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    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

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Für viele Christen war es kein friedliches Fest

Christen trauern um die Toten der Attentate. Foto: Reuters

Christen trauern um die Toten der Attentate. Foto: Reuters

Potiskum/Jakarta/Bonn (idea) – Kein friedliches Weihnachten erlebten Christen in mehreren Ländern. An Heiligabend griffen Unbekannte zwei Kirchen im Norden Nigerias an und töteten zwölf Menschen. In Potiskum, einer Bezirkshauptstadt im Bundesstaat Yobe, drangen Bewaffnete in die Kirche ein und brachten sechs Christen um, darunter den Pfarrer. Anschließend hätten die Verbrecher das Gotteshaus in Brand gesetzt, teilte die Polizei in Potiskum mit. In Maiduguri im Borno-Staat ermordeten Unbekannte sechs Besucher eines baptistischen Gottesdienstes, darunter den Diakon. Ob die Anschläge von der radikal-islamischen Terrororganisation Boko Haram („Alles Westliche ist Sünde“) verübt wurden, sei noch unklar, so die Polizei. Die Gruppe kämpft für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats im muslimisch geprägten Norden Nigerias. Zu ihren Opfern gehören neben Beamten und Einrichtungen der Bundesregierung vor allem Christen. Im vorigen Jahr starben an Weihnachten in einer Kirche in Madalla 35 Menschen. Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (Göttingen) kamen bei Angriffen der Terrorgruppe seit 2009 mehr als 3.000 Menschen um.

Indonesien: Gottesdienste unter freiem Himmel

Auch in Indonesien litten Christen unter Gewalttaten muslimischer Extremisten. Im Großraum der Hauptstadt Jakarta konnten mindestens zwei Weihnachts-Gottesdienste nicht in einer Kirche stattfinden. In Bekasi bewarfen rund 200 Islamisten die Gottesdienstbesucher mit faulen Eiern, Jauche und Urinbeuteln, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Der Mob sei von Polizisten unterstützt worden. Auch im benachbarten Bogor blockierten muslimische Demonstranten und die Polizei Christen den Zugang zu einer Kirche. Die beiden Gottesdienste wurden schließlich unter freiem Himmel gefeiert. Indonesien ist mit 240 Millionen Einwohnern, von denen knapp 90 Prozent dem Islam angehören, das bevölkerungsreichste muslimisch geprägte Land der Welt. In den vergangenen Jahren häuften sich Angriffe radikaler Muslime auf Christen.

Iran: Pastor Nadarkhani erneut verhaftet

Im Iran hat die Polizei Pastor Youcef Nadarkhani kurz vor Weihnachten wieder verhaftet. Die Begründung: Im September sei er einige Tage zu früh aus dem Gefängnis entlassen worden. Der 35-jährige frühere Leiter einer Untergrundgemeinde mit rund 400 Mitgliedern nahm mit 19 Jahren den christlichen Glauben an. Er wurde wegen „Abfalls vom Islam“ und „Verbreitung nicht-islamischer Lehren“ angeklagt und zum Tode verurteilt. Seit 2009 saß er im Gefängnis von Rascht ein. Am 8. September sprach das Gericht den Pastor vom Vorwurf des Glaubensabfalls frei. Es war aber überzeugt, dass Nadarkhani unter Muslimen evangelisiert habe. Dafür erhalte er eine dreijährige Gefängnisstrafe, die mit der Untersuchungshaft abgegolten sei. Der Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation Christliche Solidarität Weltweit (CSW), Mervyn Thomas (London), kritisierte die Verhaftung als einen Gesetzesverstoß. Der Zeitpunkt sei unsensibel und besonders für Nadarkhanis Frau und Söhne sehr belastend. Sie hätten damit gerechnet, zum ersten Mal seit drei Jahren wieder Weihnachten als Familie feiern zu können. Im Iran sind mehrere frühere Muslime wegen ihres Übertritts zum Christentum eingesperrt. Sie müssen mit einem Todesurteil rechnen.

Pakistan: Asia Bibi soll gehängt werden

Auch in Pakistan befinden sich Christen wegen angeblicher Lästerung des Propheten Mohammed im Gefängnis. Weltweite Aufmerksamkeit erregt der Fall der 47-jährigen Christin Asia Bibi, die seit dem 9. Juni 2010 inhaftiert ist und zum Tode verurteilt wurde. Sie wäre die erste Frau in Pakistan, die wegen Gotteslästerung gehenkt werden würde. Menschenrechtsorganisationen zufolge verschlechtert sich der körperliche und seelische Zustand der fünffachen Mutter ständig. Zwei Minister, die sich für eine Änderung der Blasphemievorschriften aussprachen, wurden von islamischen Extremisten ermordet. Von den 174 Millionen Einwohnern Pakistans sind etwa 95 Prozent Muslime, zwei Prozent Christen sowie zwei Prozent Hindus und der Rest Sikhs, Buddhisten und Anhänger anderer Religionen.

In Deutschland beten Christen an Verfolgte

Zum Gebet für verfolgte Christen haben die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Landeskirche in Württemberg aufgerufen. In den Gottesdiensten am 26. Dezember sollte insbesondere daran erinnert werden, dass rund 100 Millionen Christen weltweit wegen ihres Glaubens bedrängt, benachteiligt oder verfolgt werden. Der zweite Weihnachtstag ist traditionell dem ersten Märtyrer der Christenheit, Stephanus, gewidmet.Nach Informationen des Hilfswerks „Open Doors“ (Kelkheim bei Frankfurt am Main) werden weltweit rund 100 Millionen Christen wegen ihres Glaubens bedrängt. Das seien etwa 80 Prozent aller aus religiösen Gründen Verfolgten.

Quelle: http://www.idea.de/detail/thema-des-tages/artikel/fuer-viele-christen-war-es-kein-friedliches-fest.html

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Globale Christenverfolgung

Globale Christenverfolgung

Die Weltöffentlichkeit war geschockt, als sie vom Attentat in Ägypten am Neujahrstag 2011 erfuhr: 23 koptisch-orthodoxe Christen starben vor einer koptischen Kirche in Alexandria. Durch dieses Attentat wurde eine Mauer des Schweigens gebrochen, die die Themen „Christenverfolgung“ und „Missachtung der Religionsfreiheit“ aus innerkirchlichen Kreisen in die Medien katapultierte. Soldaten der Bundeswehr, die auf dem Balkan, im Mittelmeerraum, in Afrika oder Afghanistan im dienstlichen Einsatz sind, werden immer wieder mit diesen Konflikten konfrontiert. Deshalb müssen ihnen im Rahmen der Inneren Führung Antworten an die Hand gegeben werden. (1/2011)

Nachbildung eines Mosaiks aus Rom einer Christenhinrichtung durch Tierhatz

Christenverfolgung (Quelle: Commons/Ihle)

Die Berichterstattung im Januar 2011 zum Attentat in Ägypten macht deutlich, dass es sich bei diesem Anschlag auf Christen nicht um einen Einzelfall handelt. An Weihnachten 2009 wurden sechs koptische Christen in Nag Hammadi erschossen. Im Oktober 2005 gab es in Alexandria einen Gewaltausbruch von Muslimen gegenüber Christen, bei Globale Christenverfolgung In vielen Ländern herrscht eine strukturelle Missachtung der Religionsfreiheit denen drei Menschen getötet, sieben Kirchen beschädigt und eine Nonne durch eine Messerattacke schwer verletzt wurde. 2002 wurden nach der Einweihung einer koptischen Kirche in der ägyptischen Provinz Minia elf Kopten verletzt.

2001 schließlich kamen bei Massakern in der ägyptischen Kleinstadt El Kosheh 21 koptische Christen zu Tode. Die koptischen Christen bilden die größte christliche Gemeinschaft im Nahen und Mittleren Osten. Mit rund acht Millionen Menschen stellen sie rund zehn Prozent der Bevölkerung Ägyptens. Nicht nur heute ist die Lage der Kopten in Ägypten politisch schwierig, sondern auch über weite Strecken ihrer fast zweitausendjährigen Geschichte, und insbesondere seit der islamischen Eroberung Ägyptens Mitte des 7. Jahrhunderts. In heutiger Rückschau stellt sich die Geschichte der Kopten als eine Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung dar.

Bedrohungen durch al-Qaida

Kirchenhistoriker schätzen, dass rund zwei Millionen Kopten seit Gründung ihrer Kirche im ersten nachchristlichen Jahrhundert durch den um 67 n. Chr. verstorbenen Evangelisten und Märtyrer Markus – zugleich erster Bischof von Alexandria – ihr Leben verloren. Hierfür lassen sich verschiedene Ursachen anführen, die teilweise im Selbstverständnis der Kopten begründet liegen. In der koptischen Sprache gibt es zahlreiche griechische Wörter, die der Zeit der Ptolomäer entstammen, deren Herrschaft in Ägypten mit Kleopatra 30 v. Chr. politisch zu Ende ging. Der Begriff „Kopte“ lässt sich auf das altgriechische Wort „aigyptos“ zurückführen: Die koptische Glaubensgemeinschaft in Ägypten betrachtet sich als Erbe des pharaonischen Ägypten – so wie die römisch-katholischen Christen enge Bezüge zu den alten Römern aufweisen. In der koptischen Wahrnehmung erscheint der Islam in Ägypten als ein Fremdkörper, der zumindest nicht unmittelbar an das altägyptische Erbe der Pharaonen anknüpfen kann.

Koptische Christen lebten also schon lange in Ägypten, bevor der Islam de facto Staatsreligion am Nil wurde. Zwar garantiert die Islamische Republik Ägypten heute Religionsfreiheit, doch der Alltag sieht anders aus. So kommt es zu Entführungen von ägyptischen Christinnen durch Muslime, die nach ihrer Zwangsislamisierung mit einem ägyptischen Muslim zwangsverheiratet werden. Immer wieder flammen interreligiöse Feindseligkeiten auf, die 1928 mit der Gründung der Muslim-Bruderschaft durch den ägyptischen Fundamentalisten Hasan al-Banna begannen und die allmählich die politische Lage zuungunsten der koptischen Christen veränderten. Inzwischen berufen sich die islamistischen Terrororganisationen Hamas, Hisbollah, al-Qaida, Taliban und die Kaukasus-Islamisten auf die Schriften dieser Muslim-Bruderschaft und auf ihren Gründer Hassan al-Banna (1906- 1946), der Gewaltausübung gegen Christen und die Zwangsislamisierung von Christen als gerechtfertigt ansah. Die ägyptischen Sicherheitsbehörden in Alexandria beschuldigten die islamistische Terrororganisation al-Qaida, hinter dem Attentat vom Neujahrstag 2011 zu stecken.

Koptisches Kreuz

Strukturelle Missachtung der Religionsfreiheit (Quelle: Commons/Sagredo)

Christenverfolgung seit der römischen Antike

Die Verfolgung von Christen ist im Prinzip nichts Neues und bereits seit der römischen Antike bekannt. Christenverfolgungen im Imperium Romanum dienten zur Unterdrückung der Christen, zunächst als spontane, lokal oder regional begrenzte, später als kaiserlich gesamtstaatlich angeordnete Maßnahmen. Bekanntlich war Stephanus, dessen Steinigung vor den Toren von Jerusalem durch Saulus, dem späteren Paulus, beaufsichtigt wurde, das erste (Märtyrer-)Opfer einer Christenverfolgung. Es folgten die römischen Kaiser Nero (54-68), Domitian (81-96), Severus (193- 211), Decius (249-251), Valerian (253-260) und Diokletian (303-311), die Christen verfolgen und töten ließen. So kamen etwa Petrus und Paulus während der Herrschaft des Nero durch Kreuzigung zu Tode.

Die römischen Machthaber nahmen die Christen mit ihrer monotheistischen Religion als eine Bedrohung ihrer Macht wahr. Für sie war es nicht hinnehmbar, wenn einzelne Christen den Kaiserkult verweigerten, da sie dies zu Aufrührern und Feinden des Reiches klassifizierte. Erst mit dem so genannten Toleranz-Edikt von Mailand 313 n. Chr. durch Kaiser Konstantin und mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion 381 n. Chr. durch Kaiser Theodosius endete die Verfolgung der Christen in der römischen Antike.

Zitat

Weltweite Verfolgung von Christen heute

Christenverfolgungen im heutigen Sinne hat es im europäischen Mittelalter nicht gegeben, allenfalls die Verfolgung von sogenannten Ketzern, die nicht mit dem christlichen Glauben der Amtskirche übereinstimmten. Hingegen wurden im Orient mit der Ausbreitung des Islam seit Beginn des 7. Jahrhunderts – gerade auch in Ägypten – in unterschiedlicher Intensität und Häufigkeit immer wieder Christen verfolgt und zwangsislamisiert. Die Diskriminierung und Verfolgung von Christen ist heute Teil eines weltweiten Phänomens, das auch die Region des Nahen und Mittleren Osten betrifft. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, stellt fest: „Christen sind gegenwärtig die Religionsgemeinschaft auf der Welt, die den stärksten Bedrohungen ausgesetzt ist.“

Die Evangelische Allianz gibt an, dass alle drei Minuten ein Christ wegen seines Glaubens hingerichtet wird, vor allem in islamischen Ländern. Laut der katholischen Kirche Schweiz werden jährlich rund 100.000 Christen aufgrund ihres Glaubens von Muslimen ermordet oder zu Tode gefoltert. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte ist jeder zehnte Christ auf dieser Erde ein Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Eine Studie des christlichen Missions- und Hilfswerks Open Doors von 2009 stützt die Aussage Kauders. Sie kommt ebenfalls zu dem Resultat, dass das Christentum die weltweit meistverfolgte Religion ist. Open Doors hat mit seinem Weltverfolgungsindex eine Rangliste von fünfzig Staaten erstellt, in denen Christenverfolgungen vorkommen. Die Grundlage der Studie bildet ein Fragebogen aus fünfzig Fragen. Die Studie ergibt, dass Christen in Ländern des Islam (z.B. Saudi-Arabien), in Ländern mit kommunistisch-totalitären Strukturen (z.B. Nordkorea) und in Ländern mit sozialen Unruhen oder langjährigen Rebellenaufständen (z.B. Nepal) verfolgt werden.

Porträt Volker Kauder

Volker Kauder (Quelle: CDU/CSU)

Immer wieder werden Seelsorger der deutschen Militärseelsorge mit Fällen von Diskriminierung und Verfolgung von Christen im Ausland konfrontiert. In Afghanistan hat sich die Situation für die wenigen Christen – weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung – nach Angaben von Open Doors dramatisch verschärft. Im April 2010 forderte der stellvertretende Parlamentspräsident Abdul Satter Khowasi die Festnahme und öffentliche Hinrichtung von Menschen, die vom Islam zum Christentum übertreten. Viele Christen in Afghanistan sind untergetaucht oder aus dem Land geflohen. Open Doors zufolge wurde 2010 ein Christ festgenommen, zwei weitere Christen wurden als vermisst gemeldet. Schon seit einigen Jahren ist das Problem der Christenverfolgung virulent. So war etwa die Frage der freien Religionsausübung für Christen in China und auf der arabischen Halbinsel bereits im Jahr 2000 ein großes Problem, und bis heute befinden sich die Christen in diesen Ländern in Not.

Andererseits bleibt nach wie vor das Herstellen von Öffentlichkeit eines der wichtigsten Instrumente, um auf die weltweite Christenverfolgung aufmerksam zu machen. Ein weiteres Mittel zur Thematisierung der weltweiten Christenverfolgung besteht darin, dass Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Volker Kauder das Thema Religionsfreiheit und Christenverfolgung bei offiziellen Besuchen im Ausland ansprechen oder dass politische Einrichtungen oder Stiftungen sich im In- und Ausland auf Tagungen und Veranstaltungen damit befassen. Im Herbst 2006 veranstaltete etwa die CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Anhörung zur politischen Verfolgung von Christen. Unter den zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die bei dieser Anhörung mitwirkten und die sich seit vielen Jahrzehnten mit dem Thema Christenverfolgung intensiv auseinandersetzen, ist vor allem das internationale katholische, 1947 gegründete, Hilfswerk Kirche in Not.

Zitat

Missachtung der Religionsfreiheit

Das Land, das Christen heute am härtesten verfolgt, ist Nordkorea. Das Regime des abgeschotteten Staates wertet jedwede religiöse Aktivität als Angriff auf die sozialistischen Prinzipien Nordkoreas. Christen droht in Nordkorea Gefängnis, Arbeitslager oder Hinrichtung. Im Mai 2010 entdeckten nordkoreanische Polizisten eine christliche Hauskirche mit 23 Gläubigen in der Provinz Pyungsung. Drei Gemeindemitglieder wurden sofort zum Tode verurteilt, die übrigen zwanzig kamen in ein Arbeitslager. Ähnlich probematisch ist die Situation der Christen im Iran und im Irak. So kamen Ende Oktober 2010 bei einem Attentat in der Kirche „Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe“ in Bagdad mehr als fünfzig Christen ums Leben.

Aus Angst vor Anschlägen und wegen des großen gesellschaftlichen Druckes verlassen heute viele christliche Frauen nur noch verschleiert ihre Häuser. In Bagdad ist erst kürzlich das Institut für Musik an der Universität Bagdad geschlossen worden, da Musik mit der Scharia, dem islamischen Recht, nicht vereinbar sei. Von den ursprünglich rund einer Million Christen im Irak sind heute nur noch rund 300.000 übrig. Viele irakische Christen fliehen ins Ausland, vor allem in den Libanon. Zudem hat sich die Christenverfolgung in anderen Ländern verschärft. In Kamerun beispielsweise will al- Qaida im Bündnis mit islamischen Fundamentalisten Christen aus dem Land vertreiben und religiöse Unruhen anfachen.

Aus Nigeria dringen islamische Gotteskrieger nach Kamerun ein und hetzen mit Flugblättern und Gewalt gegen Christen. Junge Muslime werden aufgefordert, Christinnen zu heiraten und sie zum Übertritt in den Islam zu zwingen. In Eritrea sitzen über 200 Christen ihres Glaubens wegen in Haft, darunter 16 Pfarrer. Christen werden verhaftet und unter Druck gesetzt, ihrem Glauben zugunsten des Islam abzuschwören. In Somalia werden Christen als Menschen zweiter Klasse behandelt. 2006 wurde eine italienische Nonne in Mogadishu von islamistischen Rebellen erschossen.

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Christenverfolgung als Kampf gegen westlichen Einfluss

Ungeachtet der Verhandlungen mit der Europäischen Union führen im laizistischen Vorzeigestaat Türkei Christen ein Dasein als Bürger zweiter Klasse. Bestes Beispiel waren die mit großen Schwierigkeiten verbundenen Bemühungen des Erzbistums Köln, die als Museum genutzte christliche Kirche in Tarsus im Paulusjahr 2008/2009 und grundsätzlich für Gottesdienste zu öffnen. Nahezu aussichtlos sind in der Türkei Aktivitäten, die auf den Bau von christlichen Gemeindezentren und Kirchen zielen. Überall in der Türkei, etwa auch in der Kopftuchfrage, ist der verstärkte Einfluss des Islam und des Islamismus spürbar. Nach der Vertreibung der christlichen Griechen aus der Türkei stellen die Christen heute weniger als ein Prozent der Bevölkerung – Tendenz sinkend.

Der Fall Türkei macht aber auch deutlich: Im Ausland werden christliche Religion und Kultur vielfach als westlich und als eine politische Bedrohung durch das Abendland wahrgenommen. Es ist ein Paradoxon: Zum einen stehen die römischkatholische Kirche und das Pontifikat von Benedikt XVI. für das abendländische Erbe mit seinen jüdischen, griechischen, römischen, ägyptischen und germanischen Wurzeln. Zum anderen sind die christlichen Religionsgemeinschaften in Europa durch Säkularisierung und Wertewandel in ihrer Existenz gefährdet. Der Islam hingegen ist im arabischen Sprach- und Kulturraum beheimatet und bislang nur in geringem Umfang mit Säkularisierung und Wertewandel sowie den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft konfrontiert. Damit sind im Ergebnis (gesellschafts-)politische und kulturelle Spannungen vorgezeichnet, die bis heute zwischen Christentum und Islam weltweit wirken.

Diese religiösen Spannungen kommen auch in Nigeria zum tragen, wo mit der Scharia gegen Christen vorgegangen wird. In Saudi-Arabien, der Heimat des Islam, gibt es keine Rechte für Christen: In der Öffentlichkeit dürfen keine christlichen Symbole gezeigt werden, das Lesen in der Bibel oder Versammlungen zu Gottesdiensten oder Bibelkreisen sind verboten. Im Sudan und auf den Malediven kommt es zu Terror gegen Christen. Auf den Malediven droht einheimischen Muslimen bei einem Religionswechsel der Verlust der Staatsbürgerschaft. Radio Vatikan berichtete, dass im Sommer 2001 vier Katholiken im Sudan verhaftet, ausgepeitscht und dann lebend gekreuzigt wurden. In Pakistan werden Christen verhaftet und zum Tode verurteilt. Indonesien entwickelt sich immer mehr zu einem islamischen Gottesstaat, in dem Christen keinen Platz mehr haben; allein in den vergangenen zwei Jahren sind in Indonesien 1.300 Gebäude der katholischen Kirche schwer beschädigt worden.

Zitat

Achtung der Religionsfreiheit und das Ende der weltweiten Christenverfolgung

Die Kultur Ägyptens ist heute vom Islam geprägt. Wie im christlichen Mittelalter, als Staat und Kirche in Europa eine Einheit bildeten und alle Lebensbereiche der damaligen Menschen erfasste, so umgreift auch der Islam viele Lebensräume muslimischer Ägypter. Das wird besonders deutlich, wenn in Ägypten der Muezzin fünf Mal am Tag laut zum Gebet ruft und dann die Arbeit ruht, ob in Banken oder Reisebüros. Selbst in westlich geprägten Fitnessstudios finden sich Gebetsräume, um die Einheit von Glaube und Alltag zu demonstrieren. Die Vereinten Nationen mahnen, dass das Menschenrecht auf Religionsausübung überall auf der Welt gilt und geachtet werden sollte.

Christen müssen frei überall auf der Welt ihren Glauben bekennen dürfen. Die weltweite Verfolgung von Christen, wie sie schon seit langer Zeit stattfindet, ist nicht akzeptabel und weder mit der Charta der Vereinten Nationen noch mit der UN-Menschenrechtscharta vereinbar. Die Achtung der Religionsfreiheit stellt keine Antwort des Westens dar und sie bedeutet auch keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Vielmehr bildet sie mit anderen Menschenrechten die Grundlage internationaler Politik und des Völkerrechts. Zur universellen Geltung der Menschenrechte und der Achtung der Religionsfreiheit gibt es keine Alternative.

Quelle: http://www.if-zeitschrift.de/portal/a/ifz/!ut/p/c4/JYvBCsIwEAX_KJsoSPVmKYj0pgdtLyVp1hhokrJuLYgfb4JvYC7Dgx4yUb-90-xT1BPcoRv9wazCrBYH__gIfmLAKMyC5JCGF2vNcCtHi2JMEbmYMbLPdqQ5kZgT8VTKQpSL8BY6qZpabdVG_qe-1alvrzu5r5pzfYE5hOMPZ1ZidQ!!/

Volker Kauder: Über Christenverfolgung nicht schweigen

Volker Kauder

Über Christenverfolgung nicht schweigen

Christen haben weltweit am stärksten unter Bedrängnis und Verfolgung zu leiden. Doch diese erschreckende Tatsache ist durch die Medien in Deutschland, von den Kirchen, aber auch in der deutschen Öffentlichkeit lange nicht wirklich wahrgenommen worden. Dabei gibt es Schätzungen, dass Christen zunehmend von Diskriminierung, Bedrängnis und Gewalt betroffen sind. Manche Organisationen sprechen für das Jahr 2009 bereits von etwa 100 Millionen betroffenen Menschen.

Benachteiligung, Bedrängnis und Verfolgung gehen vielfach ineinander über und lassen sich in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern beobachten.

Christliche Konvertiten im Iran und anderen islamisch geprägten Ländern, Christen in den Nuba-Bergen im Sudan, aber auch evangelikale Christen in Eritrea sind aufgrund ihres Bekenntnisses direkt vom Tode bedroht. Terroristen wie die „Boko Haram“ in Nigeria oder die al-Shabaab- Milizen in Kenia zerstören gezielt Kirchen und töten Gottesdienstbesucher. In den Wirren, die der „Arabische Frühling“ nach sich gezogen hat, stehen die traditionellen christlichen Minderheiten vielfach auf der Seite der Verlierer. Sie sehen sich isoliert und aufgrund ihrer Religion benachteiligt. Viele fliehen aus den für sie zunehmend unsicheren Staaten wie Ägypten, aber auch aus Syrien. Gerade in Syrien besteht die Gefahr, dass die christlichen Gemeinden, die etwa 10 % der Bevölkerung stellen, so wie es schon zuvor im Irak der Fall war, zwischen die Fronten geraten. In autoritären Regimen wie der Volksrepublik China, aber auch in Demokratien wie der Türkei, finden sich Christen ganz offen drangsaliert und benachteiligt. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Wer gegen die Benachteiligung, Drangsalierung und Verfolgung von Christen aktiv werden will, muss dies in einer zunehmend säkularen Gesellschaft tun, in der der persönliche Bezug zur Religion immer mehr abnimmt. Damit hat sich vielfach die Meinung durchgesetzt, Religion sei Privatsache und habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Christen, die in anderen Ländern verfolgt werden, weil sie sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen, scheinen bei einer solchen Sichtweise ihre Probleme selbst verursacht zu haben. Diese Ansicht und das mit ihr verbundene Schweigen zu durchbrechen, ist eine große Herausforderung für verantwortungsbewusste Politik unserer Zeit.

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben die Grundlage unseres Gemeinwesens und unserer Gesellschaftsordnung in einem anderen Geist formuliert. Ausgehend von der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, die neben allen anderen Werten auch die Religion und ihre Freiheit korrumpierten, haben sie die Glaubens- und Gewissensfreiheit weit vorne in Artikel 4 verankert. Ich sehe in der Betonung dieses Freiheitsrechts eine Bestätigung meiner Auffassung, dass es sich bei der Religionsfreiheit um eines der persönlichsten und zentralen Menschenrechte handelt.

Verstöße gegen die freie Ausübung der Religion sind gravierende Eingriffe in den Kernbereich der Persönlichkeitsrechte und zählen zu den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Häufig gehen sie einher mit der Verletzung anderer Grundrechte wie der Meinungs- und der Versammlungsfreiheit, der Unverletzlichkeit der Privatsphäre oder dem besonderen Schutz von Ehe und Familie und der körperlichen Integrität. Im Koalitionsvertrag der christlich-liberalen Koalition wird die werteorientierte und den Menschenrechten verpflichtete Außenpolitik daher als besonderer Schwerpunkt definiert und von der Bundesregierung ausgeführt.

Ich habe bereits vor einiger Zeit in einem Artikel für die Rheinische Post diese Schwerpunktsetzung erläutert: „Die Universalität der Menschenrechte und ins- besondere des Rechts auf Religionsfreiheit müssen wir gegenüber den Staaten, die dieses Menschenrecht verletzen, klar ansprechen. (…) Das Thema Christen- verfolgung muss sensibel, aber ohne falsche Rücksichtnahme behandelt werden. Aus Sorge, die Konflikte mit der islamischen Welt könnten sich verfestigen, wird die Verfolgung von Christen oft nicht offen angesprochen. Diese Tabuisierung ist der falsche Weg.“

Unser Engagement für die Religionsfreiheit ist nur glaubwürdig, wenn es nicht nur für Christen, sondern für alle religiösen Gruppen gilt. So ist es für mich selbstverständlich, dass die in Deutschland lebenden Muslime das Recht auf den Bau von Moscheen haben.

Was das universelle Recht auf freie Ausübung der Religion umfasst, so wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte des Jahres 1948 festgehalten ist, ist schließlich durchaus umstritten. Die Widersprüchlichkeit in der Auslegung des Rechts liegt in einer unterschiedlichen Definition von Religionsfreiheit begründet. Viele islamische Staaten verstehen unter Religionsfreiheit das Recht des Menschen, eine der staatlich anerkannten Religionen zu haben. So gibt etwa der Iran vor, Religionsfreiheit zu schützen und verweist auf die Kirchen der armenischen Minderheit im Land oder auf die kleine jüdische Gemeinschaft. Gleichzeitig verfolgt der Staat Angehörige der Bahai auf brutale Art und Weise: Viele religiöse Führer der Bahai sitzen in iranischen Gefängnissen oder leben im Exil – auch in Deutschland.

Aber auch die Angehörigen der anerkannten Religionen können sich nicht auf die gleichen Rechte berufen wie die muslimische Bevölkerungsmehrheit. Insbesondere ist das Recht auf den Wechsel des Glaubens zu nennen. Während ein Wechsel zum Islam auf unterschiedlichste Weise befördert und gefordert wird, ist ein „Abfall vom Islam“ in der Vorstellung einer großen Minderheit in muslimischen Staaten ein todeswürdiges Verbrechen. Auch hier ist ein Ende des Schweigens über Unrecht dringlich geboten.

Wie erfolgreich die Herstellung einer Öffentlichkeit wirken und was sie für Freiheit und Gerechtigkeit bewirken kann, zeigt der Fall von Pastor Youcef Nadarkhani. Der wegen seiner Konversion zum Christentums zum Tode verurteilte Iraner wurde aufgrund der immer lauter protestierenden internationalen Öffentlichkeit nach drei Jahren Haft schließlich im September 2012 freigelassen. Welche bessere Ermutigung für ein Ende des Schweigens kann es geben?

Volker Kauder (1949) ist seit 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2005 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag. Davor war er u. a. Generalsekretär der CDU Deutschlands. Im August 2012 wurde das von ihm herausgegebene Buch “Verfolgte Christen. Einsatz für die Religionsfreiheit” (Verlag: SCM Hänssler) veröffentlicht.

Quelle: http://kreuz-und-quer.de/2012/11/19/uber-christenverfolgung-nicht-schweigen/

Von der tödlichen Gefahr, zum falschen Gott zu beten

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram treibt Nigeria an den Rand eines Bürgerkriegs, aber die Regierung unterschätzt die Krise. Von Eva-Marie Kogel und Christian Putsch

Nigeria Kano Blasts

Foto: dpa/DPA Die Gewalt im Norden Nigerias reißt nicht ab. Mitarbeiter vom Roten Kreuz stehen neben einer Leiche

 Den Tod ihres Sohnes erlebte Amina am Telefon. Die Mörder persönlich hatten abgenommen, und als sie ihm den Schädel einschlugen, hörte die Mutter am anderen Ende der Leitung seine letzten verzweifelten Schreie. In Nigeria sagen sie, ein Mensch, der durch Schläge sterbe, klinge wie eine Hyäne. Es waren schreckliche Geräusche, die durch das Telefon an ihr Ohr drangen.

Im Norden des Landes ist der Tod in diesen Tagen endgültig zum grausamen Alltag geworden. Die 150 Millionen Einwohner des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes erleben eine der größten Krisen seit dem Biafra-Krieg vor knapp 40 Jahren, der mehr als eine Million Menschen das Leben kostete.

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte das Elend am vergangenen Freitag mit einer Serie von koordinierten Bombenanschlägen, die nach Behördenangaben 157 Menschen das Leben kosteten.

Größeres Massaker wurde nur knapp verhindert

Nigeria zählt nach aktuellen Schätzungen rund 155 Millionen Einwohner. Über die Hälfte von ihnen bekennt sich zum Islam ; vor allem der Norden ist fast ausschließlich islamisch geprägt. In Nigeria lebt damit eine der größten muslimischen Gemeinschaften Westafrikas. Die meisten hängen der sunnitischen Lehre an; im nordwestlichen Bundesstaat Sokoto erreichen die Schiiten einen beträchtlichen Anteil.
Karte

Nigeria

Foto: Reuters/REUTERS Abubakar Shekau ist der Befehlshaber von Boko Haram

Es sind die blutigsten Anschläge der radikal-islamischen Sekte Boko Haram. Ziele waren vor allem Polizeistationen in der Millionenstadt Kano. Erst allmählich wird das Ausmaß der Katastrophe klar: Nach Angaben von Führern der betroffenen Gemeinden beträgt die Zahl der Opfer gar 211. Wohl nur knapp wurde ein Massaker noch größeren Ausmaßes verhindert: Gestern gab die Polizei bekannt, sie habe zehn Autos mit rund 300 in Getränkedosen getarnten Sprengstoffkörpern beschlagnahmen können.

Simultan durchgeführte Anschläge in immer kürzeren Abständen, komplexe Waffen und sorgsam ausgewählte Ziele – die Angriffe tragen immer deutlicher die Handschrift des internationalen Terrors. „Seit dem Jahr 2011 ist erwiesen, dass Boko Haram intensive Verbindungen zu al-Qaida und al-Schabab hat“, sagt der Sicherheitsexperte Martin Ewi von der südafrikanischen Denkfabrik ISS.

Anführer von Boko Haram verbreiteten selbst, dass Kämpfer zur Ausbildung nach Mauretanien und in den Jemen geschickt wurden. Berichte der nigerianischen und amerikanischen Geheimdienste bestätigen dies, wie auch die Reise von radikal-islamischen Kämpfern aus Afghanistan und Somalia nach Nigeria.

Ins Bild passen außerdem die intensivierten Pressekontakte. Boko Haram bezeichnete die Anschläge als „Vergeltungsmaßnahmen“ in Folge der jüngsten Verhaftungen von Mitgliedern der Terrororganisation. „Unser Kampf richtet sich gegen die Regierung, die Sicherheitskräfte und den Verband der Christen in Nigeria, weil sie uns abgeschlachtet haben“, heißt es in der Stellungnahme des Boko Haram-Führers Abubakar Schekau, der zuletzt wiederholt in Videobotschaften nach dem Vorbild Osama bin Ladens auftrat.

Feiern nach den Anschlägen vom 11. September

Boko Haram mag erst in den vergangenen Jahren an Kraft gewonnen haben – doch ihr Kampf ist nicht neu. Er wird nur mit anderen Mitteln und neuer Intensität ausgetragen. „Bei den Anschlägen des 11. Septembers 2001 sind viele Menschen im Norden Nigerias auf die Straßen gegangen und haben gefeiert“, sagte Ewi.

Seit Jahrzehnten habe es in Nigeria unterschiedliche Gruppierungen gegeben, die radikal für die flächendeckende Einführung der islamischen Gesetzgebung Scharia kämpften. Die Ursache der Gewalt – die versäumte Aussöhnung von Christen und Muslimen – habe aber nie erkenntlich auf der Agenda der verschiedenen Regierungen gestanden. „Die Regierung hat stets mit äußerster Brutalität zerschlagen“, so Ewi, „doch dann haben sich innerhalb kürzester Zeit neue Organisationen formiert.“

Eine vergleichbare Gewaltintensität erreichte aber keine von ihnen. Seit dem Jahr 2009 sei Boko Haram für 935 Tote verantwortlich, teilte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch mit, 250 davon alleine in den ersten Wochen des neuen Jahres.

Auch ein Hauptquartier der Vereinten Nationen in Abuja im vergangenen August geht auf das Konto der Extremisten. Die Botschaft des ersten internationalen Zieles: Unser Kampf beschränkt sich nicht alleine auf Nigeria.

Anschläge auf Hunderte Ölförderanlagen

Boko Haram ist Haussa und bedeutet übersetzt so viel wie „westliche Bildung verboten“. Ihre Anhänger, meist verarmte junge Männer ohne Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, traten in den ersten Jahren nach der Gründung im Jahr 2002 noch überwiegend friedlich und mit einem politischen Programm auf. Zentrale Forderung neben der Stärkung der islamischen Gesetzgebung ist eine stärkere Beteiligung an den Ölmilliarden.

Unter diesem, teils als Deckmantel des Verbrechens missbrauchten Argument, verübten zeitgleich Rebellen im Süden Anschläge auf Hunderte Ölförderanlagen. Die Regierung kämpfte also einen Krieg an zwei Fronten: Auch Boko Haram setzte zunehmend auf Gewalt, die im Jahr 2009 eskalierte. Bei Kämpfen mit der Armee wurden innerhalb weniger Tage 800 Menschen getötet.

Der Boko-Haram-Anführer, Muhammad Yousef wurde gefangen genommen. Kurz nach seiner Festnahme entstanden zahlreiche Videos, die ihn zwar fast nackt und verängstigt, aber lebendig zeigen. Kurz nach seiner Übergabe an die Polizei war er tot.

Seither rivalisieren mehrere Stammesfürsten mit immer blutigeren Anschlägen um seine Nachfolge – und schüren damit die Spannungen zwischen dem überwiegend muslimischen Norden und dem christlichen Süden.

Plötzlich entfesselte Gewalt kann jeden treffen

Aminas Sohn war Muslim und die Männer, die auf ihn einprügelten, sind wohl Christen gewesen. Hamisu musste sterben, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und weil seine Mörder fanden, dass er die falsche Sprache spricht, die falsche Kleidung trägt und in die falsche Himmelsrichtung betet.

Geschichten wie diese erzählt man sich viele in Jos, einer Stadt im bergigen Hochland von Nigeria. Sie stehen für eine Gesellschaft, in der plötzlich entfesselte Gewalt jeden treffen kann – egal ob Christ oder Muslim. Längst nicht jeder Anschlag geht dabei auf das Konto von Boko Haram.

Es ist unklar, ob die Sekte auch für den Anschlag auf die Kirche verantwortlich ist. Als unstrittig gilt aber, dass die Organisation ein Klima der Gewalt schürt, das weitere Eskalationen befördert. In Benin City etwa, einer Stadt im Süden, die von Anschlägen Boko Harams bislang verschont blieb, wurde vergangene Woche eine Moschee angegriffen. Fünf Muslime starben als Vergeltung für Anschläge, die Hunderte Kilometer weit entfernt passiert waren.

Ungeachtet der Gefahr reiste Präsident Goodluck Jonathan in den vergangenen Tagen in Städte des Nordens. Sein Amt wäre auch ohne den Antiterrorkampf schon schwierig genug: Gewaltiges Bevölkerungswachstum, zunehmend überfüllte Städte und Massenarbeitslosigkeit plagen Nigeria.

Der eher technokratisch wirkende christliche Premier hat sich das Vertrauen vieler Muslime erarbeitet, unter seiner Führung sind viele Finanzströme an Boko Haram versiegt. Die Organisation begründete einige Anschläge mit ausbleibenden Millionenzahlungen, die sie offenbar bislang von Gouverneuren einiger Provinzen bekommen hatte.

Doch Jonathan trifft auch taktisch unkluge Entscheidungen. Zum Jahresbeginn hatte seine Regierung die Ölsubventionen gestrichen, das Benzin war über Nacht doppelt so teuer geworden: Hunderttausende Nigerianer gingen auf die Straßen.

„Realistische Möglichkeit“ eines Bürgerkriegs

Das Vertrauen in die Staatsgewalt war auch vorher schon gering: Auch das ist ein Grund, warum Nigerianer sich oft für Selbstjustiz entscheiden. „Der Zeitpunkt der jüngsten Krise ist katastrophal, das Vertrauen ist auf den Nullpunkt gesunken“, sagt Analyst Ewi.

Jonathan unterschätze zudem die internationale Dimension des Problems: „Es findet viel zu wenig Kommunikation mit den Nachbarländern statt.“ Sollte sich die Krise weiter verschärfen und Boko Haram seine Anschläge auf den Süden ausweiten, sehe er „die realistische Möglichkeit“, dass es zu einem Bürgerkrieg in Nigeria kommen könne.

Mörder beschimpfen die Mutter ihres Opfers

Der ist für Amina längst Realität. Immer wieder gehen ihr die letzten Sekunden ihres Sohnes durch den Kopf. Wenige Stunden vor seinem Tod war in Gada Biu, einem Stadtteil von Jos, ganz in der Nähe einer Kirche eine Bombe explodiert. Wie durch ein Wunder starben nur zwei Menschen. Hamisu hatte sich unter die Schaulustigen gemischt, als sie ihn anrief.

Er nahm den Anruf an: „Assalamu Aleikum“, sagte er, Friede sei mit dir. Dieser muslimische Gruß war genug der Provokation, brachte den Mob um ihn in Rage. Ob er gekommen sei, um die christlichen Opfer der wohl muslimischen Bombe zu verhöhnen? Kurze Zeit später war er tot. Als Amina erneut anrief, waren die Mörder am Telefon. Sie brüllten und beschimpften die Mutter ihres Opfers. Dann legten sie auf.

Quelle (WELT 24.01.12): http://www.welt.de/politik/ausland/article13831792/Von-der-toedlichen-Gefahr-zum-falschen-Gott-zu-beten.html

„Wenn Du Muslim wirst, lassen wir Dich leben“

100 Millionen Christen werden weltweit bedroht und diskriminiert, Zehntausende angegriffen und ermordet – sie werden verfolgt wie kaum andere. Ein Zustandsbericht.

<br /> Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad<br />

Foto: dpa Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad

Christen werden weltweit diskriminiert und verfolgt. Die Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ ist ein Hilfswerk für diese Gläubigen. Sie führt in ihrem Weltverfolgungsindex 2011 eine Liste von 50 Ländern an, in denen Christen mit eingeschränkter Religionsfreiheit bis hin zu massiver Unterdrückung und schweren Übergriffen konfrontiert sind. Die Staaten breiten sich auf der Weltkarte betrachtet wie ein Gürtel über Afrika und Asien aus.

Nordkorea führt den Index an; in dem diktatorisch geführten Land haben christliche Gläubige keinerlei Existenzberechtigung. Werden ihre heimlichen Treffen entdeckt, drohen ihnen Gefängnis, Arbeitslager oder die Hinrichtung.

Im Erfassungszeitraum des Indexes wurden Hunderte Christen aus verschiedenen Gründen verhaftet, manche von ihnen getötet oder in politische Arbeitslager deportiert.

Auf Platz zwei folgt der Iran, wo die christlichen Gemeinden immer wieder von Verhaftungswellen erschüttert werden. Gottesdienste werden von der Geheimpolizei überwacht, Bibeln beschlagnahmt und verbrannt.

Ethnische Christen (Armenier und Syrer) sind zwar offiziell als religiöse Minderheit anerkannt, aber auch sie berichten von Verhaftungen, Vernehmungen und Misshandlungen. Es ist ihnen verboten, Christen muslimischer Herkunft zu unterstützen.

Ähnlich dramatisch ist die Lage im drittplatzierten Land auf dem Weltverfolgungsindex, in Afghanistan: Dort gibt es nur sehr wenige Christen, aber sie schweben in ständiger Gefahr. In den vergangenen Jahren kam es zu Verhaftungen; ein christlicher Entwicklungshelfer wurde von Taliban getötet. Einheimische, die ihre Religion nicht geheim halten, werden mit Gewalt oder gar dem Tode bedroht. Viele üben ihren Glauben daher nur noch im Verborgenen aus.

Auf den Plätzen vier bis zehn des Weltverfolgungsindexes folgen Saudi-Arabien, Somalia, Malediven, Jemen, Irak, Usbekistan und Laos. Nach Schätzung von „Open Doors“ leiden global insgesamt rund 100 Millionen Christen unter Verfolgung. Vier Beispiele.

Irak

Erbil, Kurdistan, Irak. „Fünf Tage lang hielten sie mich gefangen, ohne Essen, ohne Wasser. Immer wieder schlugen sie mich. Eines Tages hörte ich, wie sie in den Keller hinunterkamen, in dem ich gefangen gehalten wurde. Plötzlich fühlte ich eine kalte Klinge an meinem Nacken, jemand sagte: ‚Wenn du Muslim wirst, bringen wir dich nicht um.'“

<br /> Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz<br />

Foto: Matilde Gattoni Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz

Rostom Sefarian, 63 Jahre alt, sitzt in einem Lehnstuhl im Wohnzimmer seines neuen Hauses in Erbil, der Hauptstadt der irakischen Region Kurdistan. Er unterbricht seine Erzählung, kämpft mit den Tränen. Er schluckt ein paar Mal heftig und spricht weiter, mit der Hand umklammert er das Kruzifix, das er auch während seiner Gefangenschaft immer bei sich hatte. „Einmal nahmen sie es und steckten es in eine Flasche mit Urin, ich musste zusehen. ,Soll dir doch das Kreuz jetzt helfen‘, sagten sie und lachten.“

Das war im Juli 2006. Sefarian, ein armenischer Christ, der damals in Mosul im Norden des Irak lebte, war von einer Gruppe islamischer Fundamentalisten gekidnappt worden, als er in seiner Schleifwerkstatt arbeitete. Er war eines der Opfer in einer Serie von Entführungen und Ermordungen von irakischen Christen, die bis heute anhält.

„Die ganze Zeit über hatten sie mir Handschellen angelegt und die Augen verbunden. Ein Sack Kohle war mein Kopfkissen, für meine Notdurft hatte ich eine Flasche“, erzählt er. Nach fünf Tagen Qual wurde Sefarian schließlich freigelassen – nachdem sich seine Familie auf ein Lösegeld von 72.000 US-Dollar eingelassen hatte.

Es war schon das zweite Mal, dass Sefarian von einer der vielen bewaffneten Gruppen in Mosul gekidnappt wurde. Die erste Entführung war erst ein Jahr zuvor geschehen, im Januar 2005, sie dauerte einen Tag und wurde durch die Zahlung von 12.000 US-Dollar an seine Geiselnehmer beendet. Auch ein Cousin seiner Frau, ebenfalls Christ, wurde entführt, aber er sollte nicht mehr freikommen: Nach drei Tagen fand ihn seine Familie ermordet auf.

„In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr“

Sefarian traf schließlich die gleiche Entscheidung wie 35.000 weitere christliche Flüchtlinge aus dem ganzen Irak: Er flüchtete nach Kurdistan, in den autonomen nordöstlichen Teil des Irak, in die einzige stabile Gegend des Landes. Keine leichte Entscheidung. Sefarian musste sein vierstöckiges Haus in Mosul für weniger als ein Siebtel des Wertes verkaufen.

Im August 2006 zog er mit seiner Frau und dem Sohn nach Erbil, wo er jetzt in einer kleinen Mietwohnung in Ankawa lebt, einer christlichen Enklave am Stadtrand. Ohne Pension oder eine andere Unterstützung durch die irakische Regierung ist Sefarian nun auf den Lohn seines Sohnes angewiesen, um zu überleben. „In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr. Ich spreche kein Kurdisch und habe auch keine anderen Mittel zum Leben. In Mosul lebte ich wie ein König“, sagt er mit einem bitteren Lachen, während sein Blick über die Bilder von christlichen Heiligen und die Kruzifixe in seinem Wohnzimmer huscht.

Zufluchtsort für Minderheiten

Dank der ethnischen Homogenität und der politischen Autonomie, die Kurdistan 1991 erlangte, als die Vereinten Nationen (UN) hier eine flugfreie Zone erzwangen, um Kurden vor den militärischen Strafaktionen des Saddam-Regimes zu schützen, blieb die Region von den täglichen Bombardierungen und den religiös motivierten Morden verschont, die den Irak seit der US-Invasion gegen Saddam Hussein zerstört haben.

Kurdistan, das von der lokalen kurdischen Regionalregierung (KRG) verwaltet wird, wurde so zu einem Zufluchtsort für viele Iraker und Minderheiten, vor allem Christen, die vor der Gewalt in Städten wie Mosul und Bagdad flohen. Hier, so rühmen sich die lokalen Behörden, seien alle Religionen geschützt, gemäß dem Geist der neuen irakischen Verfassung. „Wir respektieren die Christen, und die Christen respektieren uns (die Muslims)“, erklärt Kamil Haji Ali, Minister für Stiftungen und religiöse Angelegenheiten. „Immer wenn eine neue Gruppe christlicher Flüchtlinge hier ankommt, nehmen wir Kontakt mit den örtlichen Geistlichen als ihren Repräsentanten auf.“

Tatsächlich galt Kurdistan, wo etwa 160.000 Christen leben, vor allem in Ankawa und dem nördlichen Gouvernement Duhok, als sicherer Ort für irakische Christen. Seit ein paar Jahren aber verlassen immer mehr Christen Kurdistan und den Irak endgültig, wegen mangelnder wirtschaftlicher Perspektiven, wegen sprachlicher und kultureller Barrieren und auch wegen des fehlenden politischen Schutzes. Es zieht sie hauptsächlich in Richtung Europa und Nordamerika.

Nach dem jüngsten Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ist die Zahl der geflüchteten christlichen Familien in den vier nördlichen Regierungsbezirken des Irak, von denen drei in Kurdistan liegen, von 1350 auf 500 im Jahr 2011 gesunken, während das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR im selben Jahr in der benachbarten Türkei eine Zunahme von irakischen Flüchtlingen registrierte, die Hälfte davon, rund 1700, Christen. Neueste Schätzungen gehen von einer christlichen Bevölkerung im Irak von 300.000 bis 500.000 Menschen aus. 1991 waren es 1,3 Millionen.

Seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen

Die irakischen Christen gehören fünf verschiedenen Konfessionen an, von katholischen Chaldäern über Nestorianer zu Orthodoxen. Die meisten sind ethnische Assyrer, eine Neuaramäisch oder Syrisch sprechende Bevölkerung, die auf die alte gleichnamige Gemeinschaft zurückgeht, die schon vor 4000 v. Chr. Mesopotamien bewohnte. Die Assyrer wurden in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten missioniert und haben das Christentum seitdem als eine Säule ihrer kulturellen Identität begriffen. Stolz widerstanden sie den regelmäßigen Arabisierungs- und Islamisierungsversuchen, die arabische und ottomanische Führer über die Jahrhunderte hinweg unternahmen, und nannten sich selbst die Ureinwohner des Irak.

Nun sehen sich die Christen der größten Herausforderung ihrer Existenz gegenüber: Als Bevölkerung von ein paar Hunderttausend unter mehr als 30 Millionen Irakern kämpfen sie darum, sich in einem Land Gehör zu verschaffen, das nach ethnischen und religiösen Aspekten organisiert ist und dessen Politik durch die viel größeren religiösen Gemeinschaften der Schiiten, Sunniten und Kurden dominiert wird.

„Wir sind das schwächste Glied im irakischen Mosaik“, sagt Keldo Ramzi, christlicher Sekretär der Chaldäisch-Assyrischen Jugend-Union in Erbil. „Wenn jemand den USA eine Botschaft vermitteln will, zielt er auf Christen oder sprengt Kirchen in die Luft.“ Der schlimmste Angriff ereignete sich im Oktober 2010, als eine Serie von Selbstmordattentaten die Kirche „Our Lady of Salvation“ in Bagdad traf und 58 Menschen in den Tod gerissen wurden. Laut dem neuesten Bericht der Assyrischen Internationalen Nachrichtenagentur wurden im Irak seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen oder Ziel eines Bombenanschlags.

Nur die Schattenseiten des Baubooms

<br /> Ein christliches Mädchen in Bagdad<br />

Foto: AP Ein christliches Mädchen in Bagdad

Die Lage in Kurdistan ist nur bis zu einem gewissen Grad besser: Ende 2011 wurde von einer Anschlagsserie auf den Besitz von Christen durch Islamisten und Rebellen berichtet. Und selbst wenn Christen ihren Glauben hier in relativer Sicherheit leben können, klagen viele darüber, dass ihre wirtschaftlichen und bürgerlichen Rechte nicht respektiert würden. Eine Anstellung bei der Regierung zu finden ist schwierig für Mitglieder einer Gemeinschaft, deren Muttersprache nicht Kurdisch ist.

Während Kurdistan seit 2003 aufgrund der Ölförderung einen beeindruckenden wirtschaftlichen Boom verzeichnen kann, sagen viele Christen, dass sie nur die Schattenseiten davon erlebt haben. Abgeschnitten von dem Bauboom, der in Erbil stattfindet, bleibt Ankawa ein verschlafener Vorort, in dem christliche Kirchtürme aus einer Landschaft von kleinen Läden und Einfamilienhäusern herausragen.

Dennoch wurden in Ankawa heimlich Häuser an Muslime verkauft, sodass die religiöse Zusammensetzung der Stadt sich verändert und dem „Gentlemen’s agreement“ zuwiderläuft, das laut einigen christlichen Politikern mit dem KRG vereinbar wurde, um die christliche Identität der Gegend zu erhalten. „Sie bauen wenige, sehr teure Wohnungen, die sich niemand leisten kann“, beklagt sich Naurad Youssif, ein 41-jähriger Christ aus Ankawa, der auf dem Postamt arbeitet. „Die Christen hier sind eine arme Gemeinschaft, diese Wohnungen sind nicht für uns. Wenn sie die Identität von Ankawa ändern wollen, wird das eine Katastrophe“, sagt er.

Prostitution und Alkohol

Es gibt einen vermeintlichen Vorteil, der sich aus dem christlichen Charakter der Gegend ergibt und der seit einiger Zeit eifrig genutzt wird: Es eröffnen Nachtclubs und Restaurants mit Alkohollizenz. Sie ziehen Menschen aus der ganzen Stadt an und bringen Probleme wie nächtliche Schlägereien und, noch erheblicher, Prostitution mit sich. „Viele Prostituierte sind junge Frauen aus anderen Teilen des Irak, die keine Arbeit und auch sonst keine Perspektive haben. Wir verstehen ja ihre Probleme, aber wir sind nicht glücklich über diese Situation“, klagt der Geistliche Tariq Elissa, Gemeindepfarrer der hiesigen chaldäisch-katholischen St.-Georg-Kirche.

Ihm zufolge wurde in den letzten Jahren auch hektarweise Land der Christen von der Regierung in Besitz genommen, die darauf Bürotürme und Wohnkomplexe rund um Erbil errichtet. „Das Grundstück, auf dem der Flughafen gebaut wurde, gehörte früher Christen, aber die Besitzer hatten keine offiziellen Dokumente, um das zu beweisen, denn früher hat sich keiner um solche Dinge gekümmert“, sagt er. „Im restlichen Irak bringen sie uns mit Gewehren um, hier machen sie das mit Geld.“

Tiefe Gräben innerhalb der Gemeinschaft

Die Christen selbst tun sich schwer damit, sich selbst zu helfen, Einigkeit zu zeigen, um Aufgaben anzugehen. Die Geschichte der religiösen Spaltungen, die dazu führten, dass diese kleine christliche Gemeinschaft aus fünf verschiedenen Konfessionen besteht, spiegelt sich heute in der Politik wider, wo 17 christliche politische Parteien um drei beziehungsweise fünf Sitze konkurrieren, die im Parlament des Irak beziehungsweise von Kurdistan für Christen reserviert sind.

Auch wenn einige Parteien versuchen, eine gemeinsame Plattform zu bilden, gibt jeder die tiefen Gräben innerhalb der Gemeinschaft zu. Die politischen und religiösen Verantwortlichen werfen sich gegenseitig vor, die Interessen der Christen nicht angemessen zu vertreten. „Wir kommen alle aus einer Mutterkirche. Unsere Traditionen, Sprachen und Kulturen sind die gleichen, und trotzdem bereiten uns die internen Spaltungen Probleme“, sagt Casper Syawish, ein 73-jähriger Mann, der ursprünglich aus dem Dorf Harir stammt. Er verließ es 1963, nachdem irakische Truppen bei der Niederschlagung eines kurdischen Aufstands mehrere christliche Dörfer zerstört hatten. „Wir dürfen uns nicht zersplittern. Wir können nicht vor anderen stehen, wenn wir uns noch mehr aufspalten“, fügt der Mann hinzu, ein ehemaliger Angestellter der irakischen Telefongesellschaft.

Als ethnische Gruppe anerkannt

Der Fall Saddams hat aber natürlich nicht nur Probleme gebracht. Obwohl er von der christlichen Gemeinschaft wegen der Zunahme von Gewalt, die auf ihn folgte, mit gemischten Gefühlen begrüßt wurde, führte das neue politische Klima auch zu mehr Freiheit: Während die Assyrer unter dem vorherigen Regime zu den Arabern gerechnet wurden, erkennt die neue irakische Verfassung sie nun als eigene ethnische Gruppe an und erlaubt ihnen erstmals in der irakischen Geschichte, in Kirchen und Schulen Aramäisch statt Arabisch zu benutzen.

Eine bahnbrechende Entscheidung für ihre kulturelle Identität, die den Weg frei machte für die Errichtung von Lehranstalten wie der Sekundarschule in Ur, dem einzigen Institut in Erbil, in dem Aramäisch gesprochen wird. Die Schule, ein graues und düsteres einstöckiges Gebäude im Zentrum von Ankawa, hat zurzeit allerdings nur 45 Schüler. „Die Menschen sind nicht besonders motiviert, ihre Kinder hierher zu schicken, die allermeisten melden sie in kurdischsprachigen Schulen an“, erzählt der Rektor Akram Jaji bekümmert. „Ich befürchte, dass das langfristig unsere Identität beeinflussen wird.“

Darüber hinaus fürchten viele Christen auch andere Probleme, die sich ihnen stellen werden, wenn im Irak endlich Frieden herrschen wird. Die Folgen des arabischen Frühlings, nach dem islamistische Parteien die Wahlen in Tunesien und Ägypten gewonnen haben, sind hier nicht unbemerkt geblieben. Was könnte ein demokratischer Irak für die Christen bedeuten? „Wenn der politische Islam die Regierung hier kontrollieren wird, dann weiß ich nicht, was mit uns in 50 Jahren passiert“, sagt Farouk Anna Atto, Direktor des Syriac Heritage Museums in Ankawa, dessen Ausstellung der Geschichte der Assyrer gewidmet ist.

Diskussion um christliche Enklave

Angesichts der ständigen Abwanderung von Menschen, die, wie einige befürchten, schließlich zu einem Aussterben der Christen im Irak führen könnte, schlagen assyrische Parteien bereits die Schaffung einer autonomen Region im Land vor, in der Christen als Mehrheit und selbstverwaltet leben könnten. Da genau dieser Status schon Kurdistan verliehen worden ist, betreiben die Befürworter dieses Vorschlags Lobbying bei der Zentralregierung, um die Kontrolle über die Ninive-Ebene zu erhalten, ein Gebiet von 4000 Quadratkilometern östlich von Mosul, das schon jetzt mehrheitlich von Christen bewohnt wird.

Das Projekt, das offiziell eine selbstverwaltete christliche Enklave in einer Gegend mit reichem Ölvorkommen schaffen würde, um deren Kontrolle sich die Region Kurdistan und die irakische Zentralregierung immer noch streiten, wird von vielen Christen abgelehnt. „Die katholische Kirche war schon immer gegen dieses Projekt“, sagt Afnan de Jesus, eine 43 Jahr alte arabisch-chaldäische Nonne, die aus Mosul stammt und zum Christentum konvertiert ist. „Es wäre sehr gefährlich, nur unter uns zu leben, isoliert von den andern“, erklärt sie und gibt zu, dass eine Alternative dazu aber erst noch gefunden werden muss.

„Ich gehe davon aus, dass es einen Plan gibt, den Irak von allen Christen zu säubern. Wir wissen nicht, woher er kommt, aber es gibt ihn“, fährt sie bedrückt fort und schaut auf die drei anderen Nonnen, die im Hauptraum ihres Konvents in Ankawa sitzen. Die „Little Sisters of Jesus“, die „Kleinen Schwestern Jesu“, wie der Orden heißt, mussten Dora in der Nähe von Bagdad 2006 verlassen, nachdem Gewalt und Morde ein unerträgliches Maß erreicht hatten. Vor 2003 gab es in Dora mehr als 2000 christliche Familien, jetzt sind es nur noch 150.

„Wir müssen in die Sonne gehen“

Während sich die Mehrheit der ortsansässigen Christen offensichtlich damit abgefunden hat, zwischen einem Leben im Exil und einer unbehaglichen Existenz hier als Bürger zweiter Klasse wählen zu müssen, versucht ein junger und aktiver Teil der christlichen Bevölkerung, gegen diese passive Mentalität anzukämpfen. Angekommen in der globalisierten Welt und des Englischen mächtig, sind viele junge Christen inzwischen bei ausländischen Firmen in Kurdistan angestellt. Sie sind sich ihrer Rechte bewusst und entschlossen, auf jeden Fall im Irak zu bleiben. Dafür sind sie bereit, die Verbindung von Religion und Politik zu durchbrechen, die ihrer Meinung nach so viele Probleme geschaffen hat.

„Wenn wir unsere Rechte im Namen des Christentums einfordern, werden wir sehr schwach sein, weil Kirchen sich nicht in Regierungen einmischen können“, erklärt Savina Rafael Daoud, eine 22-jährige assyrische Frau aus Ankawa, am Rande des assyrischen Neujahrsfest, das jedes Jahr am 1. April von Tausenden Leuten in Dohuk im Nordirak gefeiert wird. Wie viele andere junge Leute um sie herum trägt sie eine Militäruniform im Gedenken an die assyrische Miliz, die in den 80ern und 90ern gegen das Saddam-Regime kämpfte. „Wir sind stolz auf unsere Kämpfer“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wir werden nicht durch die Bibel Erfolg haben, sondern nur, wenn wir unsere Rechte als Nation einfordern.“

Einige junge Leute machen sich die guten Beziehungen zwischen Kurden und Christen zunutze und öffnen sich, engagieren sich in der Gesellschaft, etwas, was die christliche Gemeinschaft bisher unterlassen hat. „Wenn wir unter uns sind, ist das gut, aber deshalb müssen wir uns nicht von den anderen separieren“, erklärt der 23-jährige David Saka, Betriebswirtschaftsstudent an der Universität von Kurdistan. „Ich habe viele kurdische Freunde, ich bin Iraker, hier will ich leben.“

Eine Vision, die von einem Flügel der assyrisch-christlichen Gesellschaft geteilt wird, der die Entscheidung, weiterhin im Irak zu leben, als ersten Schritt sieht, seine Rechte wiederzugewinnen. „Die Christen sind hier nicht sehr mutig. Ja, es gibt Probleme, aber das bedeutet nicht, dass wir das Land verlassen sollten“, sagt Salim Kako, ein assyrischer Politiker. „Wir können nicht unser Leben lang den Schatten suchen. Wir müssen in die Sonne gehen und für unsere Rechte kämpfen.“

Matteo Fagotto

Übersetzung: Ulrike Engelhardt

China

Als Bischof Ding Guangxun, Chinas einziger protestantischer Führer mit dem Titel Bischof, vor einigen Wochen starb, schickten drei KP-Parteichefs Kränze: der neue Generalsekretär Xi Jinping, sein Vorgänger Hu Jintao und der noch lebende KP-Patriarch Jiang Zemin. Ding, den man im Ausland auch K. H. Ting nannte, wurde 97 Jahre alt, jahrzehntelang leitete er die staatlich sanktionierte protestantische Kirche, zuletzt als Ehrenvorsitzender. Das Parteiorgan „Renmin Ribao“ (Volkszeitung) druckte die Nachricht von seinem Tod am 22. November auf seiner Titelseite. Bei der Trauerfeier verbeugten sich ranghöchste Kommunisten vor dem anglikanischen Bischof.

Untergrund - oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Foto: AFP Untergrund – oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Sie hatten dafür vor allem drei Gründe, die sie auch nannten: Die KP ehre ihn als „hervorragenden Patrioten und engen Freund der Kommunisten“. Er hätte die zersplitterte protestantische Kirche nach der Machtübernahme der Kommunisten unter einem Dach vereint, mit dann nur noch zwei Gruppierungen: dem nationalen Christenrat und der sogenannten Drei-Selbst-Bewegung der Evangelen. Vor allem aber half Ding, Religion und Sozialismus kompatibel zu machen. Die KP lobte sein Credo: „Ein Christ in China ist ein noch besserer Bürger (als die anderen).“

Im Leben und im Tod des wegen seiner Anpassung an die politische Macht so umstrittenen wie auch verehrten Bischofs spiegelt sich das Dilemma der evangelischen Kirche wider. Der Leichnam Dings wurde bei seiner Aufbahrung in Nanjing für die offizielle Totenfeier unter Teilnahme höchster Parteiführer mit Chinas Nationalfahne bedeckt. Auf dem Banner stand „Trauer um Bischof Ding“; auf dem Foto dazu trug er einen Anzug. Bei der zweiten Totenfeier für die Gläubigen bedeckte ihn ein weißes Leinentuch mit Kreuz. Das Foto zeigte ihn in Bischofskleidung. Die Aufschrift lautete: „Bischof Ding. Ruhe in Frieden in den Armen des Herrn.“

Die größte Bibeldruckerei der Welt

Ding Guangxun war nach Ansicht vieler chinesischer Gläubigen zeitlebens Diener zwei Herren. Im Internet brachte es ein Blogger so auf den Punkt; „Wer wartet auf ihn im Himmel? Jesus oder Marx?“ Er gehörte zu den 138 chinesischen Christenführern, die der Partei 1954 ihre Unterstützung zusagten. Sie passten das Prinzip von der alleinigen „Erlösung durch den Glauben“ den politischen Verhältnissen an – das werfen ihnen heute Geistliche der unabhängigen evangelischen Hauskirchenbewegung vor, die neben der offiziellen Kirche explosiv gewachsen ist.

Bekannt wurde vor allem Pekings einflussreiche „Shouwang“-Kirche, deren Mitglieder immer wieder von den Behörden verfolgt und auch verhaftet werden. Selbst deren Geistliche würdigen aber auch Dings Verdienste um den Wiederaufbau der Kirche nach 1978 – nach Ende eines Vierteljahrhunderts von Maos Terror gegen alle Gläubigen.

Ding verschaffte mit seinem Religionskurs der registrierten Kirche immerhin den Freiraum zur Missionierung mit millionenfachen Taufen. Und mit der Gründung der Amity-Stiftung durch die offizielle Kirche erhielten die Protestanten das Recht auf den Druck von Bibeln; 1988 wurde ihre heute größte Bibeldruckerei der Welt gegründet. Im Juli produzierte sie ihre „hundertmillionste Bibel“. 60 Millionen der Heiligen Schrift blieben im Land. 40 Millionen wurden in alle Welt exportiert.

Christliche Religionen erleben Aufschwung

Bis zu 40 Millionen aktive Gläubige bekennen sich heute zum Protestantismus, darunter sind mindestens ein Drittel Hauskirchen-Christen. Schlechter ist es um die katholische Kirche bestellt, die bis heute am Schisma zwischen staatstreuer Kirche mit ihren knapp sechs Millionen Gläubigen und einer romtreuen Kirche im „Untergrund“ mit ebenso vielen papsttreuen Katholiken leidet. Die Volksrepublik bleibt eines der letzten sozialistischen Länder der Welt, die sich der Aussöhnung mit dem Papst (ebenso wie mit dem Dalai Lama) verweigern und die staatstreue Kirche zwingen, ihre Bischöfe selbst zu ernennen. Offiziellen 69 Bischöfen stehen heute 38 Bischöfe im Untergrund gegenüber, die immer wieder schlimmster Verfolgung ausgesetzt sind.

In der allgemeinen Vertrauenskrise um die Kommunistische Partei erleben indes alle chinesischen Religionen einen Aufschwung. Protestanten und Katholiken verbreiten sich schneller als der Islam, machen allerdings kaum fünf Prozent der chinesischen Bevölkerung aus. Ein Drittel aller Chinesen bekennt sich dagegen heute wieder zum Buddhismus, Daoismus und den Volksreligionen.

Johnny Erling

Türkei

Seit etwas mehr als zehn Jahren regiert in der Türkei eine islamisch gesinnte Regierung. Was das für die Christen des Landes bedeutete, darüber waren die Ansichten von Anfang an gespalten – würde sich ihre Lage verbessern, weil eine religiös geprägte Regierung auch anderen Religionen entgegenkommen würde? Oder verschlechtern, so wie christliche Gemeinschaften in vielen islamischen Ländern unter starkem Druck stehen?

An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

Foto: Christine de Grancy / Anzenberge An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

„Grundsätzlich ist es schon so, dass diese Regierung Religion positiv sieht, und das macht sich auch in dem einen oder anderen Entgegenkommen gegenüber christlichen Gemeinschaften bemerkbar“, sagt Franz Kangler, Priester der (österreichischen) katholischen St. Georgs-Kirche in Istanbul. Aber es gebe nach wie vor beunruhigende Tendenzen – etwa die Gerichtsentscheidungen gegen das aramäische Kloster Gabriel Mor. Im Juni hatte das Oberste Gericht der Türkei frühere Gerichtsentscheidungen bestätigt, wonach Land um und in dem Kloster dem türkischen Staat gehöre. Land, welches immer als Besitz des Klosters gegolten hatte, und wofür auch immer Steuern gezahlt worden waren.

Neben solchen Entwicklungen gibt es andere, positivere. Eine Reihe historischer Kirchen sind auf Kosten der Regierung renoviert worden, Gottesdienste in der Paulskirche in Tarsus sind nunmehr ohne großen bürokratischen Aufwand möglich, obwohl die Kirche – wie auch die Istanbuler Hagia Sophia – vom Staat zum Museum erklärt wurde.

Kirchen besitzen keinen Rechtsstatus

Eine zusätzliche Gefahr für Christen erwuchs in den letzten Jahren offenbar durch den Machtkampf zwischen der islamisch geprägten AKP-Regierung und militant „kemalistischen“ (säkularen) Kreisen mit Verbindungen zu türkischen Sicherheitskräften. Es kam zu mehreren spektakulären Morden an Christen. In zwei Fällen – die Abschlachtung von drei evangelikalen Missionaren im Jahr 2007 und der Mord am katholischen Priester Andrea Santoro im Jahr 2006 – soll es Verbindungen der Täter zu einer Gruppe von Verschwörern gegeben haben, die angeblich planten, die Regierung zu stürzen. Im Jahr 2010 wurde der apostolische Vikar für Anatolien, Bischof Luigi Padovese, vom eigenen Fahrer ermordet und geköpft. Der Täter soll psychisch labil gewesen sein.

Neben der Gefährdung durch Gewalttäter bleiben auch die anderen zentralen Probleme der christlichen Gemeinden bestehen. Diese fordern vergeblich, Gebäude wie die Paulskirche wieder zu geweihten Kirchen zu machen, statt sie als „Museen“ zu führen. Die Kirchen – als Organisation – besitzen überdies keinen Rechtsstatus und können daher auch nicht selbst Immobilienbesitz erwerben oder über solchen verfügen. Stattdessen werden Immobilien über eine Vielfalt von rechtlichen Konstruktionen verwaltet, über die Gründung von Stiftungen, Vereinen oder als Privatbesitz.

Im vergangenen Jahr bestätigte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc, dass man der katholischen Kirche keinen Rechtsstatus geben könne. Auch für das griechisch-orthodoxe Patriarchat werde eine „Lösung“ gesucht, die seine Existenz zwar anerkennt, ohne ihm jedoch eine Rechtspersönlichkeit zu verleihen.

Entsprechend schwierig gestaltet sich die Abwehr von Enteignungsversuchen durch den Staat. Allein die griechisch-orthodoxe Gemeinde hat im Laufe der Jahre tausende Gebäude an den Staat verloren und von vielen Hundert Prozessen noch nie einen gewonnen. Laut türkischem Recht fallen Stiftungen und Kirchen, die nicht genutzt werden, an den Staat. Die armenische Gemeinde in Istanbul zelebriert daher jeden Sonntag in einer anderen Kirche den Gottesdienst – es gibt nicht mehr genug Gläubige, um alle Kirchen zu füllen, deswegen nutzt man sie reihum, damit sie rechtlich gesehen nicht „verwaisen“.

0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung

Insgesamt bleibt die Lage für die Christen ein frustierendes Gemisch aus kleinen Fortschritten und großer Diskriminierung. So wurde dem griechisch-orthodoxen Patriarchat nach langem Ringen die türkische Staatsbürgerschaft für ausländische Nachwuchs-Priester gewährt; aber im eigenen historischen Priesterseminar auf der Insel Helybeliada darf noch immer nicht gelehrt werden.

Rund 100.000 Christen leben in der Türkei, so schätzt man. Winzige 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung. Noch zur Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts stellten Christen ein Viertel der Bevölkerung des damaligen osmanischen Reiches. Dann kamen die Balkankriege, die mit einer massiven Fluchtwelle der Muslime aus dem Balkan in die Türkei einhergingen, der Genozid an den Armeniern ab 1915, der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland in den 20er-Jahren, und zuletzt, nach dem Istanbuler Pogrom gegen Griechen, die verbliebenen Armenier und Juden 1955.

Heute gibt es nur noch wenige Tausend Griechen. Schätzungen zufolge sind etwa 60.000 Armenier im Land, die meisten aus Armenien selbst und viele davon ohne gültige Aufenthaltspapiere. Der Wirtschaftsboom in der Türkei hat in den letzten Jahren zu einem Anstieg eingewanderter Christen aus Entwicklungsländern geführt: Das apostolische Vikariat in Istanbul geht von rund 15.000 Katholiken in der Stadt aus, die meisten davon Ausländer, etwa aus den Philippinen. Eine rasch wachsende Gruppe sind evangelikale Christen, zumeist Türken, die von freikirchlichen protestantischen Missionaren (oft aus den USA) konvertiert wurden. Ihre Anzahl dürfte mittlerweile 5000 übertreffen.

Die meisten Christen leben in Istanbul. Daneben gibt es Siedlungsgebiete im äußersten Südosten nahe der syrischen Grenze, dort leben einige geschlossene Gemeinschaften von Aramäern.

Boris Kálnoky

Nigeria

Der Terror schlägt nicht jeden Tag zu, aber er ist jeden Tag da. Vor dem Gottesdienst, unsichtbar, manifestiert in den immer gleichen Abwehrritualen. Soldaten am Eingang, Personenkontrollen beim Einlass, wie am Flughafen – nur die Warteschlangen sind länger. Einige Gläubige bringen Klappstühle mit. Halteverbot im Umkreis von einigen Hundert Metern um die Kirchen. Das längst nicht mehr Unvorstellbare als ständiger Begleiter des Alltags.

Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

Foto: Christian Putsch Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

James Wuye, 50, wird sich nie daran gewöhnen. An Gottesdienste in Kaduna ohne derartige Sicherheitsvorkehrungen kann sich der Pfarrer nicht mehr erinnern, „aber sie als Normalität anzusehen, würde doch heißen, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind“, sagt er. Und damit die Gewalt, den Hass, die Instrumentalisierung der Religion – sowohl die des Islams, aber auch die seine, das Christentum. Es hieße aufzugeben. Die Überzeugung, dass viele Einzelne mit dem Glauben an Frieden stärker sein werden als Wenige mit dem Glauben an Krieg.

Vor ein paar Tagen ist Wuye aus Kenia zurückgekommen. Im Flieger saß er neben dem um zwei Köpfe größeren Mohammed Ashafa, wie so oft in den vergangenen Jahren. Sie hatten Politiker und Gemeindeführer getroffen, über ihren eigenen Weg gesprochen. Wie sie von Todfeinden zu Verbündeten wurden, das Friedenszentrum Interfaith Mediation Centre aufbauten, Tausende Freiwillige ausbildeten und ein Frühwarnsystem für religiös beeinflusste Gewalt entwickelten. Eine gelungene Reise, dachten sie während des Flugs, ein Beitrag, um Gewalt zwischen rivalisierenden ethnischen Gruppen bei den anstehenden Wahlen in Kenia zu verhindern. Ein Moment des Durchatmens. Doch als sie aus dem Flieger stiegen und das Handy einschalteten, blinkte die SMS auf: „Kaduna: Bombe in Kirche explodiert. Elf Tote.“

Manchmal fühlt sich Wuye, ein kleiner, rundlicher Mann mit unermüdlichem Lächeln, an Sisyphos erinnert, erzählt er am Telefon. Der tragische Held der griechischen Mythologie wurde, so beschrieben es Autoren der Antike, dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit einen Marmorblock einen Berg hinaufzubringen, der dann immer wieder herunterrollt.

Dies war so ein Sisyphos-Moment. Nicht der erste, wahrlich nicht, und auch nicht der letzte. Noch am Flughafen rief Wuye seine Mitarbeiter an, nahm Kontakt zu Behörden und Politikern auf. Das Zentrum verschickte Tausende SMS und Emails an Christen und Muslime in der Gegend – ein Aufruf zur Besonnenheit. Nicht der erste. Nicht der letzte.

Manchmal wirkt das Ziel weit weg

Die beiden saßen an einem späten Nachmittag im Schatten eines Baumes. Ein schöner Tag. Kaduna hatte damals seit Monaten keine größeren Anschläge mehr verkraften müssen. Das Vertrauen zwischen den beiden Männern war förmlich greifbar, die Gewissheit, dass ihr gemeinsames Ziel größer war als sie selbst, und erreichbar: Frieden.

Davon ist Nigeria im Jahr 2012 weit entfernt. „Es ist kein Ziel, das man irgendwann erreicht und abgeschlossen hat“, sagt Wuye heute, „es bedarf ständiger Arbeit, und manchmal wirkt es weit weg.“ Nach Angaben der amerikanischen Denkfabrik Institute of Peace hat die Terrororganisation Boko Haram „seit August 2011 fast wöchentlich Bomben an öffentlichen Plätzen oder in Kirchen im Nordosten Nigerias gezündet“. Keine Gewalt hat Dauer, behauptete Leonardo da Vinci vor Jahrhunderten. Nigeria widerlegt ihn.

Boko Haram bedeutet in der Hausa-Sprache soviel wie „nicht-islamische Erziehung verboten“. Geleitet wird die Organisation von rund 20 Geistlichen. Nach Angaben amerikanischer und nigerianischer Geheimdienste soll es Hinweise auf grenzübergreifende Dschihad-Bewegungen geben, der auch al-Qaida im Islamischen Maghreb in Mali und Niger sowie die Al-Shabab-Miliz in Somalia angehören sollen.

Die Islamisten kämpfen für die Einführung einer besonders strengen Form der islamischen Gesetzgebung Scharia; schon jetzt gelten gemäßigte Formen in einigen nördlichen Provinzen. Erste Strategie ist dabei die Destabilisierung des Staates. Alleine in diesem Jahr sind nach Angaben der Nachrichtenagentur AP mindestens 740 Menschen von Boko Haram getötet worden. Paradoxerweise waren darunter mehr Muslime als Christen. Selbst gemäßigte Muslime sowie Beamte gelten als Feinde, bei Sprengstoffanschlägen werden nicht nur Ziele gewählt, an denen sich ausschließlich Christen bewegen.

Zehntausende Morde

Doch schon in den Jahren zuvor, lange vor der Entstehung von Boko Haram, gab es immer wieder religiös motivierte Gewalt, von Muslimen, aber auch von Christen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden Zehntausende ermordet. Das Problem ist komplexer als Boko Haram – der Hass gegen Anhänger anderer Religionen greift tiefer. Er lässt sich nicht allein mit militärischer Gewalt bekämpfen, auf die sich die Strategie der nigerianischen Regierung derzeit beschränkt.

In Nigeria leben die meisten Muslime und Christen friedlich nebeneinander, das ist wichtig zu betonen. Aber es gibt genug Fanatische, um diesen Frieden auch außerhalb der derzeit betroffenen nördlichen Provinzen zu gefährden. Im Juni appellierte Papst Benedikt XVI. an die Mörder, die Attacken „sofort zu beenden“. Nigeria müsse eine Gesellschaft formen, in der das Recht auf den eigenen Glauben „vollständig geschützt“ sei.

Die erste Hälfte ihres Lebens haben Wuye und Ashafa gegen dieses Recht gekämpft. Ashafa predigte die Ermordung von Anhängern christlicher Jugendgruppen. Als konservativer Imam in der 13. Generation hasste er Christen wie Wuye, der ebenfalls aus einer Familie mit tief verwurzeltem Glauben stammte. Der schnell in einer einflussreichen evangelikalen Kirche Karriere machte. Der früh eine Gemeinde übernahm. Die beiden kennen sich seit den 80er-Jahren, hetzten in Zeitungsartikeln und eigenen Fernseh-Sendungen gegeneinander. „Wenn es damals zum Kampf gekommen wäre, hätten wir den Tod des anderen in Kauf genommen“, hatte Ashafa während des Interviews vor zwei Jahren gesagt.

Beide waren dem Grundsatz „Auge um Auge“ so lange gefolgt, bis sie blind waren. Mehrere Cousins von Ashafa wurden bei Kämpfen mit Christen getötet. Auch Wuye verlor Verwandte – und seinen rechten Unterarm. Anfang der 90er-Jahre stellte er sich jungen Muslimen entgegen, die seine Kirche in Kaduna niederbrennen wollten. Vergeblich. Wuye verlor nicht nur die Kirche, sondern auch beinahe das Leben. Ein Angreifer hatte mit einer Machete zugeschlagen. Der Geistliche verlor viel Blut, überlebte knapp.

Irgendwann war der Respekt da

1995 traf er Ashafa in einem Hotel in Kaduna. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef und internationale Diplomaten hatten das Treffen mit der Hilfe von Gemeindeführern vermittelt, nachdem der Konflikt die Verbreitung von lebenswichtigen Impfstoffen an Kinder unmöglich gemacht hatte. Beide hatten lange gezögert, doch schließlich stimmten sie zu, das Wohl der Kinder verband. Wuye reichte seine linke Hand zum Gruß. Was für eine Symbolik, dachte er, ihm fehlte die rechte Hand, die üblicherweise zur Versöhnung gereicht wird. An ihrer Stelle trug der Geistliche eine Prothese.

Es war ein Treffen des gegenseitigen Misstrauens. Auch der Angst. Doch es folgte ein weiteres. Und noch eins. Die Gespräche wurden länger, gingen tiefer und irgendwann war da etwas, was beide für unmöglich gehalten halten – gegenseitiger Respekt. Seit 1996 arbeiten sie nun zusammen, es ist das Geburtsjahr der interreligiösen Begegnungsstätte Interfaith Mediation Centre.

Sie beschreiben die Philosophie des Hauses und seiner 14 fest angestellten Mitarbeiter (sieben Christen, sieben Muslime) als „afrikanische Lösung“. Alle Maßnahmen dienen der Vermeidung von Gewalt. Als im September 2005 die dänische Zeitung Tageszeitung Jyllands-Posten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, drohte im Norden Nigerias ein Flächenbrand. Ashafa und Wuye halfen dabei, die Aggressionen zu reduzieren, indem sie unter anderem innerhalb von Stunden christliche Kirchenführer überredeten, im Fernsehen und Radio die Verunglimpfung des Propheten zu verurteilen.

Um der Theologie des Hasses entgegenzuwirken, die oft in den Schulen und zu Hause gelehrt wird, gründeten sie Friedensclubs an Schulen und Universitäten, an denen Konfliktschlichter ausgebildet werden. Das Zentrum entwickelte ein Unterrichtskonzept, das Schulen dabei helfen soll, den Religionsunterricht von radikalen Ideen frei zu halten. Es wird an über 30 Lehranstalten umgesetzt. „Umprogrammierung“ nennt das Wuye.

Bei einwöchigen Camps diskutieren Jugendliche rivalisierender Gemeinden und Religionen und lernen gemeinsam Fähigkeiten wie das Bedienen von Computern und Buchhaltung. Ein Beitrag gegen Vorurteile, aber auch gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Norden Nigerias, dem idealen Nährboden aller Extremisten. Psychologen helfen nach Anschlägen verletzten Opfern, ihr Trauma zu überwinden. Inzwischen gibt es Büros in drei Provinzen sowie ein Netzwerk Tausender Freiwilliger, Wuye und Ashafa haben ihr Konzept in über einem Dutzend Ländern mit religiöser Gewalt vorgestellt. Sie unterstützten Organisationen in Ruanda, Burundi und Sudan, aber auch in Nordirland und den USA.

„Am Ende landen wir immer wieder bei der Armut“

An wenigen Orten aber ist die Situation so komplex wie in Nigeria. Die Bevölkerung teilt sich zu beinahe gleichen Teilen in Christen und Muslime auf. Neun von zehn Nigerianern beten jeden Tag, Religion bedeutet hier auch Geld und Einfluss. „In Nigeria ist es üblich, alles mit Religion in Verbindung zu bringen“, sagt Wuye. Dabei gehe es bei diesem Konflikt längst nicht nur um religiösen Fanatismus. „Es geht um Armut, rivalisierende Politiker und Rivalität um Land.“ Die Massaker im nahe gelegenen Jos kamen zustande, weil muslimische Nomaden aus dem Norden von Dürren und mangelnder Weidefläche in den Süden gedrängt worden waren. Dort rivalisieren sie zunehmend mit meist christlichen Farmern um das Land.

Gleichzeitig konzentriert sich die nigerianische Wirtschaft zunehmend auf die Rohstoffindustrie. Das Land ist der achtgrößte Erdölproduzent der Welt, Branchen wie die Landwirtschaft aber werden so an den Rand gedrängt. Daher gewinnen Jobs in den lokalen Regierungen und Verwaltungen immer mehr an Bedeutung. Sie vergeben „Eingeborenen-Zertifikate“, die für die Vergabe lukrativer Regierungsaufträge elementar ist. Über die Besetzung der jeweiligen Posten in den Behörden gibt es immer wieder Streit zwischen ethnischen Gruppen. Oft ist das entscheidender als die unterschiedliche Religion. „Am Ende“, sagt Wuye am Telefon, „landen wir immer wieder bei der Armut.“

Armut führt nicht zwingend zu fehlgeleitetem Glauben, so wie Wohlstand nicht zwingend zur religiösen Vernunft führt. Doch sie macht anfälliger für Beeinflussungen und damit die Arbeit von Wuye und Ashafa schwierig. Oft wissen sie ja selbst nicht, wie sie die Rechnungen für die Arbeit des Zentrums bezahlen sollen, die internationalen Spenden sind wertvoll, aber knapp. „Wenn wir die Ressourcen hätten, unsere 10.000 Freiwilligen für Arbeit in Gegenden einzusetzen, würden wir unser Netzwerk innerhalb von Monaten vervielfachen“, glaubt Wuye. „Wir könnten einen noch größeren Beitrag leisten.“

Dann muss er das Gespräch beenden. Die Arbeitstage werden derzeit lang, das sind sie immer, aber vor Weihnachten besonders. Gerade zu dieser Jahreszeit gab es während der vergangenen Jahre viele Anschläge. Trotzdem: „Die Leute freuen sich auf dieses Fest“, sagt Wuye, „sie werden in die Kirchen kommen.“

Christian Putsch

Quelle (WELT 9.12.12): http://www.welt.de/politik/ausland/article111895764/Wenn-Du-Muslim-wirst-lassen-wir-Dich-leben.html

Christen im Norden Nigerias brutal ermordet

BildSeit Jahren tobt ein erbitterter  Religionskrieg im Norden Nigerias. Darunter leiden müssen vor allem die armen Bauern, deren Häuser und Ställe niedergebrannt werden.  Foto: AFP

Mutmaßliche Islamisten haben in Nigeria einen brutalen Feldzug gestartet. Laut Augenzeugen fielen die Männer in Chibok ein, brannten Kirchen und Häuser nieder und massakrierten die Bewohner. Seit Jahren kämpfen Rebellen im Norden Nigerias gewaltsam für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats.

Mutmaßliche Islamisten haben in Nigeria erneut Christen auf brutale Weise getötet. Bei einem Angriff in der Stadt Chibok im Norden des Landes schnitten Angreifer zehn Menschen die Kehlen durch, wie Gemeindevertreter und Augenzeugen sagten. Zuvor hatten mutmaßliche Kämpfer der radikalislamischen Sekte Boko Haram bereits drei christliche Kirchen und mehrere staatliche Einrichtungen an der Grenze zu Kamerun niedergebrannt.

Die mutmaßlich islamistischen Angreifer seien unter Allah Akbar-Rufen (Gott ist groß) in mehrere Häuser gestürmt und hätten die Bewohner massakriert, sagte einer der Gemeindevertreter, der anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AFP. Die Angreifer hätten ihre Opfer „wie Schafe“ abgeschlachtet.
In dem Stadtteil Chibok, wo sich das Massaker demnach ereignete, leben mehrheitlich Christen. „Wer sonst als Mitglieder der (islamistischen Sekte) Boko Haram würde in Häuser gehen und die Kehlen von zehn Menschen aufschlitzen“, sagte ein anderer Vertreter. Zunächst bekannt sich niemand zu der Attacke. Chibok liegt rund 70 Kilometer von der Boko-Haram-Hochburg Maiduguri entfernt.

Ein Einwohner des Viertels Myan, Ezekiel Damina berichtete, die Häuser der Opfer seien „mit großer Genauigkeit“ ausgewählt worden. Anschließend seien die Häuser in Brand gesetzt worden. Die Angreifer hätten alles verwüstet.

Einwanderungsbehörde und Zoll angegriffen

Bereits am Morgen hatten etwa 50 Kämpfer christliche und staatliche Einrichtungen in der Stadt Gamboru Ngala im Nordosten angegriffen, sagten Einwohner der Nachrichtenagentur AFP. Ziel der Attacken waren demnach die Einwanderungsbehörde, der Zoll und die Geheimpolizei. Ob in den Kirchen zum Zeitpunkt der Angriffe Menschen versammelt gewesen seien, konnte zunächst niemand sagen. Polizei und Armee in der etwa 140 Kilometer nördlich von Maiduguri gelegenen Stadt waren nicht erreichbar.

„Auf meinem Weg aus der Stadt heraus habe ich die Leichen von zwei Polizisten gesehen“, sagte ein Bewohner Gamboru Ngalas. Ein zweiter Einwohner bestätigte dies und sagte, eine der Leichen habe am Straßenrand gelegen und die zweite in einem Polizeiwagen gesessen. Die Straßen der Stadt seien nach dem Angriff menschenleer gewesen, viele Menschen in Nachbardörfer oder über die Grenze nach Kamerun geflohen. Auch zu diesen Angriffen bekannte sich zunächst niemand.
Im muslimisch geprägten Norden Nigerias kämpfen Boko-Haram-Rebellen seit Jahren gewaltsam für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats. Die Gruppe wird für zahlreiche Anschläge auf Behörden, Polizei und Kirchen verantwortlich gemacht. Erst am vergangenen Sonntag waren in der nordnigerianischen Stadt Jaji bei zwei Selbstmordanschlägen auf eine Kirche mehrere Menschen getötet worden. (afp)

Quelle (FR 02.12.12): http://www.fr-online.de/politik/massaker-in-nigeria-christen-im-norden-nigerias-brutal-ermordet,1472596,21019818.html

Nigeria: Erneut Unruhen in Jos

Seit Tagen berichten wir auf unserer Homepage über die jüngsten Ereignisse in Jos. In der Hauptstadt des Plateau State in Zentralnigeria kam es seit vergangenem Sonntag zu blutigen Zusammenstößen zwischen Muslimen und Christen. Dabei sollen 460 Menschen getötet worden sein. Unsere Mitarbeiter vor Ort bitten uns dringend, weltweit zum Gebet aufzurufen. „Die Kämpfe haben aufgehört“, so ein Mitarbeiter, „Aber in den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob sich die Lage wirklich beruhigt hat. Dann nämlich, wenn die Menschen in ihre Häuser zurückkehren.“

Muslime greifen Kirche an

Nach Polizeiaussagen griff am 17. Januar eine Gruppe junger Muslime während eines Gottesdienstes Christen der katholischen St. Michael-Gemeinde im Stadtviertel Nasarawa Gwong an. Wie Pastor Chuwang Avou von der Christian Association von Nigeria berichtete, haben mehrere Männer eine Frau verfolgt, die den Gottesdienst besuchte. „Niemand weiß bislang, was sie getan hat“, so Avou. „Einige Männer drangen in die Kirche ein und begannen die Einrichtung zu zerstören und anzuzünden.“ In den folgenden Tagen griffen Radikale mehrere Kirchen und christliche Einrichtungen an.

17.000 Menschen auf der Flucht
Führende Muslime der Region weisen die Behauptung zurück, Muslime seien für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. Sie beschuldigen junge Christen, einen Muslim am Wiederaufbau seines Hauses gehindert zu haben. Über die Zahl der Toten und Verletzten gibt es unterschiedliche Angaben. Wie die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA berichtete, sollen mindestens 460 Menschen ums Leben gekommen sein. Das Rote Kreuz spricht von etwa 990 schwer verletzten Personen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Etwa 17.000 seien vor der Gewalt geflohen, so IDEA. Der Informationsdienst Compass Direct meldete, dass Einrichtungen der „Christ Apostolic Church“, der „Assemblies of God Church“ und drei Gebäude der „Kirche von Nigeria“ zerstört wurden ebenso wie zwei Gebäude der Evangelischen Kirche von Westafrika. Derzeit haben die Sicherheitskräfte die Situation unter Kontrolle. 35 Personen sollen festgenommen worden sein. In Jos kam es in der Vergangenheit wiederholt, zuletzt im November 2008, zu blutigen Angriffen auf Christen.

via Open Doors

Es ist immer schwierig, wenn in einem Bericht steht: „die“ Moslems, „die“ Christen. So wie ja im Nordirland-Konflikt immer von „den“ Protestanten gegen „die“ Katholiken berichtet wurde. Die Kontrahenten in diesem Konflikt waren so wenig protestantisch oder katholisch wie ich chinesisch bin – wenn man es vom Glauben her betrachtet.

Hier werden die Begriffe eher als Bezeichnung für eine Volksgruppe benutzt, die protestantischen Engländer und die katholischen Iren und nicht für an Gott glaubende Leute, die sich wegen ihres (unterschiedlichen) Glaubens die Köpfe einschlagen.

Das muss man sicherlich berücksichtigen, wenn man obigen Bericht liest. Aber ich denke schon, dass es hier mehr um den Glauben geht. Die Christen werden (teilweise systematisch) verfolgt, misshandelt und getötet, weil sie gläubige Christen sind.