• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
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    „Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft …
    Man muss in einer Demokratie auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie zu beseitigen!”
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„Wir Christen feiern Weihnachten in Angst“

Shemun (60) aus Mosul (Irak) trauert um seinen 23-jährigen Sohn, der von Islamisten entführt und ermordet wurde: „Wie jeder Vater würde ich alles dafür geben, dass sie mich an seiner Stelle genommen hätten“

Shemun (60) aus Mosul (Irak) trauert um seinen 23-jährigen Sohn, der von Islamisten entführt und ermordet wurde: „Wie jeder Vater würde ich alles dafür geben, dass sie mich an seiner Stelle genommen hätten“

Die Enthauptung seines Sohnes hat Shemun* auf DVD bekommen. Die Mörder hatten sie der Leiche beigelegt. Als Shemun sie vom Leichenschauhaus der Polizeistation in Mosul abholte, gab der Polizist ihm den Film mit. Darauf war zu sehen, dass Benjamin nicht mit einem Schlag enthauptet wurde, sondern mit vier: von vorne, von hinten, von den Seiten. Erst dann wurde der Kopf vom Rumpf getrennt. So, meinen die Islamisten, gefällt es Allah. Shemun schreit, als er seinen 23-jährigen Jungen so zugerichtet sieht. Er solle doch froh sein, sagt der Polizist, dass sein Sohn wenigstens nach islamischem Ritus gestorben sei. Das sei doch für einen Ungläubigen wie ihn ohnehin die einzige Rettung. Und dann sagt er einen Satz, den verfolgte Christen schon seit zweitausend Jahren zu hören bekommen: „Wenn es euren Gott gibt, warum rettet er euch dann nicht?“

Benjamin ist nur ein Opfer der zunehmenden Christenverfolgung. Christen sind heute die am meisten verfolgte Glaubensgemeinschaft der Welt. Weltweit sind 100 Millionen Christen wegen ihres Glaubens von Verfolgung, Misshandlung oder Tod bedroht, meldet das christliche Hilfswerk Open Doors.

Besonders in den Ländern des sogenannten Arabischen Frühlings haben die Übergriffe zugenommen. Überall da, wo ein Machtvakuum entsteht, versammeln sich Islamisten aus aller Welt zum „Heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“.

In Syrien, Ägypten und dem Irak werden Kirchen zerstört und Christen bedroht, viele fliehen nach Europa. Im vergangenen Jahr beantragten über 2200 von ihnen allein aus dem Irak und Syrien in Deutschland Asyl. Aus dem Irak sind seit dem Sturz Saddam Husseins etwa 1,5 Millionen Christen geflohen. Und von den 300 000, die noch im Land sind, wollen die meisten weg.

Nora ist eine von ihnen, auch wenn sie weiß, dass ihr Mann das nicht gewollt hätte. Yahkup, der ein angesehener Professor an der Universität von Mosul war, hatte dem Terror nie klein beigeben wollen. Auch nicht als die Bedrohungen gegen die Christen zunahmen und er für seine Apotheke Schutzgeld zahlen musste. Wir Christen gehören in den Irak, hatte er Nora gesagt, hier ist unser Ursprung, hier sollen unsere Töchter aufwachsen.

Nora bereitete gerade das erste Geburtstagsfest für die jüngere Tochter Nahrin vor, als Yahkup an einem schwülen Tag im August entführt wurde. Die Entführer forderten 50 000 Dollar Lösegeld, das Nora sich in der Familie und von Freunden lieh. Einen Tag nach der Geldübergabe wurde Yahkups Leiche am Straßenrand gefunden. Er war noch am Tag der Entführung erschossen worden.

„Wenn sie dich gleich erschießen, das ist noch gnädig“, sagt Nora. Häufig werden Opfer der Islamisten gefoltert und vergewaltigt, dann grausam hingerichtet. Die neunjährige Tochter einer Bekannten wurde aus dem Schulbus entführt, über einen Monat gefangen gehalten, häufig vergewaltigt, dann vor der Freilassung beschnitten. Das Mädchen spricht seitdem nicht mehr.

Einer anderen, die für ihre zweijährige Tochter kein Lösegeld zahlen konnte, wurde der Kopf des Kindes in einem Paket zugestellt. „Die Islamisten sagen: ‚Treffe einen starken Mann da, wo er schwach ist.‘ Und die Schwäche sind die Kinder“, sagt Nora.

Weil die Islamisten ihre grausamen Taten häufig filmen, haben sich Angst und Grauen in den christlichen Gemeinden schnell verbreitet. Die Filme von Vergewaltigungen und Hinrichtungen werden entweder an die Familien geschickt oder ins Netz gestellt. Wer dort nach Hinrichtungen von „Ungläubigen“ sucht, wird schnell fündig. Erklärtes Ziel des „Heiligen Krieges“ ist die Vernichtung der Christen.

Shemun und Nora haben ihr Hab und Gut zurückgelassen und sind mit ihren Familien in den kurdischen Nordirak geflohen. Hier sind die Christen noch sicherer als im Süden. Keiner kann sagen, wie lange das noch so bleibt.

Nora hat ihren Mädchen nicht erzählt, was mit ihrem Vater geschehen ist und warum sie geflohen sind. Sie wollte keinen Hass und keine Angst in ihnen schüren. Erst als die Mädchen in der Schule hörten, dass der Islam die einzig wahre Religion sei und sie konvertieren sollten, sagte sie ihnen die Wahrheit. Seitdem, sagt sie, liegt sie jede Nacht wach. „Ich möchte einfach nur einen Ort finden, an dem wir in Sicherheit als Christen leben können“, sagt Nora.

* alle Namen geändert

Quelle: http://www.bild.de/politik/ausland/irak/wir-sind-christen-und-feiern-weihnachten-in-angst-27778974.bild.html

Volker Kauder: Über Christenverfolgung nicht schweigen

Volker Kauder

Über Christenverfolgung nicht schweigen

Christen haben weltweit am stärksten unter Bedrängnis und Verfolgung zu leiden. Doch diese erschreckende Tatsache ist durch die Medien in Deutschland, von den Kirchen, aber auch in der deutschen Öffentlichkeit lange nicht wirklich wahrgenommen worden. Dabei gibt es Schätzungen, dass Christen zunehmend von Diskriminierung, Bedrängnis und Gewalt betroffen sind. Manche Organisationen sprechen für das Jahr 2009 bereits von etwa 100 Millionen betroffenen Menschen.

Benachteiligung, Bedrängnis und Verfolgung gehen vielfach ineinander über und lassen sich in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern beobachten.

Christliche Konvertiten im Iran und anderen islamisch geprägten Ländern, Christen in den Nuba-Bergen im Sudan, aber auch evangelikale Christen in Eritrea sind aufgrund ihres Bekenntnisses direkt vom Tode bedroht. Terroristen wie die „Boko Haram“ in Nigeria oder die al-Shabaab- Milizen in Kenia zerstören gezielt Kirchen und töten Gottesdienstbesucher. In den Wirren, die der „Arabische Frühling“ nach sich gezogen hat, stehen die traditionellen christlichen Minderheiten vielfach auf der Seite der Verlierer. Sie sehen sich isoliert und aufgrund ihrer Religion benachteiligt. Viele fliehen aus den für sie zunehmend unsicheren Staaten wie Ägypten, aber auch aus Syrien. Gerade in Syrien besteht die Gefahr, dass die christlichen Gemeinden, die etwa 10 % der Bevölkerung stellen, so wie es schon zuvor im Irak der Fall war, zwischen die Fronten geraten. In autoritären Regimen wie der Volksrepublik China, aber auch in Demokratien wie der Türkei, finden sich Christen ganz offen drangsaliert und benachteiligt. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Wer gegen die Benachteiligung, Drangsalierung und Verfolgung von Christen aktiv werden will, muss dies in einer zunehmend säkularen Gesellschaft tun, in der der persönliche Bezug zur Religion immer mehr abnimmt. Damit hat sich vielfach die Meinung durchgesetzt, Religion sei Privatsache und habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Christen, die in anderen Ländern verfolgt werden, weil sie sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen, scheinen bei einer solchen Sichtweise ihre Probleme selbst verursacht zu haben. Diese Ansicht und das mit ihr verbundene Schweigen zu durchbrechen, ist eine große Herausforderung für verantwortungsbewusste Politik unserer Zeit.

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben die Grundlage unseres Gemeinwesens und unserer Gesellschaftsordnung in einem anderen Geist formuliert. Ausgehend von der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, die neben allen anderen Werten auch die Religion und ihre Freiheit korrumpierten, haben sie die Glaubens- und Gewissensfreiheit weit vorne in Artikel 4 verankert. Ich sehe in der Betonung dieses Freiheitsrechts eine Bestätigung meiner Auffassung, dass es sich bei der Religionsfreiheit um eines der persönlichsten und zentralen Menschenrechte handelt.

Verstöße gegen die freie Ausübung der Religion sind gravierende Eingriffe in den Kernbereich der Persönlichkeitsrechte und zählen zu den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Häufig gehen sie einher mit der Verletzung anderer Grundrechte wie der Meinungs- und der Versammlungsfreiheit, der Unverletzlichkeit der Privatsphäre oder dem besonderen Schutz von Ehe und Familie und der körperlichen Integrität. Im Koalitionsvertrag der christlich-liberalen Koalition wird die werteorientierte und den Menschenrechten verpflichtete Außenpolitik daher als besonderer Schwerpunkt definiert und von der Bundesregierung ausgeführt.

Ich habe bereits vor einiger Zeit in einem Artikel für die Rheinische Post diese Schwerpunktsetzung erläutert: „Die Universalität der Menschenrechte und ins- besondere des Rechts auf Religionsfreiheit müssen wir gegenüber den Staaten, die dieses Menschenrecht verletzen, klar ansprechen. (…) Das Thema Christen- verfolgung muss sensibel, aber ohne falsche Rücksichtnahme behandelt werden. Aus Sorge, die Konflikte mit der islamischen Welt könnten sich verfestigen, wird die Verfolgung von Christen oft nicht offen angesprochen. Diese Tabuisierung ist der falsche Weg.“

Unser Engagement für die Religionsfreiheit ist nur glaubwürdig, wenn es nicht nur für Christen, sondern für alle religiösen Gruppen gilt. So ist es für mich selbstverständlich, dass die in Deutschland lebenden Muslime das Recht auf den Bau von Moscheen haben.

Was das universelle Recht auf freie Ausübung der Religion umfasst, so wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte des Jahres 1948 festgehalten ist, ist schließlich durchaus umstritten. Die Widersprüchlichkeit in der Auslegung des Rechts liegt in einer unterschiedlichen Definition von Religionsfreiheit begründet. Viele islamische Staaten verstehen unter Religionsfreiheit das Recht des Menschen, eine der staatlich anerkannten Religionen zu haben. So gibt etwa der Iran vor, Religionsfreiheit zu schützen und verweist auf die Kirchen der armenischen Minderheit im Land oder auf die kleine jüdische Gemeinschaft. Gleichzeitig verfolgt der Staat Angehörige der Bahai auf brutale Art und Weise: Viele religiöse Führer der Bahai sitzen in iranischen Gefängnissen oder leben im Exil – auch in Deutschland.

Aber auch die Angehörigen der anerkannten Religionen können sich nicht auf die gleichen Rechte berufen wie die muslimische Bevölkerungsmehrheit. Insbesondere ist das Recht auf den Wechsel des Glaubens zu nennen. Während ein Wechsel zum Islam auf unterschiedlichste Weise befördert und gefordert wird, ist ein „Abfall vom Islam“ in der Vorstellung einer großen Minderheit in muslimischen Staaten ein todeswürdiges Verbrechen. Auch hier ist ein Ende des Schweigens über Unrecht dringlich geboten.

Wie erfolgreich die Herstellung einer Öffentlichkeit wirken und was sie für Freiheit und Gerechtigkeit bewirken kann, zeigt der Fall von Pastor Youcef Nadarkhani. Der wegen seiner Konversion zum Christentums zum Tode verurteilte Iraner wurde aufgrund der immer lauter protestierenden internationalen Öffentlichkeit nach drei Jahren Haft schließlich im September 2012 freigelassen. Welche bessere Ermutigung für ein Ende des Schweigens kann es geben?

Volker Kauder (1949) ist seit 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2005 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag. Davor war er u. a. Generalsekretär der CDU Deutschlands. Im August 2012 wurde das von ihm herausgegebene Buch “Verfolgte Christen. Einsatz für die Religionsfreiheit” (Verlag: SCM Hänssler) veröffentlicht.

Quelle: http://kreuz-und-quer.de/2012/11/19/uber-christenverfolgung-nicht-schweigen/

„Wenn Du Muslim wirst, lassen wir Dich leben“

100 Millionen Christen werden weltweit bedroht und diskriminiert, Zehntausende angegriffen und ermordet – sie werden verfolgt wie kaum andere. Ein Zustandsbericht.

<br /> Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad<br />

Foto: dpa Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad

Christen werden weltweit diskriminiert und verfolgt. Die Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ ist ein Hilfswerk für diese Gläubigen. Sie führt in ihrem Weltverfolgungsindex 2011 eine Liste von 50 Ländern an, in denen Christen mit eingeschränkter Religionsfreiheit bis hin zu massiver Unterdrückung und schweren Übergriffen konfrontiert sind. Die Staaten breiten sich auf der Weltkarte betrachtet wie ein Gürtel über Afrika und Asien aus.

Nordkorea führt den Index an; in dem diktatorisch geführten Land haben christliche Gläubige keinerlei Existenzberechtigung. Werden ihre heimlichen Treffen entdeckt, drohen ihnen Gefängnis, Arbeitslager oder die Hinrichtung.

Im Erfassungszeitraum des Indexes wurden Hunderte Christen aus verschiedenen Gründen verhaftet, manche von ihnen getötet oder in politische Arbeitslager deportiert.

Auf Platz zwei folgt der Iran, wo die christlichen Gemeinden immer wieder von Verhaftungswellen erschüttert werden. Gottesdienste werden von der Geheimpolizei überwacht, Bibeln beschlagnahmt und verbrannt.

Ethnische Christen (Armenier und Syrer) sind zwar offiziell als religiöse Minderheit anerkannt, aber auch sie berichten von Verhaftungen, Vernehmungen und Misshandlungen. Es ist ihnen verboten, Christen muslimischer Herkunft zu unterstützen.

Ähnlich dramatisch ist die Lage im drittplatzierten Land auf dem Weltverfolgungsindex, in Afghanistan: Dort gibt es nur sehr wenige Christen, aber sie schweben in ständiger Gefahr. In den vergangenen Jahren kam es zu Verhaftungen; ein christlicher Entwicklungshelfer wurde von Taliban getötet. Einheimische, die ihre Religion nicht geheim halten, werden mit Gewalt oder gar dem Tode bedroht. Viele üben ihren Glauben daher nur noch im Verborgenen aus.

Auf den Plätzen vier bis zehn des Weltverfolgungsindexes folgen Saudi-Arabien, Somalia, Malediven, Jemen, Irak, Usbekistan und Laos. Nach Schätzung von „Open Doors“ leiden global insgesamt rund 100 Millionen Christen unter Verfolgung. Vier Beispiele.

Irak

Erbil, Kurdistan, Irak. „Fünf Tage lang hielten sie mich gefangen, ohne Essen, ohne Wasser. Immer wieder schlugen sie mich. Eines Tages hörte ich, wie sie in den Keller hinunterkamen, in dem ich gefangen gehalten wurde. Plötzlich fühlte ich eine kalte Klinge an meinem Nacken, jemand sagte: ‚Wenn du Muslim wirst, bringen wir dich nicht um.'“

<br /> Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz<br />

Foto: Matilde Gattoni Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz

Rostom Sefarian, 63 Jahre alt, sitzt in einem Lehnstuhl im Wohnzimmer seines neuen Hauses in Erbil, der Hauptstadt der irakischen Region Kurdistan. Er unterbricht seine Erzählung, kämpft mit den Tränen. Er schluckt ein paar Mal heftig und spricht weiter, mit der Hand umklammert er das Kruzifix, das er auch während seiner Gefangenschaft immer bei sich hatte. „Einmal nahmen sie es und steckten es in eine Flasche mit Urin, ich musste zusehen. ,Soll dir doch das Kreuz jetzt helfen‘, sagten sie und lachten.“

Das war im Juli 2006. Sefarian, ein armenischer Christ, der damals in Mosul im Norden des Irak lebte, war von einer Gruppe islamischer Fundamentalisten gekidnappt worden, als er in seiner Schleifwerkstatt arbeitete. Er war eines der Opfer in einer Serie von Entführungen und Ermordungen von irakischen Christen, die bis heute anhält.

„Die ganze Zeit über hatten sie mir Handschellen angelegt und die Augen verbunden. Ein Sack Kohle war mein Kopfkissen, für meine Notdurft hatte ich eine Flasche“, erzählt er. Nach fünf Tagen Qual wurde Sefarian schließlich freigelassen – nachdem sich seine Familie auf ein Lösegeld von 72.000 US-Dollar eingelassen hatte.

Es war schon das zweite Mal, dass Sefarian von einer der vielen bewaffneten Gruppen in Mosul gekidnappt wurde. Die erste Entführung war erst ein Jahr zuvor geschehen, im Januar 2005, sie dauerte einen Tag und wurde durch die Zahlung von 12.000 US-Dollar an seine Geiselnehmer beendet. Auch ein Cousin seiner Frau, ebenfalls Christ, wurde entführt, aber er sollte nicht mehr freikommen: Nach drei Tagen fand ihn seine Familie ermordet auf.

„In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr“

Sefarian traf schließlich die gleiche Entscheidung wie 35.000 weitere christliche Flüchtlinge aus dem ganzen Irak: Er flüchtete nach Kurdistan, in den autonomen nordöstlichen Teil des Irak, in die einzige stabile Gegend des Landes. Keine leichte Entscheidung. Sefarian musste sein vierstöckiges Haus in Mosul für weniger als ein Siebtel des Wertes verkaufen.

Im August 2006 zog er mit seiner Frau und dem Sohn nach Erbil, wo er jetzt in einer kleinen Mietwohnung in Ankawa lebt, einer christlichen Enklave am Stadtrand. Ohne Pension oder eine andere Unterstützung durch die irakische Regierung ist Sefarian nun auf den Lohn seines Sohnes angewiesen, um zu überleben. „In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr. Ich spreche kein Kurdisch und habe auch keine anderen Mittel zum Leben. In Mosul lebte ich wie ein König“, sagt er mit einem bitteren Lachen, während sein Blick über die Bilder von christlichen Heiligen und die Kruzifixe in seinem Wohnzimmer huscht.

Zufluchtsort für Minderheiten

Dank der ethnischen Homogenität und der politischen Autonomie, die Kurdistan 1991 erlangte, als die Vereinten Nationen (UN) hier eine flugfreie Zone erzwangen, um Kurden vor den militärischen Strafaktionen des Saddam-Regimes zu schützen, blieb die Region von den täglichen Bombardierungen und den religiös motivierten Morden verschont, die den Irak seit der US-Invasion gegen Saddam Hussein zerstört haben.

Kurdistan, das von der lokalen kurdischen Regionalregierung (KRG) verwaltet wird, wurde so zu einem Zufluchtsort für viele Iraker und Minderheiten, vor allem Christen, die vor der Gewalt in Städten wie Mosul und Bagdad flohen. Hier, so rühmen sich die lokalen Behörden, seien alle Religionen geschützt, gemäß dem Geist der neuen irakischen Verfassung. „Wir respektieren die Christen, und die Christen respektieren uns (die Muslims)“, erklärt Kamil Haji Ali, Minister für Stiftungen und religiöse Angelegenheiten. „Immer wenn eine neue Gruppe christlicher Flüchtlinge hier ankommt, nehmen wir Kontakt mit den örtlichen Geistlichen als ihren Repräsentanten auf.“

Tatsächlich galt Kurdistan, wo etwa 160.000 Christen leben, vor allem in Ankawa und dem nördlichen Gouvernement Duhok, als sicherer Ort für irakische Christen. Seit ein paar Jahren aber verlassen immer mehr Christen Kurdistan und den Irak endgültig, wegen mangelnder wirtschaftlicher Perspektiven, wegen sprachlicher und kultureller Barrieren und auch wegen des fehlenden politischen Schutzes. Es zieht sie hauptsächlich in Richtung Europa und Nordamerika.

Nach dem jüngsten Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ist die Zahl der geflüchteten christlichen Familien in den vier nördlichen Regierungsbezirken des Irak, von denen drei in Kurdistan liegen, von 1350 auf 500 im Jahr 2011 gesunken, während das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR im selben Jahr in der benachbarten Türkei eine Zunahme von irakischen Flüchtlingen registrierte, die Hälfte davon, rund 1700, Christen. Neueste Schätzungen gehen von einer christlichen Bevölkerung im Irak von 300.000 bis 500.000 Menschen aus. 1991 waren es 1,3 Millionen.

Seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen

Die irakischen Christen gehören fünf verschiedenen Konfessionen an, von katholischen Chaldäern über Nestorianer zu Orthodoxen. Die meisten sind ethnische Assyrer, eine Neuaramäisch oder Syrisch sprechende Bevölkerung, die auf die alte gleichnamige Gemeinschaft zurückgeht, die schon vor 4000 v. Chr. Mesopotamien bewohnte. Die Assyrer wurden in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten missioniert und haben das Christentum seitdem als eine Säule ihrer kulturellen Identität begriffen. Stolz widerstanden sie den regelmäßigen Arabisierungs- und Islamisierungsversuchen, die arabische und ottomanische Führer über die Jahrhunderte hinweg unternahmen, und nannten sich selbst die Ureinwohner des Irak.

Nun sehen sich die Christen der größten Herausforderung ihrer Existenz gegenüber: Als Bevölkerung von ein paar Hunderttausend unter mehr als 30 Millionen Irakern kämpfen sie darum, sich in einem Land Gehör zu verschaffen, das nach ethnischen und religiösen Aspekten organisiert ist und dessen Politik durch die viel größeren religiösen Gemeinschaften der Schiiten, Sunniten und Kurden dominiert wird.

„Wir sind das schwächste Glied im irakischen Mosaik“, sagt Keldo Ramzi, christlicher Sekretär der Chaldäisch-Assyrischen Jugend-Union in Erbil. „Wenn jemand den USA eine Botschaft vermitteln will, zielt er auf Christen oder sprengt Kirchen in die Luft.“ Der schlimmste Angriff ereignete sich im Oktober 2010, als eine Serie von Selbstmordattentaten die Kirche „Our Lady of Salvation“ in Bagdad traf und 58 Menschen in den Tod gerissen wurden. Laut dem neuesten Bericht der Assyrischen Internationalen Nachrichtenagentur wurden im Irak seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen oder Ziel eines Bombenanschlags.

Nur die Schattenseiten des Baubooms

<br /> Ein christliches Mädchen in Bagdad<br />

Foto: AP Ein christliches Mädchen in Bagdad

Die Lage in Kurdistan ist nur bis zu einem gewissen Grad besser: Ende 2011 wurde von einer Anschlagsserie auf den Besitz von Christen durch Islamisten und Rebellen berichtet. Und selbst wenn Christen ihren Glauben hier in relativer Sicherheit leben können, klagen viele darüber, dass ihre wirtschaftlichen und bürgerlichen Rechte nicht respektiert würden. Eine Anstellung bei der Regierung zu finden ist schwierig für Mitglieder einer Gemeinschaft, deren Muttersprache nicht Kurdisch ist.

Während Kurdistan seit 2003 aufgrund der Ölförderung einen beeindruckenden wirtschaftlichen Boom verzeichnen kann, sagen viele Christen, dass sie nur die Schattenseiten davon erlebt haben. Abgeschnitten von dem Bauboom, der in Erbil stattfindet, bleibt Ankawa ein verschlafener Vorort, in dem christliche Kirchtürme aus einer Landschaft von kleinen Läden und Einfamilienhäusern herausragen.

Dennoch wurden in Ankawa heimlich Häuser an Muslime verkauft, sodass die religiöse Zusammensetzung der Stadt sich verändert und dem „Gentlemen’s agreement“ zuwiderläuft, das laut einigen christlichen Politikern mit dem KRG vereinbar wurde, um die christliche Identität der Gegend zu erhalten. „Sie bauen wenige, sehr teure Wohnungen, die sich niemand leisten kann“, beklagt sich Naurad Youssif, ein 41-jähriger Christ aus Ankawa, der auf dem Postamt arbeitet. „Die Christen hier sind eine arme Gemeinschaft, diese Wohnungen sind nicht für uns. Wenn sie die Identität von Ankawa ändern wollen, wird das eine Katastrophe“, sagt er.

Prostitution und Alkohol

Es gibt einen vermeintlichen Vorteil, der sich aus dem christlichen Charakter der Gegend ergibt und der seit einiger Zeit eifrig genutzt wird: Es eröffnen Nachtclubs und Restaurants mit Alkohollizenz. Sie ziehen Menschen aus der ganzen Stadt an und bringen Probleme wie nächtliche Schlägereien und, noch erheblicher, Prostitution mit sich. „Viele Prostituierte sind junge Frauen aus anderen Teilen des Irak, die keine Arbeit und auch sonst keine Perspektive haben. Wir verstehen ja ihre Probleme, aber wir sind nicht glücklich über diese Situation“, klagt der Geistliche Tariq Elissa, Gemeindepfarrer der hiesigen chaldäisch-katholischen St.-Georg-Kirche.

Ihm zufolge wurde in den letzten Jahren auch hektarweise Land der Christen von der Regierung in Besitz genommen, die darauf Bürotürme und Wohnkomplexe rund um Erbil errichtet. „Das Grundstück, auf dem der Flughafen gebaut wurde, gehörte früher Christen, aber die Besitzer hatten keine offiziellen Dokumente, um das zu beweisen, denn früher hat sich keiner um solche Dinge gekümmert“, sagt er. „Im restlichen Irak bringen sie uns mit Gewehren um, hier machen sie das mit Geld.“

Tiefe Gräben innerhalb der Gemeinschaft

Die Christen selbst tun sich schwer damit, sich selbst zu helfen, Einigkeit zu zeigen, um Aufgaben anzugehen. Die Geschichte der religiösen Spaltungen, die dazu führten, dass diese kleine christliche Gemeinschaft aus fünf verschiedenen Konfessionen besteht, spiegelt sich heute in der Politik wider, wo 17 christliche politische Parteien um drei beziehungsweise fünf Sitze konkurrieren, die im Parlament des Irak beziehungsweise von Kurdistan für Christen reserviert sind.

Auch wenn einige Parteien versuchen, eine gemeinsame Plattform zu bilden, gibt jeder die tiefen Gräben innerhalb der Gemeinschaft zu. Die politischen und religiösen Verantwortlichen werfen sich gegenseitig vor, die Interessen der Christen nicht angemessen zu vertreten. „Wir kommen alle aus einer Mutterkirche. Unsere Traditionen, Sprachen und Kulturen sind die gleichen, und trotzdem bereiten uns die internen Spaltungen Probleme“, sagt Casper Syawish, ein 73-jähriger Mann, der ursprünglich aus dem Dorf Harir stammt. Er verließ es 1963, nachdem irakische Truppen bei der Niederschlagung eines kurdischen Aufstands mehrere christliche Dörfer zerstört hatten. „Wir dürfen uns nicht zersplittern. Wir können nicht vor anderen stehen, wenn wir uns noch mehr aufspalten“, fügt der Mann hinzu, ein ehemaliger Angestellter der irakischen Telefongesellschaft.

Als ethnische Gruppe anerkannt

Der Fall Saddams hat aber natürlich nicht nur Probleme gebracht. Obwohl er von der christlichen Gemeinschaft wegen der Zunahme von Gewalt, die auf ihn folgte, mit gemischten Gefühlen begrüßt wurde, führte das neue politische Klima auch zu mehr Freiheit: Während die Assyrer unter dem vorherigen Regime zu den Arabern gerechnet wurden, erkennt die neue irakische Verfassung sie nun als eigene ethnische Gruppe an und erlaubt ihnen erstmals in der irakischen Geschichte, in Kirchen und Schulen Aramäisch statt Arabisch zu benutzen.

Eine bahnbrechende Entscheidung für ihre kulturelle Identität, die den Weg frei machte für die Errichtung von Lehranstalten wie der Sekundarschule in Ur, dem einzigen Institut in Erbil, in dem Aramäisch gesprochen wird. Die Schule, ein graues und düsteres einstöckiges Gebäude im Zentrum von Ankawa, hat zurzeit allerdings nur 45 Schüler. „Die Menschen sind nicht besonders motiviert, ihre Kinder hierher zu schicken, die allermeisten melden sie in kurdischsprachigen Schulen an“, erzählt der Rektor Akram Jaji bekümmert. „Ich befürchte, dass das langfristig unsere Identität beeinflussen wird.“

Darüber hinaus fürchten viele Christen auch andere Probleme, die sich ihnen stellen werden, wenn im Irak endlich Frieden herrschen wird. Die Folgen des arabischen Frühlings, nach dem islamistische Parteien die Wahlen in Tunesien und Ägypten gewonnen haben, sind hier nicht unbemerkt geblieben. Was könnte ein demokratischer Irak für die Christen bedeuten? „Wenn der politische Islam die Regierung hier kontrollieren wird, dann weiß ich nicht, was mit uns in 50 Jahren passiert“, sagt Farouk Anna Atto, Direktor des Syriac Heritage Museums in Ankawa, dessen Ausstellung der Geschichte der Assyrer gewidmet ist.

Diskussion um christliche Enklave

Angesichts der ständigen Abwanderung von Menschen, die, wie einige befürchten, schließlich zu einem Aussterben der Christen im Irak führen könnte, schlagen assyrische Parteien bereits die Schaffung einer autonomen Region im Land vor, in der Christen als Mehrheit und selbstverwaltet leben könnten. Da genau dieser Status schon Kurdistan verliehen worden ist, betreiben die Befürworter dieses Vorschlags Lobbying bei der Zentralregierung, um die Kontrolle über die Ninive-Ebene zu erhalten, ein Gebiet von 4000 Quadratkilometern östlich von Mosul, das schon jetzt mehrheitlich von Christen bewohnt wird.

Das Projekt, das offiziell eine selbstverwaltete christliche Enklave in einer Gegend mit reichem Ölvorkommen schaffen würde, um deren Kontrolle sich die Region Kurdistan und die irakische Zentralregierung immer noch streiten, wird von vielen Christen abgelehnt. „Die katholische Kirche war schon immer gegen dieses Projekt“, sagt Afnan de Jesus, eine 43 Jahr alte arabisch-chaldäische Nonne, die aus Mosul stammt und zum Christentum konvertiert ist. „Es wäre sehr gefährlich, nur unter uns zu leben, isoliert von den andern“, erklärt sie und gibt zu, dass eine Alternative dazu aber erst noch gefunden werden muss.

„Ich gehe davon aus, dass es einen Plan gibt, den Irak von allen Christen zu säubern. Wir wissen nicht, woher er kommt, aber es gibt ihn“, fährt sie bedrückt fort und schaut auf die drei anderen Nonnen, die im Hauptraum ihres Konvents in Ankawa sitzen. Die „Little Sisters of Jesus“, die „Kleinen Schwestern Jesu“, wie der Orden heißt, mussten Dora in der Nähe von Bagdad 2006 verlassen, nachdem Gewalt und Morde ein unerträgliches Maß erreicht hatten. Vor 2003 gab es in Dora mehr als 2000 christliche Familien, jetzt sind es nur noch 150.

„Wir müssen in die Sonne gehen“

Während sich die Mehrheit der ortsansässigen Christen offensichtlich damit abgefunden hat, zwischen einem Leben im Exil und einer unbehaglichen Existenz hier als Bürger zweiter Klasse wählen zu müssen, versucht ein junger und aktiver Teil der christlichen Bevölkerung, gegen diese passive Mentalität anzukämpfen. Angekommen in der globalisierten Welt und des Englischen mächtig, sind viele junge Christen inzwischen bei ausländischen Firmen in Kurdistan angestellt. Sie sind sich ihrer Rechte bewusst und entschlossen, auf jeden Fall im Irak zu bleiben. Dafür sind sie bereit, die Verbindung von Religion und Politik zu durchbrechen, die ihrer Meinung nach so viele Probleme geschaffen hat.

„Wenn wir unsere Rechte im Namen des Christentums einfordern, werden wir sehr schwach sein, weil Kirchen sich nicht in Regierungen einmischen können“, erklärt Savina Rafael Daoud, eine 22-jährige assyrische Frau aus Ankawa, am Rande des assyrischen Neujahrsfest, das jedes Jahr am 1. April von Tausenden Leuten in Dohuk im Nordirak gefeiert wird. Wie viele andere junge Leute um sie herum trägt sie eine Militäruniform im Gedenken an die assyrische Miliz, die in den 80ern und 90ern gegen das Saddam-Regime kämpfte. „Wir sind stolz auf unsere Kämpfer“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wir werden nicht durch die Bibel Erfolg haben, sondern nur, wenn wir unsere Rechte als Nation einfordern.“

Einige junge Leute machen sich die guten Beziehungen zwischen Kurden und Christen zunutze und öffnen sich, engagieren sich in der Gesellschaft, etwas, was die christliche Gemeinschaft bisher unterlassen hat. „Wenn wir unter uns sind, ist das gut, aber deshalb müssen wir uns nicht von den anderen separieren“, erklärt der 23-jährige David Saka, Betriebswirtschaftsstudent an der Universität von Kurdistan. „Ich habe viele kurdische Freunde, ich bin Iraker, hier will ich leben.“

Eine Vision, die von einem Flügel der assyrisch-christlichen Gesellschaft geteilt wird, der die Entscheidung, weiterhin im Irak zu leben, als ersten Schritt sieht, seine Rechte wiederzugewinnen. „Die Christen sind hier nicht sehr mutig. Ja, es gibt Probleme, aber das bedeutet nicht, dass wir das Land verlassen sollten“, sagt Salim Kako, ein assyrischer Politiker. „Wir können nicht unser Leben lang den Schatten suchen. Wir müssen in die Sonne gehen und für unsere Rechte kämpfen.“

Matteo Fagotto

Übersetzung: Ulrike Engelhardt

China

Als Bischof Ding Guangxun, Chinas einziger protestantischer Führer mit dem Titel Bischof, vor einigen Wochen starb, schickten drei KP-Parteichefs Kränze: der neue Generalsekretär Xi Jinping, sein Vorgänger Hu Jintao und der noch lebende KP-Patriarch Jiang Zemin. Ding, den man im Ausland auch K. H. Ting nannte, wurde 97 Jahre alt, jahrzehntelang leitete er die staatlich sanktionierte protestantische Kirche, zuletzt als Ehrenvorsitzender. Das Parteiorgan „Renmin Ribao“ (Volkszeitung) druckte die Nachricht von seinem Tod am 22. November auf seiner Titelseite. Bei der Trauerfeier verbeugten sich ranghöchste Kommunisten vor dem anglikanischen Bischof.

Untergrund - oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Foto: AFP Untergrund – oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Sie hatten dafür vor allem drei Gründe, die sie auch nannten: Die KP ehre ihn als „hervorragenden Patrioten und engen Freund der Kommunisten“. Er hätte die zersplitterte protestantische Kirche nach der Machtübernahme der Kommunisten unter einem Dach vereint, mit dann nur noch zwei Gruppierungen: dem nationalen Christenrat und der sogenannten Drei-Selbst-Bewegung der Evangelen. Vor allem aber half Ding, Religion und Sozialismus kompatibel zu machen. Die KP lobte sein Credo: „Ein Christ in China ist ein noch besserer Bürger (als die anderen).“

Im Leben und im Tod des wegen seiner Anpassung an die politische Macht so umstrittenen wie auch verehrten Bischofs spiegelt sich das Dilemma der evangelischen Kirche wider. Der Leichnam Dings wurde bei seiner Aufbahrung in Nanjing für die offizielle Totenfeier unter Teilnahme höchster Parteiführer mit Chinas Nationalfahne bedeckt. Auf dem Banner stand „Trauer um Bischof Ding“; auf dem Foto dazu trug er einen Anzug. Bei der zweiten Totenfeier für die Gläubigen bedeckte ihn ein weißes Leinentuch mit Kreuz. Das Foto zeigte ihn in Bischofskleidung. Die Aufschrift lautete: „Bischof Ding. Ruhe in Frieden in den Armen des Herrn.“

Die größte Bibeldruckerei der Welt

Ding Guangxun war nach Ansicht vieler chinesischer Gläubigen zeitlebens Diener zwei Herren. Im Internet brachte es ein Blogger so auf den Punkt; „Wer wartet auf ihn im Himmel? Jesus oder Marx?“ Er gehörte zu den 138 chinesischen Christenführern, die der Partei 1954 ihre Unterstützung zusagten. Sie passten das Prinzip von der alleinigen „Erlösung durch den Glauben“ den politischen Verhältnissen an – das werfen ihnen heute Geistliche der unabhängigen evangelischen Hauskirchenbewegung vor, die neben der offiziellen Kirche explosiv gewachsen ist.

Bekannt wurde vor allem Pekings einflussreiche „Shouwang“-Kirche, deren Mitglieder immer wieder von den Behörden verfolgt und auch verhaftet werden. Selbst deren Geistliche würdigen aber auch Dings Verdienste um den Wiederaufbau der Kirche nach 1978 – nach Ende eines Vierteljahrhunderts von Maos Terror gegen alle Gläubigen.

Ding verschaffte mit seinem Religionskurs der registrierten Kirche immerhin den Freiraum zur Missionierung mit millionenfachen Taufen. Und mit der Gründung der Amity-Stiftung durch die offizielle Kirche erhielten die Protestanten das Recht auf den Druck von Bibeln; 1988 wurde ihre heute größte Bibeldruckerei der Welt gegründet. Im Juli produzierte sie ihre „hundertmillionste Bibel“. 60 Millionen der Heiligen Schrift blieben im Land. 40 Millionen wurden in alle Welt exportiert.

Christliche Religionen erleben Aufschwung

Bis zu 40 Millionen aktive Gläubige bekennen sich heute zum Protestantismus, darunter sind mindestens ein Drittel Hauskirchen-Christen. Schlechter ist es um die katholische Kirche bestellt, die bis heute am Schisma zwischen staatstreuer Kirche mit ihren knapp sechs Millionen Gläubigen und einer romtreuen Kirche im „Untergrund“ mit ebenso vielen papsttreuen Katholiken leidet. Die Volksrepublik bleibt eines der letzten sozialistischen Länder der Welt, die sich der Aussöhnung mit dem Papst (ebenso wie mit dem Dalai Lama) verweigern und die staatstreue Kirche zwingen, ihre Bischöfe selbst zu ernennen. Offiziellen 69 Bischöfen stehen heute 38 Bischöfe im Untergrund gegenüber, die immer wieder schlimmster Verfolgung ausgesetzt sind.

In der allgemeinen Vertrauenskrise um die Kommunistische Partei erleben indes alle chinesischen Religionen einen Aufschwung. Protestanten und Katholiken verbreiten sich schneller als der Islam, machen allerdings kaum fünf Prozent der chinesischen Bevölkerung aus. Ein Drittel aller Chinesen bekennt sich dagegen heute wieder zum Buddhismus, Daoismus und den Volksreligionen.

Johnny Erling

Türkei

Seit etwas mehr als zehn Jahren regiert in der Türkei eine islamisch gesinnte Regierung. Was das für die Christen des Landes bedeutete, darüber waren die Ansichten von Anfang an gespalten – würde sich ihre Lage verbessern, weil eine religiös geprägte Regierung auch anderen Religionen entgegenkommen würde? Oder verschlechtern, so wie christliche Gemeinschaften in vielen islamischen Ländern unter starkem Druck stehen?

An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

Foto: Christine de Grancy / Anzenberge An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

„Grundsätzlich ist es schon so, dass diese Regierung Religion positiv sieht, und das macht sich auch in dem einen oder anderen Entgegenkommen gegenüber christlichen Gemeinschaften bemerkbar“, sagt Franz Kangler, Priester der (österreichischen) katholischen St. Georgs-Kirche in Istanbul. Aber es gebe nach wie vor beunruhigende Tendenzen – etwa die Gerichtsentscheidungen gegen das aramäische Kloster Gabriel Mor. Im Juni hatte das Oberste Gericht der Türkei frühere Gerichtsentscheidungen bestätigt, wonach Land um und in dem Kloster dem türkischen Staat gehöre. Land, welches immer als Besitz des Klosters gegolten hatte, und wofür auch immer Steuern gezahlt worden waren.

Neben solchen Entwicklungen gibt es andere, positivere. Eine Reihe historischer Kirchen sind auf Kosten der Regierung renoviert worden, Gottesdienste in der Paulskirche in Tarsus sind nunmehr ohne großen bürokratischen Aufwand möglich, obwohl die Kirche – wie auch die Istanbuler Hagia Sophia – vom Staat zum Museum erklärt wurde.

Kirchen besitzen keinen Rechtsstatus

Eine zusätzliche Gefahr für Christen erwuchs in den letzten Jahren offenbar durch den Machtkampf zwischen der islamisch geprägten AKP-Regierung und militant „kemalistischen“ (säkularen) Kreisen mit Verbindungen zu türkischen Sicherheitskräften. Es kam zu mehreren spektakulären Morden an Christen. In zwei Fällen – die Abschlachtung von drei evangelikalen Missionaren im Jahr 2007 und der Mord am katholischen Priester Andrea Santoro im Jahr 2006 – soll es Verbindungen der Täter zu einer Gruppe von Verschwörern gegeben haben, die angeblich planten, die Regierung zu stürzen. Im Jahr 2010 wurde der apostolische Vikar für Anatolien, Bischof Luigi Padovese, vom eigenen Fahrer ermordet und geköpft. Der Täter soll psychisch labil gewesen sein.

Neben der Gefährdung durch Gewalttäter bleiben auch die anderen zentralen Probleme der christlichen Gemeinden bestehen. Diese fordern vergeblich, Gebäude wie die Paulskirche wieder zu geweihten Kirchen zu machen, statt sie als „Museen“ zu führen. Die Kirchen – als Organisation – besitzen überdies keinen Rechtsstatus und können daher auch nicht selbst Immobilienbesitz erwerben oder über solchen verfügen. Stattdessen werden Immobilien über eine Vielfalt von rechtlichen Konstruktionen verwaltet, über die Gründung von Stiftungen, Vereinen oder als Privatbesitz.

Im vergangenen Jahr bestätigte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc, dass man der katholischen Kirche keinen Rechtsstatus geben könne. Auch für das griechisch-orthodoxe Patriarchat werde eine „Lösung“ gesucht, die seine Existenz zwar anerkennt, ohne ihm jedoch eine Rechtspersönlichkeit zu verleihen.

Entsprechend schwierig gestaltet sich die Abwehr von Enteignungsversuchen durch den Staat. Allein die griechisch-orthodoxe Gemeinde hat im Laufe der Jahre tausende Gebäude an den Staat verloren und von vielen Hundert Prozessen noch nie einen gewonnen. Laut türkischem Recht fallen Stiftungen und Kirchen, die nicht genutzt werden, an den Staat. Die armenische Gemeinde in Istanbul zelebriert daher jeden Sonntag in einer anderen Kirche den Gottesdienst – es gibt nicht mehr genug Gläubige, um alle Kirchen zu füllen, deswegen nutzt man sie reihum, damit sie rechtlich gesehen nicht „verwaisen“.

0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung

Insgesamt bleibt die Lage für die Christen ein frustierendes Gemisch aus kleinen Fortschritten und großer Diskriminierung. So wurde dem griechisch-orthodoxen Patriarchat nach langem Ringen die türkische Staatsbürgerschaft für ausländische Nachwuchs-Priester gewährt; aber im eigenen historischen Priesterseminar auf der Insel Helybeliada darf noch immer nicht gelehrt werden.

Rund 100.000 Christen leben in der Türkei, so schätzt man. Winzige 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung. Noch zur Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts stellten Christen ein Viertel der Bevölkerung des damaligen osmanischen Reiches. Dann kamen die Balkankriege, die mit einer massiven Fluchtwelle der Muslime aus dem Balkan in die Türkei einhergingen, der Genozid an den Armeniern ab 1915, der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland in den 20er-Jahren, und zuletzt, nach dem Istanbuler Pogrom gegen Griechen, die verbliebenen Armenier und Juden 1955.

Heute gibt es nur noch wenige Tausend Griechen. Schätzungen zufolge sind etwa 60.000 Armenier im Land, die meisten aus Armenien selbst und viele davon ohne gültige Aufenthaltspapiere. Der Wirtschaftsboom in der Türkei hat in den letzten Jahren zu einem Anstieg eingewanderter Christen aus Entwicklungsländern geführt: Das apostolische Vikariat in Istanbul geht von rund 15.000 Katholiken in der Stadt aus, die meisten davon Ausländer, etwa aus den Philippinen. Eine rasch wachsende Gruppe sind evangelikale Christen, zumeist Türken, die von freikirchlichen protestantischen Missionaren (oft aus den USA) konvertiert wurden. Ihre Anzahl dürfte mittlerweile 5000 übertreffen.

Die meisten Christen leben in Istanbul. Daneben gibt es Siedlungsgebiete im äußersten Südosten nahe der syrischen Grenze, dort leben einige geschlossene Gemeinschaften von Aramäern.

Boris Kálnoky

Nigeria

Der Terror schlägt nicht jeden Tag zu, aber er ist jeden Tag da. Vor dem Gottesdienst, unsichtbar, manifestiert in den immer gleichen Abwehrritualen. Soldaten am Eingang, Personenkontrollen beim Einlass, wie am Flughafen – nur die Warteschlangen sind länger. Einige Gläubige bringen Klappstühle mit. Halteverbot im Umkreis von einigen Hundert Metern um die Kirchen. Das längst nicht mehr Unvorstellbare als ständiger Begleiter des Alltags.

Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

Foto: Christian Putsch Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

James Wuye, 50, wird sich nie daran gewöhnen. An Gottesdienste in Kaduna ohne derartige Sicherheitsvorkehrungen kann sich der Pfarrer nicht mehr erinnern, „aber sie als Normalität anzusehen, würde doch heißen, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind“, sagt er. Und damit die Gewalt, den Hass, die Instrumentalisierung der Religion – sowohl die des Islams, aber auch die seine, das Christentum. Es hieße aufzugeben. Die Überzeugung, dass viele Einzelne mit dem Glauben an Frieden stärker sein werden als Wenige mit dem Glauben an Krieg.

Vor ein paar Tagen ist Wuye aus Kenia zurückgekommen. Im Flieger saß er neben dem um zwei Köpfe größeren Mohammed Ashafa, wie so oft in den vergangenen Jahren. Sie hatten Politiker und Gemeindeführer getroffen, über ihren eigenen Weg gesprochen. Wie sie von Todfeinden zu Verbündeten wurden, das Friedenszentrum Interfaith Mediation Centre aufbauten, Tausende Freiwillige ausbildeten und ein Frühwarnsystem für religiös beeinflusste Gewalt entwickelten. Eine gelungene Reise, dachten sie während des Flugs, ein Beitrag, um Gewalt zwischen rivalisierenden ethnischen Gruppen bei den anstehenden Wahlen in Kenia zu verhindern. Ein Moment des Durchatmens. Doch als sie aus dem Flieger stiegen und das Handy einschalteten, blinkte die SMS auf: „Kaduna: Bombe in Kirche explodiert. Elf Tote.“

Manchmal fühlt sich Wuye, ein kleiner, rundlicher Mann mit unermüdlichem Lächeln, an Sisyphos erinnert, erzählt er am Telefon. Der tragische Held der griechischen Mythologie wurde, so beschrieben es Autoren der Antike, dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit einen Marmorblock einen Berg hinaufzubringen, der dann immer wieder herunterrollt.

Dies war so ein Sisyphos-Moment. Nicht der erste, wahrlich nicht, und auch nicht der letzte. Noch am Flughafen rief Wuye seine Mitarbeiter an, nahm Kontakt zu Behörden und Politikern auf. Das Zentrum verschickte Tausende SMS und Emails an Christen und Muslime in der Gegend – ein Aufruf zur Besonnenheit. Nicht der erste. Nicht der letzte.

Manchmal wirkt das Ziel weit weg

Die beiden saßen an einem späten Nachmittag im Schatten eines Baumes. Ein schöner Tag. Kaduna hatte damals seit Monaten keine größeren Anschläge mehr verkraften müssen. Das Vertrauen zwischen den beiden Männern war förmlich greifbar, die Gewissheit, dass ihr gemeinsames Ziel größer war als sie selbst, und erreichbar: Frieden.

Davon ist Nigeria im Jahr 2012 weit entfernt. „Es ist kein Ziel, das man irgendwann erreicht und abgeschlossen hat“, sagt Wuye heute, „es bedarf ständiger Arbeit, und manchmal wirkt es weit weg.“ Nach Angaben der amerikanischen Denkfabrik Institute of Peace hat die Terrororganisation Boko Haram „seit August 2011 fast wöchentlich Bomben an öffentlichen Plätzen oder in Kirchen im Nordosten Nigerias gezündet“. Keine Gewalt hat Dauer, behauptete Leonardo da Vinci vor Jahrhunderten. Nigeria widerlegt ihn.

Boko Haram bedeutet in der Hausa-Sprache soviel wie „nicht-islamische Erziehung verboten“. Geleitet wird die Organisation von rund 20 Geistlichen. Nach Angaben amerikanischer und nigerianischer Geheimdienste soll es Hinweise auf grenzübergreifende Dschihad-Bewegungen geben, der auch al-Qaida im Islamischen Maghreb in Mali und Niger sowie die Al-Shabab-Miliz in Somalia angehören sollen.

Die Islamisten kämpfen für die Einführung einer besonders strengen Form der islamischen Gesetzgebung Scharia; schon jetzt gelten gemäßigte Formen in einigen nördlichen Provinzen. Erste Strategie ist dabei die Destabilisierung des Staates. Alleine in diesem Jahr sind nach Angaben der Nachrichtenagentur AP mindestens 740 Menschen von Boko Haram getötet worden. Paradoxerweise waren darunter mehr Muslime als Christen. Selbst gemäßigte Muslime sowie Beamte gelten als Feinde, bei Sprengstoffanschlägen werden nicht nur Ziele gewählt, an denen sich ausschließlich Christen bewegen.

Zehntausende Morde

Doch schon in den Jahren zuvor, lange vor der Entstehung von Boko Haram, gab es immer wieder religiös motivierte Gewalt, von Muslimen, aber auch von Christen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden Zehntausende ermordet. Das Problem ist komplexer als Boko Haram – der Hass gegen Anhänger anderer Religionen greift tiefer. Er lässt sich nicht allein mit militärischer Gewalt bekämpfen, auf die sich die Strategie der nigerianischen Regierung derzeit beschränkt.

In Nigeria leben die meisten Muslime und Christen friedlich nebeneinander, das ist wichtig zu betonen. Aber es gibt genug Fanatische, um diesen Frieden auch außerhalb der derzeit betroffenen nördlichen Provinzen zu gefährden. Im Juni appellierte Papst Benedikt XVI. an die Mörder, die Attacken „sofort zu beenden“. Nigeria müsse eine Gesellschaft formen, in der das Recht auf den eigenen Glauben „vollständig geschützt“ sei.

Die erste Hälfte ihres Lebens haben Wuye und Ashafa gegen dieses Recht gekämpft. Ashafa predigte die Ermordung von Anhängern christlicher Jugendgruppen. Als konservativer Imam in der 13. Generation hasste er Christen wie Wuye, der ebenfalls aus einer Familie mit tief verwurzeltem Glauben stammte. Der schnell in einer einflussreichen evangelikalen Kirche Karriere machte. Der früh eine Gemeinde übernahm. Die beiden kennen sich seit den 80er-Jahren, hetzten in Zeitungsartikeln und eigenen Fernseh-Sendungen gegeneinander. „Wenn es damals zum Kampf gekommen wäre, hätten wir den Tod des anderen in Kauf genommen“, hatte Ashafa während des Interviews vor zwei Jahren gesagt.

Beide waren dem Grundsatz „Auge um Auge“ so lange gefolgt, bis sie blind waren. Mehrere Cousins von Ashafa wurden bei Kämpfen mit Christen getötet. Auch Wuye verlor Verwandte – und seinen rechten Unterarm. Anfang der 90er-Jahre stellte er sich jungen Muslimen entgegen, die seine Kirche in Kaduna niederbrennen wollten. Vergeblich. Wuye verlor nicht nur die Kirche, sondern auch beinahe das Leben. Ein Angreifer hatte mit einer Machete zugeschlagen. Der Geistliche verlor viel Blut, überlebte knapp.

Irgendwann war der Respekt da

1995 traf er Ashafa in einem Hotel in Kaduna. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef und internationale Diplomaten hatten das Treffen mit der Hilfe von Gemeindeführern vermittelt, nachdem der Konflikt die Verbreitung von lebenswichtigen Impfstoffen an Kinder unmöglich gemacht hatte. Beide hatten lange gezögert, doch schließlich stimmten sie zu, das Wohl der Kinder verband. Wuye reichte seine linke Hand zum Gruß. Was für eine Symbolik, dachte er, ihm fehlte die rechte Hand, die üblicherweise zur Versöhnung gereicht wird. An ihrer Stelle trug der Geistliche eine Prothese.

Es war ein Treffen des gegenseitigen Misstrauens. Auch der Angst. Doch es folgte ein weiteres. Und noch eins. Die Gespräche wurden länger, gingen tiefer und irgendwann war da etwas, was beide für unmöglich gehalten halten – gegenseitiger Respekt. Seit 1996 arbeiten sie nun zusammen, es ist das Geburtsjahr der interreligiösen Begegnungsstätte Interfaith Mediation Centre.

Sie beschreiben die Philosophie des Hauses und seiner 14 fest angestellten Mitarbeiter (sieben Christen, sieben Muslime) als „afrikanische Lösung“. Alle Maßnahmen dienen der Vermeidung von Gewalt. Als im September 2005 die dänische Zeitung Tageszeitung Jyllands-Posten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, drohte im Norden Nigerias ein Flächenbrand. Ashafa und Wuye halfen dabei, die Aggressionen zu reduzieren, indem sie unter anderem innerhalb von Stunden christliche Kirchenführer überredeten, im Fernsehen und Radio die Verunglimpfung des Propheten zu verurteilen.

Um der Theologie des Hasses entgegenzuwirken, die oft in den Schulen und zu Hause gelehrt wird, gründeten sie Friedensclubs an Schulen und Universitäten, an denen Konfliktschlichter ausgebildet werden. Das Zentrum entwickelte ein Unterrichtskonzept, das Schulen dabei helfen soll, den Religionsunterricht von radikalen Ideen frei zu halten. Es wird an über 30 Lehranstalten umgesetzt. „Umprogrammierung“ nennt das Wuye.

Bei einwöchigen Camps diskutieren Jugendliche rivalisierender Gemeinden und Religionen und lernen gemeinsam Fähigkeiten wie das Bedienen von Computern und Buchhaltung. Ein Beitrag gegen Vorurteile, aber auch gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Norden Nigerias, dem idealen Nährboden aller Extremisten. Psychologen helfen nach Anschlägen verletzten Opfern, ihr Trauma zu überwinden. Inzwischen gibt es Büros in drei Provinzen sowie ein Netzwerk Tausender Freiwilliger, Wuye und Ashafa haben ihr Konzept in über einem Dutzend Ländern mit religiöser Gewalt vorgestellt. Sie unterstützten Organisationen in Ruanda, Burundi und Sudan, aber auch in Nordirland und den USA.

„Am Ende landen wir immer wieder bei der Armut“

An wenigen Orten aber ist die Situation so komplex wie in Nigeria. Die Bevölkerung teilt sich zu beinahe gleichen Teilen in Christen und Muslime auf. Neun von zehn Nigerianern beten jeden Tag, Religion bedeutet hier auch Geld und Einfluss. „In Nigeria ist es üblich, alles mit Religion in Verbindung zu bringen“, sagt Wuye. Dabei gehe es bei diesem Konflikt längst nicht nur um religiösen Fanatismus. „Es geht um Armut, rivalisierende Politiker und Rivalität um Land.“ Die Massaker im nahe gelegenen Jos kamen zustande, weil muslimische Nomaden aus dem Norden von Dürren und mangelnder Weidefläche in den Süden gedrängt worden waren. Dort rivalisieren sie zunehmend mit meist christlichen Farmern um das Land.

Gleichzeitig konzentriert sich die nigerianische Wirtschaft zunehmend auf die Rohstoffindustrie. Das Land ist der achtgrößte Erdölproduzent der Welt, Branchen wie die Landwirtschaft aber werden so an den Rand gedrängt. Daher gewinnen Jobs in den lokalen Regierungen und Verwaltungen immer mehr an Bedeutung. Sie vergeben „Eingeborenen-Zertifikate“, die für die Vergabe lukrativer Regierungsaufträge elementar ist. Über die Besetzung der jeweiligen Posten in den Behörden gibt es immer wieder Streit zwischen ethnischen Gruppen. Oft ist das entscheidender als die unterschiedliche Religion. „Am Ende“, sagt Wuye am Telefon, „landen wir immer wieder bei der Armut.“

Armut führt nicht zwingend zu fehlgeleitetem Glauben, so wie Wohlstand nicht zwingend zur religiösen Vernunft führt. Doch sie macht anfälliger für Beeinflussungen und damit die Arbeit von Wuye und Ashafa schwierig. Oft wissen sie ja selbst nicht, wie sie die Rechnungen für die Arbeit des Zentrums bezahlen sollen, die internationalen Spenden sind wertvoll, aber knapp. „Wenn wir die Ressourcen hätten, unsere 10.000 Freiwilligen für Arbeit in Gegenden einzusetzen, würden wir unser Netzwerk innerhalb von Monaten vervielfachen“, glaubt Wuye. „Wir könnten einen noch größeren Beitrag leisten.“

Dann muss er das Gespräch beenden. Die Arbeitstage werden derzeit lang, das sind sie immer, aber vor Weihnachten besonders. Gerade zu dieser Jahreszeit gab es während der vergangenen Jahre viele Anschläge. Trotzdem: „Die Leute freuen sich auf dieses Fest“, sagt Wuye, „sie werden in die Kirchen kommen.“

Christian Putsch

Quelle (WELT 9.12.12): http://www.welt.de/politik/ausland/article111895764/Wenn-Du-Muslim-wirst-lassen-wir-Dich-leben.html

Israel ist ein Schurkenstaat

von Gabriel Latner (aus dem Englischen von mir übersetzt)

Die Wahrheit ist, dass die schlechte Behandlung von Menschen, ob es Bürger oder ein besetztes Volk sind, noch keinen Staat zu einem „Schurkenstaat“ macht. Wenn das so wäre, dann würden Kanada, die USA und Australien alle Schurkenstaaten sein – auf der Grundlage, wie sie ihre eingeborene Bevölkerung behandeln. Wie England die Iren behandelt hat, würde sie schnell dafür qualifizieren, diesen Beinamen zu tragen. Diese Argumente, während sie emotional befriedigend sind, mangeln an intellektueller Stärke.

Noch wichtiger ist, dass ich einfach nicht glaube, dass wir mit diesen Argumenten gewinnen können. Es ändert nichts an den Zahlen. Die Hälfte von euch wäre damit einverstanden, die Hälfte von euch nicht. Also werde ich etwas anderes, etwas ein wenig unorthodoxes, versuchen.

Ich werde versuchen, die Hardcore-Zionisten und Israel-Anhänger heute Abend hier davon zu überzeugen, dass der Satz stimmt. Bis zum Ende meiner Rede werde ich fünf Pro-Israel-Argumente präsentiert haben, die zeigen, dass Israel, wenn es nicht ein „Schurkenstaat“ ist, sich doch zumindest so verhält.

Lassen Sie mich klarstellen: Ich werde nicht argumentieren, dass Israel „schlecht“ ist. Ich werde nicht argumentieren, dass es kein Existenzrecht hat. Ich werde nicht argumentieren, dass es sich schlimmer als jedes andere Land verhält. Ich werde nur argumentieren, dass Israel ein „Schurkenstaaten“ ist.

Das Wort „Schurkenstaat“ hat ausnahmslos negative Assoziationen. Aber das Wort selbst ist wertneutral. Das Oxford English Dictionary definiert Schurke als „abweichend, anormal; deplaziert, zu einem unerwarteten Ort und einer unerwarteten Zeit auftretend (insb. in Isolation)“, während ein Wörterbuch einer weit größeren Institution folgende Definition hat: „Verhalten in einer Weise, die nicht erwartet wird oder nicht normal ist, oft in einer destruktiven Weise“.

Diese und andere Definitionen konzentrieren sich auf der Idee der Anomalie – das Unerwartete oder Seltene. Mit dieser Definition ist ein Schurkenstaat einer, der in einer unerwarteten, seltenen oder abweichenden Art und Weise handelt. Ein Staat, der sich genau wie Israel verhält.

Das erste Argument ist statistisch. Allein die Tatsache, dass Israel ein jüdischer Staat ist, macht es anormal genug, um als einen Schurkenstaat bezeichnet zu werden: Es gibt 195 Länder auf der Welt. Manche sind christlich, einige muslimisch, andere sind säkular. Israel ist das einzige Land der Welt, das jüdisch ist. Oder, um für einen Moment mathematisch zu sprechen: die Chance, dass ein zufällig ausgewählter Staat jüdisch ist, beträgt 0,0051%. Im Vergleich dazu ist die Chance, in England im Lotto mindestens 10 € zu gewinnen, 0,017% – mehr als doppelt so wahrscheinlich. Israel als Judenstaat ist eine statistische Abweichung.

Das zweite Argument betrifft Israels Humanität, insbesondere Israels Reaktion auf eine Flüchtlingskrise. Nicht die Krise des palästinensischen Flüchtlingsproblems …, sondern die Frage der Flüchtlinge aus Darfur. Jeder weiß, dass das, was in Darfur passiert ist und noch geschieht, Völkermord ist, ob es die Vereinten Nationen und die Arabische Liga nun so nennen oder nicht. …

Es gab eine Massenflucht aus Darfur, da die Unterdrückten Sicherheit suchen. Sie haben nicht viel Glück gehabt. Viele sind Richtung Norden nach Ägypten gegangen – wo sie verächtlich behandelt werden. Die Mutigen laufen durch die Wüste – ein Versuch, es zu Israel zu schaffen. Nicht nur, dass sie den natürlichen Gefahren des Sinai ausgesetzt sind, sie sind auch für Zielübungen der ägyptischen Soldaten, die an der Grenze patrouillieren. Warum sollten sie das Risiko eingehen?

Weil sie in Israel Mitleid erfahren – sie werden als die Flüchtlinge behandelt, die sie sind – und vielleicht ist Israels kulturelles Gedächtnis an den Genozid schuld. Die israelische Regierung ist sogar so weit gegangen, dass sie mehreren hundert Flüchtlinge aus Darfur die Staatsbürgerschaft gewähren haben. Dies allein stellt Israel Abseits vom Rest der Welt.

Aber der eigentliche Unterschied ist: Die IDF (israelische Verteidigungsarmee) schickt Soldaten und Sanitäter an die ägyptische Grenze, um zu patrouillieren. Sie sollen nach Flüchtlingen suchen, die versuchen, nach Israel zu kommen. Nicht, um sie zurück nach Ägypten zu senden, sondern um sie vor Austrocknung, Hitzschlag und ägyptischen Kugeln zu retten.

Vergleichen Sie das mit der Reaktion der USA auf die illegale Einwanderung an ihrer Grenze zu Mexiko. Die amerikanische Regierung hat Privatpersonen verhaftet, weil sie Grenzgängern Wasser gegeben hat, die vor Durst starben – und hier schickt die israelische Regierung ihre Soldaten, um illegalen Einwanderern zu retten. Diese Art von Verhalten anormal zu nennen, ist eine Untertreibung.

Mein drittes Argument ist, dass die israelische Regierung sich in etwas engagiert, was  der Rest der Welt meidet – sie verhandeln mit Terroristen. Vergessen Sie den verstorbenen PLO-Chef Jassir Arafat – ein Mann, der mit viel Blut an seinen Händen gestorben ist – sie sind in dem Prozess der Verhandlungen mit Terroristen, während wir hier sprechen. Yasser Abed Rabbo ist einer der führenden Unterhändler der PLO, der in die Friedensgespräche mit Israel geschickt wurde. Abed Rabbo, der auch einer der Führer der PFLP war – eine Organisation der „Freiheitskämpfer“, die sich unter Abed Rabbos Führung in solch freiheitsfördernden Aktivitäten engagierte wie die  Tötung von 22 israelischen Schülern.

Und die israelische Regierung schickt Delegierte, um an einem Tisch mit diesem Mann zu sitzen und über Frieden zu reden. Und die Welt applaudiert. Man würde die spanische Regierung nie in Friedensverhandlungen mit den Führern der ETA erleben – die britische Regierung würde nie mit Thomas Murphy verhandeln. Und wenn Präsident Obama sich hinzusetzen würde, um mit Osama Bin Laden über Frieden zu reden, würde die Welt dies als Wahnsinn ansehen. Aber Israel kann genau dasselbe tun – und verdient sich internationales Lob für den Prozess. Das ist die lexikalische Definition des Schurken – sich in einer Weise verhalten, die unerwartet oder nicht normal ist.

Ein weiterer Teil der Wörterbuch-Definition ist das Verhalten oder die Tätigkeit „an einem unerwarteten Ort oder zu einer unerwarteten Zeit.“ Wenn man Israel mit seinen regionalen Nachbarn vergleicht, wird deutlich, was für einen Schurkenstaat Israel ist. Und hier ist das vierte Argument: Israel hat eine bessere Menschenrechtslage als alle seine Nachbarn. Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte hat es jemals einen freiheitlich-demokratischen Staat im Nahen Osten gegeben – mit Ausnahme von Israel. Von allen Ländern im Nahen Osten ist Israel das einzige, in dem die LGBT-Gemeinschaft auch ein kleines Maß an Gleichheit genießt.

In Kuwait, Libanon, Oman, Katar und Syrien steht homosexuelles Verhalten unter Strafe: Auspeitschen, Gefängnis oder beides. Aber Homosexuelle dort kommen noch ziemlich gut weg, verglichen mit ihren Pendants in Iran, Saudi-Arabien und Jemen, die mit dem Tod bestraft werden. Israelische Homosexuelle dienen offen in der Armee, gehen Lebenspartnerschaften ein und sind durch außergewöhnlich scharf formulierte Anti-Diskriminierungs-Gesetze geschützt. Das ist weit besser als ein Todesurteil. Das ist sogar weit besser als in Amerika.

Israels Schutz ihrer bürgerlichen Freiheiten hat internationale Anerkennung erworben. Freedom House ist eine NGO, die einen jährlichen Bericht über Demokratie und bürgerliche Freiheiten in jedem der 195 Länder der Welt veröffentlicht. Sie teilen jedes Land als „frei“, „teilweise frei“ oder „nicht frei“ ein. Im Nahen Osten ist Israel das einzige Land, das die Bezeichnung als ein „freies“ Land verdient hat. Kein Wunder, wenn man das Maß an Freiheit betrachtet, die Bürger in, sagen wir, Libanon haben – ein Land, das als „teilweise frei“ bezeichnet wird, wo es Gesetze gegen Journalisten gibt, die nicht nur die libanesische Regierung, sondern auch das syrische Regime kritisieren. Ich hoffe, Frau Booth wird darüber sprechen, da sie Erfahrungen als „Journalist“ für den Iran gemacht hat.

Iran ist ein Land, dass die Note „nicht frei“ bekommt, neben China, Simbabwe, Nordkorea und Myanmar. Im Iran… gibt es ein spezielles „Pressegericht“, dass Journalisten für solch abscheuliche Straftaten wie Kritik an den Ayatollahs, die Berichterstattung über Geschichten, die die „Grundlagen der Islamischen Republik“ beschädigen und „verdächtige (d.h. westliche) Quellen“ benutzen oder wegen Beleidigung des Islam verfolgt. Der Iran ist mit 39 Reportern (die bekannt sind) weltweit führend im Hinblick auf inhaftierte Journalisten im Gefängnis (2009). Sie haben auch nahezu alle westlichen Journalisten während der Wahl 2009 rausgeschmissen (Ich weiß nicht, ob Frau Booth betroffen war).

Ich denke, wir können nicht wirklich mehr von einer Theokratie erwarten. Was die meisten Länder im Nahen Osten sind. Theokratien und Autokratien. Aber Israel ist der einzige, der alleinige Schurkenstaat der Demokratie. Verglichen mit jedem Land im Nahen Osten werden nur in Israel Proteste gegen die Regierung nicht unterdrückt und die Berichterstattung nicht zensiert.

Ich habe ein letztes Argument – der letzte Nagel im Sarg der Opposition. … Die Anwesenheit von Herr Ran Gidor hier ist der Beweis für jeden von uns, dass er Israel getrost einen Schurkenstaat nennen sollte. Für diejenigen unter Ihnen, die noch nie von ihm gehört haben: Herr Gidor ist ein politischer Berater in der israelischen Botschaft in London. Er ist der Mann, der von der israelischen Regierung geschickt wurde, um sie bei der UNO vertreten. Er weiß, was er tut. Und er ist heute Abend hier. Und es ist unglaublich.

Betrachten wir für einen Moment, was seine Anwesenheit hier bedeutet. Die israelische Regierung hat sich entschlossen, einer ihrer leitenden diplomatischen Vertreter in einer Debatte über ihre Legitimität zu beteiligen. Das ist bemerkenswert.

Glauben Sie für eine Minute, dass irgendein anderes Land das Gleiche tun würde? Wenn die Yale University Debating Society eine Debatte mit dem Thema haben würde, dass „dieses Haus glaubt, Großbritannien ist eine rassistischer, totalitärer Staat, der den Völkern der Welt unwiderruflichen Schaden zugefügt hat“, – würde Großbritannien einem seiner Beamten erlauben, daran teilzunehmen? Nein.

Würde China an einer Debatte über den Status von Taiwan teilnehmen? Nie.

Und es gibt absolut keine Chance, dass es einem amerikanischer Regierungsbeamter jemals erlaubt würde, in einer Debatte über die Behandlung von Gefangenen in Guantanamo Bay mitzureden.

Aber Israel hat Herr Ran Gidor heute Abend gesandt, um gegen einen „Journalisten“ und Reality-TV-Star zu argumentieren und mich, einen 19-jährigen Jurastudenten, der völlig unqualifiziert ist, über das Thema zu sprechen.

Jede Regierung der Welt sollte jetzt über Israel lachen – weil es Regel Nr. 1 vergessen hat. Man gewinnt nie an Glaubwürdigkeit bei Spinnern in der Auseinandersetzung mit ihnen. Es ist der gleiche Grund, warum sie Stephen Hawking oder Richard Dawkins nicht einer Debatte mit David Icke sehen werden. Aber Israel tut genau das. Wieder einmal ein Verhalten in einer Weise, dass unerwartet oder nicht normal ist. Sich wie ein Schurkenstaat verhalten.

Das sind fünf Argumente, die an die Unterstützer Israels gerichtet sind. Aber ich habe noch ein oder zwei Minuten. Und hier ist ein Argument für euch alle – Israel missachtet vorsätzlich und gewaltsam das Völkerrecht. Im Jahr 1981 zerstörte Israel Osirak – Saddam Husseins Atombomben-Labor. Jede Regierung der Welt wusste, dass Hussein eine Bombe baute. Und sie taten nichts. Außer Israel. Ja, damit haben sie internationales Recht und Gewohnheiten gebrochen. Aber sie haben uns auch vor einem nuklearen Irak gerettet.

Diese skrupellose Aktion sollte Israel Respekt in den Augen aller freiheitsliebenden Völker einbringen. Aber das tat es nicht. Aber heute Abend, während Sie unserem Geschwätz zuhören, will ich Sie an etwas erinnern: während Sie hier sind, arbeitet Khomeinis Iran an einer Bombe. Und wenn Sie ehrlich sind, dann wissen Sie, dass Israel das einzige Land ist, das etwas dagegen tun kann und wird. Israel wird aus der Not in einer Weise heraus handeln, die nicht die Norm ist, und Sie würden besser hoffen, dass sie es in einer destruktiven Weise tun. Jeder vernünftige Mensch würde lieber einen Schurken wie Israel bevorzugen als einen nuklearen Iran. Außer Frau Booth.

via unwatch

Noch Fragen?

Vefolgung von Christen – eine Randerscheinung?

Nein.

Von 100 Menschen, die weltweit aufgrund ihrer Religion ermordet werden, sind 75 Christen. Daran hat Mario Mauro, OSZE-Beauftragter gegen Rassismus und Mitglied des Europaparlaments, beim katholischen Rimini-Meeting erinnert. Es sei ein regelrechter Krieg gegen Christen in über 50 Ländern der Welt im Gang, in denen es keine Religionsfreiheit gebe.

„An der Spitze der entsprechenden Liste steht Nordkorea. Ein atheistischer Staat, der alle Religionen verbietet. Allerdings: 35 der besagten 50 Länder sind islamisch. Das wirft ernste Fragen über den Stand des Dialogs zwischen uns und den mehrheitlich muslimischen Staaten auf. Die wichtigsten dieser Staaten sind Pakistan, Saudi Arabien, Afghanistan und Irak, wo ein echtes Blutbad im Gang ist, das die Flucht der Christen praktisch erzwingt und damit die Destabilisierung des gemarterten Landes weiter vorantreibt.“

Zwar sei auch das moderne Europa nicht frei von einer gewissen Christophobie, so Mauro. Er verweist auf diverse Gerichtsurteile in Ländern des alten Kontinents, etwa über die Entfernung von Kreuzen aus Klassenzimmern oder über Entlassungen von Christen, weil sie ein Jesusbild am Arbeitsplatz aufgestellt hatten. Allerdings seien die interreligiösen Konflikte außerhalb Europas von anderer Größenordnung.

„Die Politik spielt in jedem Fall mit. Mehr noch, wenn wir uns die Konflikte in der Welt ansehen, gibt es keinen einzigen, der nicht in irgendeiner Art mit der Religion zu tun hätte. Was bedeutet das? Das bedeutet, wenn ein fundamentalistischer Wind weht, also etwa Gott zum Vorwand für Machtgewinn missbraucht wird, dann spricht man von Religion, um Diskriminierungen zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite stehen jene, die aus dem einfachen Grund sterben, weil sie an Christus glauben.“

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) war, sagt Mauro, eine der ersten Einrichtungen überhaupt, die das Problem der Christenverfolgung wahrgenommen habe. Seit 2004 gebe es die Stelle des Persönlichen Beauftragten des OSZE-Vorsitzes für die Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, mit besonderem Schwerpunkt Diskriminierung von Christen.

via Radio Vatikan

Und da sage noch einmal irgendein Islam-Funktionär, die Moslems seien die Juden von heute.

Irak: Christen fliehen erneut aus Mosul

Nach der gezielten Ermordung mehrerer Christen im nordirakischen Mosul fliehen erneut viele christliche Familien aus der Stadt. In den vergangenen Tagen wurden mindestens sechs Christen an verschiedenen Orten in Mosul erschossen. Wie irakische Mitarbeiter des Hilfswerkes für verfolgte Christen Open Doors berichteten, sollen etwa 50 Familien Mosul verlassen haben oder im Begriff sein zu fliehen. Einheimische Christen befürchten erneut eine organisierte Kampagne gegen Christen, um sie aus Mosul zu vertreiben. Bereits im Oktober 2008 wurden innerhalb weniger Tage mehrere Christen teilweise auf offener Straße ermordet. Per E-Mail und Telefon baten einheimische Mitarbeiter dringend darum, für die Situation zu beten. Wer die Täter sind oder aus welchen Kreisen sie stammen, ist bislang unbekannt. Ein einheimischer Mitarbeiter berichtete Open Doors: „Christen wurden gezielt in ihren Häusern ermordet. Mehrere wurden vor dem letzten Checkpoint aus Mosul heraus getötet, während kurdische und arabische Sicherheitskräfte zusahen.“ Open Doors bittet darum,  für diese Glaubensgeschwister zu beten.

Christen ausgeliefert
Am 15. Februar starb Rayan Salam. Am 16. Februar wurde der Ladenbesitzer Nahem Abdullah Fatoohy getötet. Am selben Tag wurden an der Universität von Mosul Zaya Toma (Maschinenbau-Student) und Ramsen Shamael (Pharmazie-Student) getötet. „Muslimische Studenten zeigten auf Kommilitonen, die Christen sind. Als nächstes wurden diese weggeschleppt und ermordet“, so ein Mitarbeiter, der aus Sicherheitsgründen ungenannt bleiben möchte. Auch die Vereinten Nationen berichteten von der Erschießung zweier Studenten am 16. Februar in Bezirk al Arabi im Norden von Mosul. Dabei starb auch ein weiterer Iraker, ein Mann wurde verletzt. Ob es sich bei den getöteten Studenten um Zaya Toma und Ramsen Shamael handelt, ist derzeit noch unklar. Es sei aber gut möglich, so Mitarbeiter von Open Doors, dass es auch zwei andere Studenten sein könnten. Laut den Vereinten Nationen töteten bewaffnete Männer am 14. Februar einen Christen vor seinem Haus im Osten von Mosul. Er war gerade von seiner Arbeit nach Haus gekommen. In seinem Gemüseladen im Bezirk Tamoz wurde am 15. Februar ein Christ beschossen. Dabei starb auch ein anderer Iraker.

Auf der Straße hingerichtet
Bereits im Oktober 2008 durchstreiften bewaffnete islamistische Terroristen die Straßen von Mosul und ließen sich von Passanten ihren Ausweis zeigen. Im Ausweis ist die Religionszugehörigkeit „Muslim“ oder „Christ“ eingetragen. Christen wurden auf der Stelle durch einen Kopfschuss getötet. Panikartig verließen viele die Stadt. Mindestens 40 Christen sollen nach Medienberichten getötet worden sein, über 12.000 Christen flohen aus Mosul.

via Opendoors

Es geht doch …

Cohen-Idov wies darauf hin, dass es trotz der starken Präsenz von Studenten aus muslimischen Ländern keinerlei Spannungen zwischen den Delegationen gegeben habe. Katar, Irak und Malaysia hätten den Israelis sogar zum Sieg gratuliert.

Ein Debattierweltmeisterschaft (wat et alles jibt) – die Israelis aus Tel Aviv gewinnen. Und die Moslems gratulieren. So soll es sein.

Dauerzustand Ausnahmezustand

von Christoph Sydow

Am 10. Dezember 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Diese gewährt jedem Menschen »ohne irgendeinen Unterschied« die gleichen, unveräußerlichen Rechte. Offiziell wird die Menschenrechtserklärung von jedem UN-Mitglied anerkannt, tatsächlich wird sie aber auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Verabschiedung von arabischen Staaten mit Füßen getreten.

Für seinen zweiten Jahresbericht zur Menschenrechtslage im Nahen Osten untersuchte das Cairo Institute for Human Rights Studies (CIHRS) die Situation in zwölf Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga – Ägypten, Algerien, Bahrain, Irak, Libanon, Marokko, Palästina, Saudi-Arabien, Sudan, Syrien, Tunesien und Jemen. Fast jeder dieser Staaten verfolgt Menschenrechtsaktivisten, beschneidet die Pressefreiheit und diskriminiert religiöse Minderheiten. Gegenüber 2008 hat sich die Menschenrechtslage in der Region noch einmal verschlechtert, konstatiert das Institut in Kairo. Das CIHRS ist eine politisch unabhängige Organisation, die eng mit Amnesty International zusammenarbeitet, und einer der größten Menschenrechtsvertreter in der arabischen Welt.

»Bastion der Straflosigkei
Unter dem Vorwand angeblicher Bedrohungen aus dem In- und Ausland werden den arabischen Bürgern Grundrechte verweigert. In Algerien herrscht seit 17 Jahren, in Teilen des Sudan seit 20 Jahren, in Ägypten seit 28 Jahren und in Syrien seit 36 Jahren ein staatlich erklärter »Ausnahmezustand«. Mit der jemenitischen Bürgerkriegsprovinz Saada kam in diesem Jahr ein weiteres Gebiet der arabischen Welt hinzu. Unter den repressiven Regelungen solcher »Ausnahmezustände« werden Minderheiten unterdrückt, die Presse zensiert und Herrschaft monopolisiert. Friedliche Machtwechsel und faire Wahlen, bei denen der Sieger nicht im Vorfeld feststeht, blieben ein Traum, konstatiert der CIHRS-Bericht unter dem Titel »Bastion der Straflosigkeit, Trugbild der Reform«.

Bürger, die sich gegen diese Zustände auflehnen, werden staatlich verfolgt. Vorreiter bei der Unterdrückung von Menschenrechtsgruppen ist laut der Studie des Kairoer Instituts Syrien. Mehrere Aktivisten wurden in Schauprozessen verurteilt oder verschwanden spurlos. Kaum besser ist die Lage in Tunesien, wo besonders im Umfeld der Präsidentenwahl Menschenrechtler körperlich angegriffen und in der staatlichen Presse diffamiert wurden. In den Monarchien Bahrain, Saudi-Arabien und Marokko wird weiterhin jede Kritik an den Königshäusern scharf verfolgt. Im Sudan wurden nach der Ausstellung des Internationalen Haftbefehls gegen Präsident Omar al Baschir mehrere Menschenrechtsgruppen verboten, weil sie beschuldigt wurden, mit dem Internationalen Strafgerichtshof zu kooperieren.

Auf der Liste der Folterstaaten steht unverändert Ägypten an erster Stelle. Nach Recherchen des CIHRS starben in diesem Jahr Dutzende Menschen an Misshandlungen in Polizeigewahrsam. Die Polizeigewalt treffe nicht nur Terrorverdächtige und Kriminelle sondern auch religiöse Minderheiten wie Schiiten oder Kopten. Die Spitze eines anderen Eisbergs waren 38 Flüchtlinge aus Afrika, die zwischen Juni 2008 und September 2009 an der Grenze auf dem Weg nach Israel erschossen wurden. Auch in allen anderen arabischen Staaten sei Folter »Routine« – häufig unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen. In Syrien starben mindestens drei Häftlinge in Polizeigewahrsam, das Schicksal von hunderten Gefängnisinsassen sei unbekannt.

Minderheiten werden unterdrückt
Unverändert werden in arabischen Staaten auch Minderheiten diskriminiert. In Syrien werden den Kurden Bürgerrechte verwehrt, in Bahrain werden die Schiiten in ihrer freien Religionsausübung behindert. Saudi-Arabiens Königshaus versucht sich verstärkt als Vorkämpfer für religiöse Toleranz zu präsentieren, gleichzeitig wird auch hier die schiitische Minderheit systematisch unterdrückt. In Ägypten starben in zehn Gouvernements bei Zusammenstößen zwischen Kopten und Muslimen mindestens sieben Menschen. Während des Ramadan verhafteten Sicherheitskräfte des Innenministeriums Kopten, die in der Öffentlichkeit aßen. Schiiten und Bahais wurden von Vertretern der Regierungspartei NDP beschimpft und werden nach wie vor als Bürger zweiter Klasse angesehen.

Als größtes Hindernis für eine Verbesserung der Menschenrechtslage in der Region mach das CIHRS die uneingeschränkte Machtfülle der staatlichen Organe aus. Kein Bürger, der seine Grundrechte einklagen oder etwa gegen Übergriffe der Sicherheitskräfte vorgehen will, bekomme eine faire Chance. »Straflosigkeit und fehlende Rechenschaftspflicht sind feste Bestandteile der arabischen Staaten«, heißt es in der Studie. Dieses System funktioniere mittlerweile nicht nur auf staatlicher, sondern auch auf internationaler Ebene. Die Arabische Liga und die Organisation der Islamischen Konferenz machten sich mitschuldig an den schweren Menschenrechtsverbrechen in verschiedenen arabischen Staaten. Doch damit nicht genug: Zusammen mit anderen autoritären Staaten wir Kuba, China, Russland und Iran arbeiteten diese Organisationen daran, die Menschenrechtsinstitutionen der UNO zu untergraben.

Ohnehin macht sich Moataz El Ogeiry, der Direktor des CIHRS, keine Illusionen darüber, ob sein Bericht bei den arabischen Regimes Wirkung hinterlassen wird:

»Sie geben nicht zu, dass es Menschenrechtsprobleme in ihren Ländern gibt und werden weiterhin Menschenrechtsorganisationen angreifen, weil sie angeblich die nationale Sicherheit gefährden.«

Auch die UN beschäftigt sich mit der Situation in den arabischen Staaten. Leider nicht so ehrlich, wie es die Kairoer tun.

Erstaunlich ist immer wieder, dass 1. diese Staaten, bei denen es nun wirklich schlecht um die Menschenrechte steht, sich trotzdem immer wieder das Recht herausnehmen, andere Staaten – die bzgl. der Menschenrechte wesentlich besser dastehen – wegen Menschenrechtsverletzungen massiv zu kritisieren und 2. dass wir westliche Staaten uns diese Kritik auch noch anziehen!

Natürlich muss man sich jede Kritik anhören, aber wie heißt es in der Bibel: „Statt den Splitter im Auge Deines Mitmenschens zu sehen, achte lieber mal auf den Balken in Deinem Auge.“

Israels Sport: Boykottiert, behindert und ausgeschlossen

Israel – der Jude unter den Staaten, leider auch im Sport. Hier wurde der Sport missbraucht, um politisch zu handeln.

Vortrag von Alex Feuerherdt bei der DIG Berlin und Potsdam am 6. Juli 2009

TENNIS (I): VERWEIGERTE EINREISE

Als sowohl der finanzielle als auch der Imageschaden bereits beträchtlich war und die Zukunft des internationalen Tennisturniers in Dubai außerdem in Frage stand, gaben dessen Organisatoren sowie die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate schließlich nach: Der israelische Tennisprofi Andy Ram erhielt doch noch ein Visum und konnte Ende Februar dieses Jahres bei den Dubai Open an den Start gehen. Seiner Landsfrau Shahar Pe’er war zuvor die Einreise in den Golfstaat verweigert worden. Die offizielle Begründung der Veranstalter vor Ort für diese Entscheidung lautete: „Wir wollen den Sport nicht politisieren, aber wir müssen nach den Vorgängen in der Region sensibel sein.“ Der Gaza-Krieg bewege, so hieß es, „nach wie vor viele Menschen im Nahen Osten“. Deshalb habe Grund zu der Annahme bestanden, dass die Teilnahme der Spielerin aus dem jüdischen Staat die Fans „aufgebracht hätte“. Die Organisatoren sorgten also nicht etwa für den Schutz der Filzballkünstlerin, wie es sich gehört hätte, sondern sperrten sie stattdessen aus – einzig und allein aus dem Grund, dass sie Israelin ist. Man betrachtete Shahar Pe’er ganz selbstverständlich als politische Repräsentantin, ja, als Handlangerin des israelischen Staates und fragte noch nicht einmal danach, wie sie überhaupt zu dessen Politik steht. Damit will ich selbstverständlich kein Plädoyer für eine solche Gesinnungsprüfung halten, sondern vielmehr deutlich machen, welcher Denklogik hinter dem Einreiseverbot stand. Doch zu dieser Art von Logik später mehr.

Die Entscheidung, Shahar Pe’er kein Visum zu gewähren und damit einen Boykott gegen sie zu verhängen, stieß übrigens auf heftige Kritik. Die Weltranglisten-Sechste Venus Williams beispielsweise sagte: „Alle Spielerinnen unterstützen Shahar.“ Larry Scott, der Chef der Profiorganisation der Tennisspielerinnen (WTA), schloss sich an: „Wir haben klare Regeln und eine eindeutige Politik, dass kein gastgebendes Land einem Spieler das Recht verweigern darf, an einem Turnier teilzunehmen, für das er qualifiziert ist“, sagte er. Die internationale Menschenrechtsorganisation Simon-Wiesenthal-Center forderte sogar den Abbruch der Veranstaltung und erklärte: „Wenn man Israelis aussperrt, kann man das Turnier auch gleich Dubai Apartheid Open nennen.“ Die WTA belegte die Organisatoren schließlich mit einer Strafe von 300.000 Dollar – der höchsten Geldbuße, die sie jemals gegen eines ihrer Mitglieder verhängt hat. Darüber hinaus nannte die WTA Bedingungen dafür, dass das Turnier in Dubai auch im kommenden Jahr in den Kalender aufgenommen wird. Die Organisatoren in den Emiraten müssen Pe’er für 2010 eine Wildcard – also eine automatische Startberechtigung – gewähren und sich ver¬pflichten, sämtliche qualifizierten Spielerinnen und Spieler auch tatsächlich zur Veranstaltung zuzulassen. Allen israelischen Tennisprofis muss zudem mindestens acht Wochen vor den Wettkämpfen die Einreise garantiert sein. „Wir werden nicht erlauben, dass sich diese Situation wiederholt – weder in den Vereinigten Arabischen Emiraten noch irgendwo anders auf der Welt“, sagte WTA-Boss Scott.

Zuvor hatten bereits der amerikanische Tennis Channel und die Europa-Ausgabe des Wall Street Journal Konsequenzen gezogen: Der Fernsehsender brach die Übertragung ab, und die Zeitung, ein wichtiger Sponsor des Turniers, zog ihre finanziellen Zusagen zurück. Nicht minder schwer dürfte die Veranstalter der Rückzug des Titelverteidigers bei den Männern, Andy Roddick, getroffen haben. Während es Pe’ers Kolleginnen bei mündlichen Solidaritätsadressen beließen und das Turnier in Dubai zu Ende spielten, sagte Roddick seine Teilnahme an den Wettkämpfen aus Protest ab.

TENNIS (II): „EIN MATCH GEGEN DEN STAAT ISRAEL“

Die Einreiseverweigerung für Shahar Pe’er blieb nicht die einzige antiisraelische Boykottaktivität im Tennis zu Beginn dieses Jahres. Auch das Tennis-Davis-Cup-Spiel zwischen Schweden und Israel in Malmö Anfang März war davon betroffen. Wochenlang hatte ein politisches Bündnis namens Stoppa Matchen (übersetzt: „Stoppt das Match“) alles daran gesetzt, die Begegnung zu verhindern. Zu den Unterstützern von Stoppa Matchen zählten die Anführer der Linkspartei, die Sozialdemokraten, der Sozialdemokratische Frauenbund, die Sozialisten und die Kommunistische Partei. Ein Teil dieser Parteien gehört der linken Mehrheit im Malmöer Stadtrat an.

Und diese linke Mehrheit erklärte, man werde aus Angst vor Ausschreitungen die Davis-Cup-Spiele unter Ausschluss des Publikums durchführen. Das Sicherheitsrisiko sei viel zu groß, denn man könne die Sicherheit der israelischen Spieler nicht garantieren, lautete die scheinheilige Begründung. Ilmar Reepalu, sozialdemokratischer Stadtratsvorsitzender, gab einen Einblick in die eigentlichen Gründe für den Ratsbeschluss: „Meiner Meinung nach sollte man generell überhaupt nicht gegen Israel spielen“, sagte er der Tageszeitung Sydsvenskan und nannte die israelische Intervention in Gaza als Grund. Die Davis-Cup-Partie sei eine „Provokation für die in Malmö lebenden Araber“ und daher „kein gewöhnliches Match“, sondern „ein Match gegen den Staat Israel“.

Das heißt also: Als antiisraelische Demonstranten hätten die linken Stadträte das Tennisspiel am liebsten ganz verhindert, also boykottiert; als linke Stadträte haben die antiisraelischen Demonstranten dann zumindest durchgesetzt, dass die Davis-Cup-Begegnung zwischen den schwedischen und den israelischen Tennisspielern ohne Zuschauer über die Bühne gehen muss. Dabei hatte Håkan Jarborg Eriksson, der für das Match verantwortliche Einsatzleiter der Malmöer Polizei, gar keinen Grund gesehen, das Publikum auszusperren. In einem Interview hatte er deutlich gemacht: „Es hat auch früher schon geklappt, Einlasskontrollen und Kartenvorverkauf sicher zu handhaben, wenn man verhindern wollte, dass es in der Arena zu Unruhen kommt.“

Der schwedische Tennisverband sowie Politiker der konservativen und liberalen Parteien kritisierten das Vorhaben, vor leeren Rängen zu spielen, und die Tiraden gegen Israel als „völlig überzogen“. Die Vorsitzende des schwedischen Sportverbands, Karin Mattsson Weijber, sprach von einem „inakzeptablen Beschluss“. Das von einer konservativen Mehrheit regierte Stockholm erklärte seine grundsätzliche Bereitschaft, das Spiel in der Hauptstadt stattfinden zu lassen, sagte aber schließlich doch wieder ab: Die Vorbereitungszeit sei zu knapp. Der Tennis-Weltverband ITF zog es vor, zu der Angelegenheit zu schweigen.

Dutzende antiisraelische Aktivisten lieferten sich dann am ersten Tag der zweitägigen Davis-Cup-Begegnung Straßenschlachten mit der Polizei beim Versuch, die verschlossene Halle zu stürmen, in der das Spiel stattfand. Die Demonstranten warfen Steine und Feuerwerkskörper auf Polizeiwagen, als sie die Absperrungen durchbrechen wollten, durch die sie von der Halle fern gehalten werden sollten. Hunderte Bereitschaftspolizisten drängten die Menge mit Hilfe von Schlagstöcken zurück. Berichten zufolge gab es keine Verletzten; fünf Personen sind laut Polizeiangaben jedoch festgenommen worden. Die Ausschreitungen brachen im Anschluss an eine Demonstration aus, die im Stadtzentrum von Malmö stattgefunden hatte. 7.000 Menschen hatten sich dort versammelt, um Reden zu hören, in denen Israels Vorgehen im Gazastreifen verurteilt und die Unterstützung der Palästinenser gefordert wurde.

Die Organisatoren hatten eine so genannte friedliche Demonstration angekündigt, doch linksradikale Aktivisten wollten das Tennisspiel unbedingt sprengen. Einige Demonstrationsteilnehmer marschierten schließlich auf die Halle zu und griffen dort die Polizei an. Die Partie zwischen Schweden und Israel begannen dennoch wie geplant vor rund 300 ausgewählten Gästen, die von den beiden Tennisverbänden eingeladen worden waren. Und die israelischen Tennisprofis gaben die Antwort auf die Anfeindungen auf dem Platz: Sie gewannen das Match mit 3:2 und brachten ihre Farben erstmals seit 1987 wieder ins Daviscup-Viertelfinale. Der israelische Tennisspieler Harel Levy bemerkte anschließend trocken: „Womöglich haben die Schweden dieses Spiel verloren, weil ihnen die Unterstützung der Zuschauer fehlte. Die Umstände haben sie stärker beeinträchtigt als uns. Hoffentlich passiert so etwas nicht noch einmal.“

BASKETBALL: KRAWALLE IN ANKARA

Das waren die beiden jüngsten Beispiele für Boykotte respektive Boykottaufrufe gegen israelische Sportler. Einmal ging die Initiative dabei von den Veranstaltern eines Tennisturniers aus, einmal von antiisraelischen Lokalpolitikern und Aktivisten. Zu Beginn dieses Jahres gab es aber noch einen weiteren Vorfall, und der ging auf das Konto des Publikums: Bei einem Europapokalspiel im Basketball zwischen Turk Telekom Ankara und der israelischen Mannschaft Bnei Hasharon im Januar verhinderten randalierende Zuschauer eine Austragung der Partie. Rund 3.000 türkische Anhänger riefen antiisraelische Parolen, bewarfen die israelischen Basketballer mit Feuerzeugen, Schuhen sowie Wasserflaschen und verbrannten israelische Fahnen. Die Sicherheitskräfte konnten nur mit Mühe verhindern, dass der Platz gestürmt wird. Sie räumten schließlich die Halle, vor der es zu weiteren Ausschreitungen kam. Die Spieler von Bnei Hasharon flüchteten unter Polizeischutz in die Kabine. Die Schiedsrichter wollten schließlich vor leeren Rängen die Partie beginnen, doch die Israelis verweigerten sich diesem Ansinnen. Turk Telekom Ankara wurde später zwar mit einer Geldstrafe belegt; das Spiel jedoch wertete der internationale Basketballverband FIBA mit 20:0 gegen den israelischen Klub. Für Bnei Hasharons Vorsitzenden Eldad Akunis war diese Entscheidung ein Skandal: „Nach so einer nervenaufreibenden Tortur konnte man einfach nicht mehr spielen“, sagte er. „Die Spieler hatten Sorgen um ihre Sicherheit.“

ISRAEL IM FUSSBALL: BOYKOTTIERT, BEHINDERT, BENACHTEILIGT

Nicht nur in diesem Fall traf ein Sportverband eine mehr als fragwürdige Entscheidung, mit der israelische Sportler, gegen die sich antiisraelische Ressentiments entluden, auch noch bestraft wurden. Weitere und ältere Beispiele für Sportboykotte gegen Israel und für Benachteiligungen israelischer Sportler und Mannschaften finden sich vor allem im Fußball. Auf einige davon möchte ich nun etwas näher eingehen.

Vorab eine ganz kurze geschichtliche Einführung: Gegründet wurde der israelische Fußballverband, die IFA (Israeli Football Association), kurz nach der Staatwerdung Israels im Jahre 1948. Das erste Länderspiel bestritt das israelische Team am 26. September 1948 vor 40.000 Zuschauern in New York gegen die USA. Es ging mit 1:3 verloren, aber das war angesichts der historischen Bedeutung dieses Ereignisses vollkommen nebensächlich. Schon vor der Staatsgründung gab es einen nationalen Fußballverband, der vor allem von jüdischen Siedlern und der britischen Mandatsmacht etabliert und 1929 in den Weltfußballverband FIFA aufgenommen worden war. Unter der Bezeichnung Palästina nahm er 1934 und 1938 an den Qualifikationsspielen zur Fußball- Weltmeisterschaft teil, jedoch ohne Erfolg: 1934 gingen die beiden Partien gegen Ägypten mit 1:7 und 1:4 verloren; vier Jahre später schied man mit 1:3 und 0:1 gegen Griechenland aus.

Die erste Weltmeisterschaftsqualifikation, für die Israel sich meldete, war die für das Turnier 1950 in Brasilien. Angesichts der Vernichtungsdrohungen der arabischen Staaten hielt der Weltfußballverband FIFA es für ratsam, die Auswahl des jüdischen Staates in der Qualifikation gegen ein europäisches Team antreten zu lassen. Gegen Jugoslawien verlor Israel mit 0:6 und 2:5 und schied aus. Besser sah es da schon vier Jahre später aus: Gegen Griechenland gelangen zunächst zwei Siege, bevor erneut Jugoslawien Endstation war, diesmal jedoch nur mit zwei 0:1-Niederlagen.

1956 trat der israelische Verband der Asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) bei, in deren geografischem Einzugsbereich das Land nun einmal liegt. Doch bei der Qualifikation zum Asien-Cup, der im gleichen Jahr stattfand, wollten Afghanistan und Pakistan nicht gegen Israel antreten, denn sie erkannten den jüdischen Staat nicht an. Dadurch kam die israelische Auswahl kampflos in die Endrunde, in der sie gegen Südkorea, Hongkong und Südvietnam spielte und das Turnier als Zweitplatzierte beschloss.

Als Nächstes stand die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1958 an. Und nun begann ein nachgerade absurdes Theater. Denn im Laufe des Jahres 1956 verschärfte sich der Konflikt zwischen Ägypten und Israel, das sich zunehmend Angriffen durch die terroristischen Fedayin von ägyptischem Territorium und vom ägyptisch besetzten Gazastreifen aus erwehren musste. Ägypten bildete ein Bündnis mit Jordanien und Syrien, blockierte den Golf von Akaba und sperrte den Suezkanal für israelische Schiffe; es verletzte somit internationales Recht. Israel setzte sich zur Wehr und besetzte den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel.

Das hatte Auswirkungen auch auf den Fußball, denn die islamischen Staaten weigerten sich, Spiele gegen Israel auszutragen. Zunächst sollte Israel in der Vorrunde gegen die – islamische – Türkei antreten, doch die dachte gar nicht daran aufzulaufen. In der Zwischenrunde sollte Israel gegen – das islamische – Indonesien spielen, doch auch Indonesien trat nicht an. Schließlich sollte Israel im Finale der Ausscheidungsspiele gegen den – islamischen – Sudan ran, doch auch dieser boykottierte das Match. Von den drei vorgesehenen Spielen fand also keines statt. Damit wäre Israel eigentlich kampflos für die WM qualifiziert gewesen.

Doch dagegen hatte die FIFA etwas: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, loste sie kurzerhand aus allen europäischen Gruppenzweiten ein Land aus und ließ dieses gegen Israel um den letzten freien Platz beim WM-Turnier in Schweden antreten. Gegen Wales verlor Israel das Hin- und das Rückspiel jeweils mit 0:2 und war damit ausgeschieden. Die Boykottbewegung hatte dank der FIFA also doch noch ihr unsportliches Ziel erreicht, ohne dass ihr weitergehende Sanktionen gedroht hätten.

Anschließend begann eine regelrechte Odyssee für die israelische Fußballauswahl. An den Asienmeisterschaften nahm sie zwar noch bis 1972 teil, doch auch dabei war sie immer wieder mit Boykotten konfrontiert: Zu den Spielen 1962 in Indonesien beispielsweise wurde sie gar nicht erst eingeladen, und 1972 erklärte sich lediglich Südkorea bereit, in der Qualifikation gegen sie anzutreten. Israel verzichtete letztlich, zumal die arabischen Staaten angekündigt hatten, im Falle einer Qualifikation der israelischen Auswahl die Endrunde zu boykottieren. Die Asiatische Fußball-Konföderation handelte – und schloss Israel 1974 aus ihrem Verband aus. Eine Aufnahme in den europäischen Fußballverband UEFA lehnten jedoch die Staaten des Ostblocks ab. Von der FIFA war zu all dem erneut kein Wort zu hören.

Bei der WM-Qualifikation wiederum wurde die israelische Mannschaft bald von Kontinentalverband zu Kontinentalverband gereicht: Die Ausscheidungsspiele für die Turniere 1962 und 1966 bestritt Israel in der Europagruppe, die für die Wettkämpfe 1970 in der Ozeaniengruppe und die für die Endrunden 1974 und 1978 wieder in der Asiengruppe. Und so ging es munter weiter: 1982 Europa, 1986 Asien, 1990 Ozeanien. An der Qualifikation zu kontinentalen Meisterschaften – also zur Asien- oder Europameisterschaft – nahm Israel zwischen 1974 und 1994 überhaupt nicht mehr teil, weil es keinem Verband fest angehörte. Israels Klubmannschaften durften immerhin seit 1992 bei den europäischen Wettbewerben mitmachen. 1994 erfolgte dann endlich die offizielle Eingliederung in die UEFA.

Ein derartiges Hin und Her ist in der Geschichte des Weltfußballs einzigartig; kein anderer Fußballverband musste je solche permanenten Versetzungen über sich ergehen lassen. Drakonische, das heißt über Punktabzüge hinausgehende Maßnahmen gegen jene Mitgliedsverbände, die Wettbewerbsspiele gegen Israel verweigerten, mochte die FIFA nicht ergreifen. Unter Berufung auf ihre angeblich unpolitische Rolle – dazu später mehr – hielt sie sich stets heraus. Die israelischen Fußballer und die Verantwortlichen ihres Verbands begegneten dem mit einem gewissen Pragmatismus. Denn sie wollten ihre Qualifikationsspiele gerne austragen, statt darauf zu bestehen, die Punkte kampflos zugesprochen zu bekommen. Dafür flogen sie sogar bis nach Australien und Neuseeland. Angesichts dieser ausgesprochen ungünstigen Voraussetzungen ist es eine echte sportliche Sensation, was Israel 1968 bei den Olympischen Spielen und zwei Jahre später bei seiner ersten und bisher einzigen Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft, der in Mexiko nämlich, erreichte.

Die Qualifikation für Olympia 1968 war für das israelische Team dabei noch eine vergleichsweise leichte Angelegenheit. Denn die zugelosten Gegner Burma, Iran und Indien boykottierten den jüdischen Staat. Daher genügten zwei Siege über Ceylon mit 7:0 und 4:0, um das Ticket nach Mexiko-Stadt zu lösen. Dort erreichte die Mannschaft das Viertelfinale und kam nur deshalb nicht noch weiter, weil nach einem Unentschieden gegen Bulgarien das Los über das Weiterkommen entscheiden musste und Israel diese Lotterie verlor. Bei der WM 1970 wiederum schied das Team nach zwei Unentschieden gegen Schweden (1:1) und den späteren Vizeweltmeister Italien (0:0) bei einer 0:2-Niederlage gegen Uruguay nach der Vorrunde aus. Das Tor von Mordechai Spiegler gegen Schweden blieb der bislang einzige WM-Treffer Israels.

Der erfolgreichste israelische WM-Teilnehmer ist freilich ein Schiedsrichter, nämlich Avraham Klein, der bei den Turnieren 1970, 1978 und 1982 eingesetzt wurde. 1978 leitete er das Spiel um den dritten Platz. Klein war eigentlich sogar als Referee für das Finale zwischen Gastgeber Argentinien und den Niederlanden im Gespräch, nachdem er die Partie Argentinien gegen Italien souverän geleitet hatte. Doch die Argentinier fühlten sich trotz ihres Weiterkommens benachteiligt und lehnten Klein ab. Hinzu kam, dass die herrschende Militärjunta, die Juden alles andere als freundlich gesinnt war, Anstoß daran nahm, dass Klein vor dem Spiel Argentiniens gegen Italien die Jüdische Gemeinde des Landes besucht hatte. Ihm wurde von argentinischer Seite aber auch deshalb Voreingenommenheit unterstellt, weil der Endspielgegner Niederlande hieß. Als „Kriegswaise“ hatte Klein ein Jahr lang im niederländischen Apeldoorn verbracht. Und mit Ruud Krol trug ein Mann die Kapitänsbinde der Oranjes, dessen Vater in den Jahren der deutschen Besatzung Juden das Leben gerettet hatte. Die FIFA folgte dem argentinischen Wunsch, Avraham Klein nicht das Endspiel pfeifen zu lassen, obwohl sie sonst stets betont, sich von niemandem in die Einteilung der Unparteiischen hineinreden zu lassen.

Und damit zu einer kleinen Exkursion, deren Ziel eben diese FIFA ist. Denn es lohnt sich, einen Blick auf die politische, um nicht zu sagen Kriminalgeschichte dieses sich unpolitisch wähnenden Verbands zu werfen, hinter dessen vorgeblicher Äquidistanz sich oft genug die offene Kollaboration mit den übelsten Diktaturen verbarg und verbirgt. Eine Ausnahme bildet hier lediglich der Umgang des Weltverbands mit seinem Mitgliedsland Südafrika während der Apartheid: Der Suspendierung 1964 ließ die FIFA zwölf Jahre später den vollständigen Ausschluss des südafrikanischen Verbands folgen. Dessen Wiedereingliederung wurde im Juli 1992 vollzogen.

Doch das blieb, wie gesagt, die rühmliche Ausnahme. Von der Willkür der FIFA gegenüber Israel in Bezug auf die Qualifikation zur WM 1958 war ja bereits die Rede. Ein weiterer markanter Beleg für die Gesinnung, die bei dieser mächtigen Organisation herrscht, findet sich im Jahr 1974. Für die damalige Endrunde, die erstmals in der Bundesrepublik Deutschland stattfand, hatte sich auch das Chile des Diktators Augusto Pinochet qualifiziert. Im Land wurden Abertausende von Menschen gefangen gehalten, gefoltert und ermordet, nicht zuletzt in großen Fußballstadien. Die FIFA sah jedoch keine Veranlassung, Chile von der Qualifikation auszuschließen. Stattdessen kam es beim entscheidenden Playoff-Spiel der Chilenen zu einer der absurdesten Begegnungen, die sich jemals beim Fußball zugetragen haben. Denn Chiles Gegner war die Sowjetunion, und die weigerte sich nach einem 0:0 im Hinspiel, im Nationalstadion von Santiago aufzulaufen, wo kurz zuvor noch Pinochets Schlächter ihrem Handwerk nachgegangen waren. Die FIFA hatte vor dem Match eine Delegation nach Chile entsandt, deren Bericht eindrucksvoll dokumentiert, wes Geistes Kind man in diesem Laden ist:

„Der Rasen befand sich in einem herrlichen Zustand, und alle Gefangenen befanden sich noch in den Umkleidekabinen“, hieß es dort unter anderem.

Da der Weltfußballverband das Stadion also für tauglich befunden hatte, wurde am 21. November 1973 das Spiel vom österreichischen Schiedsrichter Linemayr angepfiffen – allerdings ohne das sowjetische Team. Auf dem Platz standen elf chilenische Spieler, auf den Rängen befanden sich ein paar bestellte Anhänger des Regimes. Die Hausherren schoben den Ball ein paar Mal hin und her und dann ins gegnerische Tor. Da niemand da war, um den folgenden Anstoß durchzuführen, brach der Referee das Spiel ab. Später wertete es die FIFA mit 2:0, schickte Chile zur WM und bestrafte so die Sowjetunion für ihren politischen Ungehorsam.

Zwei Jahre nach der WM in Westdeutschland putschte sich in Argentinien – dem Land des nächsten Gastgebers – die faschistische Militärjunta des Generals Videla an die Macht. Erneut unternahm die FIFA nichts; die WM-Spiele fanden in Stadien statt, in denen zuvor, wie schon in Chile, Menschen eingepfercht, gefoltert und hingerichtet worden waren. Diktator Videla versuchte, die Weltmeisterschaft als Bühne zu benutzen. In den Niederlanden und Frankreich wurde ein Boykott des Turniers diskutiert, doch die FIFA dachte gar nicht daran, Argentinien die Wettkämpfe zu entziehen.

Sie schritt auch nicht ein, als Saddam Husseins Sohn Uday im Jahre 1997 irakische Fußballer foltern ließ, weil die sich nicht für die WM in Frankreich qualifiziert hatten, und drei Jahre später noch einmal, als das Team bei den Asienmeisterschaften nicht über das Viertelfinale hinausgekommen war. Sie blieb passiv, als die Taliban UN-finanzierte Fußballplätze zur Folter und Ermordung hunderter Menschen missbrauchten – teilweise in den Pausen von Fußballspielen –, während sie von den Tribünen mit dem Ruf „Gott ist groß!“ angefeuert wurden. Die FIFA konnte sich auch nicht vorstellen, den Iran von der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu disqualifizieren. Und das, obwohl dessen Präsident Mahmud Ahmadinedjad – der lange Zeit überlegt hatte, der iranischen Mannschaft nach Deutschland zu folgen – mehrfach unverhohlen mit der Vernichtung Israels gedroht hatte. Doch den FIFA-Präsidenten Joseph Blatter focht das nicht an. Ein Ausschluss des Iran sei für ihn „undenkbar“, sagte er. Denn:

„Wir würden nie auf Grund irgendwelcher politischer Aussagen einen Verband ausladen. Wir sind in politischen und religiösen Fragen absolut neutral.“

Wie neutral, zeigte sich einmal mehr im April 2006. Da schickte der Weltverband dem israelischen Botschafter in der Schweiz, wo die FIFA ihren Sitz hat, eine an die israelische Regierung gerichtete Beschwerde. Der Grund: Die israelische Armee hatte ein Fußballstadion im Gazastreifen unter Beschuss genommen. Die FIFA teilte dem israelischen Diplomaten mit, sie erwäge „Maßnahmen wegen des Luftschlags“. Dabei kam der israelische Angriff auf das leere Stadion durchaus nicht grundlos. Er war zum einen eine Antwort auf Angriffe der Hamas mit Kassam-Raketen am Tag zuvor, bei denen unter anderem eine Rakete auf einem Fußballplatz eines Kibbuz’ nahe Ashkelon gelandet war. Zum anderen diente das Stadion in Gaza als Trainings- und Ausbildungslager für den Islamischen Djihad und die Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden sowie als Raketenabschussrampe.

Das alles interessierte die FIFA jedoch nicht, und so schrieb ihr Vertreter „für besondere Aufgaben“ mit dem klangvollen Namen Jérôme Champagne den besagten Brief an den israelischen Botschafter und bat ihn darum, „zu erläutern, warum das Stadion beschossen wurde, bevor die FIFA darüber entscheiden konnte, welche Maßnahmen, wenn überhaupt, zu ergreifen sind“. Ein Fußballstadion zu beschießen, sei jedenfalls „absolut kontraproduktiv für den Frieden, denn heute ist Fußball das einzige universelle Werkzeug, das Gräben überbrücken kann“. Und einmal in Fahrt, wurde Champagne gegenüber den Medien noch deutlicher. Die israelischen Grenzübergänge hätten es den Palästinensern seit 2000 verunmöglicht, ihre eigene Liga aufzubauen, sagte er, und: „Der Gazastreifen ist seit 1967 besetzt. Frankreich wurde von Deutschland drei Mal in den letzten hundert Jahren besetzt. Meinen Sie, wir hätten nach sechs Monaten einfach Frieden schließen können? Kein Teil von Israel ist von Palästinensern besetzt. Es ist falsch, ein Volk zu besetzen.“ Also bezahlte die FIFA die Instandsetzung des Stadions im Gazastreifen, während sie sich um den von einer Kassam-Rakete demolierten Fußballplatz in dem erwähnten Kibbuz nicht weiter scherte. So kann man eine Gleichsetzung Israels mit Nazideutschland auch zum Ausdruck bringen und einmal mehr demonstrieren, was man unter „absoluter Neutralität“ versteht: in diesem Fall eine tiefe Zuneigung zu den Feinden des jüdischen Staates.

Und dabei schafft die FIFA noch weitergehende Fakten. Denn sie orientiert sich nicht zwangsläufig an bestehenden politischen Grenzen, sondern zieht ihre eigenen. Daher gehören dem Weltverband auch Mitglieder an, die keinem international anerkannten Staatswesen zuzurechnen sind. Eines davon ist die Palestinian Football Federation (PFF), 1964 gegründet und 1998 aufgenommen. Seit neun Jahren darf Palästina also offiziell Länderspiele austragen und an der Qualifikation zu internationalen Turnieren wie der Weltmeisterschaft teilnehmen. Darüber hinaus erfreuen sich die palästinensischen Kicker einer besonderen finanziellen und logistischen Förderung durch die FIFA, etwa in Form des Goal-Projekts, mit dem, so heißt es, die fußballerische Infrastruktur verbessert werden soll.

Dagegen wäre gewiss nichts einzuwenden, würden die Sportplätze nicht regelmäßig auch den bereits geschilderten anderen Zwecken dienen, und würden Fußballspiele in den palästinensischen Gebieten nicht immer wieder in antisemitische Manifestationen verwandelt. So wurde beispielsweise 2003 ein Amateurturnier nach einem Selbstmordattentäter benannt, der im März des Vorjahres in Netanya 31 Menschen bei einer Pessach-Feier getötet hatte. Dessen Bruder kam anschließend die Ehre zu, dem Sieger dieses Märtyrerturniers den Pokal überreichen zu dürfen. Und im Herbst 2007 fand in einer Schule in Tulkarem in der Westbank neuerlich ein Fußballturnier statt, das den Namen eines mörderischen Judenhassers trug: Ziyad Da’as, ein städtischer Kommandeur der Tanzim-Milizen innerhalb der Fatah, war für die Planung eines Attentats verantwortlich, bei dem im Januar 2002 während einer Bat-Mitzvah-Feier in Hadera sechs Menschen ermordet und 30 verletzt wurden, und er stand zudem hinter der Entführung und Ermordung zweier Israelis in Tulkarem im gleichen Monat. Im August 2002 töteten ihn schließlich israelische Soldaten. Grund genug für die Schulleitung in Tulkarem, an ihn mit einem Wettbewerb zu erinnern, und Anlass für eine Zeitung der Palästinensischen Autonomiebehörde, Ziyad Da’as als „einen der mutigen Menschen des palästinensischen Widerstands“ zu rühmen, den die israelischen Besatzungstruppen „kaltblütig ermordet“ hätten: „Am Ende des Turniers“, schrieb das Blatt, „bezeugten die Zuschauer, dass der Wettkampf geeignet war, des mutigen Märtyrers Ziyad Da’as, die Gnade Allahs sei mit ihm, zu gedenken, und dass alljährlich ein Turnier an seinem Todestag stattfinden soll“. Die Ausscheidung des Jahres 2007 gewann übrigens eine Mannschaft, die sich nach den „Märtyrern“ des südlichen Viertels von Tulkarem benannt hatte. Ob es das ist, was sich die FIFA unter einer „Verbesserung der fußballerischen Infrastruktur“ vorgestellt hat?

In vielerlei Hinsicht ähnelt die Politik des Weltfußballverbands also der Politik der Vereinten Nationen, von denen Israel ebenfalls nichts als regelmäßige Benachteiligungen zu erwarten hat, während seine Feinde stets ungeschoren davonkommen und sich nicht selten besonderer Zuneigung erfreuen. Und dann gibt es da ja noch den gar nicht so kleinen Bruder der FIFA, den europäischen Fußballverband UEFA. Seit 1994 ist Israel, wie bereits gesagt, dessen festes Mitglied. Doch von einer Liebesbeziehung kann wahrlich keine Rede sein, denn auch die UEFA wirft den israelischen Fußballern allenthalben Knüppel zwischen die Beine und beschert den israelischen Klubs wie auch der Nationalmannschaft immer wieder handfeste Wettbewerbsnachteile. Als beispielsweise die Zweite Intifada ab dem Jahr 2000 ihren antisemitischen Terror ausagierte, mussten israelische Teams auf Geheiß des europäischen Verbands ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben auf Zypern austragen, weil es den anreisenden Klubs angeblich nicht zuzumuten war, in Israel zu kicken. Erst nach dem Bau des Sicherheitszauns und dem Rückgang der Selbstmordattentate genehmigte die UEFA im April 2004 wieder die Austragung von Partien im Land.

Einer der ersten Klubs, die in den Genuss solcher echten Heimspiele kamen, war in der Saison 2004/05 Maccabi Tel Aviv. Maccabi hatte sich für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert und traf dort unter anderem auf den deutschen Meister FC Bayern München. Das Hinspiel in Tel Aviv hatte die UEFA jedoch auf den jüdischen Neujahrstag Rosh Hashanah gelegt. Dieses Fest ist neben dem zehn Tage später gefeierten Yom Kippur bekanntlich einer der höchsten jüdischen Feiertage, an dem die religiösen Familien die Synagoge zu besuchen pflegen. Maccabi bat daher um eine Vorverlegung der Partie um einen Tag und hatte dafür bereits die Zustimmung des FC Bayern sowie des Fernsehens eingeholt. Somit waren eigentlich alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Doch die Funktionäre der UEFA sperrten sich.

„Wir können es nicht akzeptieren, wenn jeder anfängt, nationale, religiöse oder politische Feiertage als Argument für eine Verlegung zu benutzen“,

sagte der Mediendirektor der UEFA, William Gaillard. Bei den Bitten anderer Nationalverbände oder Klubs war man zuvor deutlich entgegenkommender gewesen, zumal dann, wenn alle Beteiligten mit der Verlegung eines Spiels einverstanden waren. Doch nun stellte man auf stur. Selbst ein Amtshilfeersuchen des israelischen Außenministers Silvan Shalom an seinen deutschen Kollegen Joschka Fischer und ein Appell des Zentralrats der Juden in Deutschland an die UEFA halfen nichts. Das Spiel wurde nicht verschoben und fand schließlich vor halbleeren Rängen statt.

Während des Libanonkrieges im Sommer 2006 und noch längere Zeit danach wurden israelische Klubs dann erneut für den Terror bestraft, der den jüdischen Staat heimsuchte. Hapoel Tel Aviv, Bnei Yehuda Tel Aviv und Beitar Jerusalem mussten ihre Heimspiele in der Qualifikation für den UEFA-Pokal jenseits der Landesgrenzen austragen, ebenso Maccabi Haifa seine Playoffs zur Champions League. „Durch den Krieg mit der Hizbollah im Süden des Libanon ist die Sicherheit der Sportler in Israel nicht ausreichend gewährleistet“, behauptete die UEFA. Iche Menachem, Präsident des Israelischen Fußballverbands, war fassungslos: „Wir werden diese Entscheidung nicht unwidersprochen akzeptieren. Ich fordere die UEFA-Offiziellen auf, ihre Entscheidung hier im Land zu treffen und nicht in ihren Büros in der Schweiz.“ Wenn Popgruppen wie Depeche Mode in Israel spielen könnten, sei das auch Fußballvereinen zuzumuten. Man erwog zeitweilig sogar eine Klage vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS.

Anfang September 2006 traf die Heimspielsperre dann auch das israelische Nationalteam. Sein erstes Spiel in der Qualifikation zur Europameisterschaft gegen Andorra musste es im niederländischen Nijmegen bestreiten – und das auch noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei hatte die UEFA kurz zuvor noch angekündigt, dass dieses Match in Tel Aviv stattfinden könne, wenn sich der Waffenstillstand als stabil erweise. Das war zwar der Fall, doch die UEFA wollte von ihrem Versprechen plötzlich nichts mehr wissen. Das brachte Israels Sportminister Ophir Pines-Paz auf die Palme: „Man muss begreifen, dass wir über zwei antisemitische schwedische Funktionäre sprechen. Diese beiden Schweden, die gegen uns arbeiten, sind diejenigen, die die Entscheidungen treffen. Und sie hassen uns.“ Dieser Zornesausbruch, der sich gegen den damaligen UEFA-Präsidenten Lennart Johansson und dessen Generaldirektor Lars-Christer Olsson richtete, war ohne Zweifel nachvollziehbar. Denn die vorgeblichen Sicherheitsbedenken muteten mehr als fragwürdig an. Würde die UEFA in allen Fällen mit gleichem Maß messen, hätte sie zumindest auch die Heimspiele spanischer und englischer Teams nach den Terrorangriffen von Madrid und London oder die Partien türkischer Mannschaften nach dem Anschlag in Antalya im August 2006 verlegen müssen. Doch nichts dergleichen geschah, und daher müssen sich die Verantwortlichen des Verbands den Vorwurf gefallen lassen, eine explizit politische Entscheidung getroffen zu haben.

Eigenartig auch, dass die UEFA den israelischen Erstligaklub Hapoel Tel Aviv im September 2007 zu einer Geldstrafe von 30.000 Euro verurteilte, weil dessen Anhänger während des UEFA-Pokal-Qualifikationsspiels beim Verein NK Siroki Brijeg randaliert hatten – nachdem Fans des bosnischen Vereins die israelische Supporter unter anderem mit Naziparolen und dem Hitlergruß provoziert hatten. Das kostete Brijeg jedoch nur 3.000 Euro. Überhaupt keine Strafe musste gar der französische Klub Paris St. Germain zahlen, obwohl ein Teil der Zuschauer beim UEFA-Pokal-Spiel gegen Hapoel Tel Aviv im November letzten Jahres antisemitische Parolen gegrölt hatten. Nach der Partie kam es überdies zu einer regelrechten Hetzjagd auf Hapoel-Anhänger durch Paris, bei der schließlich einer der Angreifer von einem Polizisten erschossen wurde.

All diese Beispiele zeigen, dass de FIFA und der europäische Verband UEFA in ihrem Umgang mit der Israeli Football Association auf der Ebene des Fußballs ganz ähnlich vorgehen wie die Vereinten Nationen mit dem jüdischen Staat auf politischer Ebene: Sie legen an Israel regelmäßig andere Maßstäbe an als an ihre übrigen Mitglieder, sie treffen immer wieder Entscheidungen zum Nachteil Israels, und sie unterlassen Konsequenzen gegenüber jenen, die aus ihrer prinzipiellen Ablehnung Israels keinen Hehl machen, um es zurückhaltend zu formulieren. Man könnte sie deshalb als eine Art Fußball-UNO bezeichnen, zumal ihr Vorgehen Auswirkungen weit über den Sport hinaus hat und gesellschaftliche Relevanz besitzt.

Dazu passen auch die regelmäßigen Boykotte iranischer Spieler, wenn sie mit ihrem jeweiligen Klub gegen eine israelische Mannschaft antreten sollen. Im Herbst 2004 beispielsweise spielte der deutsche Rekordmeister Bayern München, wie bereits erwähnt, in der Champions League gegen Maccabi Tel Aviv. Dabei fehlte sowohl im Hin- als auch im Rückspiel der inzwischen für Hannover 96 kickende iranische Nationalspieler Vahid Hashemian. Die offizielle Begründung lautete, der Angreifer sei verletzt. Dass das nur vorgeschoben war, lag gleichwohl nahe. Denn der iranische Verband hatte Hashemian mit Konsequenzen gedroht, sollte er mit den Münchnern gegen Maccabi spielen.

Und Anfang Oktober 2007 gab es eine Menge Wirbel um den deutschen U 21-Nationalspieler Ashkan Dejagah vom VfL Wolfsburg. Denn der weigerte sich, mit zum Europameisterschafts-Qualifikationsspiel der DFB-Auswahl in Israel zu reisen. Die Spekulationen über seine Motive heizte Dejagah dabei selbst an.

„Das hat politische Gründe. Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin“

, wurde er in verschiedenen Zeitungen zitiert. Weiter sagte er: „Ich habe mehr iranisches als deutsches Blut in meinen Adern. Außerdem tue ich es aus Respekt, schließlich sind meine Eltern Iraner.“ Von einer Furcht vor möglichen Nachteilen für seine Verwandten im Iran oder davor, dass ihm selbst künftig die Einreise in den islamischen Staat verweigert werden könnte, war erst die Rede, als die Proteste gegen Dejagah und gegen die äußerst nachsichtige Haltung des DFB zunahmen und sich zudem herausstellte, dass Dejagah doch nicht mehr, wie ursprünglich angenommen, für die A-Nationalmannschaft des Iran spielberechtigt ist.

Dass sich sowohl die UEFA als auch die FIFA aus solchen Fällen heraushalten, ist angesichts der geschilderten Benachteiligungen Israels einerseits sicher nicht verwunderlich. Andererseits handelt insbesondere der Weltfußballverband mit seinem beharrlichen Schweigen letztlich gegen seine eigenen Grundsätze. Denn die FIFA verbittet sich normalerweise jegliche Einmischung der Politik in den Fußball und schließt bei einer Zuwiderhandlung auch schon mal ein Mitgliedsland vorübergehend aus. Doch sie hat bis heute nie darauf reagiert, dass das Mullah-Regime iranischen Fußballern Wettkämpfe gegen israelische Teams strikt untersagt und ihnen mit massiven Sanktionen nicht nur sportlicher Art droht, wenn sie sich diesem Verbot widersetzen.

OLYMPISCHE BOYKOTTE GEGEN ISRAEL

Boykotte gegen israelische Athleten hat es aber nicht nur im Fußball, sondern auch in weiteren Sportarten gegeben. Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit möchte ich dabei nennen, und an beiden war wiederum der Iran beteiligt. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen weigerte sich der hoch favorisierte iranische Judo-Weltmeister Arash Miresmaeili, gegen den Israeli Ehud Vaks anzutreten. Vaks kam kampflos eine Runde weiter, während Miresmaeili von der politischen Führung seines Landes gefeiert wurde: „Der Name von Arash Miresmaeili wird in die iranische Geschichte eingehen als ein Quelle des Stolzes für das Land“, lobte ihn der damalige Staatspräsident Mohammad Khatami. Weiter sagte er: „Das großartige Handeln und die Selbstaufopferung unseres Champions, der auf eine sichere Olympiamedaille aus Protest gegen Massaker, Terror und Besetzung verzichtet hat, ist eine nationale Ruhmestat.“ Auch der seinerzeitige Sprecher des iranischen Parlaments, Gholam-Ali Haddad-Adel, gratulierte dem Verweigerer für seine „tapfere Entscheidung“. Vize-Sportchef Ali Kafashian schlug vor, Miresmaeili mit einem speziellen Preis zu ehren. Der Judoka erhielt vom Nationalen Olympischen Komitee des Iran schließlich eine Prämie von 5.000 Dollar.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sperrte den Sportler; der Judo-Weltverband IJF verhängte jedoch keine Strafe gegen ihn oder seinen Verband. Offiziell war Miresmaeili wegen Übergewichts nicht zum Kampf zugelassen worden. Und eine Anhörung vor der IJF-Untersuchungskommission soll ergeben haben, dass Miresmaeili nie die Absicht zum Boykott des Wettbewerbs hatte. Das mutet sehr eigenartig an; schließlich hatte Miresmaeili, der Fahnenträger seines Landes bei Olympia in Athen, schon Tage vor dem Kampf angekündigt, gegen keinen Athleten aus Israel anzutreten. Mit seinem Boykott wolle er gegen die israelische Haltung im Nahostkonflikt protestieren.

Auch bei den letzten Olympischen Spielen 2008 in Peking gab es einen antiisraelischen Boykott: Der iranische Schwimmer Mohammad Alirezaei erschien nicht zu einem Vorlauf in der Disziplin 100 Meter Brust, weil mit Tom Beeri auch ein israelischer Schwimmer im Becken war. Zunächst hatte das Nationale Olympische Komitee des Iran den Start von Alirezaei erlaubt, weil dieser auf Bahn eins und der Israeli auf Bahn sieben eingeteilt waren und es sich damit nicht um ein direktes Duell gehandelt hätte. Am Ende blieb Alirezaei Platz aber doch frei. Iranischen Angaben zufolge war der Sportler erkrankt. Das IOC glaubte dieser Begründung und sprach keine Sanktionen aus.

FAZIT

Man sieht an all diesen Beispielen, dass die gegen Israel gerichteten Boykotte und die Benachteiligungen israelischer Sportler und Sportverbände eine beträchtliche Dimension haben. Vor allem die Verbände aus arabisch-islamischen Ländern weigern sich regelmäßig, ihre Sportler gegen israelische Athleten antreten zu lassen. Oft nehmen dabei die jeweiligen Regierungen beziehungsweise Regimes – wie jenes im Iran – direkten Einfluss auf die Entscheidungen der Sportverbände und sorgen so für eine unmittelbare Verquickung von Sport und Politik. Die Nichtanerkennung Israels auf politischer Ebene führt dann auf sportlicher Ebene dazu, Wettkämpfe gegen Athleten und Mannschaften aus dem jüdischen Staat zu boykottieren oder gegen sie, wie im eingangs erwähnten Fall der Tennisspielerin Shahar Pe’er, auch schon mal ein Einreiseverbot zu verhängen. Doch wie die Geschehnisse rund um das Davis-Cup-Spiel im schwedischen Malmö und das Verhalten des deutschen Fußballspielers Ashkan Dejagah gezeigt haben, beschränken sich antiisraelische Boykottaktivitäten im Sport nicht auf den arabisch-islamischen Raum.

Und diese antiisraelischen Aktivitäten sind, um es deutlich zu sagen, antisemitisch motiviert. Denn Israel kann tun und lassen, was es will – stets wird es nicht nur in seinen Nachbarstaaten für alles Unheil im Nahen Osten verantwortlich gemacht, sondern auch in unseren Breitengraden: Als sich beispielsweise die israelische Armee und jüdisch-israelische Siedler noch im Gazastreifen aufhielten, galten sie als Besatzer. Als sie sich 2005 zurückzogen, intensivierten palästinensische Terrorgruppen zum Dank ihren Raketenbeschuss, woraufhin Israel die Grenzkontrollen verschärfte – und sich fortan dem Vorwurf ausgesetzt sah, „das größte Gefängnis der Welt“ errichtet zu haben. Lässt der jüdische Staat den Raketenhagel über sich ergehen, wird er in der arabisch-muslimischen Welt als Schwächling verhöhnt. Reagiert er aber mit Sanktionen oder Gegenschlägen, dann handelt er „unverhältnismäßig“ oder „alttestamentarisch“, befördert die „Gewaltspirale“ oder begeht gar ein „Massaker“. Kurzum: Gleich, was Israel unternimmt, seine Gegner und Feinde sehen darin immer nur weitere Belege für seine abgrundtiefe Bösartigkeit. Dieses Denkmuster ist altvertraut und wohlbekannt; es ist ein judenfeindliches. Der Wiener Politikwissenschaftler Stephan Grigat urteilte denn auch in einem Beitrag für das Internetportal haGalil, Israel fungiere „als eine Art Jude unter den Staaten“. Der gegen Israel gerichtete Antizionismus sei eine „geopolitische Reproduktion des Antisemitismus, der das klassische Bild des geldgeilen, vergeistigten und wehrunfähigen jüdischen Luftmenschen durch jenes des alles niedertrampelnden, auf territoriale Expansion und völkische Homogenität setzenden Israeli ergänzt“. Und zu diesem antisemitischen Denkmuster gehört es dann auch, israelische Sportler gewissermaßen als Soldaten zu betrachten, die den Krieg im Sport sozusagen mit anderen Mitteln fortsetzen und die man jedenfalls boykottieren muss, weil sie Israelis sind, egal, was sie tun und denken.

Dachverbände wie die FIFA und die UEFA wiederum sind oft genug eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Ihre offiziell bekundete Neutralität in politischen Dingen – das sollten die verschiedenen Beispiele deutlich gemacht haben – ist erstens keine, denn oft genug haben sie israelische Athleten benachteiligt, wenn diese mit Boykotten konfrontiert wurden, oder sie haben mit zweierlei Maß gemessen. Zweitens ist eine solche scheinbare Neutralität eine faktische Parteinahme für die Feinde des jüdischen Staates. Und nicht nur deshalb, sondern auch angesichts der mal sehr milden und mal gar nicht verhängten Sanktionen bei antiisraelischen Boykotten kann man den Verbänden den Vorwurf nicht ersparen, sich immer wieder zu Komplizen der Israelhasser zu machen, wo ihre Funktionäre nicht sogar selbst welche sind. Dabei hat die Profiorganisation der Tennisspielerinnen (WTA) vorgemacht, dass es sehr wohl auch anders geht.

Nach so viel Boykottgeschichten möchte ich zum Abschluss noch von einer Episode berichten, die zumindest positiv begann. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft vor drei Jahren in Deutschland holte der ghanaische Nationalspieler John Paintsil nach dem entscheidenden 2:0 seiner Mannschaft gegen Tschechien eine israelische Fahne hervor, die er in seinem Strumpf verstaut hatte, und zeigte sie jubelnd dem Publikum. Zur Begründung sagte Paintsil, der damals für Hapoel Tel Aviv spielte: „Ich liebe die Fans aus Israel, deshalb habe ich mich für diese Aktion entschieden.“ Leider hatte die Geschichte kein Happy-End, denn der ghanaische Fußballverband distanzierte sich einen Tag später von seinem Kicker und empfahl ihm sogar eine Therapie. Die Botschaft lautete also: Wer für Israel ist, kann nicht ganz richtig im Kopf sein. Bei der FIFA – und nicht nur bei ihr – wird man das im Zweifelsfall genauso gesehen haben. Denn eine Oase der Vernunft war der Weltfußballverband noch nie, sondern stets nur Mitschwimmer in einem Meer von Unsinn.

2008 – Das Jahr der globalen Christenverfolgung

Niedergebrannte Kirchen, Angriffe auf Gottesdienste und Wohnungen: In zahlreichen Ländern der Welt sind Christen Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt. Mehr als 90 Prozent der aus religiösen Gründen Verfolgten und Ermordeten waren in diesem Jahr Christen. Besonders schlimm sieht es im Irak, aber auch in Indien aus.

Eine mit Pistolen und Stöcken bewaffnete Menschenmenge näherte sich dem kleinen indischen Dorf im östlichen Bundesstaat Orissa. Der Mob warf die Fenster der Kirche ein und trieb die Gottesdienstbesucher vor das Gebäude. Dann setzen die Extremisten die Holzkirche mit Fackeln in Brand. Das Lichterfest am Heiligen Abend vor einem Jahr war der willkommene Anlass für fanatische Hindus, ihren christlichen Landsleuten zu zeigen, dass sie als Christen nicht länger geduldet würden. 70 weitere Kirchen wurden abgebrannt und 600 Wohnungen von Christen zerstört.

Das Jahr 2008 wird in die Annalen eingehen als das Jahr, in dem die Diskriminierung und Verfolgung christlicher Minderheiten weltweit ein selten gekanntes Ausmaß erreicht hat. Mehr als 200 Millionen der rund 2,2 Milliarden Christen sind betroffen, wie die katholische Menschenrechtsorganisation „Kirche in Not“ in einem aktuellen Bericht bilanziert.

Keine andere Religionsgemeinschaft wird härter und grausamer verfolgt als die christliche, mehr als 90 Prozent der aus religiösen Gründen Ermordeten und Verfolgten sind Christen.

Islamische und kommunistische Länder drangsalieren ihre christlichen Minderheiten am stärksten. Auf dem „Weltverfolgungsindex 2008“ der Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ rangiert das kommunistische Nordkorea ganz vorn, dicht gefolgt von Saudi-Arabien. Unter den ersten zehn befinden sich auch die islamischen Länder Iran, Jemen und Afghanistan. China ist vom zwölften auf den zehnten Platz vorgerückt. Auch in der früheren Sowjetrepublik Usbekistan, in Somalia, Pakistan und Ägypten werden schwere Menschenrechtsverletzungen gegen Christen begangen.

Europa sieht sich nicht als Schutzmacht für Christen

Immer wieder machen Menschenrechtsorganisationen auf die schlimme Lage für Christen in diesen Ländern aufmerksam – ohne große Wirkung in der christlich geprägten Welt. Auch der Vorstoß von Wolfgang Schäuble, eine europäische Lösung für die verfolgten Christen im Irak zu finden, lief weitgehend ins Leere. Offenbar empfindet das christliche Europa sich längst nicht mehr als Schutzmacht der Christenheit.

Anmerkung: Das christliche Europa liegt im Sterben. Da sich Europa unbedingt als eine Gegenmacht zu den USA etablieren muss, fliegt auch der mit den USA verbundene christliche Glaube über Bord.

Das Schweigen hat viele Ursachen. Noch immer halten sich Politiker und Regierungen zurück, wenn es um die Maßregelung von Ländern geht, die als ehemalige Kolonien selbst Opfer von Diskriminierung und Unterdrückung waren. Und in den sich immer weiter säkularisierenden Gesellschaften des Westens verschwindet naturgemäß die Sensibilität für Menschen, die ihrem Glauben bis in den Tod hinein treu bleiben. Die Propaganda islamistischer Gruppen, die Christen im Irak oder im Iran seien natürliche Verbündete der USA und der Nato, erscheint nicht wenigen auch im Westen plausibel.

Der pakistanische Erzbischof Lawrence Saldanha forderte deshalb den Westen auf, sich nicht als Christ für Christen, sondern als Bürger für die freie Religionsausübung als allgemeines Menschenrecht einzusetzen. Das würde dem Konflikt die kulturell-religiöse Schärfe nehmen. …

Anmerkung: Europa und auch Deutschland setzen sich lieber für die rassistisch verfolgten Moslems in ihren Ländern ein. Die sind immerhin Wähler – die anderen … nicht.

Amtlich geschürte Pogromstimmung in Indien

Handhabe dafür geben Sondergesetze, die oft in Widerspruch zu den jeweiligen Verfassungen stehen. Das gilt für das islamische Pakistan genauso wie für das mehrheitlich hinduistische Indien. Obwohl Artikel 25 der indischen Verfassung jedem Bürger das Recht auf freie Wahl der Religion zuspricht, führen immer mehr Bundesländer Gesetze ein, die die Konversion zu einer anderen Religion unter Strafe stellen.

Das schafft eine amtlich geschürte Pogromstimmung. Es sind Christen aus der untersten Kaste, die der Gewalt zum Opfer fallen. Durch ihre Ausbildung an christlichen Schulen sind die Ärmsten der Armen besser qualifiziert als viele Hindus und können sich so der Ausbeutung durch ihre hinduistischen Arbeitgeber erwehren.

Die Gewalt gegen Christen in Indien ist mit polizeilichen oder militärischen Mitteln kaum mehr einzudämmen, denn sie kommt aus der Mitte der Bevölkerung. So ging nach dem Mord an einem Hindu-Führer im August dieses Jahres, der den Christen angelastet wurde, eine weitere Gewaltwelle übers Land. In einem regelrechten Rachezug gegen christliche Siedlungen zerstörten Hindus rund 4000 Wohnungen, Schulen, Kirchen und Geschäfte. Sechzig Menschen wurden getötet.

Die junge Missionarin Rafani Majhi, die sich um Waisenkinder kümmerte, wurde bei lebendigem Leib verbrannt. Priester, auf die Extremisten hohe Kopfprämien ausgesetzt hatten, wurden angegriffen und schwer verletzt. 50.000 indische Christen flüchteten in die Wälder oder retteten sich in Flüchtlingslager.

Nach eindringlichen Bitten des katholischen Hilfswerks Misereor an die indische Regierung sagten radikale Hindus jetzt einen für Weihnachten geplanten Generalstreik ab. Sie wollten dagegen demonstrieren, dass der Mörder eines Hindu-Führers noch immer nicht gefasst ist. Viele Christen fürchten erneute blutige Übergriffe und haben Angst, an Gottesdiensten teilzunehmen.

Katastrophale Verfolgung von Christen im Irak

Noch schlimmer als in Indien werden die Christen im Irak von der Verfolgung heimgesucht. Seit dem Einmarsch der Amerikaner 2003 hat sich die Zahl der im Land lebenden Christen durch Flucht und Vertreibung von einer Million auf weniger als die Hälfte verringert. „Die Christenverfolgung in unserer heutigen Zeit hat sich zu einer wahren Katastrophe entwickelt“, klagt Erzbischof Basile Georges Casmoussa aus der nordirakischen Stadt Mossul, der kurz nach dem Sturz Saddam Husseins selbst entführt worden war. Sein Amtsbruder Paulos Faraj Rahho ist im April dieses Jahres nach Monate währender Verschleppung ermordet worden.

Von einst 25.000 Christen leben nur noch 5000 in der kurdischen Stadt. Zwanzig Christen sind dieses Jahr in Mossul umgekommen, junge Mädchen wurden entführt, vergewaltigt oder zwangsverheiratet. Wie lebensbedrohlich die Lage für die verbliebenen Mitarbeiter der christlichen Gemeinde ist, schilderte John Pontifex von „Kirche in Not“ in einem dramatischen Bericht.

Darin informierte er seine Organisation über Bombenanschläge gegen christliche Klöster und beschreibt eindrücklich die Todesgefahr, der sich die in der Stadt gebliebenen Priester aussetzen. So habe der junge Pater Bassman Fatoohey, der seit der Ermordung Rahhos die Amtsgeschäfte fortführt, gleich nach Amtsantritt einen jener berüchtigten Drohbriefe erhalten, die mit einer beigelegten Patrone unmissverständlich zur Amtsaufgabe auffordern. Doch der mutige Geistliche will bleiben.

Christen sind in Ägypten Bürger zweiter Klasse

Während Christen in streng muslimischen Ländern wie Saudi-Arabien ihre Religion überhaupt nicht ausüben können, weil schon das Tragen von christlichen Symbolen in der Öffentlichkeit streng verboten ist und Konvertiten sowie Missionare vom Tod durch das Beil bedroht sind, gerät inzwischen auch ein weltoffenes Land wie Ägypten unter den Einfluss von radikalislamischen Muslimbruderschaften. Christen dürfen keine Kirchen bauen und sind durchweg Bürger zweiter Klasse.

Das Jahr 2008 setzte bei der Diskriminierung von Christen auch für Ägypten neue Maßstäbe. So wurden am 13. Februar zwei koptisch-orthodoxe Familien im oberägyptischen Armant festgenommen, als sie auf der Polizeistation anzeigten, dass ihre Häuser von Islamisten angezündet worden seien. Die Kopten mussten ein Protokoll unterschreiben, wonach sie ihre Häuser selbst angezündet hätten.

Am 30. Mai erschossen Unbekannte in einem Stadtteil mit hohem christlichen Bevölkerungsanteil in Kairo vier koptische Christen: einen Juwelier und drei seiner Angestellten. Geraubt wurde nichts, die Polizei sprach von einem nichtreligiös motivierten Racheakt. Im Juni verwüsteten Islamisten ein koptisches Viertel der nordägyptischen Stadt Zawyet Abdel-Qader und verletzten sieben Christen schwer.

Die zweite Jahreshälfte stand im Zeichen einer Serie von Angriffen auf koptische Gotteshäuser, wobei die Angreifer regelmäßig Steine und Brandsätze warfen. Die Polizei griff gar nicht oder erst spät ein. Höhepunkt war ein Angriff von sechzig bewaffneten Muslimen auf das Abu Fana Kloster. Vier Christen wurden dabei verletzt und drei Mönche entführt. Die Islamisten banden die Männer an einen Baum und peitschten sie aus. Man zwang sie, auf ein Kreuz zu spucken und sich zum Islam zu bekennen. Einer der Mönche blieb bis heute verschwunden.

Selbst die um die Aufnahme in die Europäische Union ringende Türkei, die sich seit Atatürks Reformen als modern-laizistischer Staat versteht, lässt im Inneren zunehmend eine islamistische Ausrichtung erkennen. Immer wieder ermorden fanatische Sunniten Priester, Ordensschwestern und Missionare, die christlichen Gemeinden sind bei der Religionsausübung oder beim Bau von Kirchen Schikanen ausgesetzt. Wie angespannt das religiöse Klima im Land ist, zeigt die Aussage des türkischen Religionsministers Ali Bardakoglu, der

den Übertritt von 368 Muslimen zum Christentum als einen Versuch bezeichnete, die Türkei zu zerstören.

Dabei leben auf dem einst byzantinischen Boden heute nur noch 100.000 Christen – gerade einmal 0,15 Prozent der türkischen Bevölkerung.

Diese Doppelmoral ist schwer zu ertragen. Vergleicht man die Forderungen islamischer Verbände und Politiker (z.B. „Assimilation ist ein Verbrechen“) für die Moslems in Deutschland und Europa mit der Realität christlicher und jüdischer Minderheiten in islamischen Staaten, kann man nur zu folgendem Schluss kommen:
Das, was in den islamischen Staaten gelebt wird, ist die islamische Realität bzgl. dem Umagng mit Minderheiten. Das Geschrei hier ist nur ein Ausnutzen der deutschen Schwäche für Unterdrückte und Verfolgte, um dem Islam eine bessere Ausgangsstellung zu verschaffen.

Islam und Sport

Prominente Muslime verbieten das Fußballspielen und den öffentlichen Frauensport

Fußball als westliche Importware lenkt ihrer Meinung nach von wichtigen islamischen Zielen ab – Frauen bei Olympiaden sind unakzeptabel

Der prominente schiitische Geistliche im Irak, Muqtada as-Sadr, verurteilte in einem Fernsehinterview das Fußballspielen als Verderben für Muslime. As-Sadr hob hervor, das im Westen und in Israel selbst kaum Fußball gespielt wird, dort geht es mehr um andere Sportarten. Dennoch exportieren der Westen und Israel diese Sportart in islamische Länder, um Muslime von wichtigen Zielen abzulenken.

As-Sadr führte aus, dass er es ablehnt, dass erwachsene Muslime mit Interesse ein Fussballspiel verfolgen. Dadurch lenkt sie Amerika, der Westen und Israel von wichtigen Entwicklungen im Leben ab. Muslime haben, so sagte as-Sadr, oft das Fußballtor als Ziel, sie müssten jedoch stattdessen wichtigere Ziele im Leben haben.

مقتدة القذر يحرم كرة القدم شلون تخلف ابن الصفووي

Mit dieser Haltung steht as-Sadr nicht allein da. Eine ähnliche Verurteilung des Fußballspielens wurde von einem sunnitischen Geistlichen geäußert. In einem weiteren Fernsehinterview sagte der prominente muslimische Gelehrte und Propagandist Muhammad Saleh al-Munadjed:

„Das Fußballspielen kann erlaubt werden, wenn es mit dem islamischen Gesetz [arab. Shari’a] nicht in Konflikt kommt. Nichts steht dem entgegen, dass man einen Ball mit dem Fuß tritt und ihn in ein Ziel schießt. Dieses Spiel ist aber dann verboten, wenn es gegen den Islam verstößt, z. B. wenn es vom Beten ablenkt. Manchmal können Menschen auf Fußballplätzen das Nachmittags- und Abendgebet nicht verrichten. Zweitens verstoßen Fußballspieler gegen das Verbot, ihre Oberschenkel nackt zu zeigen. Der Prophet Allahs hat dies verboten … Drittens ist es verwerflich, wenn um ein Fußballspiel gewettet wird … Beim Fußballspielen nehmen die Menschen Partei für eine Mannschaft. Dies führt zur Gewalttätigkeiten. Dazu bekreuzigen sich Spieler, wenn ein Tor geschossen wird. Einige Ungläubige haben bestimmte Tanzrituale. Sie tanzen, wenn ein Tor geschossen wird. Einige muslimische Fußballspieler ahmen die Tänze der Ungläubigen nach.“

Die Frage, ob Frauen Sport treiben dürfen, kommentiert Scheich al-Munadjed folgendermaßen:

„Frauen dürfen Sport zu Hause treiben. Probleme entstehen aber dort, wo Frauen [sportliche] kurze, enge Kleidung tragen und sich in der Öffentlichkeit zeigen, z. B. auf Sportplätzen. Frauen wollen sogar an Olympiaden teilnehmen. Dies ist zweifellos verboten. Es ist ganz klar, dass Frauen aus islamischer Sicht nicht an Olympiaden teilnehmen dürfen.“

http://www.arab-jarab.com كرة القدم بالاسلام

Vertriebene, Flüchtlinge – Juden

Flüchtlinge – ein Begriff nur für Palästinenser?

Alle Welt redet (zu Recht) über die ca. 1.000.000 palästinensischen Flüchtlinge der Jahre 1948 und 1967. Es wurde für diese Flüchtlingsgruppe sogar ein eigenes Hilfswerk der UN gegründet: das UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East).

Um alle anderen Flüchtlinge auf dieser Welt kümmert sich ein anderes Hilfswerk: das UNHCR (The Office of the UN High Commissioner for Refugees).

Das Leid und das Unrecht, dass diesen Menschen – nicht nur, aber auch seitens Israel – widerfahren ist, ist nicht zu relativieren oder gegenzurechnen. Das will ich auch nicht versuchen.

Mich wundert und ärgert nur die Einseitigkeit, mit der das geschieht und deshalb dokumentiere ich hier eine andere Flüchtlingsgruppe: Die Juden aus den arabischen und nicht-arabischen Ländern Asiens und Afrikas.

Denn wenn man über Flüchtlinge spricht, über ihr verlorenes Land und Eigentum, ihre verlorene Heimat, dann auch über alle.

Die UN hat seit 1947 687 Resolutionen zum israelisch-palästinensischen Konflikt verabschiedet, davon 101 zu den palästinensischen Flüchtlingen. Keine einzige davon war zu den jüdischen Flüchtlingen und Vertriebenen.

Die verbreitete Meinung, die Juden wären nur allein deshalb vertrieben worden, weil Israel vor und mit der Staatsgründung 1948 die Palästinenser vertrieben habe, ist nicht haltbar und ist dem Einfluss des (deutschen) Antisemitismus auf die und den daraus folgenden Ereignissen in den arabischen Ländern gegenüber blind.

Der jüdische Exodus aus den arabischen Ländern

Die Gesamt-Bevölkerung der jüdischen Gemeinden im Nahen und Mittleren Osten (ohne Israel) schrumpfte von über 900.000 im Jahr 1948 auf weniger als 8.000 im Jahr 2008. Einige dieser Gemeinden waren älter als 2.500 Jahre.

Israel nahm etwa 600.000 dieser Flüchtlinge auf, viele von ihnen wurden vorübergehend in Ma’abarot genannten Zeltstädten untergebracht. Sie wurden schließlich in die israelische Gesellschaft integriert und die letzte Maabarah wurde 1958 demontiert. Die jüdischen Flüchtlinge bekamen keine Unterstützung seitens der UNRWA.

Seit dem UN-Teilungsplan für Palästina von 1947 (UN-Resolution Nr. 181) wurden im folgenden Israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 und dem Sechstagekrieg von 1967 etwa 1.100.000 Palästinenser aus ihren Wohnorten, das heißt aus Palästina vertrieben, davon 1948 über 750.000 und 1967 nochmals etwa 350.000 Vertriebene und Flüchtlinge.

Mehr als 850.000 Juden wurden in den arabischen Staaten aus ihrer Heimat vertrieben. Fast alle von ihnen wanderten nach Israel aus (etwa 500.000), manche auch nach Frankreich oder in die USA. Die Mehrheit der Palästinenser ging nach Jordanien, heute lebt ein Großteil in aller Welt verstreut.

Das Recht auf Rückkehr in ihre Heimat können beide Völker aufgrund der lebensbedrohenden völkerrechtswidrigen Vertreibungen nicht geltend machen, zu ihrem ehemaligen Eigentum haben sie keinen Zugang mehr und keinen finanziellen Ausgleich erhalten.

1948 1958 1968 1976 2001 Abnahme in %
Aden 8.000 800 0 0 0 100
Jemen 55.000 3.500 500 500 200 99,63
Afghanistan 5.000 1 99,99
Algerien 140.000 130.000 1.500 1.000 0 100
Ägypten 75.000 40.000 1.000 400 100 99,86
Bahrain 600 36 99,94
Irak 135.000 6.000 2.500 350 100 99,93
Iran 100.000 80.000 11.500 –  40.000 60 – 88
Libanon 5.000 6.000 3.000 400 100 98
Libyen 38.000 3.750 100 40 0 100
Marokko 265.000 200.000 50.000 18.000 5.700 97,85
Syrien 30.000 5.000 4.000 4.500 100 99,67
Tunesien 105.000 80.000 10.000 7.000 1.500 98,57
Summe 961.600 575.050 172.600 112.190 19.337 97,99

via http://en.wikipedia.org und zionismus.info

Aden / Jemen: Unmittelbar nach dem Beschluss der Vereinten Nationen zur Gründung des Staates Israel werden in den Slums von Aden, bis wohin die Juden des Jemen durch die britischen Restriktionen der Einwanderung nach Palästina nur gelangen konnten, unter Beteiligung der örtlichen Polizei schwere Gewalttaten begangen, bei denen 82 Juden ermordet und das jüdische Viertel niedergebrannt werden. Anfang 1948 führen falsche Anschuldigungen, Juden hätten zwei moslemische Mädchen im Ritualmord getötet, zu Plünderungen.

1948 leben 8000 Juden in Aden. Sie werden gezwungen zu fliehen.

1948 leben im Jemen 55 000 Juden. Dort werden bei gewalttätigen Aufständen während eines Solidaritätsstreiks gegen den UNO-Beschluss, am 2. Dezember 1947, mehr als 100 Juden ermordet und die große Synagoge niedergebrannt. Jüdisches Eigentum wird beschädigt, geplündert oder zerstört. Ähnliche Ausschreitungen finden 1958, 1965 und 1967 statt.

Die „Operation fliegender Teppich“ brachte zwischen 1949 und 1950 etwa 49.000 jemenitische Juden nach Israel. Die Operation war nach dem Einverständnis der Briten möglich geworden, ihr waren Pogrome in Aden vorausgegangen.

Afghanistan: Wahrscheinlich reicht die Geschichte der Juden Afghanistans 2500 Jahre zurück bis hinein in das babylonische Exil und die persische Eroberung.

Seit 1870 waren die Juden Verfolgungen seitens der afghanischen Behörden ausgesetzt, die sie zu vertreiben suchte. Bis 1948 verließen ca. 5.000 Juden das Land, und nachdem ihnen 1951 die Auswanderung gestattet wurde, zogen die meisten nach Israel. Bis 1969 blieben noch ca. 300 in ihrer Heimat; von diesen emigrierten die meisten nach der sowjetischen Invasion von 1979, so dass 1996 10 afghanische Juden verblieben, die meisten von ihnen in Kabul. Gegenwärtig leben mehr als 10.000 Juden afghanischer Herkunft in Israel.

Im Januar 2005 lebte vermutlich allein der afghanische Jude Zebulon Simentov (*1960) imLande.

Ägypten: In Ägypten leben nur noch ca. 100 Juden. Zum Vergleich: 1948 waren es noch 75 000. Zu groß angelegten Ausweisungen von Juden kam es 1956 im Zusammenhang mit dem Suezkrieg und 1967 anlässlich des Sechstagekriegs.

Zwischen Juni und November 1948 explodieren Bomben im jüdischen Viertel von Kairo und töten 70 Juden. Verwundet werden ca. 200. Der Suezkrieg 1956 wird von der ägyptischen Regierung zum Vorwand genommen, 25 000 ägyptische Juden des Landes zu verweisen und getreu dem alten Dhimmi-Gesetz ihren Besitz zu konfiszieren. Ungefähr 1000 Juden werden verhaftet und in Gefängnisse oder Lager gesteckt. Am 23. November 1956 wird in ganz Ägypten eine vom Minister für religiöse Fragen unterzeichnete Erklärung verlesen, in der es heißt daß „alle Juden Zionisten und Staatsfeinde“ seien. Ihre Ausweisung stehe unmittelbar bevor. Tausende von Juden werden aufgefordert, das Land zu verlassen. Einen Koffer und etwas Geld dürfen sie mitnehmen. Sie werden gezwungen zu unterschreiben, daß sie ihren Besitz der ägyptischen Regierung schenken. Einige Juden werden in Ägypten als Geiseln zurückgehalten, damit die ausreisenden Familien nicht gegen die ägyptische Regierung aussagen. 1958 leben 40 000 Juden in Ägypten.

Anläßlich des Sechstagekrieges von 1967 werden weitere Juden vertrieben. Ihre Häuser und ihr Besitz werden beschlagnahmt. Es verbleiben ungefähr 1000 Juden im Land. Zur selben Zeit werden von Ägypten Hunderte von Nazi-Verbrechern aufgenommen. Sie bekommen Posten in der Regierung. Der Leiter der polnischen Gestapo Leopold Gleim kontrolliert den ägyptischen Geheimdienst.

Anfang der 70er Jahre wird den Juden erlaubt, Ägypten zu verlassen. 1976 gibt es noch 400 Juden. 1979, nach dem Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel, ist die ägyptische jüdische Gemeinde die erste, die offiziellen Kontakt zu Israel aufnimmt. Die Juden dürfen ihre Religion frei ausüben. 2001 gibt es 100 Juden in Ägypten, einige Familien, die meisten alte Menschen. Gegen diese winzige Gemeinde, die aus 12 älteren Menschen besteht, werden keine antisemitischen Ausschreitungen unternommen. Die jüdische Gemeinde ist im Aussterben begriffen.

Algerien, Marokko und Tunesien: Die faschistische Spielart des arabischen Antisemitismus versuchte die SS während des Afrikafeldzuges 1942 zu nutzen. Damals ließ Walter Rauff, als Gruppenleiter im Reichssicherheitshauptamt für den Bau von Gaswagen zur Ermordung von Juden zuständig, dort ebenfalls Einsatzgruppen zur Judenvernichtung aufstellen. Nach Aussage seines Vorgesetzten Walter Schellenberg, des obersten Leiters aller NS-Geheimdienste, hofften viele nordafrikanische Araber darauf, dass Hitler ihnen zu Hilfe käme, um die Juden endgültig aus Palästina zu vertreiben. Allerdings erreichten diese Maßnahmen durch den Widerstand Rommels nicht die gleichen Ausmaße wie etwa in Osteuropa.

So waren Juden auch in Nordafrika und dem Nahen Osten antisemitischen Maßnahmen ausgesetzt. Juden wurden u.a. in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen deportiert, inhaftiert, in Konzentrationslager gesperrt, gefoltert und ermordet. Es kam u.a. auch zu Pogromen, Plünderungen und Zerstörung/Schändung von Synagogen. Im Irak töteten Soldaten und Polizisten rund 200 Juden, nachdem die prodeutsche Regierung in Bagdad gestürzt worden war.

1948 leben 140 000 Juden in Algerien. 1948 wandern 25 681 algerische Juden nach Israel aus. 1956 werden die Juden von der algerischen Befreiungsfront FLN aufgerufen, sich dem Kampf anzuschließen. Dem kommt nur eine kleine Gruppe nach. Sie fühlen sich Frankreich und ihrer Staatsbürgerschaft verpflichtet. 20 000 wandern nach Frankreich aus. Die restlichen wandern nahezu vollständig aus nach der algerischen Unabhängigkeit 1962, da die algerische Regierung die Juden schikaniert und sie ihrer wirtschaftlichen Rechte beraubt. 1968 gibt es noch 1 500 Juden in Algerien, 1000 im Jahre 1976 und im Jahr 2001: null.

1940 lebten in Libyen ungefähr 38.000 Juden. Mit britischer Besatzung ändert sich auch die Lage der Juden in Libyen nicht weiter. Es gab eine Serie von Pogromen, u.a. 1945, bei dem 100 Juden in Tripolis und anderen Städten ermordet und fünf Synagogen zerstört wurden. Ein weiteres Pogrom fand im November 1945 statt, wobei mehr als 140 Juden ermordet und nahezu sämtliche Synagogen geplündert wurden. Rund 562 libysche Juden wurden zwischen 1942 und 1945 in Konzentrationslagern getötet.

In Libyen lebten 1947 rund 38.000 Juden, davon ca. 20.000 in der näheren Umgebung der Hauptstadt Tripolis.

1948 werden 12 Juden und vier Araber bei antijüdischen Ausschreitungen ermordet. 280 jüdische Häuser werden zerstört. Die Unsicherheit für sie durch die Gründung Israels lässt 3.000 Juden, obgleich die Auswanderung illegal ist, das Land verlassen. Viele gehen nach Israel. Als die Briten 1949 die Auswanderung legalisieren, und als Libyen 1951 unabhängig und Mitglied der Arabischen Liga wird, fliehen weitere mehr als 30.000 Juden aus dem Land. In Israel siedeln sich 36.730 libysche Juden an. Weitere Auswanderungen folgten, so dass 1951 nur noch rund 8.000 Juden im Land blieben.

1958 wohnen in Libyen noch 3 750 Juden. 1963 wird den Juden das Wahlrecht aberkannt. Es gibt Massenverhaftungen. Juden dürfen keine öffentlichen Ämter bekleiden. Der Sechstagekrieg von 1967 hat weitverbreitete Zerstörung jüdischen Eigentums zur Folge. 100 Juden werden ermordet. Synagogen, Geschäfte und Häuser werden niedergebrannt.

Neben den Briten und US-Amerikanern mussten auch alle 25.000 Italiener und Juden das Land bis Oktober 1970 verlassen, deren Besitz wurde in Libyen enteignet.

Zur Zeit des Putsches von Kolonel Muammar al-Ghaddafi leben ca. 100 bis 500 Juden in Libyen. Ghaddafi konfisziert nach und nach sämtlichen jüdischen Besitz und annulliert Schulden, die Moslems bei Juden haben. 1974 leben dort noch 20 Juden, und heute gibt es, nachdem die letzte Jüdin im Februar 2002 stirbt, in Libyen null Juden.

1948 leben in Marokko zwischen 265 000 und 285 000 Juden. Im Juni 1948 werden bei blutigen antijüdischen Ausschreitungen in Oujda und Djerada 44 Juden ermordet und Hunderte verletzt. Im selben Jahr wird ein inoffizieller Boykott der jüdischen Wirtschaft angezettelt. 1952 finden erneut mehrere antijüdische Ausschreitungen durch den arabischen Mob statt. 1954 werden jüdisches Eigentum geplündert und jüdische Schulen zerstört.

1956 erklärt Marokko seine Unabhängigkeit und die Emigration nach Israel wird untersagt. Der antizionistische Kommunist und Widerstandskämpfer gegen die französische Besatzung Simon Lévy, Vorsitzender der jüdisch-maokkanischen Gemeinde meint dazu, eine übereilte Auswanderung nach dem Suezkrieg sei in Marokko gegenüber anderen arabischen Staaten, beispielsweise des Irak und Ägyptens, nicht zu beobachten gewesen. 1958 leben 200 000 Juden in Marokko, immerhin mindestens 65 000 weniger als 1948. Er sieht hauptsächlich wirtschaftliche Gründe der Auswanderung, zwischen 1948 und 1956, bedauert sie und lastet sie der Agitation der Jewish Agency an.

1958 wird die Anzahl jüdischer Regierungsbeamter willkürlich gesenkt. Alle zionistischen Aktivitäten sind verboten. 1963 wird die Emigration wieder erlaubt, und es verlassen mehr als 100 000 Juden Richtung Israel das Land. 1965 beschreibt der marokkanische Schriftsteller Said Ghallab die Haltung seiner moslemischen Landsleute gegenüber ihren Nachbarn:

„Die schlimmste Beleidigung, die ein Marokkaner wohl bieten konnte, war, jemanden wie einen Juden zu behandeln. … Meine Jugendfreunde sind antijüdisch geblieben. Sie verbergen ihren virulenten Antisemitismus, in dem sie argumentieren, daß der Staat Israel ein Geschöpf des westlichen Imperialismus wäre … In der Bevölkerung wird ein ungebrochener Hitler-Mythos gepflegt. Die Vernichtung der Juden durch Hitler wird extatisch gepriesen. Es wird sogar vermutet, daß Hitler gar nicht tot ist, sondern lebt, und es ihm gut geht. Seine Ankunft wird erwartet, damit er die Araber von den Juden befreie.“

1968 leben noch 50 000 Juden in Marokko. 2001 sind es 5 700.

1948 leben in Tunesien 105 000 Juden, von denen die ersten gleich nach der Gründung Israels zu Tausenden dorthin auswandern. Nach der Unabhängigkeitserklärung, 1956, emigriert eine weitere große Gruppe von Juden, diesmal hauptsächlich nach Frankreich. Die Unabhängigkeit bringt Judenverfolgungen mit sich. Die tunesische Regierung zerstört das Judenviertel. 1958 leben in Tunesien 80.000 Juden.

Die Krise von Bizerta, 1961, provoziert durch die Stationierung französischer Truppen auf diesem Marinestützpunkt, sechs Jahre nach der Unabhängigkeit Tunesiens, ohne die Zustimmung der tunesischen Regierung, da das französische Militär auf unbewaffnete Demonstranten schießt, führt bei einem Teil der moslimischen Bevölkerung merkwürdigerweise zu brutal aufflammendem Antisemitismus. Dieser wird mit dem Sechstagekrieg verstärkt. Der arabische Mob zerstört und plündert jüdische Geschäfte und setzt die große Synagoge von Tunis in Brand. Die tunesische Regierung hält die Banden nicht zurück. Weitere Tausende von Juden emigrieren nach Frankreich und Israel. 1968 leben 10.000 Juden in Tunesien.

1971 wird ein Rabbiner im Zentrum von Tunis ermordet, was weitere Auswanderung von ca. 3.000 Juden zur Folge hat.

Die kleine jüdische Gemeinde besteht 2002 noch aus 1500 Menschen. Sie sind, obgleich der Präsident Ben Ali sie beschützt, nicht vollständig in die tunesische Gesellschaft integriert.

Mit dem Attentat vom 11. April 2002 auf die Synagoge Ghriba, auf Djerba, kann man sagen, daß eine 2 500-jährige jüdische Präsenz in Tunesien zu Ende geht.

Irak: Am 1. und 2. Juni 1941 kam es zu einem Pogrom (arabisch: Farhud).  Angestachelt durch deutsche Antisemitismus-Propaganda starben mindestens 180 Juden, 240 wurden verletzt, 586 jüdische Geschäfte geplündert und 99 Häuser zerstört.

1946 bis 1949 gibt es wiederholt Ausschreitungen gegen Juden. 1948 leben 135000 Juden im Irak, davon 77 000 in Bagdad, das zu einem Viertel jüdisch ist. 1948 wird Zionismus zum Kapitalverbrechen erklärt. 1948 müssen sie 250 000 Dinar in die Kriegskasse des Irak für den Krieg gegen Israel einzahlen.

1950 wird den Juden erlaubt, innerhalb des nächsten Jahres unter der Voraussetzung den Irak zu verlassen, dass sie ihre Staatsbürgerschaft aufgeben. Dennoch wird ein Jahr später auch das Eigentum dieser Emigranten eingefroren. Ihre Bankkonten werden gesperrt. Die etwa 10 000 Juden, die noch im Land sind, unterliegen wirtschaftlichen Beschränkungen.

Die jüdische Bevölkerung, die früher eine bedeutende wirtschaftliche, kulturelle und politische Rolle im öffentlichen Leben einnahm, hat den Irak fast vollständig verlassen. 1946 bis 1949 kam es wiederholt zu Ausschreitungen gegen Juden. Als die Regierung den Zionismus am 19. Juli 1948 zum Kapitalverbrechen erklärte, lebten im Land 135.000 Juden, davon in Bagdad 77.000 – ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Am 3. März 1950 wurde der jüdischen Bevölkerung unter Aufgabe der irakischen Staatsbürgerschaft die Ausreise erlaubt. Ein Jahr später, am 10. März 1951, fror die Regierung das Eigentum der Emigranten ein und sperrte deren Bankkonten. Bis zu diesem Tag gehörte ihnen nahezu der gesamte Suq von Chordja, das Geschäftsviertel im Zentrum Bagdads. Die israelische Regierung unter David Ben Gurion nahm diese Aktion zum Anlass, die Operation „Esra und Nehemia“ zu starten, wobei bis 1952 etwa 95 Prozent der irakischen Juden per Luftbrücke nach Israel überführt wurden.

Den 6.000 im Irak verbliebenen Juden wurden wirtschaftliche Beschränkungen auferlegt. 1958 wurde ihnen der Status als jüdische Gemeinde aberkannt und das Gemeindeeigentum beschlagnahmt. In den kommenden Jahrzehnten verließen auch die restlichen Juden das Land. 1968 lebten noch 2.500 Juden im Irak, 1976 waren es noch 400 und 2001 nur noch 100. Am 25. Juli 2003 wurden sechs der letzten 34 Juden aus Bagdad nach Israel ausgeflogen.

Libanon: 1947 leben im Libanon geschätzt 5 950 Juden. 1948 sind es noch 5000. Nach der Gründung Israels sehen sie sich nicht veranlasst das Land zu verlassen, da sie dort dank einer christlich-arabischen Regierung toleriert werden. Sie haben gleiches Recht wie alle Bürger. Während der antizionistischen Ausschreitungen 1947 und 1948 wird ihnen nichts zuleide getan.

Im Zuge der Verschärfung des arabisch-israelischen Konflikts werden sie in diesen hineingezogen, da sie mit der israelischen Politik in Verbindung gebracht werden. Anfang der 50er Jahre wird ihre Synagoge zerbombt. Jüdische Mitglieder der libanesischen Armee werden aus dieser entfernt.

Während des Krieges von 1967 schützt die libanesische Regierung die Juden vor gewalttätigen Ausschreitungen der Araber. Einige Hundert verlassen den Libanon. Bis 1972 ist es ihnen gestattet, ihre Habe mitzunehmen. 3000 Juden leben 1968 im Libanon, 1974 sind es 1800. Sie emigrieren nach Frankreich, Israel, italien, England oder Südamerika.

Während des Bürgerkrieges von 1975 postieren die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und linke Moslemkräfte Militär in die jüdische Nachbarschaft von Wadi Abu Jamil. Dennoch wächst die Gefahr seitens fundamentalistischer Moslems, vor allem nach der israelischen Invasion von 1982. Zwischen 1984 und 1987 werden von ihnen Juden entführt und ermordet. Heute leben in Beirut noch 100 Juden.

30 000 Juden leben 1947 in Syrien. Unmittelbar nach Verkündigung des Teilungsbeschlusses verwüstet arabischer Mob in Aleppo die 2 500 Jahre alte jüdische Gemeinde. Hunderte von Juden werden ermordet und mehr als 200 jüdische Häuser, Geschäfte und Synagogen zerstört. Tausende von Juden fliehen illegal nach Israel. 10 000 fliehen in die USA.

1958 leben noch 5000 Juden in Syrien. Die syrische Regierung verstärkt die Judenverfolgung. Die Freizügigkeit wird für sie eingeschränkt. Juden, die zu fliehen versuchen, werden entweder umgebracht oder zu harter Arbeit verurteilt. Juden dürfen nicht für die Regierung oder in Banken arbeiten, sie dürfen keine Telefone haben und keinen Führerschein. Es ist ihnen untersagt, Eigentum zu erwerben. Ihre Bankkonten werden gesperrt. Eine asphaltierte Straße zum Flughafen wird über den jüdischen Friedhof von Damaskus geführt. Jüdische Schulen werden geschlossen und Moslems übergeben.

1968 leben noch 4000 Juden in Syrien. Sie sind Schachfiguren der syrischen Politik gegenüber Israel und in Konflikten mit anderen arabischen Staaten.

1976 leben 4 500 Juden in Syrien.

1977/78 werden die Maßnahmen gegen Juden gemildert. Syrien verlassen können sie, wenn sie Verwandte als Geiseln zurücklassen. Außerdem müssen sie zwischen 300 und 1000 Dollar als Pfand hinterlegen.

Nach der erfolgreichen Flucht einiger Juden werden die Maßnahmen gegen Juden 1979 wieder verschärft. Die Familienmitglieder der Geflüchteten werden ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Nun dürfen Juden überhaupt nicht mehr ins Ausland reisen.

1992 verschärft Syrien seine Hetzkampagnen gegen die Juden. In einer verdeckten Operation, Ende 1994, werden 1 262 Juden nach Israel gebracht. Die Entscheidung, die Juden ziehen zu lassen, fällt im Rahmen der Madrider Friedensverhandlungen. Die letzten Juden, die Syrien verlassen wollen, tun dies Ende Oktober 1994 mit ihrem Rabbiner.

2001 leben vielleicht doch mehr als 100 Juden in Syrien, und zwar 150 in Damaskus, 30 in Aleppo und 20 im kurdischen Kamishli. In Damaskus sind zwei Synagogen geöffnet. Die große Synagoge in Aleppo, seit mehr als 1600 Jahren in Gebrauch, ist geschlossen. Gelegentlich sind die Juden palästinensischen Protestlern ausgesetzt, die syrische Regierung beschützt sie jedoch.

via en.wikipedia.org, de.wikipedia.org und zionismus.info

siehe auch hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Jewish_exodus_from_Arab_lands

Wenn es die israelische Gesellschaft geschafft hat, 100.000e Flüchtlinge aus Afrika und Asien – ganz zu schweigen von den Millionen europäischer Flüchtlinge – zu integrieren und die „Flüchtlingslager“ innerhalb von 10 Jahren abzubauen – wieso haben das nicht die arabischen Staaten – allen voran Jordanien und der Libanon – nicht mit den palästinensischen Flüchtlingen geschafft?

UPDATE:
Ein informativer Artikel über die aktuelle (schlechte)  Situation der Juden in arabischen Ländern findet sich hier im Guardian (sic!), und hier in deutscher Übersetzung.

Und André Aciman, ein amerikanischer Jude, der aus Ägypten geflüchtet ist, schreibt hier in der NY Times über sein Erleben.

Ein Film aus dem Jahr 2004 zu diesem Thema findet sich hier (Teil 1):

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4:

Teil 5:

„Wir werden mit Palästina erpresst“ –

Interview aus der Welt – „Wir werden mit Palästina erpresst“ – DIE WELT ONLINE – mit einem Iraker, der die Augen aufmacht, nach Israel reist und dort erstaunt feststellt, wie gut es den Arabern dort geht.
Der Iraker Najem Wali hat Israel bereist und ist verblüfft: Israels Palästinenser leben besser als alle ihre Brüder in den arabischen Staaten

Die WELT: Herr Wali, Sie haben ein höchst ungewöhnliches Buch geschrieben. In „Reise in das Herz des Feindes“ (Hanser, München. 239 S., 17,90 Euro) schreiben Sie, ein irakischer Schriftsteller, von Ihren Erfahrungen und Eindrücken in Israel, das Sie für mehrere Wochen besuchten. Wie waren die Reaktionen auf arabischer Seite?

Najem Wali: Ich schreibe schon seit einiger Zeit regelmäßig Kolumnen für „al-Hayat“, der größten arabische Zeitung. Immer wenn es zu Selbstmordattentaten kam, habe ich diese verurteilt. Das hat mir in bestimmten Kreisen nicht gerade Freunde gemacht. Ich gehöre zu einer kleinen Gruppe von arabischen Schriftstellern, die offen wagt, diese Gewalt zu verdammen. Mit diesem Buch habe ich noch mehr gewagt: Ich bin nach Israel gereist. Dieser Reisebericht ist einmalig in der Geschichte der arabischen Literatur. Denn von Israel, unserem Hauptfeind, haben wir nur ein offizielles Bild und dagegen schreibe ich an. Freilich muss man genauer auf die Gruppen schauen, die mich nun kritisieren. Zum einen sind es palästinensische Publizisten, zum anderen Islamisten, die mich beschimpfen und bedrohen. Nun bin ich sogar auf die Abschussliste des sogenannten irakischen Widerstandes gelangt. Ich gelte als Verräter. Das kann vor allem für meine Familie im Irak gefährlich werden. Übrigens habe ich auch einige deutsche Freunde verloren, die es nicht akzeptieren konnten, dass ich ihren Vorurteilen widerspreche.

Hält Ihre Zeitung an Ihnen als Kolumnisten fest?

Wali: Das wird sich wohl in dieser Woche herausstellen. Wie die Reaktion ausfallen wird, ist nicht klar. Ich merke nur, dass ich gegenwärtiger viel weniger Aufträge als früher erhalte. Früher habe ich mehr Kolumnen geschrieben. Auch wird mein neuester Roman, der vergangenen Woche in Ägypten erscheinen sollte, nun plötzlich zurückgehalten. Er sei zu judenfreundlich, heißt es. Das ist verrückt. Doch ich möchte auch über positive Reaktionen sprechen. Ich habe wunderbare Emails von arabischen Kollegen bekommen, die mich für diese Reise beneiden. Viele waren überrascht, aber es gibt auch wohlwollende Reaktionen.

Die Überraschung muss in der Tat groß gewesen sein. Uns ist jedenfalls kein arabischer Intellektueller bekannt, der sich nach Israel aufmacht und dann über seine Zeit dort schreibt.

Wali: In den arabischen Gesellschaften gibt es einen Kodex. Danach spielt das Individuum keine Rolle. Dieser Kodex gilt natürlich auch in der Politik. Im arabischen Selbstverständnis gibt es einen gemeinsamen Feind; der heißt Israel. Gegen diesen Feind darf man nicht aus der Reihe tanzen. Freilich ist in meinem Fall auch Neid dabei. Ich kenne viele Kollegen, die mir sagen: „Ich wäre auch gern gefahren“. Aber sie haben sich nicht getraut. Individualität ist im arabischen Raum nicht gern gesehen, vor allem, wenn man wie ich das offizielle Feindbild nicht mittrage. Ich habe den Israeli, unseren Feind, als einen Menschen beschrieben. Dieser Feind hat Angst wie wir. Er ist uns in vielem ähnlich. Wir sitzen mit ihm am Tisch der Verzweiflung. All das soll im offiziellen Bild von Israel nicht auftauchen.

Sie haben mit vielen Israelis gesprochen. Die arabische Seite kennen Sie sowieso. Haben Sie auf beiden Seiten ein Mitgefühl für die jeweils andere Seite erlebt?

Wali: Hass ist für mich eine umgedrehte Art von Liebe. Beide Seiten suchen nach Anerkennung. Vielleicht sind Sie auch deshalb so verfeindet. Im Grunde haben doch beide Gegner den Wunsch zu verhandeln. Das geschieht meist über Dritte. Letztlich wissen sie, dass sich beide zusammenraufen müssen. Was Ihre Frage anbelangt, so habe ich ein Mitgefühl auf israelischer Seite nicht bei allen, aber doch bei einigen erlebt. Was die Araber angeht, so möchte ich lieber über mein Volk, also die Iraker reden. Die Iraker fühlen sich schon seit Jahren von den arabischen Brüdern im Stich gelassen. Und was die Palästinenser betrifft, so sind die Iraker auf die Palästinenser auch durch deren Zusammenarbeit mit Saddam Hussein nicht gut zu sprechen. Darüber hinaus dürfen Sie nicht die lange jüdische Geschichte im Irak vergessen. Diese gemeinsame Geschichte hat dazu geführt, dass viele Iraker sich fragen: „Warum soll Israel unser Feind sein?“ Es gibt Hass auf Israel bei den alten Saddam-Leuten, bei alten Baathisten, den Islamiten, den al-Sadr-Leuten, den radikalen Schiiten. Doch die Mehrheit der Bevölkerung, besonders im Süden, hat mehr Sympathie für die Israelis als für die Palästinenser. Es gibt beispielsweise einen irakischen Abgeordneter, der kürzlich zum zweiten Mal in Israel war. Daraufhin hat ihn die Mehrheit des irakischen Parlamentes ausgeschlossen. Er hat sich wieder eingeklagt mit Hilfe des obersten Gerichtes. Nun bei den jüngsten Wahlen ist er mit einer größeren Mehrheit als beim letzten Mal wiedergewählt worden.

Sie schreiben in Ihrem Buch schonungslos über den Missbrauch des Palästinenserkonfliktes in den arabischen Staaten. Immer wieder muss dieser Konflikt als Entschuldigung für die eigenen Versäumnisse hinhalten.

Wali: Es ist so schön leicht für die arabischen Regierungen zu sagen: „Tut uns leid, eine Demokratie kann es erst geben, wenn der Palästina-Konflikt gelöst ist. Armut? Ja die gibt es, aber wir brauchen das Geld für die Armeen, die Palästina befreien müssen.“ Und das hört man bei jedem Problem. Wir werden mit Palästina erpresst.

Wenn den arabischen Staaten Palästina so wichtig ist, warum behandeln sie die Palästinenser nicht besser?

Wali: Eine gute Frage. In den arabischen Ländern löst man das palästinensische Flüchtlingsproblem bewusst nicht, damit – so die offizielle Begründung – die Palästinenser nicht ihre Identität verlieren. Wenn wir sie wie gleichberechtigte Bürger behandeln, dann werden sie ihre Identität vergessen. Deshalb bekommen die meisten von ihnen keinen Pass und kein Ausweis. Sie müssen weiter in Lagern leben, bis Palästina befreit wird. Die Palästinenser in Israel haben viel mehr Freiheiten und Rechte als die Palästinenser in arabischen Staaten. Ich war in Haifa und habe dort lange mit den Palästinensern gesprochen. Sie sind freie Bürger. Sie haben ihre Volksvertreter im israelischen Parlament. In den arabischen Ländern haben die Palästinenser nur eine Rolle: Sie werden als fünfte Kolonne gegen die Einheimischen eingesetzt.

Kommen wir zurück auf Ihre Reise. Was war an Israel für Sie das Überraschendste?

Wali: Für mich war die überraschendste Erkenntnis, dass alles, was wir in den arabischen Staaten von den Palästinenser in Israel hören, also von den Palästinensern, die 1948 nicht vertrieben wurden oder ihr Bleiben erkämpft haben, sondern in Israel mit israelischem Pass leben, dass all diese Nachrichten über eben diese Palästinenser gelogen sind. Das ganze Leid ist eine große Lüge. Ich meine nicht die Palästinenser in Gaza und Westjordanland. Ich meine die Palästinenser in Israel. In keinem einzigen arabischen Land lebt ein Palästinenser so gut wie sie. Ich will nicht sagen, dass alles vollkommen ist. Das ist es natürlich nicht, aber wenn Sie vergleichen, dann muss man es einfach zugeben: In keinem anderem arabischen Staat haben die Palästinensern so viele Rechte wie in Israel. Selbst jetzt in der Gaza-Krise: Es herrscht Meinungsfreiheit; die Palästinenser können wählen. Zwei palästinensische Parteien wurden im Vorfeld der Wahlen verboten. Das israelische oberste Gericht hat diese Verbote aufgehoben. Das gibt es in keinem arabischen Staat – nicht in Ägypten, nicht im Libanon, nirgends. Das war die große Überraschung. Die zweite Überraschung: Die Israelis haben Angst so wie wir. Das sind nicht die Superteufel. Ich habe die Angst vor der Vernichtung fast täglich gespürt.

Gibt es einen Weg, dass beide Seiten davon erfahren.

Wali: Ich glaube, der Austausch der Gedanken ist der richtige Weg. Ich hoffe, mein Buch macht den Anfang darin. Wir müssen den Austausch zwischen den arabischen und israelischen Intellektuellen schaffen. Auch die Israelis müssen noch viel dafür tun. Vielleicht kommen am Anfang nur zwei, drei arabische Intellektuelle zu solch einem Treffen, aber ich bin sicher, ein solches Gespräch würde kurz oder lang etabliert werden können.

Was war Ihre größte Enttäuschung in Israel?

Wali: Die größte Enttäuschung ist für mich, dass die Israelis die gemäßigten Palästinenser um Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nicht stärken, sondern schwächen. Das ist für mich eine Tragödie, und die Israelis werden es selbst noch bereuen. Die Hamas ist nach dem Gaza-Krieg militärisch geschwächt und politisch gestärkt. Die Israelis haben nichts dagegen unternommen. Israels Elite hat es bisher immer versäumt, langfristig zu denken. Sie reagiert immer nur. Sie sagt, wenn wir angegriffen werden – etwa von der Hamas im Gaza-Streifen – dann müssen wir uns verteidigen. Da hat sie Recht. Aber dabei darf es doch nicht bleiben.

Sie schreiben in Ihrem Buch viel über die Juden im Irak. Die meisten dieser Juden sind nach Israel ausgewandert. Wie empfinden Sie diesen Exodus?

Wali: Die jüdische Gemeinde im Irak ist eine der ältesten in der Region. Das geht bis in die babylonische Zeit zurück. Diese Gemeinde hatte eine lange Geschichte und eine große Kultur. Darüber hinaus war ihre Zahl sehr hoch. Es kann gut sein, dass viele arabische Familien letztlich irgendwann von konvertierten Juden abstammen. Wie auch immer, diese 2000 Jahre irakisch-jüdischer Geschichte hat die Bevölkerung geprägt. Beispielsweise sind viele irakische Lieder von Juden komponiert. Weil diese Lieder so beliebt sind, hat Saddam Hussein an Stelle der Komponisten immer „Folklore“ schreiben lassen. Damit nicht genug: Es gab viele jüdische Ingenieure, Ärzte. Die kommunistische Partei im Irak wurde von Juden gegründet. Dichter, Schriftsteller, Intellektuelle… Die meisten davon sind längst nach Israel gegangen. In Israel war ich in der Stadt Hatikva. Ich kam mir vor wie im alten Bagdad. Ich habe dort mit Leuten gesprochen, die einen Bagdad-Dialekt sprechen, den es im Irak gar nicht mehr gibt. Mit der jüdischen Auswanderung hat der Irak unglaublich viel verloren.

Dazu passt auch ein Artikel aus Lizas Welt, in dem arabische Kommentatoren (geschrieben während der Korruptionsaffäre Olmerts) Israel mit ihren eigenen Ländern vergleichen:

„Zeig mir ein arabisches oder islamisches Land, in dem ein Premierminister oder ein Regierungsmitglied jemals wegen Korruption oder Bestechung verhört worden ist.“ (Majed, Nachname und Land unbekannt)

„Bevor wir Israel verfluchen, müssen wir von seinem demokratischen und juristischen System lernen. Dort steht niemand über dem Gesetz.“ (Abdel Karim, Saudi-Arabien)

„Wir hätten diese Art von Rechenschaft und Transparenz gerne auch in der arabischen und islamischen Welt.“ (Mahmoud al-Bakili, Jemen)

„Ich glaube nicht, dass wir jemals den Tag erleben werden, an dem die Polizei einen arabischen Führer wegen sexueller Belästigung seiner Sekretärin oder wegen Bestechung verhört. Und auch unsere Kinder und Enkel werden diesen Tag nicht erleben. Was in Israel geschieht, wird niemals in einem arabischen Land geschehen.“ (Abdel Aziz Mahmoud, Ägypten)

„Es gibt Korruption sowohl in Israel als auch in der arabischen Welt. Der Unterschied ist, dass die Israelis ihre Politiker zur Rechenschaft ziehen, während wir Araber einfach schweigen.“ (Abu Hadi, Irak)

„Es heißt, Olmert habe etwa 3.000 Dollar pro Jahr erhalten. Das zeigt, dass er ein anständiger Mann ist. Diese kleine Summe bekommt jedes arabische Regierungsmitglied täglich als Bestechungsgeld. Unsere Führer stehlen Millionen Dollar, und niemand wagt es, sie zur Rechenschaft zu ziehen.“ (Abu Atab, Marokko)

„Unsere Führer in der arabischen Welt nehmen weniger als eine Million Dollar an Bestechungsgeld gar nicht erst an. Und das Geld muss dann auf einem geheimen Konto in der Schweiz deponiert werden. Olmert ist ein Narr, wenn er bloß so einen geringen Betrag angenommen hat.“ (Ein Leser aus Algerien, Name unbekannt)

„Nur ein paar tausend Dollar? Was für ein Narr! Das ist der Betrag, den ein ägyptischer Minister an einem Tag bekommt, ein saudischer Firmenchef in 45 Minuten, ein kuwaitisches Regierungsmitglied in fünf Minuten und der Arzt eines Emirs in Katar alle 30 Sekunden.“ (Ahmed, Nachname unbekannt, Jordanien)

„Warum beantragen Sie nicht eine arabische Staatsbürgerschaft, Herr Olmert? Hier können Sie so viel Geld annehmen, wie Sie wollen. Und selbst wenn man den Diebstahl entdeckt, wird man Ihnen ein Denkmal auf einem öffentlichen Platz errichten.“ (Jasser Abdel Hamid, Land unbekannt)

„Israel ist ein Staat, der es verdient, zu existieren. Er verdient unseren tiefen Respekt. Ich wünschte, ich wäre ein Bürger dieses Staates.“ („Israel Lover“, Name unbekannt, Saudi-Arabien)

„Das ist echte Demokratie! Schluss mit den Diktaturen in der arabischen Welt! Wir sollten uns ein Beispiel an Israel nehmen und von seiner Demokratie profitieren.“ (Hani, Nachname unbekannt, Ramallah)

„Ich schwöre, Israel ist ein Staat, der weiterhin Erfolg haben wird. Dort verurteilt man den Premierminister wegen einiger zehntausend Dollar. Was ist mit den Millionen, die Mahmud Abbas und die Palästinensische Autonomiebehörde veruntreut haben? Wie kommt es, dass das palästinensische Volk immer noch hungert?“ (Rashid Bohairi, Kuwait)