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    Friedrich Hebbel

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„Wenn Du Muslim wirst, lassen wir Dich leben“

100 Millionen Christen werden weltweit bedroht und diskriminiert, Zehntausende angegriffen und ermordet – sie werden verfolgt wie kaum andere. Ein Zustandsbericht.

<br /> Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad<br />

Foto: dpa Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad

Christen werden weltweit diskriminiert und verfolgt. Die Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ ist ein Hilfswerk für diese Gläubigen. Sie führt in ihrem Weltverfolgungsindex 2011 eine Liste von 50 Ländern an, in denen Christen mit eingeschränkter Religionsfreiheit bis hin zu massiver Unterdrückung und schweren Übergriffen konfrontiert sind. Die Staaten breiten sich auf der Weltkarte betrachtet wie ein Gürtel über Afrika und Asien aus.

Nordkorea führt den Index an; in dem diktatorisch geführten Land haben christliche Gläubige keinerlei Existenzberechtigung. Werden ihre heimlichen Treffen entdeckt, drohen ihnen Gefängnis, Arbeitslager oder die Hinrichtung.

Im Erfassungszeitraum des Indexes wurden Hunderte Christen aus verschiedenen Gründen verhaftet, manche von ihnen getötet oder in politische Arbeitslager deportiert.

Auf Platz zwei folgt der Iran, wo die christlichen Gemeinden immer wieder von Verhaftungswellen erschüttert werden. Gottesdienste werden von der Geheimpolizei überwacht, Bibeln beschlagnahmt und verbrannt.

Ethnische Christen (Armenier und Syrer) sind zwar offiziell als religiöse Minderheit anerkannt, aber auch sie berichten von Verhaftungen, Vernehmungen und Misshandlungen. Es ist ihnen verboten, Christen muslimischer Herkunft zu unterstützen.

Ähnlich dramatisch ist die Lage im drittplatzierten Land auf dem Weltverfolgungsindex, in Afghanistan: Dort gibt es nur sehr wenige Christen, aber sie schweben in ständiger Gefahr. In den vergangenen Jahren kam es zu Verhaftungen; ein christlicher Entwicklungshelfer wurde von Taliban getötet. Einheimische, die ihre Religion nicht geheim halten, werden mit Gewalt oder gar dem Tode bedroht. Viele üben ihren Glauben daher nur noch im Verborgenen aus.

Auf den Plätzen vier bis zehn des Weltverfolgungsindexes folgen Saudi-Arabien, Somalia, Malediven, Jemen, Irak, Usbekistan und Laos. Nach Schätzung von „Open Doors“ leiden global insgesamt rund 100 Millionen Christen unter Verfolgung. Vier Beispiele.

Irak

Erbil, Kurdistan, Irak. „Fünf Tage lang hielten sie mich gefangen, ohne Essen, ohne Wasser. Immer wieder schlugen sie mich. Eines Tages hörte ich, wie sie in den Keller hinunterkamen, in dem ich gefangen gehalten wurde. Plötzlich fühlte ich eine kalte Klinge an meinem Nacken, jemand sagte: ‚Wenn du Muslim wirst, bringen wir dich nicht um.'“

<br /> Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz<br />

Foto: Matilde Gattoni Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz

Rostom Sefarian, 63 Jahre alt, sitzt in einem Lehnstuhl im Wohnzimmer seines neuen Hauses in Erbil, der Hauptstadt der irakischen Region Kurdistan. Er unterbricht seine Erzählung, kämpft mit den Tränen. Er schluckt ein paar Mal heftig und spricht weiter, mit der Hand umklammert er das Kruzifix, das er auch während seiner Gefangenschaft immer bei sich hatte. „Einmal nahmen sie es und steckten es in eine Flasche mit Urin, ich musste zusehen. ,Soll dir doch das Kreuz jetzt helfen‘, sagten sie und lachten.“

Das war im Juli 2006. Sefarian, ein armenischer Christ, der damals in Mosul im Norden des Irak lebte, war von einer Gruppe islamischer Fundamentalisten gekidnappt worden, als er in seiner Schleifwerkstatt arbeitete. Er war eines der Opfer in einer Serie von Entführungen und Ermordungen von irakischen Christen, die bis heute anhält.

„Die ganze Zeit über hatten sie mir Handschellen angelegt und die Augen verbunden. Ein Sack Kohle war mein Kopfkissen, für meine Notdurft hatte ich eine Flasche“, erzählt er. Nach fünf Tagen Qual wurde Sefarian schließlich freigelassen – nachdem sich seine Familie auf ein Lösegeld von 72.000 US-Dollar eingelassen hatte.

Es war schon das zweite Mal, dass Sefarian von einer der vielen bewaffneten Gruppen in Mosul gekidnappt wurde. Die erste Entführung war erst ein Jahr zuvor geschehen, im Januar 2005, sie dauerte einen Tag und wurde durch die Zahlung von 12.000 US-Dollar an seine Geiselnehmer beendet. Auch ein Cousin seiner Frau, ebenfalls Christ, wurde entführt, aber er sollte nicht mehr freikommen: Nach drei Tagen fand ihn seine Familie ermordet auf.

„In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr“

Sefarian traf schließlich die gleiche Entscheidung wie 35.000 weitere christliche Flüchtlinge aus dem ganzen Irak: Er flüchtete nach Kurdistan, in den autonomen nordöstlichen Teil des Irak, in die einzige stabile Gegend des Landes. Keine leichte Entscheidung. Sefarian musste sein vierstöckiges Haus in Mosul für weniger als ein Siebtel des Wertes verkaufen.

Im August 2006 zog er mit seiner Frau und dem Sohn nach Erbil, wo er jetzt in einer kleinen Mietwohnung in Ankawa lebt, einer christlichen Enklave am Stadtrand. Ohne Pension oder eine andere Unterstützung durch die irakische Regierung ist Sefarian nun auf den Lohn seines Sohnes angewiesen, um zu überleben. „In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr. Ich spreche kein Kurdisch und habe auch keine anderen Mittel zum Leben. In Mosul lebte ich wie ein König“, sagt er mit einem bitteren Lachen, während sein Blick über die Bilder von christlichen Heiligen und die Kruzifixe in seinem Wohnzimmer huscht.

Zufluchtsort für Minderheiten

Dank der ethnischen Homogenität und der politischen Autonomie, die Kurdistan 1991 erlangte, als die Vereinten Nationen (UN) hier eine flugfreie Zone erzwangen, um Kurden vor den militärischen Strafaktionen des Saddam-Regimes zu schützen, blieb die Region von den täglichen Bombardierungen und den religiös motivierten Morden verschont, die den Irak seit der US-Invasion gegen Saddam Hussein zerstört haben.

Kurdistan, das von der lokalen kurdischen Regionalregierung (KRG) verwaltet wird, wurde so zu einem Zufluchtsort für viele Iraker und Minderheiten, vor allem Christen, die vor der Gewalt in Städten wie Mosul und Bagdad flohen. Hier, so rühmen sich die lokalen Behörden, seien alle Religionen geschützt, gemäß dem Geist der neuen irakischen Verfassung. „Wir respektieren die Christen, und die Christen respektieren uns (die Muslims)“, erklärt Kamil Haji Ali, Minister für Stiftungen und religiöse Angelegenheiten. „Immer wenn eine neue Gruppe christlicher Flüchtlinge hier ankommt, nehmen wir Kontakt mit den örtlichen Geistlichen als ihren Repräsentanten auf.“

Tatsächlich galt Kurdistan, wo etwa 160.000 Christen leben, vor allem in Ankawa und dem nördlichen Gouvernement Duhok, als sicherer Ort für irakische Christen. Seit ein paar Jahren aber verlassen immer mehr Christen Kurdistan und den Irak endgültig, wegen mangelnder wirtschaftlicher Perspektiven, wegen sprachlicher und kultureller Barrieren und auch wegen des fehlenden politischen Schutzes. Es zieht sie hauptsächlich in Richtung Europa und Nordamerika.

Nach dem jüngsten Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ist die Zahl der geflüchteten christlichen Familien in den vier nördlichen Regierungsbezirken des Irak, von denen drei in Kurdistan liegen, von 1350 auf 500 im Jahr 2011 gesunken, während das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR im selben Jahr in der benachbarten Türkei eine Zunahme von irakischen Flüchtlingen registrierte, die Hälfte davon, rund 1700, Christen. Neueste Schätzungen gehen von einer christlichen Bevölkerung im Irak von 300.000 bis 500.000 Menschen aus. 1991 waren es 1,3 Millionen.

Seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen

Die irakischen Christen gehören fünf verschiedenen Konfessionen an, von katholischen Chaldäern über Nestorianer zu Orthodoxen. Die meisten sind ethnische Assyrer, eine Neuaramäisch oder Syrisch sprechende Bevölkerung, die auf die alte gleichnamige Gemeinschaft zurückgeht, die schon vor 4000 v. Chr. Mesopotamien bewohnte. Die Assyrer wurden in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten missioniert und haben das Christentum seitdem als eine Säule ihrer kulturellen Identität begriffen. Stolz widerstanden sie den regelmäßigen Arabisierungs- und Islamisierungsversuchen, die arabische und ottomanische Führer über die Jahrhunderte hinweg unternahmen, und nannten sich selbst die Ureinwohner des Irak.

Nun sehen sich die Christen der größten Herausforderung ihrer Existenz gegenüber: Als Bevölkerung von ein paar Hunderttausend unter mehr als 30 Millionen Irakern kämpfen sie darum, sich in einem Land Gehör zu verschaffen, das nach ethnischen und religiösen Aspekten organisiert ist und dessen Politik durch die viel größeren religiösen Gemeinschaften der Schiiten, Sunniten und Kurden dominiert wird.

„Wir sind das schwächste Glied im irakischen Mosaik“, sagt Keldo Ramzi, christlicher Sekretär der Chaldäisch-Assyrischen Jugend-Union in Erbil. „Wenn jemand den USA eine Botschaft vermitteln will, zielt er auf Christen oder sprengt Kirchen in die Luft.“ Der schlimmste Angriff ereignete sich im Oktober 2010, als eine Serie von Selbstmordattentaten die Kirche „Our Lady of Salvation“ in Bagdad traf und 58 Menschen in den Tod gerissen wurden. Laut dem neuesten Bericht der Assyrischen Internationalen Nachrichtenagentur wurden im Irak seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen oder Ziel eines Bombenanschlags.

Nur die Schattenseiten des Baubooms

<br /> Ein christliches Mädchen in Bagdad<br />

Foto: AP Ein christliches Mädchen in Bagdad

Die Lage in Kurdistan ist nur bis zu einem gewissen Grad besser: Ende 2011 wurde von einer Anschlagsserie auf den Besitz von Christen durch Islamisten und Rebellen berichtet. Und selbst wenn Christen ihren Glauben hier in relativer Sicherheit leben können, klagen viele darüber, dass ihre wirtschaftlichen und bürgerlichen Rechte nicht respektiert würden. Eine Anstellung bei der Regierung zu finden ist schwierig für Mitglieder einer Gemeinschaft, deren Muttersprache nicht Kurdisch ist.

Während Kurdistan seit 2003 aufgrund der Ölförderung einen beeindruckenden wirtschaftlichen Boom verzeichnen kann, sagen viele Christen, dass sie nur die Schattenseiten davon erlebt haben. Abgeschnitten von dem Bauboom, der in Erbil stattfindet, bleibt Ankawa ein verschlafener Vorort, in dem christliche Kirchtürme aus einer Landschaft von kleinen Läden und Einfamilienhäusern herausragen.

Dennoch wurden in Ankawa heimlich Häuser an Muslime verkauft, sodass die religiöse Zusammensetzung der Stadt sich verändert und dem „Gentlemen’s agreement“ zuwiderläuft, das laut einigen christlichen Politikern mit dem KRG vereinbar wurde, um die christliche Identität der Gegend zu erhalten. „Sie bauen wenige, sehr teure Wohnungen, die sich niemand leisten kann“, beklagt sich Naurad Youssif, ein 41-jähriger Christ aus Ankawa, der auf dem Postamt arbeitet. „Die Christen hier sind eine arme Gemeinschaft, diese Wohnungen sind nicht für uns. Wenn sie die Identität von Ankawa ändern wollen, wird das eine Katastrophe“, sagt er.

Prostitution und Alkohol

Es gibt einen vermeintlichen Vorteil, der sich aus dem christlichen Charakter der Gegend ergibt und der seit einiger Zeit eifrig genutzt wird: Es eröffnen Nachtclubs und Restaurants mit Alkohollizenz. Sie ziehen Menschen aus der ganzen Stadt an und bringen Probleme wie nächtliche Schlägereien und, noch erheblicher, Prostitution mit sich. „Viele Prostituierte sind junge Frauen aus anderen Teilen des Irak, die keine Arbeit und auch sonst keine Perspektive haben. Wir verstehen ja ihre Probleme, aber wir sind nicht glücklich über diese Situation“, klagt der Geistliche Tariq Elissa, Gemeindepfarrer der hiesigen chaldäisch-katholischen St.-Georg-Kirche.

Ihm zufolge wurde in den letzten Jahren auch hektarweise Land der Christen von der Regierung in Besitz genommen, die darauf Bürotürme und Wohnkomplexe rund um Erbil errichtet. „Das Grundstück, auf dem der Flughafen gebaut wurde, gehörte früher Christen, aber die Besitzer hatten keine offiziellen Dokumente, um das zu beweisen, denn früher hat sich keiner um solche Dinge gekümmert“, sagt er. „Im restlichen Irak bringen sie uns mit Gewehren um, hier machen sie das mit Geld.“

Tiefe Gräben innerhalb der Gemeinschaft

Die Christen selbst tun sich schwer damit, sich selbst zu helfen, Einigkeit zu zeigen, um Aufgaben anzugehen. Die Geschichte der religiösen Spaltungen, die dazu führten, dass diese kleine christliche Gemeinschaft aus fünf verschiedenen Konfessionen besteht, spiegelt sich heute in der Politik wider, wo 17 christliche politische Parteien um drei beziehungsweise fünf Sitze konkurrieren, die im Parlament des Irak beziehungsweise von Kurdistan für Christen reserviert sind.

Auch wenn einige Parteien versuchen, eine gemeinsame Plattform zu bilden, gibt jeder die tiefen Gräben innerhalb der Gemeinschaft zu. Die politischen und religiösen Verantwortlichen werfen sich gegenseitig vor, die Interessen der Christen nicht angemessen zu vertreten. „Wir kommen alle aus einer Mutterkirche. Unsere Traditionen, Sprachen und Kulturen sind die gleichen, und trotzdem bereiten uns die internen Spaltungen Probleme“, sagt Casper Syawish, ein 73-jähriger Mann, der ursprünglich aus dem Dorf Harir stammt. Er verließ es 1963, nachdem irakische Truppen bei der Niederschlagung eines kurdischen Aufstands mehrere christliche Dörfer zerstört hatten. „Wir dürfen uns nicht zersplittern. Wir können nicht vor anderen stehen, wenn wir uns noch mehr aufspalten“, fügt der Mann hinzu, ein ehemaliger Angestellter der irakischen Telefongesellschaft.

Als ethnische Gruppe anerkannt

Der Fall Saddams hat aber natürlich nicht nur Probleme gebracht. Obwohl er von der christlichen Gemeinschaft wegen der Zunahme von Gewalt, die auf ihn folgte, mit gemischten Gefühlen begrüßt wurde, führte das neue politische Klima auch zu mehr Freiheit: Während die Assyrer unter dem vorherigen Regime zu den Arabern gerechnet wurden, erkennt die neue irakische Verfassung sie nun als eigene ethnische Gruppe an und erlaubt ihnen erstmals in der irakischen Geschichte, in Kirchen und Schulen Aramäisch statt Arabisch zu benutzen.

Eine bahnbrechende Entscheidung für ihre kulturelle Identität, die den Weg frei machte für die Errichtung von Lehranstalten wie der Sekundarschule in Ur, dem einzigen Institut in Erbil, in dem Aramäisch gesprochen wird. Die Schule, ein graues und düsteres einstöckiges Gebäude im Zentrum von Ankawa, hat zurzeit allerdings nur 45 Schüler. „Die Menschen sind nicht besonders motiviert, ihre Kinder hierher zu schicken, die allermeisten melden sie in kurdischsprachigen Schulen an“, erzählt der Rektor Akram Jaji bekümmert. „Ich befürchte, dass das langfristig unsere Identität beeinflussen wird.“

Darüber hinaus fürchten viele Christen auch andere Probleme, die sich ihnen stellen werden, wenn im Irak endlich Frieden herrschen wird. Die Folgen des arabischen Frühlings, nach dem islamistische Parteien die Wahlen in Tunesien und Ägypten gewonnen haben, sind hier nicht unbemerkt geblieben. Was könnte ein demokratischer Irak für die Christen bedeuten? „Wenn der politische Islam die Regierung hier kontrollieren wird, dann weiß ich nicht, was mit uns in 50 Jahren passiert“, sagt Farouk Anna Atto, Direktor des Syriac Heritage Museums in Ankawa, dessen Ausstellung der Geschichte der Assyrer gewidmet ist.

Diskussion um christliche Enklave

Angesichts der ständigen Abwanderung von Menschen, die, wie einige befürchten, schließlich zu einem Aussterben der Christen im Irak führen könnte, schlagen assyrische Parteien bereits die Schaffung einer autonomen Region im Land vor, in der Christen als Mehrheit und selbstverwaltet leben könnten. Da genau dieser Status schon Kurdistan verliehen worden ist, betreiben die Befürworter dieses Vorschlags Lobbying bei der Zentralregierung, um die Kontrolle über die Ninive-Ebene zu erhalten, ein Gebiet von 4000 Quadratkilometern östlich von Mosul, das schon jetzt mehrheitlich von Christen bewohnt wird.

Das Projekt, das offiziell eine selbstverwaltete christliche Enklave in einer Gegend mit reichem Ölvorkommen schaffen würde, um deren Kontrolle sich die Region Kurdistan und die irakische Zentralregierung immer noch streiten, wird von vielen Christen abgelehnt. „Die katholische Kirche war schon immer gegen dieses Projekt“, sagt Afnan de Jesus, eine 43 Jahr alte arabisch-chaldäische Nonne, die aus Mosul stammt und zum Christentum konvertiert ist. „Es wäre sehr gefährlich, nur unter uns zu leben, isoliert von den andern“, erklärt sie und gibt zu, dass eine Alternative dazu aber erst noch gefunden werden muss.

„Ich gehe davon aus, dass es einen Plan gibt, den Irak von allen Christen zu säubern. Wir wissen nicht, woher er kommt, aber es gibt ihn“, fährt sie bedrückt fort und schaut auf die drei anderen Nonnen, die im Hauptraum ihres Konvents in Ankawa sitzen. Die „Little Sisters of Jesus“, die „Kleinen Schwestern Jesu“, wie der Orden heißt, mussten Dora in der Nähe von Bagdad 2006 verlassen, nachdem Gewalt und Morde ein unerträgliches Maß erreicht hatten. Vor 2003 gab es in Dora mehr als 2000 christliche Familien, jetzt sind es nur noch 150.

„Wir müssen in die Sonne gehen“

Während sich die Mehrheit der ortsansässigen Christen offensichtlich damit abgefunden hat, zwischen einem Leben im Exil und einer unbehaglichen Existenz hier als Bürger zweiter Klasse wählen zu müssen, versucht ein junger und aktiver Teil der christlichen Bevölkerung, gegen diese passive Mentalität anzukämpfen. Angekommen in der globalisierten Welt und des Englischen mächtig, sind viele junge Christen inzwischen bei ausländischen Firmen in Kurdistan angestellt. Sie sind sich ihrer Rechte bewusst und entschlossen, auf jeden Fall im Irak zu bleiben. Dafür sind sie bereit, die Verbindung von Religion und Politik zu durchbrechen, die ihrer Meinung nach so viele Probleme geschaffen hat.

„Wenn wir unsere Rechte im Namen des Christentums einfordern, werden wir sehr schwach sein, weil Kirchen sich nicht in Regierungen einmischen können“, erklärt Savina Rafael Daoud, eine 22-jährige assyrische Frau aus Ankawa, am Rande des assyrischen Neujahrsfest, das jedes Jahr am 1. April von Tausenden Leuten in Dohuk im Nordirak gefeiert wird. Wie viele andere junge Leute um sie herum trägt sie eine Militäruniform im Gedenken an die assyrische Miliz, die in den 80ern und 90ern gegen das Saddam-Regime kämpfte. „Wir sind stolz auf unsere Kämpfer“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wir werden nicht durch die Bibel Erfolg haben, sondern nur, wenn wir unsere Rechte als Nation einfordern.“

Einige junge Leute machen sich die guten Beziehungen zwischen Kurden und Christen zunutze und öffnen sich, engagieren sich in der Gesellschaft, etwas, was die christliche Gemeinschaft bisher unterlassen hat. „Wenn wir unter uns sind, ist das gut, aber deshalb müssen wir uns nicht von den anderen separieren“, erklärt der 23-jährige David Saka, Betriebswirtschaftsstudent an der Universität von Kurdistan. „Ich habe viele kurdische Freunde, ich bin Iraker, hier will ich leben.“

Eine Vision, die von einem Flügel der assyrisch-christlichen Gesellschaft geteilt wird, der die Entscheidung, weiterhin im Irak zu leben, als ersten Schritt sieht, seine Rechte wiederzugewinnen. „Die Christen sind hier nicht sehr mutig. Ja, es gibt Probleme, aber das bedeutet nicht, dass wir das Land verlassen sollten“, sagt Salim Kako, ein assyrischer Politiker. „Wir können nicht unser Leben lang den Schatten suchen. Wir müssen in die Sonne gehen und für unsere Rechte kämpfen.“

Matteo Fagotto

Übersetzung: Ulrike Engelhardt

China

Als Bischof Ding Guangxun, Chinas einziger protestantischer Führer mit dem Titel Bischof, vor einigen Wochen starb, schickten drei KP-Parteichefs Kränze: der neue Generalsekretär Xi Jinping, sein Vorgänger Hu Jintao und der noch lebende KP-Patriarch Jiang Zemin. Ding, den man im Ausland auch K. H. Ting nannte, wurde 97 Jahre alt, jahrzehntelang leitete er die staatlich sanktionierte protestantische Kirche, zuletzt als Ehrenvorsitzender. Das Parteiorgan „Renmin Ribao“ (Volkszeitung) druckte die Nachricht von seinem Tod am 22. November auf seiner Titelseite. Bei der Trauerfeier verbeugten sich ranghöchste Kommunisten vor dem anglikanischen Bischof.

Untergrund - oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Foto: AFP Untergrund – oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Sie hatten dafür vor allem drei Gründe, die sie auch nannten: Die KP ehre ihn als „hervorragenden Patrioten und engen Freund der Kommunisten“. Er hätte die zersplitterte protestantische Kirche nach der Machtübernahme der Kommunisten unter einem Dach vereint, mit dann nur noch zwei Gruppierungen: dem nationalen Christenrat und der sogenannten Drei-Selbst-Bewegung der Evangelen. Vor allem aber half Ding, Religion und Sozialismus kompatibel zu machen. Die KP lobte sein Credo: „Ein Christ in China ist ein noch besserer Bürger (als die anderen).“

Im Leben und im Tod des wegen seiner Anpassung an die politische Macht so umstrittenen wie auch verehrten Bischofs spiegelt sich das Dilemma der evangelischen Kirche wider. Der Leichnam Dings wurde bei seiner Aufbahrung in Nanjing für die offizielle Totenfeier unter Teilnahme höchster Parteiführer mit Chinas Nationalfahne bedeckt. Auf dem Banner stand „Trauer um Bischof Ding“; auf dem Foto dazu trug er einen Anzug. Bei der zweiten Totenfeier für die Gläubigen bedeckte ihn ein weißes Leinentuch mit Kreuz. Das Foto zeigte ihn in Bischofskleidung. Die Aufschrift lautete: „Bischof Ding. Ruhe in Frieden in den Armen des Herrn.“

Die größte Bibeldruckerei der Welt

Ding Guangxun war nach Ansicht vieler chinesischer Gläubigen zeitlebens Diener zwei Herren. Im Internet brachte es ein Blogger so auf den Punkt; „Wer wartet auf ihn im Himmel? Jesus oder Marx?“ Er gehörte zu den 138 chinesischen Christenführern, die der Partei 1954 ihre Unterstützung zusagten. Sie passten das Prinzip von der alleinigen „Erlösung durch den Glauben“ den politischen Verhältnissen an – das werfen ihnen heute Geistliche der unabhängigen evangelischen Hauskirchenbewegung vor, die neben der offiziellen Kirche explosiv gewachsen ist.

Bekannt wurde vor allem Pekings einflussreiche „Shouwang“-Kirche, deren Mitglieder immer wieder von den Behörden verfolgt und auch verhaftet werden. Selbst deren Geistliche würdigen aber auch Dings Verdienste um den Wiederaufbau der Kirche nach 1978 – nach Ende eines Vierteljahrhunderts von Maos Terror gegen alle Gläubigen.

Ding verschaffte mit seinem Religionskurs der registrierten Kirche immerhin den Freiraum zur Missionierung mit millionenfachen Taufen. Und mit der Gründung der Amity-Stiftung durch die offizielle Kirche erhielten die Protestanten das Recht auf den Druck von Bibeln; 1988 wurde ihre heute größte Bibeldruckerei der Welt gegründet. Im Juli produzierte sie ihre „hundertmillionste Bibel“. 60 Millionen der Heiligen Schrift blieben im Land. 40 Millionen wurden in alle Welt exportiert.

Christliche Religionen erleben Aufschwung

Bis zu 40 Millionen aktive Gläubige bekennen sich heute zum Protestantismus, darunter sind mindestens ein Drittel Hauskirchen-Christen. Schlechter ist es um die katholische Kirche bestellt, die bis heute am Schisma zwischen staatstreuer Kirche mit ihren knapp sechs Millionen Gläubigen und einer romtreuen Kirche im „Untergrund“ mit ebenso vielen papsttreuen Katholiken leidet. Die Volksrepublik bleibt eines der letzten sozialistischen Länder der Welt, die sich der Aussöhnung mit dem Papst (ebenso wie mit dem Dalai Lama) verweigern und die staatstreue Kirche zwingen, ihre Bischöfe selbst zu ernennen. Offiziellen 69 Bischöfen stehen heute 38 Bischöfe im Untergrund gegenüber, die immer wieder schlimmster Verfolgung ausgesetzt sind.

In der allgemeinen Vertrauenskrise um die Kommunistische Partei erleben indes alle chinesischen Religionen einen Aufschwung. Protestanten und Katholiken verbreiten sich schneller als der Islam, machen allerdings kaum fünf Prozent der chinesischen Bevölkerung aus. Ein Drittel aller Chinesen bekennt sich dagegen heute wieder zum Buddhismus, Daoismus und den Volksreligionen.

Johnny Erling

Türkei

Seit etwas mehr als zehn Jahren regiert in der Türkei eine islamisch gesinnte Regierung. Was das für die Christen des Landes bedeutete, darüber waren die Ansichten von Anfang an gespalten – würde sich ihre Lage verbessern, weil eine religiös geprägte Regierung auch anderen Religionen entgegenkommen würde? Oder verschlechtern, so wie christliche Gemeinschaften in vielen islamischen Ländern unter starkem Druck stehen?

An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

Foto: Christine de Grancy / Anzenberge An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

„Grundsätzlich ist es schon so, dass diese Regierung Religion positiv sieht, und das macht sich auch in dem einen oder anderen Entgegenkommen gegenüber christlichen Gemeinschaften bemerkbar“, sagt Franz Kangler, Priester der (österreichischen) katholischen St. Georgs-Kirche in Istanbul. Aber es gebe nach wie vor beunruhigende Tendenzen – etwa die Gerichtsentscheidungen gegen das aramäische Kloster Gabriel Mor. Im Juni hatte das Oberste Gericht der Türkei frühere Gerichtsentscheidungen bestätigt, wonach Land um und in dem Kloster dem türkischen Staat gehöre. Land, welches immer als Besitz des Klosters gegolten hatte, und wofür auch immer Steuern gezahlt worden waren.

Neben solchen Entwicklungen gibt es andere, positivere. Eine Reihe historischer Kirchen sind auf Kosten der Regierung renoviert worden, Gottesdienste in der Paulskirche in Tarsus sind nunmehr ohne großen bürokratischen Aufwand möglich, obwohl die Kirche – wie auch die Istanbuler Hagia Sophia – vom Staat zum Museum erklärt wurde.

Kirchen besitzen keinen Rechtsstatus

Eine zusätzliche Gefahr für Christen erwuchs in den letzten Jahren offenbar durch den Machtkampf zwischen der islamisch geprägten AKP-Regierung und militant „kemalistischen“ (säkularen) Kreisen mit Verbindungen zu türkischen Sicherheitskräften. Es kam zu mehreren spektakulären Morden an Christen. In zwei Fällen – die Abschlachtung von drei evangelikalen Missionaren im Jahr 2007 und der Mord am katholischen Priester Andrea Santoro im Jahr 2006 – soll es Verbindungen der Täter zu einer Gruppe von Verschwörern gegeben haben, die angeblich planten, die Regierung zu stürzen. Im Jahr 2010 wurde der apostolische Vikar für Anatolien, Bischof Luigi Padovese, vom eigenen Fahrer ermordet und geköpft. Der Täter soll psychisch labil gewesen sein.

Neben der Gefährdung durch Gewalttäter bleiben auch die anderen zentralen Probleme der christlichen Gemeinden bestehen. Diese fordern vergeblich, Gebäude wie die Paulskirche wieder zu geweihten Kirchen zu machen, statt sie als „Museen“ zu führen. Die Kirchen – als Organisation – besitzen überdies keinen Rechtsstatus und können daher auch nicht selbst Immobilienbesitz erwerben oder über solchen verfügen. Stattdessen werden Immobilien über eine Vielfalt von rechtlichen Konstruktionen verwaltet, über die Gründung von Stiftungen, Vereinen oder als Privatbesitz.

Im vergangenen Jahr bestätigte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc, dass man der katholischen Kirche keinen Rechtsstatus geben könne. Auch für das griechisch-orthodoxe Patriarchat werde eine „Lösung“ gesucht, die seine Existenz zwar anerkennt, ohne ihm jedoch eine Rechtspersönlichkeit zu verleihen.

Entsprechend schwierig gestaltet sich die Abwehr von Enteignungsversuchen durch den Staat. Allein die griechisch-orthodoxe Gemeinde hat im Laufe der Jahre tausende Gebäude an den Staat verloren und von vielen Hundert Prozessen noch nie einen gewonnen. Laut türkischem Recht fallen Stiftungen und Kirchen, die nicht genutzt werden, an den Staat. Die armenische Gemeinde in Istanbul zelebriert daher jeden Sonntag in einer anderen Kirche den Gottesdienst – es gibt nicht mehr genug Gläubige, um alle Kirchen zu füllen, deswegen nutzt man sie reihum, damit sie rechtlich gesehen nicht „verwaisen“.

0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung

Insgesamt bleibt die Lage für die Christen ein frustierendes Gemisch aus kleinen Fortschritten und großer Diskriminierung. So wurde dem griechisch-orthodoxen Patriarchat nach langem Ringen die türkische Staatsbürgerschaft für ausländische Nachwuchs-Priester gewährt; aber im eigenen historischen Priesterseminar auf der Insel Helybeliada darf noch immer nicht gelehrt werden.

Rund 100.000 Christen leben in der Türkei, so schätzt man. Winzige 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung. Noch zur Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts stellten Christen ein Viertel der Bevölkerung des damaligen osmanischen Reiches. Dann kamen die Balkankriege, die mit einer massiven Fluchtwelle der Muslime aus dem Balkan in die Türkei einhergingen, der Genozid an den Armeniern ab 1915, der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland in den 20er-Jahren, und zuletzt, nach dem Istanbuler Pogrom gegen Griechen, die verbliebenen Armenier und Juden 1955.

Heute gibt es nur noch wenige Tausend Griechen. Schätzungen zufolge sind etwa 60.000 Armenier im Land, die meisten aus Armenien selbst und viele davon ohne gültige Aufenthaltspapiere. Der Wirtschaftsboom in der Türkei hat in den letzten Jahren zu einem Anstieg eingewanderter Christen aus Entwicklungsländern geführt: Das apostolische Vikariat in Istanbul geht von rund 15.000 Katholiken in der Stadt aus, die meisten davon Ausländer, etwa aus den Philippinen. Eine rasch wachsende Gruppe sind evangelikale Christen, zumeist Türken, die von freikirchlichen protestantischen Missionaren (oft aus den USA) konvertiert wurden. Ihre Anzahl dürfte mittlerweile 5000 übertreffen.

Die meisten Christen leben in Istanbul. Daneben gibt es Siedlungsgebiete im äußersten Südosten nahe der syrischen Grenze, dort leben einige geschlossene Gemeinschaften von Aramäern.

Boris Kálnoky

Nigeria

Der Terror schlägt nicht jeden Tag zu, aber er ist jeden Tag da. Vor dem Gottesdienst, unsichtbar, manifestiert in den immer gleichen Abwehrritualen. Soldaten am Eingang, Personenkontrollen beim Einlass, wie am Flughafen – nur die Warteschlangen sind länger. Einige Gläubige bringen Klappstühle mit. Halteverbot im Umkreis von einigen Hundert Metern um die Kirchen. Das längst nicht mehr Unvorstellbare als ständiger Begleiter des Alltags.

Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

Foto: Christian Putsch Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

James Wuye, 50, wird sich nie daran gewöhnen. An Gottesdienste in Kaduna ohne derartige Sicherheitsvorkehrungen kann sich der Pfarrer nicht mehr erinnern, „aber sie als Normalität anzusehen, würde doch heißen, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind“, sagt er. Und damit die Gewalt, den Hass, die Instrumentalisierung der Religion – sowohl die des Islams, aber auch die seine, das Christentum. Es hieße aufzugeben. Die Überzeugung, dass viele Einzelne mit dem Glauben an Frieden stärker sein werden als Wenige mit dem Glauben an Krieg.

Vor ein paar Tagen ist Wuye aus Kenia zurückgekommen. Im Flieger saß er neben dem um zwei Köpfe größeren Mohammed Ashafa, wie so oft in den vergangenen Jahren. Sie hatten Politiker und Gemeindeführer getroffen, über ihren eigenen Weg gesprochen. Wie sie von Todfeinden zu Verbündeten wurden, das Friedenszentrum Interfaith Mediation Centre aufbauten, Tausende Freiwillige ausbildeten und ein Frühwarnsystem für religiös beeinflusste Gewalt entwickelten. Eine gelungene Reise, dachten sie während des Flugs, ein Beitrag, um Gewalt zwischen rivalisierenden ethnischen Gruppen bei den anstehenden Wahlen in Kenia zu verhindern. Ein Moment des Durchatmens. Doch als sie aus dem Flieger stiegen und das Handy einschalteten, blinkte die SMS auf: „Kaduna: Bombe in Kirche explodiert. Elf Tote.“

Manchmal fühlt sich Wuye, ein kleiner, rundlicher Mann mit unermüdlichem Lächeln, an Sisyphos erinnert, erzählt er am Telefon. Der tragische Held der griechischen Mythologie wurde, so beschrieben es Autoren der Antike, dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit einen Marmorblock einen Berg hinaufzubringen, der dann immer wieder herunterrollt.

Dies war so ein Sisyphos-Moment. Nicht der erste, wahrlich nicht, und auch nicht der letzte. Noch am Flughafen rief Wuye seine Mitarbeiter an, nahm Kontakt zu Behörden und Politikern auf. Das Zentrum verschickte Tausende SMS und Emails an Christen und Muslime in der Gegend – ein Aufruf zur Besonnenheit. Nicht der erste. Nicht der letzte.

Manchmal wirkt das Ziel weit weg

Die beiden saßen an einem späten Nachmittag im Schatten eines Baumes. Ein schöner Tag. Kaduna hatte damals seit Monaten keine größeren Anschläge mehr verkraften müssen. Das Vertrauen zwischen den beiden Männern war förmlich greifbar, die Gewissheit, dass ihr gemeinsames Ziel größer war als sie selbst, und erreichbar: Frieden.

Davon ist Nigeria im Jahr 2012 weit entfernt. „Es ist kein Ziel, das man irgendwann erreicht und abgeschlossen hat“, sagt Wuye heute, „es bedarf ständiger Arbeit, und manchmal wirkt es weit weg.“ Nach Angaben der amerikanischen Denkfabrik Institute of Peace hat die Terrororganisation Boko Haram „seit August 2011 fast wöchentlich Bomben an öffentlichen Plätzen oder in Kirchen im Nordosten Nigerias gezündet“. Keine Gewalt hat Dauer, behauptete Leonardo da Vinci vor Jahrhunderten. Nigeria widerlegt ihn.

Boko Haram bedeutet in der Hausa-Sprache soviel wie „nicht-islamische Erziehung verboten“. Geleitet wird die Organisation von rund 20 Geistlichen. Nach Angaben amerikanischer und nigerianischer Geheimdienste soll es Hinweise auf grenzübergreifende Dschihad-Bewegungen geben, der auch al-Qaida im Islamischen Maghreb in Mali und Niger sowie die Al-Shabab-Miliz in Somalia angehören sollen.

Die Islamisten kämpfen für die Einführung einer besonders strengen Form der islamischen Gesetzgebung Scharia; schon jetzt gelten gemäßigte Formen in einigen nördlichen Provinzen. Erste Strategie ist dabei die Destabilisierung des Staates. Alleine in diesem Jahr sind nach Angaben der Nachrichtenagentur AP mindestens 740 Menschen von Boko Haram getötet worden. Paradoxerweise waren darunter mehr Muslime als Christen. Selbst gemäßigte Muslime sowie Beamte gelten als Feinde, bei Sprengstoffanschlägen werden nicht nur Ziele gewählt, an denen sich ausschließlich Christen bewegen.

Zehntausende Morde

Doch schon in den Jahren zuvor, lange vor der Entstehung von Boko Haram, gab es immer wieder religiös motivierte Gewalt, von Muslimen, aber auch von Christen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden Zehntausende ermordet. Das Problem ist komplexer als Boko Haram – der Hass gegen Anhänger anderer Religionen greift tiefer. Er lässt sich nicht allein mit militärischer Gewalt bekämpfen, auf die sich die Strategie der nigerianischen Regierung derzeit beschränkt.

In Nigeria leben die meisten Muslime und Christen friedlich nebeneinander, das ist wichtig zu betonen. Aber es gibt genug Fanatische, um diesen Frieden auch außerhalb der derzeit betroffenen nördlichen Provinzen zu gefährden. Im Juni appellierte Papst Benedikt XVI. an die Mörder, die Attacken „sofort zu beenden“. Nigeria müsse eine Gesellschaft formen, in der das Recht auf den eigenen Glauben „vollständig geschützt“ sei.

Die erste Hälfte ihres Lebens haben Wuye und Ashafa gegen dieses Recht gekämpft. Ashafa predigte die Ermordung von Anhängern christlicher Jugendgruppen. Als konservativer Imam in der 13. Generation hasste er Christen wie Wuye, der ebenfalls aus einer Familie mit tief verwurzeltem Glauben stammte. Der schnell in einer einflussreichen evangelikalen Kirche Karriere machte. Der früh eine Gemeinde übernahm. Die beiden kennen sich seit den 80er-Jahren, hetzten in Zeitungsartikeln und eigenen Fernseh-Sendungen gegeneinander. „Wenn es damals zum Kampf gekommen wäre, hätten wir den Tod des anderen in Kauf genommen“, hatte Ashafa während des Interviews vor zwei Jahren gesagt.

Beide waren dem Grundsatz „Auge um Auge“ so lange gefolgt, bis sie blind waren. Mehrere Cousins von Ashafa wurden bei Kämpfen mit Christen getötet. Auch Wuye verlor Verwandte – und seinen rechten Unterarm. Anfang der 90er-Jahre stellte er sich jungen Muslimen entgegen, die seine Kirche in Kaduna niederbrennen wollten. Vergeblich. Wuye verlor nicht nur die Kirche, sondern auch beinahe das Leben. Ein Angreifer hatte mit einer Machete zugeschlagen. Der Geistliche verlor viel Blut, überlebte knapp.

Irgendwann war der Respekt da

1995 traf er Ashafa in einem Hotel in Kaduna. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef und internationale Diplomaten hatten das Treffen mit der Hilfe von Gemeindeführern vermittelt, nachdem der Konflikt die Verbreitung von lebenswichtigen Impfstoffen an Kinder unmöglich gemacht hatte. Beide hatten lange gezögert, doch schließlich stimmten sie zu, das Wohl der Kinder verband. Wuye reichte seine linke Hand zum Gruß. Was für eine Symbolik, dachte er, ihm fehlte die rechte Hand, die üblicherweise zur Versöhnung gereicht wird. An ihrer Stelle trug der Geistliche eine Prothese.

Es war ein Treffen des gegenseitigen Misstrauens. Auch der Angst. Doch es folgte ein weiteres. Und noch eins. Die Gespräche wurden länger, gingen tiefer und irgendwann war da etwas, was beide für unmöglich gehalten halten – gegenseitiger Respekt. Seit 1996 arbeiten sie nun zusammen, es ist das Geburtsjahr der interreligiösen Begegnungsstätte Interfaith Mediation Centre.

Sie beschreiben die Philosophie des Hauses und seiner 14 fest angestellten Mitarbeiter (sieben Christen, sieben Muslime) als „afrikanische Lösung“. Alle Maßnahmen dienen der Vermeidung von Gewalt. Als im September 2005 die dänische Zeitung Tageszeitung Jyllands-Posten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, drohte im Norden Nigerias ein Flächenbrand. Ashafa und Wuye halfen dabei, die Aggressionen zu reduzieren, indem sie unter anderem innerhalb von Stunden christliche Kirchenführer überredeten, im Fernsehen und Radio die Verunglimpfung des Propheten zu verurteilen.

Um der Theologie des Hasses entgegenzuwirken, die oft in den Schulen und zu Hause gelehrt wird, gründeten sie Friedensclubs an Schulen und Universitäten, an denen Konfliktschlichter ausgebildet werden. Das Zentrum entwickelte ein Unterrichtskonzept, das Schulen dabei helfen soll, den Religionsunterricht von radikalen Ideen frei zu halten. Es wird an über 30 Lehranstalten umgesetzt. „Umprogrammierung“ nennt das Wuye.

Bei einwöchigen Camps diskutieren Jugendliche rivalisierender Gemeinden und Religionen und lernen gemeinsam Fähigkeiten wie das Bedienen von Computern und Buchhaltung. Ein Beitrag gegen Vorurteile, aber auch gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Norden Nigerias, dem idealen Nährboden aller Extremisten. Psychologen helfen nach Anschlägen verletzten Opfern, ihr Trauma zu überwinden. Inzwischen gibt es Büros in drei Provinzen sowie ein Netzwerk Tausender Freiwilliger, Wuye und Ashafa haben ihr Konzept in über einem Dutzend Ländern mit religiöser Gewalt vorgestellt. Sie unterstützten Organisationen in Ruanda, Burundi und Sudan, aber auch in Nordirland und den USA.

„Am Ende landen wir immer wieder bei der Armut“

An wenigen Orten aber ist die Situation so komplex wie in Nigeria. Die Bevölkerung teilt sich zu beinahe gleichen Teilen in Christen und Muslime auf. Neun von zehn Nigerianern beten jeden Tag, Religion bedeutet hier auch Geld und Einfluss. „In Nigeria ist es üblich, alles mit Religion in Verbindung zu bringen“, sagt Wuye. Dabei gehe es bei diesem Konflikt längst nicht nur um religiösen Fanatismus. „Es geht um Armut, rivalisierende Politiker und Rivalität um Land.“ Die Massaker im nahe gelegenen Jos kamen zustande, weil muslimische Nomaden aus dem Norden von Dürren und mangelnder Weidefläche in den Süden gedrängt worden waren. Dort rivalisieren sie zunehmend mit meist christlichen Farmern um das Land.

Gleichzeitig konzentriert sich die nigerianische Wirtschaft zunehmend auf die Rohstoffindustrie. Das Land ist der achtgrößte Erdölproduzent der Welt, Branchen wie die Landwirtschaft aber werden so an den Rand gedrängt. Daher gewinnen Jobs in den lokalen Regierungen und Verwaltungen immer mehr an Bedeutung. Sie vergeben „Eingeborenen-Zertifikate“, die für die Vergabe lukrativer Regierungsaufträge elementar ist. Über die Besetzung der jeweiligen Posten in den Behörden gibt es immer wieder Streit zwischen ethnischen Gruppen. Oft ist das entscheidender als die unterschiedliche Religion. „Am Ende“, sagt Wuye am Telefon, „landen wir immer wieder bei der Armut.“

Armut führt nicht zwingend zu fehlgeleitetem Glauben, so wie Wohlstand nicht zwingend zur religiösen Vernunft führt. Doch sie macht anfälliger für Beeinflussungen und damit die Arbeit von Wuye und Ashafa schwierig. Oft wissen sie ja selbst nicht, wie sie die Rechnungen für die Arbeit des Zentrums bezahlen sollen, die internationalen Spenden sind wertvoll, aber knapp. „Wenn wir die Ressourcen hätten, unsere 10.000 Freiwilligen für Arbeit in Gegenden einzusetzen, würden wir unser Netzwerk innerhalb von Monaten vervielfachen“, glaubt Wuye. „Wir könnten einen noch größeren Beitrag leisten.“

Dann muss er das Gespräch beenden. Die Arbeitstage werden derzeit lang, das sind sie immer, aber vor Weihnachten besonders. Gerade zu dieser Jahreszeit gab es während der vergangenen Jahre viele Anschläge. Trotzdem: „Die Leute freuen sich auf dieses Fest“, sagt Wuye, „sie werden in die Kirchen kommen.“

Christian Putsch

Quelle (WELT 9.12.12): http://www.welt.de/politik/ausland/article111895764/Wenn-Du-Muslim-wirst-lassen-wir-Dich-leben.html

Jemen – Israel: Blockade hier, Blockade da

Wenn Juden eine Blockade über Araber verhängen, dann machen sie offensichtlich etwas falsch. Denn sie lassen Lebensmittel und wöchentlich tausende Tonnen anderer humanitärer Güter und Treibstoff in die blockierte Entität, Mitarbeiter internationaler NGOs sowie auch gelegentlich Journalisten dürfen nach Belieben rein und raus, sogar Kranke aus dem Feindgebiet werden von den Juden medizinisch versorgt und im Land – außerhalb des Feindgebietes – behandelt. Dafür dürfen sich die Juden dann von jedermann als Kriegstreiber und Völkermörder beschimpfen lassen.

Anders da, wo man weiß, wie es richtig gemacht wird: Im Jemen ist eine Region abgeriegelt, belagert. Es wird nichts mehr rein (oder raus) gelassen: Kein Wasser, keine Lebensmittel, keine Medikamente, keine Presse, kein Öl, keiner Menschen – gar nichts. Auch keine Leute, die ärztliche Versorgung bräuchten; neulich starb an einer Sperre eine Schwangere bei der Geburt ihres Kindes. Außerdem wird gegebenenfalls ohne Rücksicht auf Verluste mit Artillerie geschossen, wenn aus dem abgeriegelten Gebiet geschossen wird. Es kann durchaus auch mal ein kleines Flächenbombardement durch Flugzeuge geben.

Und die Welt weiß nichts und kümmert sich nicht (außer ganz wenigen, aber ohne Wirkung).

Warum?

Muss wohl daran liegen, dass Araber Araber verhungern lassen und töten. Keine Juden als Täter kein Interesse der Welt. Keine Hilfsflotten. Keine Proteste. Keine NGOs, die beim Menschenrechtsrat Rabatz machen. Keine Abgeordnete der LINKEN, kein weltbekannter schwedischer Schriftsteller. Keine türkischen Terrorhelfer. Nichts.

Natürlich hatte der Jemen, der diese tatsächlich unmenschliche Blockade/Belagerung im eigenen Land durchführt gegen Israels Verhalten gegenüber den Hamastanis lautstark gegeifert.

Es fragt sich, was man in Sanaa wohl sagt, wenn man ihnen einen Vergleich der beiden Blockaden vorlegt…

Und es zeigt sich wieder, dass, wenn zwei etwas tun, das den gleichen Namen trägt, es noch lange nicht gleich bewertet wird. Schon gar nicht, wenn der Jude unter den Staaten einer von beiden ist. Der wird wieder selektiert. Aber Antizionismus ist kein Antisemitismus…

Double Standards – das Anlegen verschiedener Maßstäbe. Standard in der heutigen Zeit. Ein Kriterium für Antisemitismus.

Wie immer: Wenn Juden irgendetwas machen – großes Geschrei, diplomatische Erklärungen und die UNO meldet sich auch zu Wort. Wenn Moslems Moslems umbringen, wenn Araber Araber töten –

Schweigen.

Stille.

Kein Ton.

Für den Islam zu sein, sich über brutale Besatzer, KZ-Aufseher und rassistische Juden aufzuregen und auf die Moslems in Pakistan, die dort von anderen Moslems ermordet werden, zu schei…, scheint im heutigen Deutschland zusammenzupassen. Armes Deutschland.

Dauerzustand Ausnahmezustand

von Christoph Sydow

Am 10. Dezember 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Diese gewährt jedem Menschen »ohne irgendeinen Unterschied« die gleichen, unveräußerlichen Rechte. Offiziell wird die Menschenrechtserklärung von jedem UN-Mitglied anerkannt, tatsächlich wird sie aber auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Verabschiedung von arabischen Staaten mit Füßen getreten.

Für seinen zweiten Jahresbericht zur Menschenrechtslage im Nahen Osten untersuchte das Cairo Institute for Human Rights Studies (CIHRS) die Situation in zwölf Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga – Ägypten, Algerien, Bahrain, Irak, Libanon, Marokko, Palästina, Saudi-Arabien, Sudan, Syrien, Tunesien und Jemen. Fast jeder dieser Staaten verfolgt Menschenrechtsaktivisten, beschneidet die Pressefreiheit und diskriminiert religiöse Minderheiten. Gegenüber 2008 hat sich die Menschenrechtslage in der Region noch einmal verschlechtert, konstatiert das Institut in Kairo. Das CIHRS ist eine politisch unabhängige Organisation, die eng mit Amnesty International zusammenarbeitet, und einer der größten Menschenrechtsvertreter in der arabischen Welt.

»Bastion der Straflosigkei
Unter dem Vorwand angeblicher Bedrohungen aus dem In- und Ausland werden den arabischen Bürgern Grundrechte verweigert. In Algerien herrscht seit 17 Jahren, in Teilen des Sudan seit 20 Jahren, in Ägypten seit 28 Jahren und in Syrien seit 36 Jahren ein staatlich erklärter »Ausnahmezustand«. Mit der jemenitischen Bürgerkriegsprovinz Saada kam in diesem Jahr ein weiteres Gebiet der arabischen Welt hinzu. Unter den repressiven Regelungen solcher »Ausnahmezustände« werden Minderheiten unterdrückt, die Presse zensiert und Herrschaft monopolisiert. Friedliche Machtwechsel und faire Wahlen, bei denen der Sieger nicht im Vorfeld feststeht, blieben ein Traum, konstatiert der CIHRS-Bericht unter dem Titel »Bastion der Straflosigkeit, Trugbild der Reform«.

Bürger, die sich gegen diese Zustände auflehnen, werden staatlich verfolgt. Vorreiter bei der Unterdrückung von Menschenrechtsgruppen ist laut der Studie des Kairoer Instituts Syrien. Mehrere Aktivisten wurden in Schauprozessen verurteilt oder verschwanden spurlos. Kaum besser ist die Lage in Tunesien, wo besonders im Umfeld der Präsidentenwahl Menschenrechtler körperlich angegriffen und in der staatlichen Presse diffamiert wurden. In den Monarchien Bahrain, Saudi-Arabien und Marokko wird weiterhin jede Kritik an den Königshäusern scharf verfolgt. Im Sudan wurden nach der Ausstellung des Internationalen Haftbefehls gegen Präsident Omar al Baschir mehrere Menschenrechtsgruppen verboten, weil sie beschuldigt wurden, mit dem Internationalen Strafgerichtshof zu kooperieren.

Auf der Liste der Folterstaaten steht unverändert Ägypten an erster Stelle. Nach Recherchen des CIHRS starben in diesem Jahr Dutzende Menschen an Misshandlungen in Polizeigewahrsam. Die Polizeigewalt treffe nicht nur Terrorverdächtige und Kriminelle sondern auch religiöse Minderheiten wie Schiiten oder Kopten. Die Spitze eines anderen Eisbergs waren 38 Flüchtlinge aus Afrika, die zwischen Juni 2008 und September 2009 an der Grenze auf dem Weg nach Israel erschossen wurden. Auch in allen anderen arabischen Staaten sei Folter »Routine« – häufig unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen. In Syrien starben mindestens drei Häftlinge in Polizeigewahrsam, das Schicksal von hunderten Gefängnisinsassen sei unbekannt.

Minderheiten werden unterdrückt
Unverändert werden in arabischen Staaten auch Minderheiten diskriminiert. In Syrien werden den Kurden Bürgerrechte verwehrt, in Bahrain werden die Schiiten in ihrer freien Religionsausübung behindert. Saudi-Arabiens Königshaus versucht sich verstärkt als Vorkämpfer für religiöse Toleranz zu präsentieren, gleichzeitig wird auch hier die schiitische Minderheit systematisch unterdrückt. In Ägypten starben in zehn Gouvernements bei Zusammenstößen zwischen Kopten und Muslimen mindestens sieben Menschen. Während des Ramadan verhafteten Sicherheitskräfte des Innenministeriums Kopten, die in der Öffentlichkeit aßen. Schiiten und Bahais wurden von Vertretern der Regierungspartei NDP beschimpft und werden nach wie vor als Bürger zweiter Klasse angesehen.

Als größtes Hindernis für eine Verbesserung der Menschenrechtslage in der Region mach das CIHRS die uneingeschränkte Machtfülle der staatlichen Organe aus. Kein Bürger, der seine Grundrechte einklagen oder etwa gegen Übergriffe der Sicherheitskräfte vorgehen will, bekomme eine faire Chance. »Straflosigkeit und fehlende Rechenschaftspflicht sind feste Bestandteile der arabischen Staaten«, heißt es in der Studie. Dieses System funktioniere mittlerweile nicht nur auf staatlicher, sondern auch auf internationaler Ebene. Die Arabische Liga und die Organisation der Islamischen Konferenz machten sich mitschuldig an den schweren Menschenrechtsverbrechen in verschiedenen arabischen Staaten. Doch damit nicht genug: Zusammen mit anderen autoritären Staaten wir Kuba, China, Russland und Iran arbeiteten diese Organisationen daran, die Menschenrechtsinstitutionen der UNO zu untergraben.

Ohnehin macht sich Moataz El Ogeiry, der Direktor des CIHRS, keine Illusionen darüber, ob sein Bericht bei den arabischen Regimes Wirkung hinterlassen wird:

»Sie geben nicht zu, dass es Menschenrechtsprobleme in ihren Ländern gibt und werden weiterhin Menschenrechtsorganisationen angreifen, weil sie angeblich die nationale Sicherheit gefährden.«

Auch die UN beschäftigt sich mit der Situation in den arabischen Staaten. Leider nicht so ehrlich, wie es die Kairoer tun.

Erstaunlich ist immer wieder, dass 1. diese Staaten, bei denen es nun wirklich schlecht um die Menschenrechte steht, sich trotzdem immer wieder das Recht herausnehmen, andere Staaten – die bzgl. der Menschenrechte wesentlich besser dastehen – wegen Menschenrechtsverletzungen massiv zu kritisieren und 2. dass wir westliche Staaten uns diese Kritik auch noch anziehen!

Natürlich muss man sich jede Kritik anhören, aber wie heißt es in der Bibel: „Statt den Splitter im Auge Deines Mitmenschens zu sehen, achte lieber mal auf den Balken in Deinem Auge.“

Hungerkatastrophe in Palästinensergebieten?

Etwa 10 Prozent der Palästinenser unter fünf Jahren leiden aufgrund von Mangelernährung an Wachstums- oder Entwicklungsstörungen. Das geht aus einem aktuellen Bericht der UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF hervor. Die Zahlen in den arabischen Nachbarstaaten waren jedoch höher.

Demnach sind

  • in Ägypten etwa 29 Prozent der Kinder aufgrund von Unterernährung körperlich oder geistig zurückgeblieben.
  • In Jordanien sind es 12 Prozent,
  • im Libanon 11 und
  • in Syrien 28 Prozent.
  • Im Jemen liegt diese Zahl bei 58 Prozent,
  • in Saudi-Arabien bei 20 Prozent und
  • in den Vereinigten Arabischen Emiraten bei 17 Prozent.
  • Prozentual wird die Liste von Afghanistan angeführt. Dort sind etwa 59 Prozent aller Kinder betroffen.
  • Mit knapp 61 Millionen leben die meisten Unter-Fünfjährigen mit Wachstums- oder Entwicklungsstörungen in Indien.
  • Danach folgt China mit rund 10 Millionen Kindern.

Weltweit sind laut UNICEF mindestens 200 Millionen Kinder unterernährt und deshalb in ihrer Entwicklung gestört.

Es ist ja eigentlich zynisch, solche Zahlen miteinander zu vergleichen. Jedes unterernährte und in seiner Entwicklung gestörte Kind ist eines zuviel.

Aber da so viele Lügen über den Gazastreifen und das Westjordanland kursieren, muss man festhalten, dass es den Kindern dort besser geht als in allen (arabischen) Nachbarländern.

Von einer Hungerkatastrophe kann also nicht die Rede sein.

Der UNHRC

[…] Schamgefühl gehört nicht zu den Zierden der Regierungen von Syrien, Jemen, Libyen und Sudan. Trotzdem schaffen sie es, dass ihre wüsten und maßlosen Beschimpfungen ernst genommen werden.
Ja, wenn es im Menschenrechtsrat der UNO gesagt wurde….! dann muss es ja stimmen. Dann muss man ja nicht weiter darüber nachdenken, ob das auch wirklich so ist, oder ob nicht doch gewisse, hm, Interessen in diese Äußerungen mit einfließen …

via Lila

Ja, der UNHRC. Ein Hort der Gerechtigkeit und des wahren Friedens. Selbst ein Richard Goldstone hat sich echauffiert, (siehe auch in der WELT) dass die Resolution des UNHRC nicht seinen Bericht (zu Ungunsten Israels) wiedergibt. Und der Goldstone-Bericht war schon widerlich genug.

Aber wenn solche Menschenfreunde wie Syrien, Libyen, der Sudan und der Jemen sich für die Menschenrechte in die Bresche werfen … dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Es ist diese Doppelzüngigkeit – die mit am größten Menschenrechtsverletzer und -verachter hängen sich am stärksten in die Seile, wenn sie Israel für die angebliche Verletzung von Menschenrechten verurteilen -, die einen verzweifeln lässt:

Wie kann eine Organisation wie die UN, die sich verantwortlich sieht für Dinge wie Weltfrieden und -gerechtigkeit, zulassen, dass solche Staaten ein solches Podium innerhalb und für die UN bekommen?

Darauf gibt es nur eine Antwort: Die UN ist in ihrer heutigen Form nicht mehr zu gebrauchen und dient einigen Staaten (vor allem der OIC) nur noch dazu, ihre (schändlichen) politischen Ziele durchzusetzen.

neues aus dem Jemen

Die Yemen Post beschreibt neue Schrecken, über die Sie in Ihrer Tageszeitung oder in Verlautbarungen  von Menschenrechtsgruppen wahrscheinlich nichts lesen:

Quellen aus dem Dorf Dwaib (Jemen) berichteten der Yemen Post, dass Houthi-Milizen das Dorf überfielen und Frauen und Kinder erschossen, weil diese angeblich mit der jemenitischen Armee zusammenarbeitet hätten.

Sie beschuldigten die Houthis zudem der Plünderung ihrer Häuser und Entführung der Kinder, die in den vordersten Kampflinien eingesetzt werden sollen.

Frauen und Kinder hinrichten?
Kinder entführen und sie an vorderste Front zwingen?

Meine Güte.

Mehr zum Konflikt im Jemen – siehe hier.
Wie würden Teile der deutschen Medien wohl reagieren, wenn Israel daran in irgendeiner Weise beteiligt wäre?

Krieg im Jemen

Stell Dir vor, es ist Krieg und keinen interessiert es (weil keine Israelis beteiligt sind?):

umkämpfte nordjemenitische Stadt Saada

Der letzten Zusammenstoß im fünfjährigen Jemen-Krieg mit den Houthi-Rebellen hat mehr als 2.000 Tote in weniger als einem Monat und bis zu 150.000 Obdachlose zurückgelassen. Jemenitische Regierungstruppen kämpfen gegen rund 15.000, vom Iran bewaffnete und ausgebildete Houthi-Rebellen, die sich in den nördlichen Sadaa-Bergen an der saudi-arabischen Grenze eingegraben haben. Bomber der saudischen Luftwaffe bekämpfen die Rebellen und die ägyptische Luftwaffe und Marine liefern mit Unterstützung und Finanzierung der US-Armee Munition an die jemenitische Armee.

Dies ist der zweite Krieg in weniger als einem Jahr, in dem US-Verbündete vom Iran unterstützten Kräften gegenüberstehen. Der erste war Israels drei-Wochen-Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen, der im Januar endete.

Das strategisch, am Roten Meer gelegene, arme Land – seit Jahren ein entscheidender Ort für den Krieg gegen die islamistischen Extremisten – hat nun eine Schlüsselrolle eingenommen, wo die Vereinigten Staaten und der Iran um die regionale Vorherrschaft kämpfen. In dieser Hinsicht hat der Konflikt im Jemen eine ähnliche Bedeutung wie der Libanon-Krieg 2006 und der Gaza-Konflikt. Das Ergebnis wird in hohem Maße die strategischen Positionen der USA im Persischen Golf und im Roten Meer beeinflussen – ebenso wie die von Saudi-Arabien, Ägypten und indirekt auch Israel – vis-à-vis Iran.

Militärische Quellen weisen auf die acht wichtigsten Merkmale des laufenden Jemen-Konfliktes hin:

  1. Vor zwei Wochen hat Präsident Ali Abdullah Salehs Armee die sechste Runde seit dem Jahr 2000 im Krieg gegen die Houthis eingeläutet. Über 20.000 Soldaten wurden für eine Großoffensive bereitgestellt, um die 15.000 Houthis von ihren Gebirgsfesten (4 – 6.000 Meter hoch) in der nördlichen Provinz Saada zu vertreiben.
  2. Die Houthis sind Zaydis, die behaupten, sie folgen der reinsten Form des schiitischen Islams. Sie kämpfen für den wahren Glauben im Jemen, indem sie das im Jahr 1962 gestürzten Zaydi-Imamat wiederherstellen wollen. Ihr Name leitet sich vom Gründer der Bewegung – Badreddin al-Houthi – ab, der von der jemenitischen Armee im Jahr 2004 getötet wurde. Die Houthi- und die iranischen Schiiten haben nichts gemeinsam außer der Tatsache, dass Teheran die jemenitischen Rebellen als Hilfskräfte (so wie die libanesische Hisbollah) nutzt, um für den Iran einen militärischen Fuß in die Tür an der saudi-arabischen Grenze und auf der südlichen arabischen Halbinsel zu bekommen.
  3. Die schiere Menge an Waffen, die die Iraner an die Houthis innerhalb von zwei Wochen geliefert haben, überraschte Washington, Sanaa, Riad und Kairo, obwohl der Iran schon zuvor gezeigt hatte, mit welcher Geschwindigkeit sie die Verluste der Hisbollah ergänzt und erweitert haben, die nach dem Krieg von 2006 gegen Israel entstanden waren. Die jemenitische Armee hat daher Mühe, die schwer bewaffneten Aufständischen zu bezwingen oder sogar zu verhindern, dass sich die Kämpfe aus der Region Saada in andere Teile des Landes, einschließlich der Hauptstadt, ausweiten.
  4. Aus Angst, dass der Konflikt und der Einfluss der Zaydi über die nördliche Grenze des Jemen in die südlichen Regionen Saudi-Arabiens – Najran und Asir – einsickern könnte, hat Saudi-Arabien seine Luftwaffe der jemenitischen Armee zur Hilfe geschickt, damit diese die Houthi-Hochburgen in den Bergdörfern Saadas bekämpfen.
  5. Der kleinen, 66.000 Mann starken, jemenitischen Armee, der es an organisierten, militärischen Beständen fehlt, ging bald die Munition und die militärische Ausrüstung aus. Die ägyptische Armee versorgt den Jemen mit Lieferungen dieser Dinge durch einen See-und Luft-Korridor.
  6. Die Obama-Regierung unterstützt Ägypten und Saudi-Arabien finanziell für deren Hilfe des Jemens. Dies wurde auf dem Treffen des US-amerikanischen und des ägyptischen Präsidenten am Dienstag, dem 18. August, im Weißen Haus vereinbart. Auf diese Weise stellt sich US-Präsident Barack Obama neben Hosni Mubarak und König Abdullah gegen den Iran.
  7. So wie die USA und Israel von den militärischen Fähigkeiten des iranischen Stellvertreters Hisbollah im Libanon-Krieg 2006 überrascht wurden,  so waren auch die USA und ihre Verbündeten über das Kommando der Houthi-Aufständischen auf dem Schlachtfeld erstaunt. Die erste Panzergrenadierdivision der jemenitischen Armee, unterstützt von jeder der sechs Fallschirmjäger-und Kommando-Brigaden und saudischer Luft-Unterstützung, hat es in zweiwöchigen Kämpfen nicht geschafft, in die Rebellen-Hochburgen einzubrechen.
  8. Ohne diesen Durchbruch droht der Konflikt zu eskalieren und sich auszubreiten und zu einem der größten und gefährlichsten Kriege in den arabischen Ländern in den vergangenen 18 Jahren zu werden – seit Saddam Hussein der irakischen Armee 1991 den Befehl gab, Kuwait zu erobern.

via DEBKAfile

Gefährliche Diaspora

Judenverfolgung im Jemen

Von Martin Gehlen

Noch ein kurzer Wink, dann wendet Said Annahrdi sein Motorrad und knattert davon. Seine beiden schwarzen Schläfenlocken schaukeln im Wind, während er eine kleine Staubwolke hinter sich herzieht. Annahrdi muss zurück in seine Schneiderwerkstatt. Mit seiner Frau und zehn Kindern lebt der 42-Jährige in Raydah, einem Provinzstädtchen 50 Kilometer nördlich von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Said Annahrdi ist Jude. Seine Vorfahren leben seit Jahrhunderten hier, sein Haus steht mitten im Ort, seine Kunden schätzen ihn. Nie hätte er sich träumen lassen, mal von Raydah wegzugehen, „aber ständig Angst zu haben – das ist kein Leben mehr“, sagt er.

Zwanzig jüdische Familien sind hier noch ansässig, 266 Menschen alles in allem. Einige leben im Zentrum von Raydah, die anderen ein paar Kilometer östlich in der Siedlung Beth Harash. Es sind die beiden verbliebenen Wohnorte von Juden im Jemen. Die dritte Gemeinde musste vor zwei Jahren aus der Saada-Provinz im Norden evakuiert und in die Hauptstadt gebracht werden, nachdem schiitische Houthi-Rebellen sie mit dem Tod bedroht hatten. In diesem Gebiet herrscht seit Jahren Bürgerkrieg. Erst kürzlich wurden neun Ausländer entführt, zwei deutsche Frauen und ein Koreanerin kurze Zeit später ermordet aufgefunden. Für die übrigen sechs Gekidnappten – darunter drei Kinder – gibt es vielleicht noch Hoffnung.

Silberschmiede hinter Mauern
Seit 2007 leben die 65 Juden aus Saada in der so genannten Tourist City, einem mit hohen Mauern gesicherten Apartmentkomplex für Ausländer direkt neben der US-amerikanischen Botschaft in Sanaa. Die meisten Männer sind Silberschmiede. Manch älterer muslimischer Handwerker in der historischen Altstadt von Sanaa hat noch bei Juden gelernt. Jetzt will die deutsche Botschaft den hier gestrandeten Meistern helfen und für sie im Silbersouk einen Laden anmieten.

Seit mehr als 2500 Jahren leben Juden in Jemen, vielleicht reichen die Wurzeln sogar zurück bis in die Zeit von König Salomon, als jüdische Händler sich im Süden der arabischen Halbinsel niederließen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es jüdische Gemeinden in allen wichtigen Städten des Landes. Der erste große Exodus erfolgte 1949, als unter dem Decknamen „Operation fliegender Teppich“ etwa 50.000 Menschen nach Israel ausgeflogen wurden. Seitdem hält die Auswanderung an. „Wenn jetzt noch die letzten Juden weggehen, dann wird das der Welt sagen, dass es im Jemen keinen Raum für Toleranz gibt, und dass wir nicht mehr mit Menschen anderen Glaubens zusammenleben können“, fürchtet Mahmoud Taha, ein muslimischer Menschenrechtsaktivist.

An der Hauptstraße von Raydah reihen sich graue Kastenbauten aus Zementziegeln aneinander. Die Synagoge, ein bescheidener Flachbau aus groben Steinen, liegt hinter einem grünen Eisentor mit der hebräischen Aufschrift „Das Tor zum Segen“. In den Teehäusern hocken Halbwüchsige, Kalaschnikows zwischen den Beinen. Aus einem alten, gelben US-Schulbus quellen lärmende Kinder. Das Tal, von wuchtigen Gebirgsketten umgeben, ist hier ungewöhnlich breit, grün und fruchtbar. Manche Bauern pflügen noch mit Ochsengespannen, andere tuckern mit alten Traktoren über die Feldwege zu ihren Kartoffeläckern.

Vor Jahresfrist war die Welt in der jüdischen Diaspora noch in Ordnung. Erst nach dem Mord an Mousa Yaish al-Nahari bekamen die jüdischen Bewohner es mit der Angst. Es war kurz vor Weihnachten. Al-Nahari, 39, kaufte gerade auf dem Gemüsemarkt ein, als sich plötzlich ein Mann vor ihm aufbaute und eine Maschinenpistole auf ihn anlegte. „Jude, hier die Botschaft des Islam für dich“, rief er und jagte al-Nahari mehrere Kugeln in den Leib. Der Vater von vier Söhnen und fünf Töchtern im Alter von ein bis 14 Jahren war sofort tot.

Die Familie besitzt ein zweistöckiges Haus am Ortseingang mit auffällig blau getönten Bogenfenstern. Der kleine Laden im Erdgeschoss ist an einen Lebensmittelhändler verpachtet, die Wände sind mit arabischen Graffiti beschmiert. Die drei ältesten Mädchen der Familie leben inzwischen bei Verwandten in Israel. „Es geht es uns sehr schlecht“, sagt der Sassa, der älteste Sohn, während er mit einem Fuß verlegen im Boden herumstochert.

Nach dem Mord kam im Januar der Gazakrieg. Im Städtchen saßen die Menschen vor dem Fernseher , schauten Al Dschasira – und begannen, die jüdischen Nachbarn zu beschimpfen. „Schaut nur, was Eure Brüder aus Israel machen“, riefen sie. Steine flogen, Fensterscheiben gingen zu Bruch, auf einem Hof explodierte nachts eine Handgranate.

„Wir tun, was wir können, um die Täter zu finden“, sagt Bürgermeister Abdullah Shleif. Man merkt ihm an bei dem Gespräch im Haus von Rabbi Suleiman Jacob, dass er die jüdischen Bürger nicht verlieren möchte. Mal hält er die Hand des 41-jährigen Rabbis, der neben ihm auf dem Boden sitzt, mal tauscht er freundliche Blicke mit den Kindern, die mit großen Augen dem Gespräch der Erwachsenen lauschen.

„Natürlich mache ich mir Sorgen“, sagt der Bürgermeister. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiere die jüdische Gemeinde. Doch wie überall auf der Welt gebe es unter den Leuten „solche und solche“. Nur Verrückte unterschieden zwischen einem Muslim und einem Juden. Sie seien „eine kleine Minderheit, und um die kümmern wir uns“.

Auf die Scharia berufen
Das sieht die Yemen Human Rights Observatory anders. Viel zu spät habe die Polizei durchgegriffen, sagen die Menschenrechtler. Zwar seien einige der meist jugendlichen Täter festgenommen worden, aber dann habe man nie wieder etwas gehört.

„Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt“, sagt Schneider Annahrdi. „Heute kann ich mich wieder normal durch die Stadt bewegen.“ Auch die jüdische Gemeinde tut nach seinen Worten alles, damit sich die Lage nicht hochschaukelt. „Wir nehmen die Angriffe hin und wehren uns nicht, damit es ruhig bleibt“, sagt er. Doch das mulmige Gefühl will nicht weichen. „Ist nicht mehr so toll hier“, murmelt der Tischler Suleiman Yahia Daoud Hamdi, während er auf dem Boden hockend in einer Tüte mit Qat-Blättern herumfistelt, der Volksdroge Nummer eins im Jemen. Jeden Zweig schlägt er zwei, dreimal auf die linke Hand, dann beginnt er die Blättchen einzeln abzuzupfen und in die Backe zu stopfen. So machen es hier viele nach der Mittagszeit. „Katten“ ist überwiegend Männersache. Vier, fünf Stunden sitzt man beieinander, kaut vor sich hin und löst die Probleme der Welt und der Nachbarschaft.

Das einfache Haus von Hamdi steht direkt unterhalb der verfallenen Bergfestung. „Die Salafiten werden immer stärker“, nuschelt er mit voller Backe. Islamische Fanatiker hetzten die Bevölkerung auf, und

„wir baden das aus. Wenn wir zur Polizei gehen und uns beschweren, zucken die nur mit den Schultern. Sie sagen, sie werden sich kümmern – aber alles nur Gerede.“

Während Yaish Al-Nahari, 64, vom Mord an seinem Sohn erzählt, laufen ihm die Tränen übers Gesicht. Fünf Jahre Haft für den Täter und 27 500 Dollar Blutgeld für die Familie des Getöteten lautete das Urteil. Für Vater und Ehefrau, ihren muslimischen Anwalt und die jüdische Gemeinde ein Skandal, gegen den sie Berufung einlegten. Der Angeklagte, ein offenbar geistesgestörter ehemaliger jemenitischer Kampfpilot, hatte bereits vor fünf Jahren seine eigene Frau umgebracht. Er blieb jedoch auf freiem Fuß – und suchte sich sein nächstes Opfer.

„Wenn das Urteil nicht nach der Scharia erfolgt, werde ich das Land verlassen“, sagt Yaish Al-Nahari. Ende Juni verurteilte das Berufungsgericht in der Provinzhauptstadt Amran den Mörder zum Tode.

via fr-online

Was ist die Scharia und was hat sie mit uns zu tun?

Interview mit Christine Schirrmacher aus Anlass des Erscheinens ihres Buches in der Reihe „Hänssler kurz und bündig“

BQ (Bonner Querschnitte): „Die Scharia“ „kurz und bündig“ in 2 Stunden! Können Sie uns auch in 2 Sätzen sagen, was die Scharia ist?

Christine Schirrmacher: Unter der Scharia versteht man die mit dem Islam begründeten Regeln für die Religion (Gebet, Fasten, Feste, Wallfahrt, Almosen), für Ehe und Familie (Ehe- und Erbrecht), für das Strafrecht und den öffentlichen Raum, also die Politik. Die Grundlagen der Scharia finden sich im Koran, in der islamischen Überlieferung (den Berichten über Muhammad und seine Gefährten) und in den Auslegungen von Theologen und Juristen der ersten islamischen Jahrhunderte – sie sind aber nie in einem einzigen Buch gesammelt worden. Die Scharia muss deshalb immer wieder interpretiert werden, das macht sie flexibel. Ihre Entstehung im 7.-10. Jahrhundert und ihre Unantastbarkeit als göttliches Gesetz macht eine grundsätzliche Kritik jedoch sehr schwer.

BQ: In welchen Ländern spielt die Scharia denn eine große Rolle?

CS: Vor allem dort, wo sich einzelne Länder allein auf die Scharia als Gesetzesgrundlage berufen, wie z. B. Pakistan, Jemen, Iran, Sudan. Das bedeutet nicht, dass sie dort auch ganz umgesetzt würde – das ist höchstens zu Teilen der Fall. Aber sie prägt dort und zu Teilen auch in anderen Ländern das Rechtsdenken der Bevölkerung.

Auch alle anderen islamisch geprägten Länder berufen sich auf die Scharia als eine ihrer Gesetzesgrundlagen; eine Ausnahme ist lediglich die Türkei, wo Kemal Atatürk im Zuge der Gründung der türkischen Republik 1923/1924 die Scharia offiziell abschaffte.

BQ: Ein religiöses Gesetz? Was hat das denn mit Politik zu tun?

CS: Religion und Gesetz sind im Islam eng miteinander verzahnt. Dies war schon bei Muhammad der Fall, der zugleich religiöser Führer und Gesetzgeber, aber auch Heerführer seiner ersten Gemeinde war. Die Erb-, Ehe- und Strafgesetze, die er erließ, begründete er mit der Religion des Islam, also göttlichen Vorschriften. Auch wenn diese Gesetze später von Juristen und Theologen unterschiedlich interpretiert wurden, bleibt doch die eigentliche Begründung der Scharia eine religiöse. Weil es sich nach muslimischer Überzeugung um das Gesetz Allahs handelt, darf es nie offiziell hinterfragt, geändert oder kritisiert werden.

BQ: Warum sollte sich ein Deutscher mit der Scharia beschäftigen. Ist das nicht ein fernes Problem?

CS: Schon lange nicht mehr. Zum einen prägt auch hier die Scharia das Rechtsdenken vieler Muslime, ist ihr ideeller Bezugspunkt für ein Leben in einer erstrebenswerten „gerechten“ Gesellschaft, die nach göttlichen Maßstäben organisiert wäre anstatt nach den weltlichen, von Menschen erdachten Richtlinien der Demokratie.

Auch hierzulande propagieren manche muslimischen Gruppen, dass die Scharia das einzige gerechte System auf Erden ist und allen Menschen Frieden bringen würde, wäre sie nur erst überall eingeführt. Die Scharia steht jedoch mit ihrem rigiden Strafrecht (Amputation, Auspeitschung, Steinigung, Wiedervergeltung) den Menschen- und Freiheitsrechten der UN-Menschenrechtserklärung und damit den Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entgegen. Ebenso ist die in der Scharia verankerte rechtliche Benachteiligung der Frau im Erb- und Eherecht und die Verurteilung des vom Islam „Abgefallenen“ zum Tode noch nicht einmal als rein theoretischer Anspruch akzeptabel, auch wenn es in islamischen Ländern kaum je Gerichtsprozesse wegen Apostasie gibt (dafür kommen aber Konvertiten manchmal durch Selbstjustiz der Familie oder Gesellschaft um). In Deutschland wurde in der Vergangenheit bei einzelnen Prozessen ein nicht-europäisches Rechtsempfinden aufgrund des kulturellen Hintergrundes eines Täters aus einem nahöstlichen Kulturkreis (z. B. im Falle von Ehrenmord oder ehelicher Misshandlung) als mildernder Umstand gewertet – m. E. ein nicht zu rechtfertigendes Zugeständnis an Scharianormen in Deutschland, wo Recht und Gesetz gleichermaßen für alle Menschen gelten muss.

Täter und Opfer

Zwei junge deutsche Christinnen sind im Jemen ermordet worden. Doch statt sich über Christenverfolgung in islamischen Ländern zu beklagen, wird über die Naivität bibeltreuer Missionare gelästert.

Zwei junge deutsche Christinnen, die in einem Krankenhaus im Jemen arbeiteten, wurden ermordet. Sie starben, weil sie das Wort Gottes weitertrugen. Ihr Schicksal reiht sich ein in das von rund 200 Millionen Christen in mehr als 60 Ländern weltweit, die diskriminiert, gefoltert, hingerichtet werden. Etwa 80 Prozent aller Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Das Christentum ist die am übelsten bekämpfte Religion überhaupt. All das verdient es, beklagt und angeprangert zu werden.

Stattdessen mokiert man sich über die Bibeltreue der Frauen, räsoniert über deren Fahrlässigkeit, in ein weitgehend gesetzloses islamisches Land gefahren zu sein, empört sich über den missionarischen Fundamentalismus derer, die sie geschickt haben. Kurzum: Die Opfer sollen selbst schuld sein, die Täter werden als unheilbar dargestellt und in die Verantwortungslosigkeit entlassen. Was kann der Muslim schon dafür, wenn ihn die Bitte eines friedlichen Christen, einmal in der Bibel zu blättern, derart erzürnt, dass er diesem den Kopf abschlägt?

Keiner muss Sympathie mit dem Treiben teils frommer, teils obskurer christlicher Weltbeglücker haben. Aber dass sie dürfen, was sie tun: Zumindest das sollte unstrittig sein.

via tagesspiegel.de

Natürlich haben sich diese Frauen freiwillig entscheiden, in ein gefährliches Land zu gehen. Das tun Frauen, die abends von der Bushaltestelle nach Hause laufen müssen, auch. Und sind sie deshalb selber Schuld? Natürlich nicht. Schuld ist derjenige, der sie überfällt.
Aber so ist das. Für (fast) alles haben gewisse Leute Verständnis, sogar – Landessitten! – für brutale Mörder.
Aber Christen und dann auch noch missionierende Evangelikale, die sind ja mindestens wenn nicht noch gefährlicher als die Mörder aus dem Jemen.

Merkt ihr’s noch?

Die Tragödie der jemenitischen Juden

von Lyn Julius

Die Regierung hält sich raus und lässt zu, dass die Dschihad-Banden die Juden aus dem Jemen vertreiben. Jetzt ist die Gemeinschaft der Juden am Rande der Ausrottung.

Die letzten Juden verlassen den Jemen.  Sie packen ihre Taschen und ziehen nach Israel oder in die USA.  Eine Gemeinschaft aus biblischen Zeiten ist am Rande der Ausrottung. Vor sechzig Jahren lebten eine Million Juden in den arabischen Ländern, aber die Gewalt und die staatlich sanktionierte Diskriminierung, die sie zu zionistischen Spionen machte, zwangen sie alle bis auf 4.000 zu fliehen -, die vor allem noch im Jemen, in Marokko und Tunesien leben.

Die meisten Juden kamen in den 50er Jahren auf dem Luftweg aus dem Jemen nach Israel. Die 400 Übriggebliebenen, die nicht nach Israel wollten, kamen unter den Einfluss der nicht-zionistischen Satmar-Sekte. Einige kamen zurück, nachdem sie einen Geschmack vom Lebens in den USA oder Israel bekommen hatten (die Regierung drückt in der Regel die Augen zu, wenn Juden in den jüdischen Staat reisen). Nun haben sich die Dinge so schlecht entwickelt, dass auch diese Eingefleischten gehen.

Der Mord im Dezember an Moshe al-Nahari, einem 30-jährigen Lehrer in Reda, nördlich der jemenitischen Hauptstadt gelegen, löste diese jüngste Krise aus. Zuerst machten die Behörden geltend, dass der Mörder „geistig gestört“ war. Aber es wurde klar, dass er religiös motiviert war, denn er schrie „Konvertiere oder stirb, Jude!“, als er fünf Kugeln in sein Opfer pumpte. Seit einiger Zeit bedrohen Dschihad-Banden die Juden im Jemen. Mädchen wurden entführt und gezwungen, lokale Stammesangehörige zu heiraten. Vor zwei Jahren wurden 45 Juden, die aus ihrem Dorf al-Salem in Nord-Jemen durch Drohungen von Schiiten (Huthis) vertrieben wurden, in die Hauptstadt Sanaa umgesiedelt.

Jemen ist kaum eine Oase der Ruhe: Es verfügt über mehr Waffen als Menschen. Die Juden sind nicht die einzigen, die in der langen Geschichte der Gesetzlosigkeit und Instabilität zu leiden haben. In letzter Zeit jedoch haben es die Juden besonders schwer.

Juden, Scheiche, Aktivisten und Anwälte sind sich alle einig, dass die Bedrohung ein All-Zeit-Hoch erreicht hat. Nach dem Mord an al-Nahari wurden die Juden in ihren eigenen Häusern belagert und es wurden Benzin-Bomben auf sie geworfen. Moshes Bruder, Rabbi Yahia Ya’ish, appellierte an die Regierung: „Schützt oder lasst uns ausreisen“. Diejenigen, die gerne ausreisen wollten, bekamen ihre Reisepässe nicht, da der Regierungs-Computer auf geheimnisvolle Weise zusammengebrochen war.

Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh verpflichtete sich, die Juden in Sanaa unter seinen Schutz zu nehmen, wo er im Gegensatz zu den ländlichen Gegenden die Kontrolle hat. Manche sagen, die Regierung meint es gut, aber sie ist wirkungslos; andere sagen, dass die versprochene Umsiedlung nie ernst gemeint war. Die Juden sollten in zwei Häuser-Blocks untergebracht werden – zu klein für ihre großen Familien und anfällig für Angriffe. Aber sie konnten noch nicht einmal ihre Häuser in Reda verkaufen, nachdem lokale Imame mögliche Käufer eingeschüchtert hatten.

Das Urteil im Fall des Al-Nahari-Mordes im März war der letzte Strohhalm. Während des Prozesses bedrohte die Familie des Mörders die Verwandten des Opfers. Statt der vorgeschriebenen Todesstrafe ordnete der Richter an, dass die Mörder „Blut-Geld“ zu zahlen haben. Die Juden fühlten sich unsicherer als je zuvor: die Jewish Agency und die US-Regierung wurden tätig und planten eine Rettungs-und Neuansiedlungs-Aktion für die Juden.

Der Journalist Mahmud Taha, der die Geschichte verfolgte, ist nicht verwundert, dass die Juden gehen wollen.

„Es gibt keine andere Möglichkeit für die jemenitischen Juden als zu emigrieren. Die lokalen Behörden haben es versäumt, sie zu schützen … Die Juden haben es satt und sind in einer unerträglichen Situation“, sagte er.

Mansour Hayel, ein muslimischer Menschenrechtsaktivist und jemenitischer Juden-Experte, gibt die Schuld der Regierung:

„Im Jemen gibt es kaum eine Predigt in einer Moschee, die frei von Fanatismus ist. Selbst die politische Rhetorik der Regierung drängt die Juden an den Rand und die Zivilgesellschaft ist zu schwach, um sie zu schützen“, sagt er.

Vielleicht, weil sie verstehen, dass die Toleranz gegenüber Minderheiten der Schlüssel zur Stärkung der Zivilgesellschaft im Jemen ist, verteidigen Jemens Menschenrechtsaktivisten jüdische Rechte energisch. Sie wollen, dass die Medien anfangen, Demokratie und Toleranz zu fördern;  gleiche Bürgerrechte für Juden, die diskriminierende Steuern zahlen und – da sie Dhimmis sind – unter verschiedenen Benachteiligungen des Scharia-Rechts leiden. Aber die Juden, deren Leben in Gefahr sind, sind kaum lange genug zu halten, damit sie sehen, wie solche Reformen umgesetzt werden.

Die Lehre, die man aus dem endgültigen Exodus der Juden aus dem Jemen zieht, ist, dass die arabische Welt noch nicht einmal nicht-zionistische Juden toleriert. Es gibt keine Zukunft für den kläglichen Rest in den arabischen Ländern, wenn ihre Sicherheit nicht garantiert werden kann.

In Marokko, wo die jüdische Exil-Gemeinde am größten ist, haben die Juden die Sympathie des Königs traditionell mit überwältigender Loyalität zurückgezahlt. Aber der König von Marokko war nicht in der Lage oder nicht willens zu verhindern, dass 260.000 Juden angesichts steigendem Antisemitismus in den 60er Jahren, Medienhetze und erzwungenen Konversionen geflohen sind.

Selbst wohlwollende Herrscher waren machtlos, die Flut von antijüdischem Hass, der in der arabischen Welt aufbrandete, einzudämmen.  Nur wenige Araber werden jemals einen Juden in ihrem Leben persönlich treffen und die Leichtgläubigen glauben der Dämonisierung und den Verschwörungstheorien, die in ihren Medien verbreitet werden.

Kein Wunder, dass die Juden offizielle Einladungen zur Rückkehr, um wieder in ihren Geburtsländern zu leben, verschmäht haben. Juden besuchen sie als Touristen, aber nur wenige sehen ihre Zukunft in diesen Ländern. In Tunesien und Marokko hat al-Qaida in den Jahren 2002 und 2003 gezielt Juden ins Visier genommen. Im April versetzte die Ermordung eines Juden in Casablanca die Gemeinschaft in Panik. Im Mai wurden acht Terroristen verhaftet, die Angriffe auf jüdische Einrichtungen geplant hatten. Wenn Marokko und Tunesien nicht den Dschihad-Terrorismus und die Anstiftung dazu deckeln, werden auch bald ihre letzten Juden den bedrängten jemenitischen Juden folgen.

Vertriebene, Flüchtlinge – Juden

Flüchtlinge – ein Begriff nur für Palästinenser?

Alle Welt redet (zu Recht) über die ca. 1.000.000 palästinensischen Flüchtlinge der Jahre 1948 und 1967. Es wurde für diese Flüchtlingsgruppe sogar ein eigenes Hilfswerk der UN gegründet: das UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East).

Um alle anderen Flüchtlinge auf dieser Welt kümmert sich ein anderes Hilfswerk: das UNHCR (The Office of the UN High Commissioner for Refugees).

Das Leid und das Unrecht, dass diesen Menschen – nicht nur, aber auch seitens Israel – widerfahren ist, ist nicht zu relativieren oder gegenzurechnen. Das will ich auch nicht versuchen.

Mich wundert und ärgert nur die Einseitigkeit, mit der das geschieht und deshalb dokumentiere ich hier eine andere Flüchtlingsgruppe: Die Juden aus den arabischen und nicht-arabischen Ländern Asiens und Afrikas.

Denn wenn man über Flüchtlinge spricht, über ihr verlorenes Land und Eigentum, ihre verlorene Heimat, dann auch über alle.

Die UN hat seit 1947 687 Resolutionen zum israelisch-palästinensischen Konflikt verabschiedet, davon 101 zu den palästinensischen Flüchtlingen. Keine einzige davon war zu den jüdischen Flüchtlingen und Vertriebenen.

Die verbreitete Meinung, die Juden wären nur allein deshalb vertrieben worden, weil Israel vor und mit der Staatsgründung 1948 die Palästinenser vertrieben habe, ist nicht haltbar und ist dem Einfluss des (deutschen) Antisemitismus auf die und den daraus folgenden Ereignissen in den arabischen Ländern gegenüber blind.

Der jüdische Exodus aus den arabischen Ländern

Die Gesamt-Bevölkerung der jüdischen Gemeinden im Nahen und Mittleren Osten (ohne Israel) schrumpfte von über 900.000 im Jahr 1948 auf weniger als 8.000 im Jahr 2008. Einige dieser Gemeinden waren älter als 2.500 Jahre.

Israel nahm etwa 600.000 dieser Flüchtlinge auf, viele von ihnen wurden vorübergehend in Ma’abarot genannten Zeltstädten untergebracht. Sie wurden schließlich in die israelische Gesellschaft integriert und die letzte Maabarah wurde 1958 demontiert. Die jüdischen Flüchtlinge bekamen keine Unterstützung seitens der UNRWA.

Seit dem UN-Teilungsplan für Palästina von 1947 (UN-Resolution Nr. 181) wurden im folgenden Israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 und dem Sechstagekrieg von 1967 etwa 1.100.000 Palästinenser aus ihren Wohnorten, das heißt aus Palästina vertrieben, davon 1948 über 750.000 und 1967 nochmals etwa 350.000 Vertriebene und Flüchtlinge.

Mehr als 850.000 Juden wurden in den arabischen Staaten aus ihrer Heimat vertrieben. Fast alle von ihnen wanderten nach Israel aus (etwa 500.000), manche auch nach Frankreich oder in die USA. Die Mehrheit der Palästinenser ging nach Jordanien, heute lebt ein Großteil in aller Welt verstreut.

Das Recht auf Rückkehr in ihre Heimat können beide Völker aufgrund der lebensbedrohenden völkerrechtswidrigen Vertreibungen nicht geltend machen, zu ihrem ehemaligen Eigentum haben sie keinen Zugang mehr und keinen finanziellen Ausgleich erhalten.

1948 1958 1968 1976 2001 Abnahme in %
Aden 8.000 800 0 0 0 100
Jemen 55.000 3.500 500 500 200 99,63
Afghanistan 5.000 1 99,99
Algerien 140.000 130.000 1.500 1.000 0 100
Ägypten 75.000 40.000 1.000 400 100 99,86
Bahrain 600 36 99,94
Irak 135.000 6.000 2.500 350 100 99,93
Iran 100.000 80.000 11.500 –  40.000 60 – 88
Libanon 5.000 6.000 3.000 400 100 98
Libyen 38.000 3.750 100 40 0 100
Marokko 265.000 200.000 50.000 18.000 5.700 97,85
Syrien 30.000 5.000 4.000 4.500 100 99,67
Tunesien 105.000 80.000 10.000 7.000 1.500 98,57
Summe 961.600 575.050 172.600 112.190 19.337 97,99

via http://en.wikipedia.org und zionismus.info

Aden / Jemen: Unmittelbar nach dem Beschluss der Vereinten Nationen zur Gründung des Staates Israel werden in den Slums von Aden, bis wohin die Juden des Jemen durch die britischen Restriktionen der Einwanderung nach Palästina nur gelangen konnten, unter Beteiligung der örtlichen Polizei schwere Gewalttaten begangen, bei denen 82 Juden ermordet und das jüdische Viertel niedergebrannt werden. Anfang 1948 führen falsche Anschuldigungen, Juden hätten zwei moslemische Mädchen im Ritualmord getötet, zu Plünderungen.

1948 leben 8000 Juden in Aden. Sie werden gezwungen zu fliehen.

1948 leben im Jemen 55 000 Juden. Dort werden bei gewalttätigen Aufständen während eines Solidaritätsstreiks gegen den UNO-Beschluss, am 2. Dezember 1947, mehr als 100 Juden ermordet und die große Synagoge niedergebrannt. Jüdisches Eigentum wird beschädigt, geplündert oder zerstört. Ähnliche Ausschreitungen finden 1958, 1965 und 1967 statt.

Die „Operation fliegender Teppich“ brachte zwischen 1949 und 1950 etwa 49.000 jemenitische Juden nach Israel. Die Operation war nach dem Einverständnis der Briten möglich geworden, ihr waren Pogrome in Aden vorausgegangen.

Afghanistan: Wahrscheinlich reicht die Geschichte der Juden Afghanistans 2500 Jahre zurück bis hinein in das babylonische Exil und die persische Eroberung.

Seit 1870 waren die Juden Verfolgungen seitens der afghanischen Behörden ausgesetzt, die sie zu vertreiben suchte. Bis 1948 verließen ca. 5.000 Juden das Land, und nachdem ihnen 1951 die Auswanderung gestattet wurde, zogen die meisten nach Israel. Bis 1969 blieben noch ca. 300 in ihrer Heimat; von diesen emigrierten die meisten nach der sowjetischen Invasion von 1979, so dass 1996 10 afghanische Juden verblieben, die meisten von ihnen in Kabul. Gegenwärtig leben mehr als 10.000 Juden afghanischer Herkunft in Israel.

Im Januar 2005 lebte vermutlich allein der afghanische Jude Zebulon Simentov (*1960) imLande.

Ägypten: In Ägypten leben nur noch ca. 100 Juden. Zum Vergleich: 1948 waren es noch 75 000. Zu groß angelegten Ausweisungen von Juden kam es 1956 im Zusammenhang mit dem Suezkrieg und 1967 anlässlich des Sechstagekriegs.

Zwischen Juni und November 1948 explodieren Bomben im jüdischen Viertel von Kairo und töten 70 Juden. Verwundet werden ca. 200. Der Suezkrieg 1956 wird von der ägyptischen Regierung zum Vorwand genommen, 25 000 ägyptische Juden des Landes zu verweisen und getreu dem alten Dhimmi-Gesetz ihren Besitz zu konfiszieren. Ungefähr 1000 Juden werden verhaftet und in Gefängnisse oder Lager gesteckt. Am 23. November 1956 wird in ganz Ägypten eine vom Minister für religiöse Fragen unterzeichnete Erklärung verlesen, in der es heißt daß „alle Juden Zionisten und Staatsfeinde“ seien. Ihre Ausweisung stehe unmittelbar bevor. Tausende von Juden werden aufgefordert, das Land zu verlassen. Einen Koffer und etwas Geld dürfen sie mitnehmen. Sie werden gezwungen zu unterschreiben, daß sie ihren Besitz der ägyptischen Regierung schenken. Einige Juden werden in Ägypten als Geiseln zurückgehalten, damit die ausreisenden Familien nicht gegen die ägyptische Regierung aussagen. 1958 leben 40 000 Juden in Ägypten.

Anläßlich des Sechstagekrieges von 1967 werden weitere Juden vertrieben. Ihre Häuser und ihr Besitz werden beschlagnahmt. Es verbleiben ungefähr 1000 Juden im Land. Zur selben Zeit werden von Ägypten Hunderte von Nazi-Verbrechern aufgenommen. Sie bekommen Posten in der Regierung. Der Leiter der polnischen Gestapo Leopold Gleim kontrolliert den ägyptischen Geheimdienst.

Anfang der 70er Jahre wird den Juden erlaubt, Ägypten zu verlassen. 1976 gibt es noch 400 Juden. 1979, nach dem Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel, ist die ägyptische jüdische Gemeinde die erste, die offiziellen Kontakt zu Israel aufnimmt. Die Juden dürfen ihre Religion frei ausüben. 2001 gibt es 100 Juden in Ägypten, einige Familien, die meisten alte Menschen. Gegen diese winzige Gemeinde, die aus 12 älteren Menschen besteht, werden keine antisemitischen Ausschreitungen unternommen. Die jüdische Gemeinde ist im Aussterben begriffen.

Algerien, Marokko und Tunesien: Die faschistische Spielart des arabischen Antisemitismus versuchte die SS während des Afrikafeldzuges 1942 zu nutzen. Damals ließ Walter Rauff, als Gruppenleiter im Reichssicherheitshauptamt für den Bau von Gaswagen zur Ermordung von Juden zuständig, dort ebenfalls Einsatzgruppen zur Judenvernichtung aufstellen. Nach Aussage seines Vorgesetzten Walter Schellenberg, des obersten Leiters aller NS-Geheimdienste, hofften viele nordafrikanische Araber darauf, dass Hitler ihnen zu Hilfe käme, um die Juden endgültig aus Palästina zu vertreiben. Allerdings erreichten diese Maßnahmen durch den Widerstand Rommels nicht die gleichen Ausmaße wie etwa in Osteuropa.

So waren Juden auch in Nordafrika und dem Nahen Osten antisemitischen Maßnahmen ausgesetzt. Juden wurden u.a. in Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen deportiert, inhaftiert, in Konzentrationslager gesperrt, gefoltert und ermordet. Es kam u.a. auch zu Pogromen, Plünderungen und Zerstörung/Schändung von Synagogen. Im Irak töteten Soldaten und Polizisten rund 200 Juden, nachdem die prodeutsche Regierung in Bagdad gestürzt worden war.

1948 leben 140 000 Juden in Algerien. 1948 wandern 25 681 algerische Juden nach Israel aus. 1956 werden die Juden von der algerischen Befreiungsfront FLN aufgerufen, sich dem Kampf anzuschließen. Dem kommt nur eine kleine Gruppe nach. Sie fühlen sich Frankreich und ihrer Staatsbürgerschaft verpflichtet. 20 000 wandern nach Frankreich aus. Die restlichen wandern nahezu vollständig aus nach der algerischen Unabhängigkeit 1962, da die algerische Regierung die Juden schikaniert und sie ihrer wirtschaftlichen Rechte beraubt. 1968 gibt es noch 1 500 Juden in Algerien, 1000 im Jahre 1976 und im Jahr 2001: null.

1940 lebten in Libyen ungefähr 38.000 Juden. Mit britischer Besatzung ändert sich auch die Lage der Juden in Libyen nicht weiter. Es gab eine Serie von Pogromen, u.a. 1945, bei dem 100 Juden in Tripolis und anderen Städten ermordet und fünf Synagogen zerstört wurden. Ein weiteres Pogrom fand im November 1945 statt, wobei mehr als 140 Juden ermordet und nahezu sämtliche Synagogen geplündert wurden. Rund 562 libysche Juden wurden zwischen 1942 und 1945 in Konzentrationslagern getötet.

In Libyen lebten 1947 rund 38.000 Juden, davon ca. 20.000 in der näheren Umgebung der Hauptstadt Tripolis.

1948 werden 12 Juden und vier Araber bei antijüdischen Ausschreitungen ermordet. 280 jüdische Häuser werden zerstört. Die Unsicherheit für sie durch die Gründung Israels lässt 3.000 Juden, obgleich die Auswanderung illegal ist, das Land verlassen. Viele gehen nach Israel. Als die Briten 1949 die Auswanderung legalisieren, und als Libyen 1951 unabhängig und Mitglied der Arabischen Liga wird, fliehen weitere mehr als 30.000 Juden aus dem Land. In Israel siedeln sich 36.730 libysche Juden an. Weitere Auswanderungen folgten, so dass 1951 nur noch rund 8.000 Juden im Land blieben.

1958 wohnen in Libyen noch 3 750 Juden. 1963 wird den Juden das Wahlrecht aberkannt. Es gibt Massenverhaftungen. Juden dürfen keine öffentlichen Ämter bekleiden. Der Sechstagekrieg von 1967 hat weitverbreitete Zerstörung jüdischen Eigentums zur Folge. 100 Juden werden ermordet. Synagogen, Geschäfte und Häuser werden niedergebrannt.

Neben den Briten und US-Amerikanern mussten auch alle 25.000 Italiener und Juden das Land bis Oktober 1970 verlassen, deren Besitz wurde in Libyen enteignet.

Zur Zeit des Putsches von Kolonel Muammar al-Ghaddafi leben ca. 100 bis 500 Juden in Libyen. Ghaddafi konfisziert nach und nach sämtlichen jüdischen Besitz und annulliert Schulden, die Moslems bei Juden haben. 1974 leben dort noch 20 Juden, und heute gibt es, nachdem die letzte Jüdin im Februar 2002 stirbt, in Libyen null Juden.

1948 leben in Marokko zwischen 265 000 und 285 000 Juden. Im Juni 1948 werden bei blutigen antijüdischen Ausschreitungen in Oujda und Djerada 44 Juden ermordet und Hunderte verletzt. Im selben Jahr wird ein inoffizieller Boykott der jüdischen Wirtschaft angezettelt. 1952 finden erneut mehrere antijüdische Ausschreitungen durch den arabischen Mob statt. 1954 werden jüdisches Eigentum geplündert und jüdische Schulen zerstört.

1956 erklärt Marokko seine Unabhängigkeit und die Emigration nach Israel wird untersagt. Der antizionistische Kommunist und Widerstandskämpfer gegen die französische Besatzung Simon Lévy, Vorsitzender der jüdisch-maokkanischen Gemeinde meint dazu, eine übereilte Auswanderung nach dem Suezkrieg sei in Marokko gegenüber anderen arabischen Staaten, beispielsweise des Irak und Ägyptens, nicht zu beobachten gewesen. 1958 leben 200 000 Juden in Marokko, immerhin mindestens 65 000 weniger als 1948. Er sieht hauptsächlich wirtschaftliche Gründe der Auswanderung, zwischen 1948 und 1956, bedauert sie und lastet sie der Agitation der Jewish Agency an.

1958 wird die Anzahl jüdischer Regierungsbeamter willkürlich gesenkt. Alle zionistischen Aktivitäten sind verboten. 1963 wird die Emigration wieder erlaubt, und es verlassen mehr als 100 000 Juden Richtung Israel das Land. 1965 beschreibt der marokkanische Schriftsteller Said Ghallab die Haltung seiner moslemischen Landsleute gegenüber ihren Nachbarn:

„Die schlimmste Beleidigung, die ein Marokkaner wohl bieten konnte, war, jemanden wie einen Juden zu behandeln. … Meine Jugendfreunde sind antijüdisch geblieben. Sie verbergen ihren virulenten Antisemitismus, in dem sie argumentieren, daß der Staat Israel ein Geschöpf des westlichen Imperialismus wäre … In der Bevölkerung wird ein ungebrochener Hitler-Mythos gepflegt. Die Vernichtung der Juden durch Hitler wird extatisch gepriesen. Es wird sogar vermutet, daß Hitler gar nicht tot ist, sondern lebt, und es ihm gut geht. Seine Ankunft wird erwartet, damit er die Araber von den Juden befreie.“

1968 leben noch 50 000 Juden in Marokko. 2001 sind es 5 700.

1948 leben in Tunesien 105 000 Juden, von denen die ersten gleich nach der Gründung Israels zu Tausenden dorthin auswandern. Nach der Unabhängigkeitserklärung, 1956, emigriert eine weitere große Gruppe von Juden, diesmal hauptsächlich nach Frankreich. Die Unabhängigkeit bringt Judenverfolgungen mit sich. Die tunesische Regierung zerstört das Judenviertel. 1958 leben in Tunesien 80.000 Juden.

Die Krise von Bizerta, 1961, provoziert durch die Stationierung französischer Truppen auf diesem Marinestützpunkt, sechs Jahre nach der Unabhängigkeit Tunesiens, ohne die Zustimmung der tunesischen Regierung, da das französische Militär auf unbewaffnete Demonstranten schießt, führt bei einem Teil der moslimischen Bevölkerung merkwürdigerweise zu brutal aufflammendem Antisemitismus. Dieser wird mit dem Sechstagekrieg verstärkt. Der arabische Mob zerstört und plündert jüdische Geschäfte und setzt die große Synagoge von Tunis in Brand. Die tunesische Regierung hält die Banden nicht zurück. Weitere Tausende von Juden emigrieren nach Frankreich und Israel. 1968 leben 10.000 Juden in Tunesien.

1971 wird ein Rabbiner im Zentrum von Tunis ermordet, was weitere Auswanderung von ca. 3.000 Juden zur Folge hat.

Die kleine jüdische Gemeinde besteht 2002 noch aus 1500 Menschen. Sie sind, obgleich der Präsident Ben Ali sie beschützt, nicht vollständig in die tunesische Gesellschaft integriert.

Mit dem Attentat vom 11. April 2002 auf die Synagoge Ghriba, auf Djerba, kann man sagen, daß eine 2 500-jährige jüdische Präsenz in Tunesien zu Ende geht.

Irak: Am 1. und 2. Juni 1941 kam es zu einem Pogrom (arabisch: Farhud).  Angestachelt durch deutsche Antisemitismus-Propaganda starben mindestens 180 Juden, 240 wurden verletzt, 586 jüdische Geschäfte geplündert und 99 Häuser zerstört.

1946 bis 1949 gibt es wiederholt Ausschreitungen gegen Juden. 1948 leben 135000 Juden im Irak, davon 77 000 in Bagdad, das zu einem Viertel jüdisch ist. 1948 wird Zionismus zum Kapitalverbrechen erklärt. 1948 müssen sie 250 000 Dinar in die Kriegskasse des Irak für den Krieg gegen Israel einzahlen.

1950 wird den Juden erlaubt, innerhalb des nächsten Jahres unter der Voraussetzung den Irak zu verlassen, dass sie ihre Staatsbürgerschaft aufgeben. Dennoch wird ein Jahr später auch das Eigentum dieser Emigranten eingefroren. Ihre Bankkonten werden gesperrt. Die etwa 10 000 Juden, die noch im Land sind, unterliegen wirtschaftlichen Beschränkungen.

Die jüdische Bevölkerung, die früher eine bedeutende wirtschaftliche, kulturelle und politische Rolle im öffentlichen Leben einnahm, hat den Irak fast vollständig verlassen. 1946 bis 1949 kam es wiederholt zu Ausschreitungen gegen Juden. Als die Regierung den Zionismus am 19. Juli 1948 zum Kapitalverbrechen erklärte, lebten im Land 135.000 Juden, davon in Bagdad 77.000 – ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Am 3. März 1950 wurde der jüdischen Bevölkerung unter Aufgabe der irakischen Staatsbürgerschaft die Ausreise erlaubt. Ein Jahr später, am 10. März 1951, fror die Regierung das Eigentum der Emigranten ein und sperrte deren Bankkonten. Bis zu diesem Tag gehörte ihnen nahezu der gesamte Suq von Chordja, das Geschäftsviertel im Zentrum Bagdads. Die israelische Regierung unter David Ben Gurion nahm diese Aktion zum Anlass, die Operation „Esra und Nehemia“ zu starten, wobei bis 1952 etwa 95 Prozent der irakischen Juden per Luftbrücke nach Israel überführt wurden.

Den 6.000 im Irak verbliebenen Juden wurden wirtschaftliche Beschränkungen auferlegt. 1958 wurde ihnen der Status als jüdische Gemeinde aberkannt und das Gemeindeeigentum beschlagnahmt. In den kommenden Jahrzehnten verließen auch die restlichen Juden das Land. 1968 lebten noch 2.500 Juden im Irak, 1976 waren es noch 400 und 2001 nur noch 100. Am 25. Juli 2003 wurden sechs der letzten 34 Juden aus Bagdad nach Israel ausgeflogen.

Libanon: 1947 leben im Libanon geschätzt 5 950 Juden. 1948 sind es noch 5000. Nach der Gründung Israels sehen sie sich nicht veranlasst das Land zu verlassen, da sie dort dank einer christlich-arabischen Regierung toleriert werden. Sie haben gleiches Recht wie alle Bürger. Während der antizionistischen Ausschreitungen 1947 und 1948 wird ihnen nichts zuleide getan.

Im Zuge der Verschärfung des arabisch-israelischen Konflikts werden sie in diesen hineingezogen, da sie mit der israelischen Politik in Verbindung gebracht werden. Anfang der 50er Jahre wird ihre Synagoge zerbombt. Jüdische Mitglieder der libanesischen Armee werden aus dieser entfernt.

Während des Krieges von 1967 schützt die libanesische Regierung die Juden vor gewalttätigen Ausschreitungen der Araber. Einige Hundert verlassen den Libanon. Bis 1972 ist es ihnen gestattet, ihre Habe mitzunehmen. 3000 Juden leben 1968 im Libanon, 1974 sind es 1800. Sie emigrieren nach Frankreich, Israel, italien, England oder Südamerika.

Während des Bürgerkrieges von 1975 postieren die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und linke Moslemkräfte Militär in die jüdische Nachbarschaft von Wadi Abu Jamil. Dennoch wächst die Gefahr seitens fundamentalistischer Moslems, vor allem nach der israelischen Invasion von 1982. Zwischen 1984 und 1987 werden von ihnen Juden entführt und ermordet. Heute leben in Beirut noch 100 Juden.

30 000 Juden leben 1947 in Syrien. Unmittelbar nach Verkündigung des Teilungsbeschlusses verwüstet arabischer Mob in Aleppo die 2 500 Jahre alte jüdische Gemeinde. Hunderte von Juden werden ermordet und mehr als 200 jüdische Häuser, Geschäfte und Synagogen zerstört. Tausende von Juden fliehen illegal nach Israel. 10 000 fliehen in die USA.

1958 leben noch 5000 Juden in Syrien. Die syrische Regierung verstärkt die Judenverfolgung. Die Freizügigkeit wird für sie eingeschränkt. Juden, die zu fliehen versuchen, werden entweder umgebracht oder zu harter Arbeit verurteilt. Juden dürfen nicht für die Regierung oder in Banken arbeiten, sie dürfen keine Telefone haben und keinen Führerschein. Es ist ihnen untersagt, Eigentum zu erwerben. Ihre Bankkonten werden gesperrt. Eine asphaltierte Straße zum Flughafen wird über den jüdischen Friedhof von Damaskus geführt. Jüdische Schulen werden geschlossen und Moslems übergeben.

1968 leben noch 4000 Juden in Syrien. Sie sind Schachfiguren der syrischen Politik gegenüber Israel und in Konflikten mit anderen arabischen Staaten.

1976 leben 4 500 Juden in Syrien.

1977/78 werden die Maßnahmen gegen Juden gemildert. Syrien verlassen können sie, wenn sie Verwandte als Geiseln zurücklassen. Außerdem müssen sie zwischen 300 und 1000 Dollar als Pfand hinterlegen.

Nach der erfolgreichen Flucht einiger Juden werden die Maßnahmen gegen Juden 1979 wieder verschärft. Die Familienmitglieder der Geflüchteten werden ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Nun dürfen Juden überhaupt nicht mehr ins Ausland reisen.

1992 verschärft Syrien seine Hetzkampagnen gegen die Juden. In einer verdeckten Operation, Ende 1994, werden 1 262 Juden nach Israel gebracht. Die Entscheidung, die Juden ziehen zu lassen, fällt im Rahmen der Madrider Friedensverhandlungen. Die letzten Juden, die Syrien verlassen wollen, tun dies Ende Oktober 1994 mit ihrem Rabbiner.

2001 leben vielleicht doch mehr als 100 Juden in Syrien, und zwar 150 in Damaskus, 30 in Aleppo und 20 im kurdischen Kamishli. In Damaskus sind zwei Synagogen geöffnet. Die große Synagoge in Aleppo, seit mehr als 1600 Jahren in Gebrauch, ist geschlossen. Gelegentlich sind die Juden palästinensischen Protestlern ausgesetzt, die syrische Regierung beschützt sie jedoch.

via en.wikipedia.org, de.wikipedia.org und zionismus.info

siehe auch hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Jewish_exodus_from_Arab_lands

Wenn es die israelische Gesellschaft geschafft hat, 100.000e Flüchtlinge aus Afrika und Asien – ganz zu schweigen von den Millionen europäischer Flüchtlinge – zu integrieren und die „Flüchtlingslager“ innerhalb von 10 Jahren abzubauen – wieso haben das nicht die arabischen Staaten – allen voran Jordanien und der Libanon – nicht mit den palästinensischen Flüchtlingen geschafft?

UPDATE:
Ein informativer Artikel über die aktuelle (schlechte)  Situation der Juden in arabischen Ländern findet sich hier im Guardian (sic!), und hier in deutscher Übersetzung.

Und André Aciman, ein amerikanischer Jude, der aus Ägypten geflüchtet ist, schreibt hier in der NY Times über sein Erleben.

Ein Film aus dem Jahr 2004 zu diesem Thema findet sich hier (Teil 1):

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4:

Teil 5: