtplänen.

Dass einer wie Fady seines Lebens nicht sicher sein kann, verdunkelt das Bild vom arabischen Völkerfrühling. Fady gehört selber zur Generation der Tahrir-Revolutionäre: Er ist auf Facebook aktiv, besitzt ein Smartphone und twittert. Seine Lebensträume unterscheiden sich in nichts von denen anderer 20-Jähriger. Aber für ihn werden sie sich in Ägypten nicht erfüllen. Er ist auf dem Absprung, wie viele andere junge Christen.

Heute ist er zur Kirche gekommen, um Anba Damian zu treffen, den Bischof der Kopten in Deutschland. Der hat Fady gleich nach dem Anschlag in eine Münchner Klinik fliegen lassen. Die Ärzte konnten das Bein retten, aber es ist jetzt steif und zu kurz. Fady muss humpeln. Er will noch einmal nach München, »damit sie es richtig machen«. Der Bischof hört Fady an. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal hilft. Es sind zu viele, die auf den Geistlichen aus Deutschland hoffen. Der Mittfünfziger mit der Kappe mit den zwölf aufgestickten Kreuzen wird förmlich umdrängt von Überlebenden des Anschlags. Alle strecken ihm ihre Krankenakten entgegen. Alle wollen nach Deutschland. Zur medizinischen Behandlung, und am liebsten für immer.

Dabei ist der Bischof gar nicht der Überlebenden wegen da, sondern weil die Kopten einen neuen Papst wählen. Was Damian in der Synode außerdem entscheiden muss, betrifft alle Christen im Nahen Osten: Wie sollen sie auf den Verfolgungsdruck reagieren? Die alten Schutzherren, die Diktatoren, mit denen sie sich notgedrungen arrangiert hatten, sind von den Massen hinweggefegt worden. Der Islam drängt an die Macht. Und die Frage kommt: Können die Christen sich mit den neuen Machthabern arrangieren? Sollen die Kopten für einen säkularen Staat kämpfen, obwohl das kaum Chancen hat? Oder ist es klüger, sich hinter Kirchenmauern zu verschanzen?

In Ägypten entscheidet sich das Schicksal aller Christen im Nahen Osten. Die Kopten sind hier mit acht von insgesamt 14 Millionen Christen bei Weitem die größte Kirche. Alexandria, die einst kosmopolitische Stadt am Mittelmeer, ist das Zentrum der Koptisch-Orthodoxen Kirche. Aber sie ist auch Geburtsort der Salafisten, jener Radikalgläubigen, die mit Macht das archaische islamische Rechtssystem der Scharia durchzusetzen versuchen. Alexandria war früher auch Heimat der größten jüdischen Gemeinde der arabischen Welt. 80.000 Juden waren es vor 1948, kaum ein Dutzend sind heute noch übrig. Die Christen halten das für ein Zeichen. Für kein gutes.

An der heruntergekommenen Promenade Alexandrias ist der mondäne Glanz alter Zeiten nur mehr zu ahnen. Die wenigen Frauen am Strand tragen »Burkinis«, weit geschnittene Vollkörperbadeanzüge. »Schauen Sie, auch das Meer haben sie schon islamisiert«, sagt Anba Damian kopfschüttelnd. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal sagen würde, Ägypten braucht weniger Religion. Aber wir ersticken unter demonstrativer Religiosität. Luft, Wasser, Sand, Kleidung, Essen, Geld – alles wird hier von Heiligem vereinnahmt.« Die Christen reagieren auf die Islamisierung. Sie lassen sich ihrerseits Kreuze, Madonnen und Ikonen auf den Körper tätowieren. Die Gesellschaft zerfällt: Die Christen werden ausgegrenzt und ziehen sich gleichzeitig in ihr Ghetto zurück. Fast täglich kommt es zu Übergriffen durch einen religiös aufgeheizten Mob, der Christinnen in der U-Bahn, auf der Straße oder in der Schule gewaltsam die unbedeckten Haare abschneidet.

Inzwischen haben die Christen die Hoffnung verloren, durch eine Politik der leisen Töne etwas zu erreichen. Der Bischof spricht offen von Bedrohung:

»Es gibt hier Leute, die uns vertreiben wollen. Die Juden sind schon weg. Sollen wir die Nächsten sein? Jeden Tag passieren hier Dinge, die den Christen Angst machen. Und so gut wie nie werden die Täter zur Rechenschaft gezogen.«

Christen gelten als Kollaborateure der alten Unterdrücker. Das schürt den Hass doppelt. Die Islamisten haben jetzt die Deutungshoheit über die ganze Region. Sie haben auch die demokratische Legitimation – aber, sagt Bischof Damian:

»Demokratie ist mehr als Herrschaft der Mehrheit.«

Eine Mehrheit, die der Minderheit keinen Raum gönnt, sei nicht demokratisch, sondern totalitär. Er tritt seine Heimreise nach Deutschland voll Sorge an: »Die Welt hört die einzelnen Schreckensmeldungen. Aber niemand erkennt das Muster. Wir waren Jahrhunderte vor dem Islam hier. Und jetzt werden wir behandelt wie Fremde.« Und er fragt sich: Wie lange wird es noch Christen geben in Ägypten?

Türkei

Als die Muslime aus der Nachbarschaft plötzlich behaupteten, auf dem Gelände des Klosters Mor Abraham habe früher eine Moschee gestanden, wurde Jakop Gabriel klar, dass dies mehr war als das übliche Gezänk um Land und Weiderechte.

»Die Behauptung war bizarr«, sagt Jakop. »Unser Kloster ist 200 Jahre älter als der ganze Islam. Die wahre Botschaft der Nachbarn ist: Ihr Christen gehört hier nicht hierher, und wir geben keine Ruhe, bis ihr verschwunden seid.«

Der Streit liegt vier Jahre zurück, Jakop Gabriel ist immer noch da. Er hat sogar neue Pläne. Der Mittfünfziger ist Geschäftsmann und verfolgt eine Mission. Vor 30 Jahren ist er in die Schweiz gezogen, weil die Lage in seiner Heimat unerträglich wurde. Die türkische Armee bekämpfte damals kurdische Rebellen, und die Christen gerieten zwischen die Fronten. So wie Gabriel wanderten viele türkische Christen aus; durch diesen Exodus entstanden neue Gemeinden in Deutschland, Schweden, den Niederlanden und der Schweiz. Jakop kam als Goldschmied zu Wohlstand. Er versprach seiner Frau, mit 40 Jahren nach Midyat heimzukehren, und er hat sein Versprechen gehalten. Jakop Gabriel – türkischer Bürger, aramäischer Christ und irgendwie auch Schweizer – ist jetzt wieder zu Hause in der kurdischen Kleinstadt Midyat im äußersten Südosten der Türkei, zwischen dem Tigris und der syrischen Grenze. Und er gibt nicht nach.

Nicht weit entfernt liegt der Tur Abdin, der »Berg der Gottesknechte« – so heißt auch die ganze Landschaft in der Sprache der syrisch-orthodoxen Christen. Sie nennen sich selber Aramäer. In ihren Gottesdiensten erklingt noch eine Variante des biblischen Aramäisch, der Sprache Jesu. Im Alltag spricht man Toroyo, einen aramäischen Dialekt, der mit dem Hebräischen verwandt ist.

Weil die Aramäer nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, dürfen sie ihre Sprache nicht unterrichten. Sie tun es in den Sonntagsschulen trotzdem. Auch ihre Kirchen – einige davon gehören zu den ältesten des Christentums – dürfen sie nicht reparieren. Kaum mehr als 2.000 Aramäer sind in der Türkei noch übrig. Wie groß die Diaspora in Europa ist, kann niemand sagen. Die größte deutsche Gemeinde in Gütersloh hat 13.000 Mitglieder.

Jakop hofft jetzt, dass alle Aramäer aus Deutschland recht bald anreisen, denn er hat ein Hotel. Es heißt wie die Gegend, »Tur Abdin«, Jakop hat es vor ein paar Monaten gleich neben dem alten Kloster Mor Abraham eröffnet. Das Haus aus kunstvoll behauenem Sandstein ist Jakops Manifest. Jeder Raum trägt den Namen eines Dorfes, aus dem die Christen 1915, im »Jahr des Schwertes«, vertrieben wurden: Aynwardo, Kafro, Hah, Sare, Bekusyone. Heute kehren ihre Nachkommen zurück – als Heimwehtouristen. Sie wohnen in Jakops Hotel. Und manche bleiben für immer.

Das ist Jakops Mission: Die Aramäer sollen heimkommen in den Tur Abdin. Das Hotel ist der Brückenkopf seiner Operation: »Die Türken haben uns vertrieben, damit wir versprengt sind. Aber wir haben uns in Europa erst wirklich gefunden. Jetzt kehren wir zurück, damit auf dem Berg der Gottesknechte die Glocken wieder läuten.« Früher gab es im Kloster Mor Gabriel (»Heiliger Gabriel«) Hunderte Mönche, jetzt sind es nur noch drei, plus 14 Nonnen. Aramäer aus der ganzen Welt pilgern hierher. Es ist ihr »zweites Jerusalem«.

Im Juli 2012 entschied das Berufungsgericht in Ankara, dass ein großer Teil der Ländereien des Klosters an den türkischen Staat fallen solle. Schon 2008 hatten die umliegenden Dörfer und staatliche Behörden angefangen, gegen das Kloster zu prozessieren. Drei muslimische Nachbargemeinden begehren Teile des Geländes als Weidegrund für ihre Herden. In den ersten Instanzen gewannen die Mönche und Nonnen. Bis das Gerücht aufkam, das Kloster stehe auf den Fundamenten einer alten Moschee und Jugendliche würden dort »missioniert«. Beide Vorwürfe sind abwegig. Die Klage wurde vom örtlichen Amtsgericht deshalb auch abgewiesen. Da plötzlich schalteten sich das Finanzamt und das Forstamt ein. Die umkämpften Teile des Klosterbesitzes wurden kurzerhand zum »Wald« erklärt – sie werden damit nach türkischem Recht automatisch Eigentum des Staates. Dass der »Wald« aus Sträuchern, Weinreben und von den Nonnen angepflanzten Olivenbäumen besteht, kümmerte das Gericht in Ankara nicht. Das Kloster hat inzwischen in der Türkei alle Rechtsmittel ausgeschöpft, es hofft jetzt auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Jakop Gabriel sitzt auf der Terrasse seines Hotels und fährt mit dem Finger auf der Karte des Tur Abdin hin und her: »Schauen Sie, wie Mor Gabriel hier alles zusammenhält. Das ganze Netz unserer alten Dörfer ist auf das Kloster ausgerichtet. Fällt das Kloster, verlieren die Christen ihren Halt.« Die Prozesse gegen Mor Gabriel sind in seinen Augen nichts als die »Vollendung des Genozids mit anderen Mitteln«. Das Jahr 1915 – das »Jahr des Schwertes« – ist bei den Christen bis heute unvergessen. Die Osmanen vertrieben und ermordeten einen Teil der armenischen Minderheit, darunter auch eine halbe Million syrisch-orthodoxer Christen. Für die Enkel und Urenkel ist die Vergangenheit bis heute nicht vergangen.

Auch Jakop Gabriel kann sich aus der Erinnerung an alte Gräuel nicht befreien. Die Gefährdung des Klosters füttert die alten Ängste: »Schauen Sie sich unsere Dörfer an: In Hasankeyf gab es keine Überlebenden. In Aynwardo sind die Menschen in ihrer eigenen Kirche ausgehungert worden. In Zaz wurden alle massakriert. In Kerburan haben sie die Babys von den Dächern geworfen. Das sind die Geschichten, mit denen wir hier aufgewachsen sind. Die ganze Gegend hier ist ein Killing Field.«

Zurzeit beherbergt das Kloster Mor Abraham wieder verfolgte Christen: Seit drei Monaten hat hier eine vierköpfige Familie Zuflucht gefunden. Sie ist aus Kamischli geflohen, das nur 30 Kilometer entfernt in Syrien liegt. Der Vater, ein Mann Mitte fünfzig, fürchtet Repressalien durch das Assad-Regime und gleichzeitig den Hass islamistischer Befreiungskämpfer, die gegen Christen als Ungläubige und Kollaborateure hetzen.

»Sie sagen, wir waren Nutznießer des Regimes. Die Wahrheit ist: Wir stören sie, weil wir der totalen Islamisierung des Landes im Weg stehen. Ich fürchte, es droht ein Exodus der Christen aus Syrien wie aus dem Irak.«

Der Mann war Rechtsanwalt in Syrien, seine Frau war Lehrerin. Die beiden Töchter sind im Teenageralter.

Die Wohnung in Kamischli hat der Familienvater abgeschlossen, den gesamten Familienbesitz zurückgelassen. Ein Cousin soll aufpassen. Aber der ist auch Christ und wird wohl nicht mehr lange bleiben. Dann ist alles verloren, und für die Familie gibt es kein Zurück.

Also werden sie weiterziehen, falls sie für irgendein Land ein Visum bekommen. Sie werden zu den Millionen orientalischer Christen stoßen, die bereits im Westen sind. Jakop Gabriel dagegen wird am Fuße des Gottesberges die Stellung halten: Ein zweites Mal wird er nicht weichen.

Palästina

Als David Canaan Khoury, der damals in Boston lebte, 1994 vom Erfolg der Osloer Friedensverhandlungen erfuhr, begann es in ihm zu rumoren. Sollte es wirklich bald einen eigenen palästinensischen Staat geben? Da wird man uns Christen brauchen, dachte er. Er musste sofort zurück nach Taybeh, ins Dorf seiner Väter, auf dem höchsten Punkt des Westjordanlands. David Khoury fragte sich: »Was braucht eine Nation?« Und fand auch bald die Antwort: »Eine Hymne, eine Fußballmannschaft und ein Bier.«

18 Jahre später ist der Staat Palästina immer noch nichts weiter als eine Hoffnung. Doch in Taybeh, nicht weit von Ramallah, gibt es das beste Bier des Nahen Ostens. Es trägt den Namen »Taybeh Golden« und wird von Davids Bruder Nadim gebraut – nach dem deutschen Reinheitsgebot mit Gerste aus Bayern, Hopfen und Malz aus Tschechien und Hefe aus England. Weil das Bier danach schmeckt, feiern sie seit ein paar Jahren in Taybeh auch »Oktoberfest«, mit Musik und Tanz.

Taybeh ist das letzte christliche Dorf in Palästina. Auf einer Höhe von fast 1.000 Metern recken drei Kirchtürme ihre Kreuze in den blauen Himmel. Von dort kann man herunterschauen auf die muslimischen Nachbardörfer und den Ring jüdischer Siedlungen. Bei gutem Wetter kann man sogar Jerusalem sehen. Hinfahren kann man nicht. Seit dem blutigen Aufstand der Zweiten Intifada gibt es für Palästinenser aus der Westjordanland keine Passierscheine mehr für die Heilige Stadt. Die Christen haften mit für den islamistischen Terror. Dabei wollen die Dschihadisten nicht nur die Juden, sondern auch die Christen aus dem Land vertreiben. David Khoury ist seit sieben Jahren nicht nur Brau-, sondern auch der Bürgermeister der 1.200 verbliebenen Christen von Taybeh. Seine Familie hatte das Dorf verlassen müssen, als die israelische Armee 1967 im Sechstagekrieg das Westjordanland besetzte. Er wurde in Boston Ingenieur und brachte es mit Immobilien zu Wohlstand. Die alte Heimat blieb als dumpfer Schmerz in der Brust. Doch nie hätte Khoury sich damals vorstellen können, dass er zurückkehren und Politiker werden würde. Heute ist sein kleines Büro in der Dorfverwaltung mit Bildern von Jassir Arafat und Mahmud Abbas geschmückt. Er ist Beamter der Palästinensischen Autonomiebehörde: »Es leben mehr Christen aus Taybeh in Dearborn, Michigan, als hier bei uns. Und immer noch ziehen welche weg, weil ihnen das Leben unter der Besatzung zu schwer wird. Ich kaufe dann die Grundstücke, damit sich die Muslime aus den Nachbardörfern und die jüdischen Siedler nicht hier festsetzen.«

In Taybeh muss keine Frau ein Kopftuch tragen. Die Regierung unter der gemäßigten Fatah-Partei in Ramallah unterstützt Khoury. Sie will die Christen im Land halten. Wenn eines Tages auch hier die Islamisten von Hamas an die Macht kämen, wäre es damit vorbei.

Die Bewohner von Taybeh sind stolz, dass ihr Dorf sogar im Neuen Testament erwähnt wird. Allerdings kommt es im Alten Testament auch schon vor – darauf pochen die radikalen jüdischen Siedler vom Hügel gegenüber. Sie beanspruchen das gesamte historische Judäa, das genau bei Taybeh ans biblische Samaria grenzt. Ihre um sich greifenden Orte schnüren die palästinensischen Dörfer immer weiter ein. Die Siedler haben moderne Straßen, auf denen sie in 20 Minuten von hier nach Jerusalem brausen. Palästinenser dürfen auf diesen Straßen nicht fahren, sie müssen die schlechten, umständlichen Wege durchs biblische Gelände nehmen. Und wenn sie dann noch in einen der unangekündigten »fliegenden Checkpoints« der israelischen Armee geraten, dauert die Fahrt nach Ramallah statt einer Viertelstunde einen Tag. David Khourys Bier wird auf diesen teuren Umwegen exportiert. Fast ein Drittel davon nach Israel, wo coole Tel Aviver Bars Taybeh Golden als Spezialität anbieten. »Drink for Freedom. Taste the Revolution« lautet der Werbespruch. Die Konsumenten ahnen nicht, was sie da trinken.

Vor sieben Jahren entkamen David Khoury und seine Frau Maria nur knapp dem Tod. Davids Cousin stand im Verdacht, eine Affäre mit einer Muslimin aus dem Nachbardorf zu haben. Die Schwangere wurde von Mitgliedern ihres eigenen Clans ermordet, weil sie mit dem Christen aus Taybeh »Schande« über ihre Familie gebracht haben sollte. Ein aufgebrachter Mob aus Nachbarn zog 2005 in einer Septembernacht durch Taybeh. Vierzehn Häuser wurden gebrandschatzt; in letzter Minute konnte die Polizei die Wütenden daran hindern, auch die Brauerei und das Haus der Khourys anzustecken. Das war nicht der letzte bedrohliche Angriff: Vor zwei Jahren haben Unbekannte auf Khoury geschossen, als er sich in seiner Küche einen Kaffee machte. Und einmal wurde sein Auto nachts vor dem eigenen Haus abgefackelt. David Khoury könnte morgen weggehen, er hat noch immer Immobilien in Amerika, von denen sich gut leben ließe. Aber er denkt nicht daran. Lieber steckt er sein ganzes Geld in die Brauerei.

Die Taybeh-Brauerei bietet jetzt sogar vier verschiedene Biersorten an: Ein dunkles, ein bitteres und ein alkoholfreies sind zum Golden noch hinzugekommen. Braucht ein Staat Palästina wirklich vier Biere? 98,5 Prozent seiner Bewohner sind Muslime, die keinen Alkohol trinken dürfen. »Das ist richtig«, sagt Khoury verschmitzt, »aber es halten sich nicht alle dran. Jedes Mal im Fastenmonat Ramadan bricht unser Absatz beim Bier ein.« Nun ist auch noch ist Davids Nichte Madees Khoury in den Betrieb eingestiegen. »Sie ist die erste arabische Bierbrauerin überhaupt«, sagt der Onkel voller Stolz: »Unser Bier ist unser Widerstand mit friedlichen Mitteln.«

Quelle: http://www.zeit.de/2012/52/Christen-Minderheit-Nahost/komplettansicht

Wiege der Christenheit in Gefahr

Washington (idea) – Im Nahen Osten könnten Christen bald zu einer aussterbenden Art werden. Diese Prognose stellt der US-amerikanische Schriftsteller Noah Beck. Gerade in der Wiege der Christenheit – etwa in Syrien, dem Libanon, Irak und Ägypten – seien die Nachfolger Jesu Christi besonders bedroht. Die einzige Ausnahme bilde Israel, wo die Freiheit der Religionsausübung gesichert sei, schreibt der Autor des Romans „The Last Israelis“ (Die letzten Israelis) in einer Kolumne für die Internet-Zeitung Christian Post (Washington). Trotz der muslimischen Vorherrschaft seit dem siebten Jahrhundert hätten die Christen im Nahen Osten bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein rund 20 Prozent der Bevölkerung ausgemacht. Heute seien es noch etwa fünf Prozent, und ihre Zahl gehe stark zurück. Bis 2020 könnte sie sich halbieren – wegen sinkender Geburtenzahlen und zunehmender Verfolgung, die zur Auswanderung führe.

Arabischer Frühling verschlimmert die Lage

Der Arabische Frühling habe die Lebensbedingungen der christlichen Minderheiten verschlechtert. In allen Ländern außer Israel sehe ihre Zukunft düster aus. In Ägypten hätten die Christen, die etwa zehn Prozent der rund 80 Millionen Einwohner stellen, bereits unter dem früheren Alleinherrscher Hosni Mubarak vielfach als „Bürger zweiter Klasse“ leben müssen. Dies werde sich unter Präsident Mohammed Mursi und den radikal-islamischen Muslim-Bruderschaften wahrscheinlich noch verschärfen. Begleitet von schweren Konflikten stimmen die Ägypter derzeit über einen Verfassungsentwurf ab, der stark vom islamischen Religionsgesetz, der Scharia, geprägt ist.

Christen im Libanon in Gefahr

Der Libanon weist laut Beck zwar den höchsten christlichen Bevölkerungsanteil der Region auf – knapp 40 Prozent der 4,3 Millionen Einwohner sind Christen – aber mit dem wachsenden Einfluss der von Iran finanzierten Terrorbewegung Hisbollah verschlimmerten sich auch hier ihre Zukunftsperspektiven. Hinzu komme die Gefahr, dass durch den Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien die Gewalt auch auf den Libanon übergreife. Dann sei eine Auswanderungswelle von Christen vorhersehbar.

Syrien: Was kommt nach Assad?

In Syrien stellten die etwa 2,5 Millionen Christen etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Unter der sozialistischen und oft brutal regierenden Assad-Dynastie hätten sie zumindest einen gewissen Schutz genossen, erläutert Beck. Der könnte nach einem Sturz des Diktators und einer Machtübernahme durch radikal-islamische Kräfte dahin sein. Schon jetzt seien Christen von Aufständischen verfolgt und getötet worden.

Einziger Lichtblick: Israel

Im Irak habe sich die Zahl der Christen nach der Invasion der USA und ihrer Alliierten im Jahr 2003 dezimiert. Mindestens die Hälfte der rund 800.000 Christen habe das Land wegen gewalttätiger Anschläge verlassen. Laut Beck können die Christen im Nahen und Mittleren Osten nur mit Sorge in die Zukunft schauen. Mehr und mehr Länder gestalteten die Staatsordnung auf der Grundlage der Scharia. Der einzige Lichtblick sei Israel; dort seien Christen sicher, schreibt Beck.

Quelle: http://www.idea.de/detail/thema-des-tages/artikel/wiege-der-christenheit-in-gefahr.html

„Die Scharia verhindert wahre Religionsfreiheit“

Unionsfraktionschef Volker Kauder setzt sich für verfolgte Christen ein. Er betont, dass die Muslime zu Deutschland gehören. Auch für sie gelte jedoch das staatliche Recht. Von Robin Alexander und Thomas Vitzthum

 

Der Einsatz für verfolgte Christen ist ein Herzensanliegen Volker Kauders. Oft führen ihn Reisen in Staaten, in denen sie bedrängt werden. Auch ein Buch mit dem Titel „Verfolgte Christen: Einsatz für die Religionsfreiheit“ (Verlag: SCM Hänssler) hat der Unionsfraktionschef geschrieben. Aktuell macht ihm vor allem Ägypten Sorgen.

Welt am Sonntag: Herr Kauder, schon lange beschäftigt Sie die weltweite Christenverfolgung. Wohin geht zurzeit Ihr Blick?

Volker Kauder: In einem wichtigen arabischen Land, in Ägypten, verschlechtert sich die Lage der Christen gerade rapide. Acht Millionen christliche Kopten leben dort – und sie befürchten mehr und mehr, dass sie ihren Glauben bald nicht mehr in ihrem Heimatland leben können. Das ist dramatisch: Die Kopten sind gewissermaßen die direkten Nachkommen der ursprünglichen Einwohner Ägyptens. Die koptischen Christen artikulieren ihre Sorgen auch nicht leichtfertig: Seit der Islamisierung des Landes sehen sie sich seit Hunderten von Jahren als eine Kirche der Märtyrer. Sie sind also Druck gewohnt. Dass sie jetzt so alarmiert sind, zeigt, wie ernst die Lage ist.

Welt am Sonntag: Was ist geschehen?

Kauder: In Ägypten wird derzeit um die Verabschiedung einer neuen Verfassung gestritten. Ursprünglich haben die Kopten an der Formulierung mitgearbeitet, haben dann aber die zuständige Kommission unter Protest verlassen. Denn die Muslimbrüder und die noch radikaleren Salafisten wollen in der neuen Verfassung noch einmal einen Satz stärker betonen, der in vielen islamischen Ländern die Religionsfreiheit schon heute infrage stellt. Der Satz lautet: Die Grundlage des Rechtssystems ist die Scharia. Die Anwendung der Scharia verhindert aber wahre Religionsfreiheit. Aber noch mehr: Er diskriminiert auch die Frauen und schränkt andere Rechte ein.

Welt am Sonntag: Dies ist kein spezielles ägyptisches Problem?

Kauder: Leider nein. Die Religionsfreiheit wird weltweit durch den Islamismus bedroht. Überall dort, wo muslimische Extremisten die Mehrheit haben, wird es für andere Religionen schwierig. Hier müssen wir in jedem einzelnen Fall aufmerksam sein. Die internationale Gemeinschaft – und auch Deutschland – muss entschieden darauf hinweisen: In der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen ist die volle Religionsfreiheit verbrieft. Und darin ist festgeschrieben, was dem Islam die größten Probleme macht: Auch ein Wechsel der Religion gehört zur Religionsfreiheit. Die Charta hat meines Wissens nach auch Ägypten unterschrieben.

Welt am Sonntag: Sollte Deutschland seine Hilfen für Ägypten davon abhängig machen, dass religiöse Freiheiten garantiert werden?

Kauder: Wir arbeiten in der Entwicklungshilfe nicht mit Drohungen, sondern mit einem Dialog. Ich habe persönlich das Gespräch mit dem Vorsitzenden der Partei der Muslimbrüder in Ägypten gesucht. Dabei habe ich ihm schon erklärt, dass wir zum Beispiel nicht für den Tourismus in Ägypten werben können, wenn dort nicht sichergestellt ist, dass man unbehelligt am Sonntag in die Kirche gehen kann.

Welt am Sonntag: Machen wir nicht zu viele Kompromisse? Als die Kanzlerin nach Saudi-Arabien reiste, mussten sich die Reporter Pässe besorgen, in denen kein israelischer Stempel war. Und sie wurden informiert, dass sie christliche Symbole vor der Einreise…

Kauder: …ablegen sollen. Ja, das weiß ich. Wenn Sie als Normalbürger nach Saudi-Arabien einreisen und haben eine Bibel in der Tasche, bekommen sie größte Probleme. Auch deswegen dürfen wir nicht aufhören, über dieses Thema zu reden. Schnelle Erfolge sind nicht zu erwarten, aber es bewegt sich doch was. Allerdings dürfen wir uns auch nichts vormachen. Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern unter Berufung auf seine Lehren ist in vielen Ländern eine besondere Art der Staatsform proklamiert worden, der islamische Staat. Der Unterschied zwischen Christentum und dem vielerorts praktizierten Islam ist also: Das Christentum will den ganzen Menschen. Der Islam, wie er mittlerweile in vielen Staaten gelebt wird, will die ganze Gesellschaft.

Welt am Sonntag: Auch Deutschland ist kein laizistisches Land und hat einen Gottesbezug in der Verfassung.

Kauder: Ja, aber die Bundesrepublik Deutschland ist kein christlicher Staat. Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, wir sind weltanschaulich neutral, aber nicht werteneutral. Aber auch das hat natürlich Folgen: Zu den Werten in unserer Verfassung gehört die Religionsfreiheit. Die Muslime haben das Recht, in unserem Land ihre Moscheen zu bauen und ihren Glauben frei zu leben. Umgekehrt gilt dies für Christen in sehr vielen islamischen Ländern leider nicht. Selbst bei unserem Bündnispartner Türkei müssen wir immer wieder darauf dringen, dass Christen unbedrängt Kirchen bauen dürfen.

Welt am Sonntag: Sie sind Politiker in einer christlichen Partei, in der es auch Muslime gibt. Ihr Vorstandsmitglied Aygul Özkan hat als Ministerin gesagt, dass Kreuze in öffentlichen Einrichtungen nichts zu suchen hätten.

Kauder: Frau Özkan hat diesen Satz nicht wiederholt. Sie ist sicher missverstanden worden. Das Kreuz ist ein christliches Symbol, und unser Land hat nun einmal eine christlich-jüdische Tradition.

Welt am Sonntag: Der Gott des Grundgesetzes ist nicht Allah?

Kauder: Der Gott, der die Mütter und Väter des Grundgesetzes leitete, war der Gott der Christen und der Juden. Muslime waren an der Erarbeitung des Grundgesetzes nicht beteiligt. Deutschland ist auch nach wie vor vom christlich-jüdischen Glauben und der Aufklärung geprägt. Die Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland.

Welt am Sonntag: Passt der Islam nicht zum Grundgesetz?

Kauder: Bei uns darf jede Religion frei ausgeübt werden. Dabei müssen aber auch andere Wertentscheidungen respektiert werden. Wir haben immer wieder Diskussionen, inwieweit etwa das Schächten unter Gesichtspunkten des Tierschutzes zulässig ist. Unsere obersten Gerichte sagten: ja, aber in gewissen Grenzen. Wir haben gerade erste eine Diskussion über die Beschneidung geführt: Auch hier sagt der Gesetzgeber „Ja“, aber wiederum in bestimmten Grenzen. Klar ist aber eins: Bei uns gilt immer das staatliche Recht ohne Wenn und Aber. Das sagt, dass Frauen und Männer gleichzubehandeln sind – egal, wie man immer das islamische Recht interpretiert. Die Gleichbehandlung muss gelten. Eine Paralleljustiz dürften wir zum Beispiel nie dulden.

Welt am Sonntag: Sie mahnen Kritik an islamistischen Regimen an. Aber ein solches ist auch Saudi-Arabien – das jetzt mit deutschen Panzern aufgerüstet werden soll. Wie passt das zusammen?

Kauder: Ich mache viele Veranstaltungen zur weltweiten Christenverfolgung und habe dazu allein in diesem Jahr vor 10.000 Menschen in Deutschland gesprochen. Und in der Tat werde ich dies immer wieder gefragt. Die Antwort ist schwierig, aber ich habe keine andere: Es gibt Situationen, in denen wir als Politiker schuldig werden. Die Interessen unseres Landes und unsere Werte sind nicht immer deckungsgleich. Man kann sie nicht gegeneinander ausspielen. Sie müssen in eine „praktische Konkordanz“ gebracht werden, wie es der große Verfassungsrechter Konrad Hesse formulierte. Es geht um einen Ausgleich. Was das Beispiel Saudi-Arabien angeht: Hier gibt es in der Tat keine Religionsfreiheit und antisemitische Tendenzen. Das Land spielt aber andererseits eine wichtige Rolle als Gegengewicht zum Iran. Es ist eine bittere Ironie: Die Saudis mögen selbst judenfeindlich sein, aber sie sorgen auch dafür, dass der Iran die Juden nicht ins Meer treiben kann.

Welt am Sonntag: Was kann Deutschland dann tun für die verfolgten Christen in der Welt?

Kauder: Wir dürfen nicht lockerlassen. Anfang Februar werde ich nach meinen Plänen wieder in Ägypten sein. Ich will mit der neuen ägyptischen Regierung unter Präsident Mursi sprechen. Ich glaube noch immer, dass eine vernünftige Lösung möglich ist. Obwohl ich schon feststelle, dass Präsident Mursi immer häufiger versucht, die radikalen Vorschläge der Muslimbrüder umzusetzen. Auch mit dem Vorsitzenden der Muslimbrüder im Parlament werde ich versuchen zu reden – und mich anschließend selbstverständlich auch mit koptischen Christen treffen. Es werden sicher intensive Diskussion werden. Aber solche Besuche müssen sein, um deutlich zu machen: Wir lassen nichts auf sich beruhen.

Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article111901333/Die-Scharia-verhindert-wahre-Religionsfreiheit.html

„Religionsfreiheit weltweit durch Islamismus bedroht“

Unionsfraktionschef Volker Kauder warnt: In Ägypten verschlechtere sich die Lage der Christen rapide. Für den Fall weiterer Islamisierung droht er, Werbung für den ägyptischen Tourismus einzustellen. Von Robin Alexander

Unionsfraktionschef Volker Kauder hat die Behandlung von Christen in Ägypten beklagt und Kairo mit Konsequenzen gedroht. „In Ägypten verschlechtert sich die Lage der Christen gerade rapide“, sagte Kauder der „Welt am Sonntag“.

„Acht Millionen christliche Kopten leben dort und sie befürchten mehr und mehr, dass sie ihren Glauben bald nicht mehr in ihrem Heimatland leben können. Das ist dramatisch.“

Kauder drohte damit, die Werbung für den ägyptischen Tourismus einzustellen. Er habe dem Vorsitzenden der Partei der Muslimbrüder in Ägypten schon erklärt, dass „wir zum Beispiel nicht für den Tourismus in Ägypten werben können, wenn dort nicht sichergestellt ist, dass man unbehelligt am Sonntag in die Kirche gehen kann“.

Kauder kündigte für den Anfang des kommenden Jahres eine Reise nach Ägypten an. „Ich will mit der neuen ägyptischen Regierung unter Präsident Mursi sprechen“, sagte Kauder. „Ich glaube noch immer, dass eine vernünftige Lösung möglich ist. Obwohl ich schon feststelle, dass Präsident Mursi immer häufiger versucht, die radikalen Vorschläge der Muslimbrüder umzusetzen.“

„Religionsfreiheit durch Islamismus bedroht”

Die Muslimbrüder und die noch radikaleren Salafisten wollten in der neuen ägyptischen Verfassung den Satz stärker betonen, die Grundlage des Rechtssystems sei die Scharia. „Die Anwendung der Scharia verhindert aber wahre Religionsfreiheit. Er diskriminiert auch die Frauen und schränkt andere Rechte ein“, so Kauder.

Die Entwicklung in Ägypten sei kein Einzelfall, sondern drohe auch in anderen muslimischen Ländern: „Die Religionsfreiheit wird weltweit durch den Islamismus bedroht. Überall dort, wo muslimische Extremisten die Mehrheit haben, wird es für andere Religionen schwierig“, sagte er.

Globale Christenverfolgung

Globale Christenverfolgung

Die Weltöffentlichkeit war geschockt, als sie vom Attentat in Ägypten am Neujahrstag 2011 erfuhr: 23 koptisch-orthodoxe Christen starben vor einer koptischen Kirche in Alexandria. Durch dieses Attentat wurde eine Mauer des Schweigens gebrochen, die die Themen „Christenverfolgung“ und „Missachtung der Religionsfreiheit“ aus innerkirchlichen Kreisen in die Medien katapultierte. Soldaten der Bundeswehr, die auf dem Balkan, im Mittelmeerraum, in Afrika oder Afghanistan im dienstlichen Einsatz sind, werden immer wieder mit diesen Konflikten konfrontiert. Deshalb müssen ihnen im Rahmen der Inneren Führung Antworten an die Hand gegeben werden. (1/2011)

Nachbildung eines Mosaiks aus Rom einer Christenhinrichtung durch Tierhatz

Christenverfolgung (Quelle: Commons/Ihle)

Die Berichterstattung im Januar 2011 zum Attentat in Ägypten macht deutlich, dass es sich bei diesem Anschlag auf Christen nicht um einen Einzelfall handelt. An Weihnachten 2009 wurden sechs koptische Christen in Nag Hammadi erschossen. Im Oktober 2005 gab es in Alexandria einen Gewaltausbruch von Muslimen gegenüber Christen, bei Globale Christenverfolgung In vielen Ländern herrscht eine strukturelle Missachtung der Religionsfreiheit denen drei Menschen getötet, sieben Kirchen beschädigt und eine Nonne durch eine Messerattacke schwer verletzt wurde. 2002 wurden nach der Einweihung einer koptischen Kirche in der ägyptischen Provinz Minia elf Kopten verletzt.

2001 schließlich kamen bei Massakern in der ägyptischen Kleinstadt El Kosheh 21 koptische Christen zu Tode. Die koptischen Christen bilden die größte christliche Gemeinschaft im Nahen und Mittleren Osten. Mit rund acht Millionen Menschen stellen sie rund zehn Prozent der Bevölkerung Ägyptens. Nicht nur heute ist die Lage der Kopten in Ägypten politisch schwierig, sondern auch über weite Strecken ihrer fast zweitausendjährigen Geschichte, und insbesondere seit der islamischen Eroberung Ägyptens Mitte des 7. Jahrhunderts. In heutiger Rückschau stellt sich die Geschichte der Kopten als eine Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung dar.

Bedrohungen durch al-Qaida

Kirchenhistoriker schätzen, dass rund zwei Millionen Kopten seit Gründung ihrer Kirche im ersten nachchristlichen Jahrhundert durch den um 67 n. Chr. verstorbenen Evangelisten und Märtyrer Markus – zugleich erster Bischof von Alexandria – ihr Leben verloren. Hierfür lassen sich verschiedene Ursachen anführen, die teilweise im Selbstverständnis der Kopten begründet liegen. In der koptischen Sprache gibt es zahlreiche griechische Wörter, die der Zeit der Ptolomäer entstammen, deren Herrschaft in Ägypten mit Kleopatra 30 v. Chr. politisch zu Ende ging. Der Begriff „Kopte“ lässt sich auf das altgriechische Wort „aigyptos“ zurückführen: Die koptische Glaubensgemeinschaft in Ägypten betrachtet sich als Erbe des pharaonischen Ägypten – so wie die römisch-katholischen Christen enge Bezüge zu den alten Römern aufweisen. In der koptischen Wahrnehmung erscheint der Islam in Ägypten als ein Fremdkörper, der zumindest nicht unmittelbar an das altägyptische Erbe der Pharaonen anknüpfen kann.

Koptische Christen lebten also schon lange in Ägypten, bevor der Islam de facto Staatsreligion am Nil wurde. Zwar garantiert die Islamische Republik Ägypten heute Religionsfreiheit, doch der Alltag sieht anders aus. So kommt es zu Entführungen von ägyptischen Christinnen durch Muslime, die nach ihrer Zwangsislamisierung mit einem ägyptischen Muslim zwangsverheiratet werden. Immer wieder flammen interreligiöse Feindseligkeiten auf, die 1928 mit der Gründung der Muslim-Bruderschaft durch den ägyptischen Fundamentalisten Hasan al-Banna begannen und die allmählich die politische Lage zuungunsten der koptischen Christen veränderten. Inzwischen berufen sich die islamistischen Terrororganisationen Hamas, Hisbollah, al-Qaida, Taliban und die Kaukasus-Islamisten auf die Schriften dieser Muslim-Bruderschaft und auf ihren Gründer Hassan al-Banna (1906- 1946), der Gewaltausübung gegen Christen und die Zwangsislamisierung von Christen als gerechtfertigt ansah. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden in Alexandria beschuldigten die islamistische Terrororganisation al-Qaida, hinter dem Attentat vom Neujahrstag 2011 zu stecken.

Koptisches Kreuz

Strukturelle Missachtung der Religionsfreiheit (Quelle: Commons/Sagredo)

Christenverfolgung seit der römischen Antike

Die Verfolgung von Christen ist im Prinzip nichts Neues und bereits seit der römischen Antike bekannt. Christenverfolgungen im Imperium Romanum dienten zur Unterdrückung der Christen, zunächst als spontane, lokal oder regional begrenzte, später als kaiserlich gesamtstaatlich angeordnete Maßnahmen. Bekanntlich war Stephanus, dessen Steinigung vor den Toren von Jerusalem durch Saulus, dem späteren Paulus, beaufsichtigt wurde, das erste (Märtyrer-)Opfer einer Christenverfolgung. Es folgten die römischen Kaiser Nero (54-68), Domitian (81-96), Severus (193- 211), Decius (249-251), Valerian (253-260) und Diokletian (303-311), die Christen verfolgen und töten ließen. So kamen etwa Petrus und Paulus während der Herrschaft des Nero durch Kreuzigung zu Tode.

Die römischen Machthaber nahmen die Christen mit ihrer monotheistischen Religion als eine Bedrohung ihrer Macht wahr. Für sie war es nicht hinnehmbar, wenn einzelne Christen den Kaiserkult verweigerten, da sie dies zu Aufrührern und Feinden des Reiches klassifizierte. Erst mit dem so genannten Toleranz-Edikt von Mailand 313 n. Chr. durch Kaiser Konstantin und mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion 381 n. Chr. durch Kaiser Theodosius endete die Verfolgung der Christen in der römischen Antike.

Zitat

Weltweite Verfolgung von Christen heute

Christenverfolgungen im heutigen Sinne hat es im europäischen Mittelalter nicht gegeben, allenfalls die Verfolgung von sogenannten Ketzern, die nicht mit dem christlichen Glauben der Amtskirche übereinstimmten. Hingegen wurden im Orient mit der Ausbreitung des Islam seit Beginn des 7. Jahrhunderts – gerade auch in Ägypten – in unterschiedlicher Intensität und Häufigkeit immer wieder Christen verfolgt und zwangsislamisiert. Die Diskriminierung und Verfolgung von Christen ist heute Teil eines weltweiten Phänomens, das auch die Region des Nahen und Mittleren Osten betrifft. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, stellt fest: „Christen sind gegenwärtig die Religionsgemeinschaft auf der Welt, die den stärksten Bedrohungen ausgesetzt ist.“

Die Evangelische Allianz gibt an, dass alle drei Minuten ein Christ wegen seines Glaubens hingerichtet wird, vor allem in islamischen Ländern. Laut der katholischen Kirche Schweiz werden jährlich rund 100.000 Christen aufgrund ihres Glaubens von Muslimen ermordet oder zu Tode gefoltert. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte ist jeder zehnte Christ auf dieser Erde ein Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Eine Studie des christlichen Missions- und Hilfswerks Open Doors von 2009 stützt die Aussage Kauders. Sie kommt ebenfalls zu dem Resultat, dass das Christentum die weltweit meistverfolgte Religion ist. Open Doors hat mit seinem Weltverfolgungsindex eine Rangliste von fünfzig Staaten erstellt, in denen Christenverfolgungen vorkommen. Die Grundlage der Studie bildet ein Fragebogen aus fünfzig Fragen. Die Studie ergibt, dass Christen in Ländern des Islam (z.B. Saudi-Arabien), in Ländern mit kommunistisch-totalitären Strukturen (z.B. Nordkorea) und in Ländern mit sozialen Unruhen oder langjährigen Rebellenaufständen (z.B. Nepal) verfolgt werden.

Porträt Volker Kauder

Volker Kauder (Quelle: CDU/CSU)

Immer wieder werden Seelsorger der deutschen Militärseelsorge mit Fällen von Diskriminierung und Verfolgung von Christen im Ausland konfrontiert. In Afghanistan hat sich die Situation für die wenigen Christen – weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung – nach Angaben von Open Doors dramatisch verschärft. Im April 2010 forderte der stellvertretende Parlamentspräsident Abdul Satter Khowasi die Festnahme und öffentliche Hinrichtung von Menschen, die vom Islam zum Christentum übertreten. Viele Christen in Afghanistan sind untergetaucht oder aus dem Land geflohen. Open Doors zufolge wurde 2010 ein Christ festgenommen, zwei weitere Christen wurden als vermisst gemeldet. Schon seit einigen Jahren ist das Problem der Christenverfolgung virulent. So war etwa die Frage der freien Religionsausübung für Christen in China und auf der arabischen Halbinsel bereits im Jahr 2000 ein großes Problem, und bis heute befinden sich die Christen in diesen Ländern in Not.

Andererseits bleibt nach wie vor das Herstellen von Öffentlichkeit eines der wichtigsten Instrumente, um auf die weltweite Christenverfolgung aufmerksam zu machen. Ein weiteres Mittel zur Thematisierung der weltweiten Christenverfolgung besteht darin, dass Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Volker Kauder das Thema Religionsfreiheit und Christenverfolgung bei offiziellen Besuchen im Ausland ansprechen oder dass politische Einrichtungen oder Stiftungen sich im In- und Ausland auf Tagungen und Veranstaltungen damit befassen. Im Herbst 2006 veranstaltete etwa die CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Anhörung zur politischen Verfolgung von Christen. Unter den zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die bei dieser Anhörung mitwirkten und die sich seit vielen Jahrzehnten mit dem Thema Christenverfolgung intensiv auseinandersetzen, ist vor allem das internationale katholische, 1947 gegründete, Hilfswerk Kirche in Not.

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Missachtung der Religionsfreiheit

Das Land, das Christen heute am härtesten verfolgt, ist Nordkorea. Das Regime des abgeschotteten Staates wertet jedwede religiöse Aktivität als Angriff auf die sozialistischen Prinzipien Nordkoreas. Christen droht in Nordkorea Gefängnis, Arbeitslager oder Hinrichtung. Im Mai 2010 entdeckten nordkoreanische Polizisten eine christliche Hauskirche mit 23 Gläubigen in der Provinz Pyungsung. Drei Gemeindemitglieder wurden sofort zum Tode verurteilt, die übrigen zwanzig kamen in ein Arbeitslager. Ähnlich probematisch ist die Situation der Christen im Iran und im Irak. So kamen Ende Oktober 2010 bei einem Attentat in der Kirche „Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe“ in Bagdad mehr als fünfzig Christen ums Leben.

Aus Angst vor Anschlägen und wegen des großen gesellschaftlichen Druckes verlassen heute viele christliche Frauen nur noch verschleiert ihre Häuser. In Bagdad ist erst kürzlich das Institut für Musik an der Universität Bagdad geschlossen worden, da Musik mit der Scharia, dem islamischen Recht, nicht vereinbar sei. Von den ursprünglich rund einer Million Christen im Irak sind heute nur noch rund 300.000 übrig. Viele irakische Christen fliehen ins Ausland, vor allem in den Libanon. Zudem hat sich die Christenverfolgung in anderen Ländern verschärft. In Kamerun beispielsweise will al- Qaida im Bündnis mit islamischen Fundamentalisten Christen aus dem Land vertreiben und religiöse Unruhen anfachen.

Aus Nigeria dringen islamische Gotteskrieger nach Kamerun ein und hetzen mit Flugblättern und Gewalt gegen Christen. Junge Muslime werden aufgefordert, Christinnen zu heiraten und sie zum Übertritt in den Islam zu zwingen. In Eritrea sitzen über 200 Christen ihres Glaubens wegen in Haft, darunter 16 Pfarrer. Christen werden verhaftet und unter Druck gesetzt, ihrem Glauben zugunsten des Islam abzuschwören. In Somalia werden Christen als Menschen zweiter Klasse behandelt. 2006 wurde eine italienische Nonne in Mogadishu von islamistischen Rebellen erschossen.

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Christenverfolgung als Kampf gegen westlichen Einfluss

Ungeachtet der Verhandlungen mit der Europäischen Union führen im laizistischen Vorzeigestaat Türkei Christen ein Dasein als Bürger zweiter Klasse. Bestes Beispiel waren die mit großen Schwierigkeiten verbundenen Bemühungen des Erzbistums Köln, die als Museum genutzte christliche Kirche in Tarsus im Paulusjahr 2008/2009 und grundsätzlich für Gottesdienste zu öffnen. Nahezu aussichtlos sind in der Türkei Aktivitäten, die auf den Bau von christlichen Gemeindezentren und Kirchen zielen. Überall in der Türkei, etwa auch in der Kopftuchfrage, ist der verstärkte Einfluss des Islam und des Islamismus spürbar. Nach der Vertreibung der christlichen Griechen aus der Türkei stellen die Christen heute weniger als ein Prozent der Bevölkerung – Tendenz sinkend.

Der Fall Türkei macht aber auch deutlich: Im Ausland werden christliche Religion und Kultur vielfach als westlich und als eine politische Bedrohung durch das Abendland wahrgenommen. Es ist ein Paradoxon: Zum einen stehen die römischkatholische Kirche und das Pontifikat von Benedikt XVI. für das abendländische Erbe mit seinen jüdischen, griechischen, römischen, ägyptischen und germanischen Wurzeln. Zum anderen sind die christlichen Religionsgemeinschaften in Europa durch Säkularisierung und Wertewandel in ihrer Existenz gefährdet. Der Islam hingegen ist im arabischen Sprach- und Kulturraum beheimatet und bislang nur in geringem Umfang mit Säkularisierung und Wertewandel sowie den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft konfrontiert. Damit sind im Ergebnis (gesellschafts-)politische und kulturelle Spannungen vorgezeichnet, die bis heute zwischen Christentum und Islam weltweit wirken.

Diese religiösen Spannungen kommen auch in Nigeria zum tragen, wo mit der Scharia gegen Christen vorgegangen wird. In Saudi-Arabien, der Heimat des Islam, gibt es keine Rechte für Christen: In der Öffentlichkeit dürfen keine christlichen Symbole gezeigt werden, das Lesen in der Bibel oder Versammlungen zu Gottesdiensten oder Bibelkreisen sind verboten. Im Sudan und auf den Malediven kommt es zu Terror gegen Christen. Auf den Malediven droht einheimischen Muslimen bei einem Religionswechsel der Verlust der Staatsbürgerschaft. Radio Vatikan berichtete, dass im Sommer 2001 vier Katholiken im Sudan verhaftet, ausgepeitscht und dann lebend gekreuzigt wurden. In Pakistan werden Christen verhaftet und zum Tode verurteilt. Indonesien entwickelt sich immer mehr zu einem islamischen Gottesstaat, in dem Christen keinen Platz mehr haben; allein in den vergangenen zwei Jahren sind in Indonesien 1.300 Gebäude der katholischen Kirche schwer beschädigt worden.

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Achtung der Religionsfreiheit und das Ende der weltweiten Christenverfolgung

Die Kultur Ägyptens ist heute vom Islam geprägt. Wie im christlichen Mittelalter, als Staat und Kirche in Europa eine Einheit bildeten und alle Lebensbereiche der damaligen Menschen erfasste, so umgreift auch der Islam viele Lebensräume muslimischer Ägypter. Das wird besonders deutlich, wenn in Ägypten der Muezzin fünf Mal am Tag laut zum Gebet ruft und dann die Arbeit ruht, ob in Banken oder Reisebüros. Selbst in westlich geprägten Fitnessstudios finden sich Gebetsräume, um die Einheit von Glaube und Alltag zu demonstrieren. Die Vereinten Nationen mahnen, dass das Menschenrecht auf Religionsausübung überall auf der Welt gilt und geachtet werden sollte.

Christen müssen frei überall auf der Welt ihren Glauben bekennen dürfen. Die weltweite Verfolgung von Christen, wie sie schon seit langer Zeit stattfindet, ist nicht akzeptabel und weder mit der Charta der Vereinten Nationen noch mit der UN-Menschenrechtscharta vereinbar. Die Achtung der Religionsfreiheit stellt keine Antwort des Westens dar und sie bedeutet auch keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Vielmehr bildet sie mit anderen Menschenrechten die Grundlage internationaler Politik und des Völkerrechts. Zur universellen Geltung der Menschenrechte und der Achtung der Religionsfreiheit gibt es keine Alternative.

Quelle: http://www.if-zeitschrift.de/portal/a/ifz/!ut/p/c4/JYvBCsIwEAX_KJsoSPVmKYj0pgdtLyVp1hhokrJuLYgfb4JvYC7Dgx4yUb-90-xT1BPcoRv9wazCrBYH__gIfmLAKMyC5JCGF2vNcCtHi2JMEbmYMbLPdqQ5kZgT8VTKQpSL8BY6qZpabdVG_qe-1alvrzu5r5pzfYE5hOMPZ1ZidQ!!/