• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
    Max Frisch

    „Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft …
    Man muss in einer Demokratie auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie zu beseitigen!”
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„Karikaturen“ gab es damals auch schon

Und zwar am 19. März 1839 in Maschhad im Iran:

Ein Pogrom bricht in der iranischen Stadt Maschhad aus, der Heimat von etwa 2.500 Juden. Die Stadt wird durch Gerüchte erregt, dass die Juden sich über den Islam lustig machen. Die Öffentlichkeit appelliert an ihre religiösen Führer, die sich an den politischen Führer der Stadt wenden, der der Menge die Erlaubnis erteilt, ihren Zorn an den Juden auszulassen.

Ein wütender Mob stürmt das jüdische Viertel und brennt die Synagoge nieder, zerstört jüdische Häuser und Geschäfte, entführt jüdische Mädchen, tötet etwa 40 Juden und verletzt viele mehr. Der Rest der Juden wird gezwungen, dem Judentum abzuschwören und den Islam anzunehmen oder zu sterben.

Die Gemeinde kapituliert vor dieser Forderung und ihre Mitglieder werden „Jadid al-Islam“ – neue Muslime. Sie nehmen arabischen Namen an, beginnen die Rituale des Islam zu befolgen – einschließlich der Hajj Pilgerfahrt nach Mekka -, leben aber zur gleichen Zeit heimlich als Juden weiter.

Erst nach dem Aufstieg Reza Pahlavi, dem Vater des letzten Schahs, an die Macht im Jahre 1925 und dem Beginn einer Periode der sozialen Liberalisierung, die Religionsfreiheit beinhaltet, kehren die Juden, die noch in Mashhad lebten, dazu zurück, ihren Glauben offen zu praktizieren.

Kommt einem doch irgendwie bekannt vor: Auch in Dänemark am 30. September 2005 erregten sich Moslems darüber, dass sich andere über den Islam lustig machen und wandten sich an ihre religiösen Führer in Ägypten, die dann wiederum eine Riesenwelle in Europa und der ganzen Welt lostraten.

Oder in Pakistan, wo durch ein Blasphemie-Gesetz, das den Islam vor Beleidigungen schützen soll, viele Menschen sehr schnell zu Opfern von Tod und Brandschatzung werden, weil Moslems sie ohne weitere Belege verklagen und die aufgepeitschte Menge dann der Gerechtigkeit „nachhilft“.

Die Empörung der Moslems über Ungläubige, die angeblich den Islam despektierlich angehen, ist kein Phänomen der Neuzeit. Schaut man heute nach z.B. nach Pakistan oder Nigeria, kommen dabei auch wieder viele Menschen ums Leben: Atheisten, Christen, Juden, Moslems und viele andere.

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Tribunal der Gutmenschen

Martin Luther hätte schlechte Karten, wollte er sich in diesem Herbst um den vakanten Posten des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland bewerben. Ein wachsamer Chronist hätte sich erinnert, dass der Reformator bei einer seiner Tischreden gesagt hat:

„Armut ist in der Stadt groß, aber die Faulheit viel größer.“

Am nächsten Tag hätte der Satz in allen Zeitungen gestanden, ein Empörungschoral wäre aufgebrandet mit dem Cantus firmus:

Tief betroffen vernehm‘ ich solch menschenverachtend‘ Wort.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hätten den Unruhestifter zum spätabendlichen Tribunal geladen. Um die Sache gleich umfassend zu klären, hätte neben dem Moderator nicht nur eine prominente Grünen-Politikerin gesessen, sondern auch eine der Herausgeberinnen der „Bibel in gerechter Sprache“, die Luther vorgehalten hätte, welch abscheulicher Sexist er sei. Der Vertreter des Zentralrats der Juden hätte abgesagt mit dem Hinweis, er ertrage es nicht, sich mit einem ausgewiesenen Antisemiten an einen Tisch zu setzen. Stattdessen hätte die Redaktion einen Gast muslimischen Glaubens hinzu gebeten, der Luther als Türkenhasser und Kreuzzügler entlarvt hätte. Eine alleinerziehende Mutter (Hartz IV, protestantisch, engagiertes Kirchenmitglied, überlegt jetzt auszutreten) wäre in dem Gefecht wahrscheinlich nicht zu Wort gekommen, hätte aber die ganze Zeit auf ihrem Betroffenenstühlchen gesessen, und die Regie hätte sie uns oft im Bild gezeigt. Der Polterer selbst hätte das Fernsehstudio kaum verlassen, ohne seine Ankläger mindestens einmal als „Hure“, „Rotzlöffel“ oder „Schwein aus der Herde Epikurs“ bezeichnet zu haben. Binnen eines Tages wäre Martin Luther als Kandidat für den Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland erledigt gewesen.

Nein, Thilo Sarrazin ist nicht der Luther des frühen 21. Jahrhunderts. Dafür sind seine Thesen zu wenig neu und radikal, dafür ist er im Auftritt nicht grob genug. Umso deutlicher beweisen die Vorgänge der letzten Wochen, wie empfindlich die politisch-medialen Nerven sind, wenn ein öffentlicher Redner das Feld des freundlich Konsensfähigen, des sprachlich Wattierten verlässt – und dass in der Bevölkerung das Bedürfnis nach Figuren wächst, die genau dies wagen.

Die Kommentatoren machen es sich zu einfach, wenn sie hinter der Zustimmung, die Sarrazin erfährt, den alten deutschen Mob wittern, der nun dabei sein soll, sich nach 65 Jahren Winterschlaf wieder wach zu räkeln. Es ist nicht die Sehnsucht nach Blut und Boden, die Hunderttausende in die Buchhandlungen treibt und „Deutschland schafft sich ab“ kaufen lässt. Es ist die Sehnsucht nach aufrechten Streitern. Nach kernigen, unangepassten Figuren, die sagen, was sie meinen. Und meinen, was sie sagen. Die bereit sind, ihre Positionen stur zu vertreten und nicht eben mal einen knalligen Provokationsballon aufsteigen lassen, von dem jedem klar ist, dass ihm beim ersten Gegenwind ohnehin die Luft ausgehen wird.
Die farblosen, uniformen „Bunten“. Wir haben eine ostdeutsche Kanzlerin, einen Außenminister, der soeben seinen Lebensgefährten geheiratet hat, einen jugendlichen Gesundheitsminister vietnamesischer Herkunft, einen Bundespräsidenten mit „Patchworkfamilie“: Noch nie war das Personal, das unseren politisch-öffentlichen Diskurs bestimmt, „bunter“ als heute. Noch nie wirkte es so farblos, gehemmt und uniform. Die einst gesellschaftlich Marginalisierten sind im Zentrum der Macht angekommen. Dort agieren sie, als wollten sie sich und uns permanent beweisen, dass sie vor allen Dingen eins sind: nichts Besonderes, biederer Durchschnitt, ganz normal. Der Eindruck verstärkt sich, gut geölten Politrobotern beim Funktionieren zuzuschauen. Bisweilen möchte man ihnen an die Brust klopfen und fragen: „Hallo, ist da noch wer zu Hause?“

Politik ist ein seelenloses, technokratisches Geschäft geworden. Begriffe wie „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ und „Bildungs-Chip“ zeugen davon. Um die real existierende Kälte in gefühlte Wärme zu verwandeln, ist es nötig, möglichst viel von „den Menschen“ zu sprechen. Auf deren „Bedürfnisse“ man eingehen wolle. Die man nicht „ausgrenzen“ dürfe, sondern „in die Mitte nehmen“ bzw. „abholen“ müsse.

Je weniger unsere Politiker die Leute emotional erreichen, desto menschelnder wird ihr Ton. Der Beifall, den Thilo Sarrazin erhält, ist in erster Linie ein Aufschrei derjenigen, die den verlogenen Kuschelsound nicht mehr ertragen. Deshalb ist es doppelt schockierend zu sehen, wie unfähig unsere politische Klasse ist, dem „Provokateur“ oder „Spalter“ anders zu begegnen als mit noch höheren Dosen eben jenes Lullefix, gegen das der Störenfried zu Felde zieht.

Ein Lieblingsvorwurf lautet: Sarrazin differenziere nicht genug. Es sei beleidigend und diskriminierend, alle Muslime in diesem Land über einen Kamm zu scheren und pauschal in Frage zu stellen, dass auch sie einen kulturellen, sozialen und ökonomischen Beitrag zum Gedeihen dieses Landes leisteten. Ich frage mich: Inwiefern differenzieren die Gutmeinenden, die uns seit Jahren quer durch alle Parteien vorbeten, Deutschlands Öffnung hin zu einer „bunten Republik“ stelle eine „Bereicherung“ dar? Ist dieser Satz, der bis vor kurzem auf fast jedem Podium artig beklatscht wurde, nicht ebenso dumm wie sein Gegenteil?

Die nüchterne Wahrheit lautet: Manche Einwanderer bereichern dieses Land. Andere tragen zu seiner Verarmung und Verwahrlosung bei. Die größte Gruppe macht ihren Job, lebt hier ein unauffälliges, unspektakuläres Leben. Wir freuen uns, dass es so ist. Aber was, außer dem herzerhebenden Gefühl, ein guter Mensch zu sein, wird gewonnen, wenn der offizielle Diskurs darauf besteht, das höchst komplexe Gesamtphänomen Einwanderung uns pauschal als „Bereicherung“ zu verkaufen? Um eine täglich unübersichtlicher werdende Wirklichkeit in den Blick und vielleicht auch in den Griff zu bekommen, ist der Euphemismus das noch ungeeignetere Mittel als die Polemik.

Dennoch genießt der Euphemist uneingeschränkt den Schutz der Meinungsfreiheit. Der Polemiker hingegen riskiert ein Verfahren wegen Volksverhetzung. Als Sarrazin sich im vergangenen Herbst in seinem berüchtigten Lettre-Interview über die „Kopftuchmädchen“ ausließ, nahm die Staatsanwaltschaft Berlin Ermittlungen gegen ihn wegen des Anfangsverdachts auf Volksverhetzung auf. Das Verfahren wurde eingestellt. Nach Erscheinen seines Buches haben der Vorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg und mehrere Anwälte abermals Strafanzeige gegen den Autor erstattet. Die Bundeskanzlerin dürfte darin nichts sehen, das eine Demokratin beunruhigen sollte, im Gegenteil, hat sie doch selbst das inkriminierte Werk, von dem sie zugibt, es nicht gelesen zu haben, noch vor dessen Erscheinen als „wenig hilfreich“ abgekanzelt und in einem Interview der Frankfurter Allgemeine Zeitung vor knapp zwei Wochen bestätigt, dass es nicht nötig sei, das Buch zu lesen, um sich ein finales Urteil darüber zu bilden. Welch kurzsichtiges Verständnis von Meinungsfreiheit drückt sich hier aus, wenn Angela Merkel es sich nicht nehmen lässt, im selben Zeitraum die Festrede bei der Verleihung eines deutschen Medienpreises an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard zu halten, der seit seiner Mohammed-Zeichnung von Islamisten mit dem Tod bedroht wird? Der Bundeskanzlerin scheint die schale Ironie zu entgehen, die sich ergibt, wenn sie Kurt Westergaard bescheinigt, er müsse solche Karikaturen zeichnen dürfen, „egal ob wir sie für nötig und hilfreich halten oder eben nicht“, und bei ihrer Festrede als „Geheimnis der Freiheit“ den „Mut“ preist. Ist Meinungsfreiheit erst dort in Gefahr, wo unliebsame Autoren und Künstler mit dem Tod bedroht bzw. tatsächlich attackiert werden? Lässt sich in einem demokratisch triftigen Sinne von Meinungsfreiheit reden, wenn das unausgesprochene Gesetz lautet: Natürlich darf bei uns jeder offen seine Meinung sagen – nur soll er, bitte, nicht glauben, er könne dann noch ein relevantes öffentliches Amt bekleiden oder anstreben?

Es ist wohl Merkmal aller etablierten Machtsysteme, dass sie diejenigen in die obersten Positionen spülen, die sich auf dem Weg dorthin haben kieselrund schleifen lassen. In totalitären Systemen werden die Charaktere mit Ecken und Kanten gleich abgeholt – und zwar nicht in der neuen philanthropischen Bedeutung des Wortes. In einer demokratisch verfassten Gesellschaft wie der unseren duldet man sie als Hofnarren.
„Respekt“ ohne Selbstrespekt. Ernüchtert stellt man fest, dass auch die Demokratie den Opportunismus, das Duckmäusertum befördert. Gewiss: Dem Abweichler drohen hier weder Gefängnis noch Folter noch Tod. Sondern der Karriereknick. Es ist übertrieben, auf Sarrazin, den sein Buch nicht den Kopf, sondern seinen Job als Bundesbanker kostete, das große Wort „Märtyrer“ anzuwenden. Die vielen, die am privaten Stammtisch ebenso reden wie er und flugs auf Rechtschaffenheitsrhetorik umschalten, sobald ein Mikrofon angeht, darf man jedoch getrost Feiglinge nennen.

Solange es renommierte Publikumsverlage gibt, die ein Buch wie das von Sarrazin drucken, solange es Veranstalter gibt, die den Autor einladen, solange es also eine wache und offene Zivilgesellschaft gibt, muss man der Meinungsfreiheit in Deutschland noch keine Kerze anzünden. Politische Versuche, die Meinungsfreiheit einzuschränken, wie der Vorstoß der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan, die im vergangenen Sommer die Medienvertreter ihres Landes darauf verpflichten wollte, über „Sachverhalte und Herausforderungen der Integration“ künftig nur noch in „kultursensibler Sprache“ zu berichten, scheitern bislang an ihrer Unbeholfenheit. Die Frage ist bloß, wohin dieses Land driftet, wenn sich die Kluft zwischen der Zivilgesellschaft und der politischen Klasse weiter öffnet.

Ein humanistisch gebildeter Berserker wie Franz Josef Strauß würde es heute allenfalls zum Bezirksbürgermeister von München-Maxvorstadt bringen. Politiker, an denen man sich stoßen, reiben kann, die man tief liebt oder aus ganzer Seele hasst, sind von der Bühne verschwunden. Das heutige politische Personal lädt sein Wahlvolk dazu ein, sich mit ihm möglichst kollisionsfrei zu arrangieren. Der öffentliche Diskurs ruckelt quietschend vor sich hin, wie soll es auch anders sein, wenn zum guten Ton gehört, nur noch mit taktisch angezogener Handbremse zu reden.

Freundlichkeit, Behutsamkeit, auch im sprachlichen Miteinander, können eine Gesellschaft vitalisieren, Kräfte freisetzen. Ebenso gut können sie das Mäntelchen sein, mit dem die eigene Orientierungslosigkeit kaschiert wird. „Respekt“ ohne Selbstrespekt ist entweder eine hilflose oder eine verlogene Geste. Im politisch korrekten Sprechen und Lavieren drückt sich die Hoffnung aus, das individuelle Seelenheil zu retten, indem man öffentlich so tut, als ob man allen Stolz hätte fahren lassen.

2017 feiern wir den fünfhundertsten Jahrestag des lutherschen Thesenanschlags zu Wittenberg. Es schadet nichts, sich heute schon an seine 32. These zu erinnern:

„Die werden samt ihren Meistern in die ewige Verdammnis fahren, die da vermeinen, durch Ablassbriefe ihrer Seligkeit gewiss zu sein.“

Thea Dorn
ist Schriftstellerin, Dramaturgin und Moderatorin in Berlin. Bekannt wurde die promovierte Philosophin zunächst mit Kriminalromanen wie „Berliner Aufklärung“ oder „Hirnkönigin“. Zuletzt erschienene Bücher wie „Die Brut“ oder „Mädchenmörder. Ein Liebesroman“ gehen weit über die Grenzen des Krimi-Genres hinaus.

Dorn ist Autorin erfolgreicher Theaterstücke (z.B. „Marleni“ über Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl, Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus, 2000) und moderiert die Sendung „Literatur im Foyer“ des SWR sowie in ARTE die Talkshow „Paris-Berlin“.

Thea Dorn, die ihr Pseudonym in Anlehnung an Theodor W. Adorno gewählt hat, versteht sich als agnostische Humanistin.

Der Artikel, den Thea Dorn freundlicherweise der „Presse“ zur Verfügung gestellt hat, ist auch in der „Zeit“ vom 30. 9. erschienen.
© Thea Dorn Kerstin Ehmer Berlin, Reuters

via die Presse

War Hitler ein Linker?

Ein schon etwas älterer Artikel der TAZ (hört, hört), der eine interessante Frage aufwirft: Wie weit waren eigentlich Kommunisten und Nationalsozialisten von einander entfernt? Nicht so weit, meint der Autor.

Die Diskussion um den politischen Standort des deutschen Nationalsozialismus ist nie gründlich geführt worden. Klar ist jedenfalls: Zeit seines Bestehens hatte er mehr mit dem Totalitarismus Stalins gemein als mit dem Faschismus Mussolinis

von JOACHIM FEST

Manche guten Gründe sprechen dafür, dass der Nationalsozialismus politisch eher auf die linke als auf die rechte Seite gehört. Jedenfalls hatte er Zeit seines Bestehens mit dem Totalitarismus Stalins mehr gemein als mit dem Faschismus Mussolinis. Im Italien der Zwanziger- und Dreißigerjahre gab es immer noch die herkömmlichen Klassenunterschiede, während Hitler, nicht anders als die Sozialisten aller Schattierungen, die soziale Gleichschaltung vorantrieb. Auch hat er nach der so genannten Machtergreifung, anders als manche Angehörigen der Oberklassen hofften, die 1918 verloren gegangenen Vorrechte nicht wiederhergestellt. Stattdessen hat er den von Marx herkommenden Begriff der klassenlosen Gesellschaft einfach durch die Vokabel der „Volksgemeinschaft“ ersetzt und den immer noch Furcht erregend sozialistisch klingenden Begriff als eine Art ständiger Verbrüderungsfeier verkauft. Eine wie tiefe und anhaltende Sehnsucht der Deutschen er damit ansprach, geht nicht zuletzt daraus hervor, dass die Öffentlichkeit des Landes sich noch immer im Konsens am besten aufgehoben fühlt. Der nach festen Spielregeln ausgetragene Konflikt, der zu den elementaren Voraussetzungen demokratischer Ordnungen zählt, steht bei uns in keinem hohen Ansehen. Stattdessen huldigt alle Welt einer Gleichheitsidee, zu deren Eigenart nicht nur gleiche Startbedingungen gehören. Hierzulande will man auch, dass alle gleichzeitig im Ziel einlaufen. Niemand soll den anderen übertreffen.

Bekanntlich hat Hitler keine Produktionsmittel verstaatlicht. Damit ist für marxistischen Ideologen die Frage, ob Hitler samt seinem Programm sozialistisch genannt werden könne, ein für allemal beantwortet. Tatsächlich hatte Hitler einen weit klügeren Einfall. Er sozialisierte, in eigenen Worten, „nicht die Betriebe, sondern den Menschen“. Auf diese Weise hat er politisch, wirtschaftlich und sozial viel bewunderte Erfolge erzielt. Ein Wortführer des Kapitalismus im hergebrachten Sinne war er jedenfalls nicht. Nicht ohne Grund sprach eines der populärsten Schlagworte der Epoche von der „antikapitalistischen Sehnsucht“, die die Zeit erfülle. Und nicht zufällig stammte diese Formel von einem der führenden Nationalsozialisten aus dem engsten Kreis um Hitler, Gregor Strasser. Zweifellos jedenfalls empfand sich keiner der SA-Leute, die unter der Hakenkreuzfahne durch Moabit oder Steglitz marschierten, als Parteigänger irgendeiner „Reaktion“. Wie die Kolonnen der Linken auch, sahen sie sich als Vorhut grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen – auch sie wollten die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Mit ihnen ziehe, wie sie glaubten und sangen, die neue Zeit. Als im Frühjahr 1933 ganze kommunistische Kampfformationen geschlossen in die SA übertraten, wurde das von den roten Parteisoldaten keineswegs als Bruch empfunden, und der Berliner Volkswitz, der diese Einheiten als „Bulettenstürme“ verhöhnte („außen braun, innen rot“) deckt auf, wie nahe beieinander auch die Öffentlichkeit die einen und die anderen wahrnahm. Man wechselte sozusagen nur den Anführer und die Fahne, nicht einmal die Treffkneipe. Im Herzen blieb man Sozialist, nur dass man von nun an auch noch national sein durfte, kein „Vaterlandsverräter“ der Komintern. Wer da nicht zum Mitmachen bereit gewesen wäre!

Noch viele weitere Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus lassen sich anführen, auch tiefer reichende. Wie häufig haben gerade die unversöhnlichsten Rivalen auf politischem Feld immer etwas von feindlichen Zwillingen. Auch in diesem Falle verhielt es sich so. Beide Epochengegner, die sich so erbittert bekämpften, träumten den Traum vom „Neuen Menschen“, der mit ihnen erst die Möglichkeit erlange, sich auf Erden zu verwirklichen; beide machten sich, wenn auch mit scheinbar gegensätzlichen Parolen, auf die Suche nach dem vor Zeiten verlorenen Paradies. Und beide hassten mehr als alles andere die bürgerliche Welt. Wer sich die Jubelschreie in Erinnerung ruft, mit der führende Nationalsozialisten die Zerstörungen der deutschen Städte im Bombenkrieg begrüßten, erhält einen Begriff von der Radikalität ihres Hasses: Goebbels sprach von den „Gefängnismauern“ der bourgeoisen Welt, die jetzt endlich „in Klump geschlagen“ würden, und Robert Ley „atmete auf“: Endlich sei es „vorbei mit der Welt“, die sie verabscheuten. Ein Echo solcher komplexen Erfüllungsgefühle im Untergang des einen Regimes war auch im Aufstieg des anderen vernehmbar: In den frühen Jahren der DDR, als die Machthaber die Reste der bürgerlichen Welt syste-matisch bis auf die innersten Strukturen zerstörten.

Aufs Ganze gesehen ist die Diskussion über den politischen Standort des Nationalsozialismus nie gründlich geführt worden. Stattdessen hat man zahlreiche Versuche unternommen, jede Verwandtschaft von Hitlerbewegung und Sozialismus zu bestreiten. Um den Kommunismus denkbar weit vom Nationalsozialismus wegzurücken, ist sogar der totalitäre Charakter des Kommunismus geraume Zeit bestritten worden. Das ist inzwischen gescheitert. Die Verheißungsszenarien, die von der einen wie der anderen Seite entworfen wurden, haben nicht allzu lange gedauert. Im Fall des Nationalsozialismus wurden sie nur etwas über zehn Jahre, im Sozialismus immerhin fast drei Generationen lang exekutiert. Beide haben die Menschheit unendlich viele Opfer gekostet – Abermillionen bei diesen wie bei jenen.

Der auffallendste Unterschied bleibt, dass der Nationalsozialismus sich schon im Programm unmenschlich ausnahm, während der Sozialismus in verschiedenen humanitären Maskeraden auftrat. Zu lernen ist aus dieser Erfahrung, dass alle Ideologien, was immer sie den Menschen weismachen, nie halten, was sie versprechen. Auf dem Papier wirken sie stellenweise verführerisch. Aber wer sich von der Zeit belehrt weiß und vor allem genauer hinsieht, entdeckt im Hintergrund all der idyllisch-egalitären Kulissen stets das nackte Grauen.

via taz.de

Wie ein Holocaust-Überlebender den Islam sieht

Ein Mann, dessen Familie vor dem Zweiten Weltkrieg zur deutschen Aristokratie gehörte, war Besitzer großer Industriefirmen und Ländereien. Seine Antwort auf die Frage, wie viele Deutsche echte Nazis waren, kann eine Anleitung für unsere Haltung zu Fanatismus sein.

„Sehr wenige waren echte Nazis“, sagte er. „Aber viele freuten sich über die Rückkehr deutschen Stolzes. Und viele weitere waren einfach zu beschäftigt, um sich darum zu kümmern. Ich war einer von denen, die nur dachten, die Nazis seien ein Haufen Deppen. Die Mehrheit lehnte sich also zurück und ließ alles geschehen. Bevor wir wussten, wie uns geschah, gehörten wir ihnen; wir hatten die Kontrolle verloren und das Ende der Welt war gekommen. Meine Familie verlor alles. Ich endete in einem Konzentrationslager und die Alliierten zerstörten meine Fabriken.“

Uns wird immer wieder von „Experten“ und „Fernseh-Talkern“ gesagt, der Islam sei die Religion des Friedens und die überwiegende Mehrheit der Muslime wolle einfach nur in Frieden leben. Obwohl diese untaugliche Annahme wahr sein könnte, ist sie völlig irrelevant. Sie ist bedeutungsloser Fussel, der dafür sorgen soll, dass wir uns besser fühlen und irgendwie das Gespenst von im Namen des Islam über den Globus tobenden Fanatiker abschwächen soll.

Fakt ist, dass

  • die Fanatiker zu diesem Zeitpunkt der Geschichte den Islam beherrschen.
  • Es sind die Fanatiker, die marschieren.
  • Es sind die Fanatiker, die jeden der weltweit derzeit 50 akuten Kriege führen.
  • Es sind die Fanatiker, die überall in Afrika systematisch Christen oder Stämme abschlachten und
  • Stück für Stück auf dem gesamten Kontinent mit einer islamischen Welle die Macht ergreifen.
  • Es sind die Fanatiker, die bomben, enthaupten, morden und ehrenmorden.
  • Es sind die Fanatiker, die eine Moschee nach der anderen übernehmen.
  • Es sind die Fanatiker, die eifrig die Steinigung und das Erhängen von Vergewaltigungsopfern und Homosexuellen verbreiten.
  • Es sind die Fanatiker, die ihre Jugend das Töten lehren und Selbstmordbomber zu werden.

Die harte, quantifizierbare Tatsache ist: Die friedliche Mehrheit, die „schweigende Mehrheit“ ist eingeschüchtert und irrelevant.

Das kommunistische Russland setzte sich aus Russen zusammen, die einfach in Frieden leben wollten; doch die russischen Kommunisten waren für die Ermordung von rund 20 Millionen Menschen verantwortlich. Die friedliche Mehrheit war irrelevant. Chinas riesige Bevölkerung war ebenfalls friedfertig, aber die chinesischen Kommunisten schafften es gigantische 70 Millionen Menschen umzubringen.

Der Durchschnitts-Japaner vor dem Zweiten Weltkrieg war kein kriegslüsterner Sadist. Aber Japan ermordete und schlachtete in einer Tötungsorgie sich durch Südost-Asien, zu der die systematische Ermordung von 12 Millionen chinesischen Zivilisten gehörte, die zum größten Teil mit Schwert, Schaufel und Bayonett getötet wurden.

Und wer kann Ruanda vergessen, das in Metzelei zusammenbrach. Könnte man nicht sagen, dass die Mehrheit der Ruaner „friedliebend“ war?

Die Lektionen der Geschichte sind oft unglaublich einfach und unverblümt, doch bei aller Macht der Vernunft verpassen wir oft die grundlegendsten und unkompliziertesten Dinge:

Friedliebende Muslime sind durch ihr Schweigen irrelevant gemacht worden.

Friedliebende Muslime werden zu unseren Feinden werden, wenn sie nicht den Mund aufmachen; denn wie mein Freund aus Deutschland werden sie eines Tages aufwachen und feststellen, dass sie den Fanatikern gehören und das Ende ihrer Welt begonnen hat.

Friedliebende Deutsche, Japaner, Chinesen, Russen, Ruander, Serben, Afghanen, Iraker, Palästinenser, Somalis, Nigerianer, Algerier und viele andere sind gestorben, weil die friedliebende Mehrheit den Mund nicht aufmachte, bis es zu spät war. Was uns angeht, die wir das alles sich entfalten sehen, so dürfen wir unsere Aufmerksamkeit nur der einen Gruppe widmen, die zählt – den Fanatikern, die unsere Lebensordnung bedrohen.

via heplev

Das englische Original von Paul E. Marek aus Saskatoon, Canada findet sich hier.

Vor dem Liebesentzug

Claudio Casula at his best oder Wer schon immer einmal verstehen wollte, was der Sechs-Tage-Krieg 1967 wirklich war – und was nicht:
Fast 43 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg hat die kollektive Gedächtnisschwäche den legitimen Präventivschlag Israels längst zu einem Eroberungsfeldzug umgedeutet. Das sah am 12. Juni 1967, dem Tag nach dem Waffenstillstand, noch ganz anders aus. Einer der schönsten Beweise dafür ist der Spiegel Nr. 25, der just an jenem Tag erschien. Damals kam niemandem in den Sinn, hinter dem Erstschlag gegen einen zum Krieg entschlossenen Feind einen heimtückischen Überfall auf arglose Nachbarstaaten zum Zwecke der Landnahme bzw. der Herrschaft über ein anderes Volk zu wähnen. Damals klangen den Menschen noch die Vernichtungsdrohungen Nassers im Ohr, hatten sie die Bilder von aufgehetzten Massen in Kairo vor Augen, die den Juden lautstark den Tod wünschten. Damals hätte man einem, der, wie die Initiative „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina” dieser Tage, den „historischen Ausgangspunkt des Nahostkonflikts” am 5. Juni 1967 festgemacht hätte, den Vogel gezeigt.

Die Titelgeschichten des Spiegel waren seinerzeit zwar deutlich weniger aufgebläht als heute, aber auch auf sieben Seiten wäre genügend Platz gewesen, wenigstens einmal die “Palästinenser” zu erwähnen. Von wegen: Vor 40 Jahren sprach man noch von Arabern, die Westbank war seit dem Unabhängigkeitskrieg von Jordanien besetzt und annektiert, der Gazastreifen stand unter ägyptischer Verwaltung. Ein palästinensisches Nationalgefühl sollte sich erst unter israelischer Besatzung entwickeln, das Recht der „Palästinenser” auf Unabhängigkeit, das heute von jedem Kaninchenzüchterverein angemahnt wird, war schlicht kein Thema.

Nun kann man natürlich sagen: Am 12. Juni 1967 war gerade mal der Gefechtslärm verklungen, da spielten die Folgen des Krieges noch keine Rolle. Und tatsächlich merkt man dem Ton des Artikels an, dass die Autoren noch unter dem Eindruck des ebenso überraschenden wie überwältigenden militärischen Sieges des israelischen David gegen den arabischen Goliath standen und den Perspektivwechsel – die unbarmherzige israelische Militärmaschinerie hüben und die armen, schwachen und gedemütigten Palästinenser drüben – noch lange nicht vollzogen hatten. Bisweilen gingen mit den Redakteuren in ihrer Euphorie über den sensationellen Kriegsverlauf und auch in ihrer Häme gegen die großmäuligen Araber, denen das Volk Israel „aufs Haupt” geschlagen habe, die Gäule durch. Da führt Israel einen „Blitzkrieg“, da rollen sie „wie Rommel”, da zerschlagen die „gepanzerten Söhne Zions den arabischen Einkreisungsring um Israel“. Soviel Pathos und Getröte im Wochenschau-Style wirkt im Licht des kalten Liebesentzugs, mit dem das Nachrichtenmagazin den jüdischen Staat in den folgenden Jahrzehnten strafte, zutiefst verstörend.

Immerhin: An den Ursachen der Kämpfe war nicht zu rütteln, und der Spiegel benannte sie: der Abzug der UN-Truppen aus dem Sinai nach Nassers Ultimatum, die Sperrung der Meerenge von Tiran, aber vor allem die aggressive Rhetorik der arabischen Führer, der „Heilige Krieg der Araber“, der „panarabische Nationalismus“, die sowjetische Ermutigung der Araber zum Krieg, der „Aufmarsch der Araber“, der „die Israelis so in die Enge (trieb), dass diese zum Präventivschlag gedrängt wurden.”

,Das Ende Israels ist gekommen’ verkündete Radio Kairo auf hebräisch, als der Krieg begann. Ein kleines, dem Völkermord entronnenes Volk trat zum Existenzkampf gegen einen erbarmungslosen Feind an.

Geht einem da nicht das Herz auf? 1982 sollte sich das allerdings schon ganz anders anhören. Da schrieb Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein nämlich:

Wohl aber stand damals schon fest, dass Israel im technischen Sinne und für die Araber auch im moralischen Sinne der Aggressor war. Es wollte haben, was anderen gehörte und was ohne Krieg nicht zu haben war.

Dabei hatte Rudolf „Alzheimer” Augstein höchstpersönlich im Spiegel Nr. 25/1967 in seinem Kommentar „Israel soll leben” (!) keinen Zweifel an der Kriegsursache aufkommen lassen:

Die arabischen Gegner wollten ihm nicht ein Stück Land oder eine Konzession fortnehmen. Sie hatten es auf seine Existenz abgesehen.

Bingo! Genau das ist der Punkt, heute wie vor 80 Jahren: die Weigerung der Araber, einen jüdischen Staat im Nahen Osten zu akzeptieren. Ginge es nur um die palästinensische Eigenstaatlichkeit, um ein paar Quadratkilometer Land hier oder dort, um die Verteilung des Wassers – der Nahost-Konflikt wäre längst gelöst.

Was heute als „Überreaktion” gegeißelt würde, war im Juni 1967 jedem Menschen, der noch seine Sinne beisammen hatte, absolut klar. Muss man „ein Land verteidigen, das an seiner schmalsten Stelle nur 14 Kilometer breit ist”, sollte man tunlichst als Erster ziehen. Denn:

„Kein Punkt liegt weiter als 50 Kilometer von der Grenze eines arabischen Nachbarstaates entfernt. Der nördliche Teil kann in ganzer Breite von Jordanien (also nicht von „Palästina”, C.C.) aus mit Artillerie belegt werden.“

Was ja auch, notabene, der Grund dafür ist, dass Israel die Höhenzüge Samarias niemals an Hamas, Fatah oder eine andere Judenmörderbande abtreten wird, wenn es nicht allzu scharf darauf ist, sich ins eigene Schwert zu stürzen. Daran möge man jeden erinnern, der auf dem vollständigen Rückzug Israels aus allen 1967 eroberten Gebieten als selbstverständliche Voraussetzung für eine Einigung mit den Palästinensern beharrt.

Ein Land mit so ungünstiger Militärgeographie lässt sich nicht defensiv, sondern nur offensiv schützen. Um zu verhindern, dass die aufmarschierten arabischen Armeen das Land von allen Seiten zugleich angriffen, in mehrere Teile zerschnitten und die Verteidiger ins Meer trieben, rief General Dayan – wie 1956 – zum Angriff.

Eine Binse, die im Jahr 43 nach dem Sechstagekrieg leider aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist. Bei der Lektüre der Spiegel-Titel-Story reibt man sich immer wieder verwundert die Augen. Kann das wirklich sein, hat man das so gedruckt? Man hat. Den Redakteur allerdings, der die Araber als „die seit Jahrhunderten degenerierten Nachfahren des Propheten Mohammed” zu bezeichnen wagte, die mit den Arabern der frühen Heldenepoche „nur noch den Hang zum Fabulieren” gemeinsam hätten, würde man heute kopfüber aus einem Fenster in der Brandstwiete hängen.

Der Hauptgrund für die Perpetuierung des Nahost-Konflikts, die Negierung des Existenzrechts Israels, war damals – und ist natürlich auch heute noch – die chronische Realitätsverweigerung der Araber. Wer eisern auf seinen vermeintlich heiligen Rechten beharrt und ausschließlich in Kategorien der Ehre und der Rache zu denken vermag, wird nie zu einem Kompromiss fähig sein. Der Spiegel stellt denn auch fest: „Die Araber dürsten nach Parolen und Pathos” – woran sich bis heute nichts geändert hat, wenn man sich die Rhetorik etwa der Hamas mit ihrem inflationären Gebrauch von Begriffen wie Blut, Ehre, Volk, Märtyrer etc. vergegenwärtigt – und zitiert den „britischen Araberfreund” und Ex-Staatssekretär Nutting mit den Worten:

„Wie kaum ein anderes Volk denken und handeln sie emotionell und irrational“.

Schöner kann man es nicht sagen. Wer noch nie begriffen hat, warum die Palästinenser im Sommer 2000 das Angebot der staatlichen Unabhängigkeit am grünen Tisch ablehnten, statt dessen lieber die Bürger des militärisch überlegenen Israel in Linienbussen ermordeten und so letztlich eine für sie verheerende Gegenoffensive provozierten, mit anderen Worten: sich mit Gewalt von einem Stärkeren holen wollten, was dieser freiwillig herzugeben bereit war, sollte sich Nuttings Satz hinter den Badezimmerspiegel klemmen.

Der Spiegel schrieb also schon mal anders über den israelisch-arabischen Konflikt. Und wie sah es mit den Lesern aus? Nun, Idioten und Antisemiten sowie antisemitische Idioten gab es schon damals. Einer von ihnen, der seinen Leserbrief an das Magazin ein paar Tage zu früh in den Briefkasten gesteckt hatte, soll hier in voller Länge zitiert werden: Klaus Seibel aus dem westfälischen Siegen, ein Judenhasser, der sich etwas vorschnell auf die zweite Endlösung durch die Araber freute und am Erscheinungstag gewünscht haben dürfte, dass sich der Boden unter ihm auftut:

Zu meiner Überraschung las ich, dass sich 70 bis 80 Freiwillige für Israel im Kampf gegen die ehrenhafte Arabische Liga gemeldet haben. Ich selbst würde mich gern bei einer geeigneten Meldestelle für Nasser melden. Bekanntlich ist Israel schon seit dem Altertum Weltunruheherd Nummer eins. Die Pestbeule muss aufgeschnitten werden, sie ist längst reif. Somit rufe ich Nasser und meinen Gesinnungsgenossen als Kampfparole zu: „Macht kurzen Prozess”.

Dumm gelaufen, Klaus.

Dann schickte Allah … Adolf Hitler

Nachdem die Vollversammlung der Vereinten Nationen im November 1947 für die Teilung Palästinas in einen jüdischen und arabischen Staat gestimmt hatte, klagten die palästinensischen Araber, dass man sie für die Sünden anderer „zahlen lasse“: Es seien die Nazis gewesen, die sechs Millionen Juden ermordet hätten, die Weltgemeinschaft aber habe eine Wiedergutmachung durch Vergabe großer Teile Palästinas an die Juden beschlossen – Land, das die Araber einzig und allein als ihres betrachteten.

Eine solche Klage setzt voraus, dass die Palästinenser an dem, was von 1939 bis 1945 in Europa geschah, ganz unbeteiligt und schuldlos waren. Das historische Zeugnis jedoch ist komplexer, wie einige neue historische Arbeiten zeigen. Zum einen tragen die Palästinenser eine indirekte Verantwortung für den Holocaust
insofern, als ihre anti-britische und anti-zionistische Revolte 1936-1939 die Briten dazu veranlasste, eine weitere Immigration europäischer Juden nach Palästina fast völlig zu unterbinden. Die angelsächsische Welt, darunter Großbritannien und die Vereinigten Staaten, hatte ihre Tür schon geschlossen, die meisten europäischen Juden – denen die Ermordung durch die Nazis drohte – hatten keinen Fluchtpunkt mehr. Daran, dass sich die letzte Zuflucht schloss, waren die palästinensischen Araber maßgeblich beteiligt.

[…] Die Nazi-Propaganda gab wiederholt der „jüdischen Gier“ die Schuld an internen Problemen arabischer Länder. Im Januar 1942 kabelte ein britischer Beamter von Kairo nach London:

„Ohne Zweifel glauben 90 Prozent der Ägypter, darunter auch ihre Regierung, dass hauptsächlich die Juden für die Engpässe und die hohen Preise des Lebensnotwendigen verantwortlich sind.“

Als Rommels Afrikakorps vor den Toren Ägyptens stand, sendete Berlin am 7. Juli 1942:

„Soll das Leben der ägyptischen Nation gerettet werden, (dann müssen) die Ägypter sich wie ein Mann erheben und die Juden töten, bevor diese die Chance haben, das ägyptische Volk zu betrügen. Es ist die Pflicht der Ägypter, die Juden zu vernichten und ihren Besitz zu zerstören … sie sind die Quelle aller Plagen, die über die Länder des Ostens gekommen sind … Araber Syriens, Iraks und Palästinas, worauf wartet ihr? Die Juden planen, eure Frauen zu vergewaltigen, eure Kinder zu ermorden …“

In einer Sendung aus Bari erklärten die deutschen Propagandisten, aus einer Rede, die Husseini [der Führer der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung Haj Amin al-Husseini] in Rom gehalten hatte, zitierend,

„dass die Juden die Errichtung ihrer nationalen Heimstatt nicht allein in Syrien, im Libanon, Transjordanien und Ägypten, sondern auch in allen arabischen Nachbarstaaten geplant haben.“

Husseini sendete am 1. März 1944:

„Erhebt euch. Erhebt euch wie ein Mann für eure geheiligten Rechte. Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, Geschichte und Religion.“ Seine Mindestforderung war die Vertreibung der Juden aus „allen arabischen und muslimischen Ländern. „Scheut keine Anstrengung, sodass nicht ein einziger Jude … in den arabischen Ländern bleibt“, mahnte er.

Die Juden Arabiens waren von Mohammed im siebten Jahrhundert vertrieben worden. Doch das antisemitische Erbe war nach wie vor sehr mächtig auf der Halbinsel und wurde durch die Kriegssendungen noch einmal verstärkt. Ein amerikanischer Diplomat, der am 30. Oktober [1944] aus Dschidda berichtete, zitierte den saudischen König Abdul Aziz ibn Saud mit den Worten:

„Die Juden … sind eine gefährliche … Rasse … Wir Muslime … hassen sie … Unser Hass auf diese sündige und böse Rasse wächst Tag für Tag, bis es unser einziges Streben ist, sie alle zu erschlagen … Wir Muslime werden kämpfen und sie abschlachten, bis wir sie von unserem Land vertrieben haben. Allah sei Dank haben wir keine Juden in unserem Königreich, und nie werden wir einem Juden gestatten, es zu betreten …“

In seinem Buch untersucht Herf die Schriften Said Qutbs aus den späten Vierziger und Fünfziger Jahren, eines ägyptischen Theologen, der heute als al-Qaidas geistiger Pate gilt. Herf sieht ihn als Bindeglied zwischen der Nazi-Husseini-Kriegspropaganda und dem islamistischen Antisemitismus der Gegenwart. Qutb stellte die Juden als auf die Vernichtung des Islam Versessene dar.

Die Verbindung, die er herstellte, passt in eine Nussschale:

„Die Juden kehrten zum Bösen zurück … die Muslime vertrieben sie von der Arabischen Halbinsel … Die Juden kehrten abermals zum Bösen zurück … dann schickte Allah Hitler, sie zu beherrschen (!!). Und heute sind die Juden einmal mehr zum Bösen zurückgekehrt, in Gestalt ‚Israels‘, das die Araber … Weh und Sorge hat schmecken lassen.“ Also werde Allah ihnen, schrieb er, bald „die schlimmste Strafe zumessen.“

Schlimm, wie die NS-Ideologie sich damals mit dem islamischen Antisemitismus verzahnte und heute noch nachwirkt. Aber man muss das immer im Auge behalten, denn der Iran, die palästinensische Führung und andere versuchen Israel in folgenden, o.g. Licht erscheinen zu lassen:
„Die Europäer und insbesondere die Deutschen haben den Juden Schreckliches angetan und man kann auch über Schadensersatz für die Juden – z.B. über ein eigenes Land – reden, aber was haben die armen Palästinenser damit zu tun und wieso müssen die Palästinenser unter Israel leiden???“

Der Opfer gedenken

Eine Bemerkung des irakischen Publizisten Basem Muhammad Habib aus diesem Frühjahr:

»Anstatt die Geschichtlichkeit des Holocausts anzuzweifeln, sollten wir die jüdischen politischen Führer für ihr Interesse an den jüdischen Holocaust-Opfern und an der fortwährenden Erinnerung an diese Schreckenstaten bewundern. Sie widmen der Erinnerung an die Opfer viel Zeit und Mühe, dokumentieren deren Strapazen und kämpfen für die Rechte der Überlebenden, wo immer sie sich auch aufhalten mögen.

Das ist etwas, was wir äußerst selten in unserer Region beobachten, wo Menschen wegen den trivialsten Gründen getötet werden und ihr Leiden und ihr Schmerz dann schnell in Vergessenheit geraten. Im Irak, zum Beispiel, wurden Hunderttausende von Menschen unter Saddam Husseins Regime umgebracht. Dennoch haben wir noch nie von einem Vorhaben gehört, das anstrebt, dieser Opfer zu gedenken.«

via jungle-world

An den Holocaust zu denken und ihn als immerwährende Mahnung zu verstehen, ist absolut richtig. Mag es auch manchen Menschen stinken, dass es ausgerechnet die Juden waren, die dieses „Privileg“ hatten.