• Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. -
    Thomas Mann

    "An appeaser is one who feeds a crocodile - hoping it will eat him last." (W.Churchill)

    Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt.
    Benjamin Disraeli

    Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.
    Friedrich Hebbel

    Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand!
    Max Frisch

    „Ich für meinen Teil bin der Meinung, dass es nicht zum Begriff der Demokratie gehört, dass sie selber die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft …
    Man muss in einer Demokratie auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber haben, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie zu beseitigen!”
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Die letzten Jünger

Gläubige werden verfolgt, Kirchen zerstört: Ist im Nahen Osten nach den arabischen Revolutionen noch Platz für die christliche Minderheit? Eine Reise zu Gläubigen in Ägypten, der Türkei und Palästina.

© Jörg Lau für die ZEIT

In der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der TürkeiIn der Einsamkeit: Mönch vor dem Aufgang zum Kloster Mor Augin in der Türkei

Nur ein paar Sekunden, und Fady wäre zum Märtyrer geworden. Hätte er in der Neujahrsnacht bloß ein paar Sekunden früher die Messe verlassen, wäre er heute eines jener 22 Bombenopfer, die von monumentalen Plakaten an der Markuskirche und der Petrikirche auf die Lebenden herunterlächeln. Mithilfe digitaler Bildbearbeitung hat man sie in weiße Kleider gehüllt und ihnen goldene Kronen aufgesetzt.

Die Bombe explodierte damals direkt vor der Kirche. Die Umgekommenen sind heute Heilige für die koptischen Christen Ägyptens. Ihre Überreste – Knochensplitter, Haare, blutbefleckte Kleidungsfetzen – werden in einer Kirche in der Nähe des Strandes von Alexandria ausgestellt. Pilger berühren die Reliquienschreine und beten. Sie kritzeln Wünsche auf kleine Zettel und stecken sie hinein. Fady tut das auch. Er ist 20 Jahre, trägt Jeans, ein schrilles T-Shirt. Ein ganz normaler Student der Betriebswirtschaft. Doch er kann sich nicht mehr richtig bewegen. Vor einem Jahr ist er mit dem Leben davongekommen, aber die Detonation zertrümmerte sein linkes Bein und verbrannte ihm die Hände.

Fady M., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung gedruckt haben möchte, ist ein verfolgter Christ. Dem aufgeklärten Kirchgänger des Westens dürfte schon der Begriff Christenverfolgung unangenehm sein. Aber es gibt tatsächlich wieder Christen, die ihres Glaubens wegen ihr Leben lassen. In Europa wird das Christentum selbstkritisch mit Macht, Reichtum, Imperialismus und Kolonialismus assoziiert. Doch im Nahen Osten, an den ältesten Stätten ihrer Religion, den historischen Orten der Urgemeinde, sind Christen heute unter Druck, verletzlich, schwach – und in Gefahr. Am Schicksal der christlichen Minderheiten in Ägypten, im Irak, in Syrien und anderswo wird sich zeigen, wie human und tolerant die demokratiehungrigen islamischen Gesellschaften sind.

In Kairo wurden vor einem Jahr koptische Demonstranten von Sicherheitskräften niedergewalzt. Sie hatten vor dem Gebäude des ägyptischen Fernsehens gegen die Drangsalierung einer Gemeinde im Süden des Landes protestiert. 28 Menschen starben, Hunderte wurden schwer verletzt. Täglich werden seither Christen entführt und Kirchen angegriffen. Das Neueste ist, dass koptische Intellektuelle wegen »Blasphemie« eingesperrt werden, wenn sie den Islam kritisieren.

Die Christen gehören zu den Verlieren der arabischen Revolutionen. Wer sie besucht, findet Menschen im Ausnahmezustand vor – schwankend zwischen Panik und trotzigem Gottvertrauen, hin- und hergerissen zwischen Angriffslust und Fluchtplänen.

Dass einer wie Fady seines Lebens nicht sicher sein kann, verdunkelt das Bild vom arabischen Völkerfrühling. Fady gehört selber zur Generation der Tahrir-Revolutionäre: Er ist auf Facebook aktiv, besitzt ein Smartphone und twittert. Seine Lebensträume unterscheiden sich in nichts von denen anderer 20-Jähriger. Aber für ihn werden sie sich in Ägypten nicht erfüllen. Er ist auf dem Absprung, wie viele andere junge Christen.

Heute ist er zur Kirche gekommen, um Anba Damian zu treffen, den Bischof der Kopten in Deutschland. Der hat Fady gleich nach dem Anschlag in eine Münchner Klinik fliegen lassen. Die Ärzte konnten das Bein retten, aber es ist jetzt steif und zu kurz. Fady muss humpeln. Er will noch einmal nach München, »damit sie es richtig machen«. Der Bischof hört Fady an. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal hilft. Es sind zu viele, die auf den Geistlichen aus Deutschland hoffen. Der Mittfünfziger mit der Kappe mit den zwölf aufgestickten Kreuzen wird förmlich umdrängt von Überlebenden des Anschlags. Alle strecken ihm ihre Krankenakten entgegen. Alle wollen nach Deutschland. Zur medizinischen Behandlung, und am liebsten für immer.

Dabei ist der Bischof gar nicht der Überlebenden wegen da, sondern weil die Kopten einen neuen Papst wählen. Was Damian in der Synode außerdem entscheiden muss, betrifft alle Christen im Nahen Osten: Wie sollen sie auf den Verfolgungsdruck reagieren? Die alten Schutzherren, die Diktatoren, mit denen sie sich notgedrungen arrangiert hatten, sind von den Massen hinweggefegt worden. Der Islam drängt an die Macht. Und die Frage kommt: Können die Christen sich mit den neuen Machthabern arrangieren? Sollen die Kopten für einen säkularen Staat kämpfen, obwohl das kaum Chancen hat? Oder ist es klüger, sich hinter Kirchenmauern zu verschanzen?

In Ägypten entscheidet sich das Schicksal aller Christen im Nahen Osten. Die Kopten sind hier mit acht von insgesamt 14 Millionen Christen bei Weitem die größte Kirche. Alexandria, die einst kosmopolitische Stadt am Mittelmeer, ist das Zentrum der Koptisch-Orthodoxen Kirche. Aber sie ist auch Geburtsort der Salafisten, jener Radikalgläubigen, die mit Macht das archaische islamische Rechtssystem der Scharia durchzusetzen versuchen. Alexandria war früher auch Heimat der größten jüdischen Gemeinde der arabischen Welt. 80.000 Juden waren es vor 1948, kaum ein Dutzend sind heute noch übrig. Die Christen halten das für ein Zeichen. Für kein gutes.

An der heruntergekommenen Promenade Alexandrias ist der mondäne Glanz alter Zeiten nur mehr zu ahnen. Die wenigen Frauen am Strand tragen »Burkinis«, weit geschnittene Vollkörperbadeanzüge. »Schauen Sie, auch das Meer haben sie schon islamisiert«, sagt Anba Damian kopfschüttelnd. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal sagen würde, Ägypten braucht weniger Religion. Aber wir ersticken unter demonstrativer Religiosität. Luft, Wasser, Sand, Kleidung, Essen, Geld – alles wird hier von Heiligem vereinnahmt.« Die Christen reagieren auf die Islamisierung. Sie lassen sich ihrerseits Kreuze, Madonnen und Ikonen auf den Körper tätowieren. Die Gesellschaft zerfällt: Die Christen werden ausgegrenzt und ziehen sich gleichzeitig in ihr Ghetto zurück. Fast täglich kommt es zu Übergriffen durch einen religiös aufgeheizten Mob, der Christinnen in der U-Bahn, auf der Straße oder in der Schule gewaltsam die unbedeckten Haare abschneidet.

Inzwischen haben die Christen die Hoffnung verloren, durch eine Politik der leisen Töne etwas zu erreichen. Der Bischof spricht offen von Bedrohung:

»Es gibt hier Leute, die uns vertreiben wollen. Die Juden sind schon weg. Sollen wir die Nächsten sein? Jeden Tag passieren hier Dinge, die den Christen Angst machen. Und so gut wie nie werden die Täter zur Rechenschaft gezogen.«

Christen gelten als Kollaborateure der alten Unterdrücker. Das schürt den Hass doppelt. Die Islamisten haben jetzt die Deutungshoheit über die ganze Region. Sie haben auch die demokratische Legitimation – aber, sagt Bischof Damian:

»Demokratie ist mehr als Herrschaft der Mehrheit.«

Eine Mehrheit, die der Minderheit keinen Raum gönnt, sei nicht demokratisch, sondern totalitär. Er tritt seine Heimreise nach Deutschland voll Sorge an: »Die Welt hört die einzelnen Schreckensmeldungen. Aber niemand erkennt das Muster. Wir waren Jahrhunderte vor dem Islam hier. Und jetzt werden wir behandelt wie Fremde.« Und er fragt sich: Wie lange wird es noch Christen geben in Ägypten?

Türkei

Als die Muslime aus der Nachbarschaft plötzlich behaupteten, auf dem Gelände des Klosters Mor Abraham habe früher eine Moschee gestanden, wurde Jakop Gabriel klar, dass dies mehr war als das übliche Gezänk um Land und Weiderechte.

»Die Behauptung war bizarr«, sagt Jakop. »Unser Kloster ist 200 Jahre älter als der ganze Islam. Die wahre Botschaft der Nachbarn ist: Ihr Christen gehört hier nicht hierher, und wir geben keine Ruhe, bis ihr verschwunden seid.«

Der Streit liegt vier Jahre zurück, Jakop Gabriel ist immer noch da. Er hat sogar neue Pläne. Der Mittfünfziger ist Geschäftsmann und verfolgt eine Mission. Vor 30 Jahren ist er in die Schweiz gezogen, weil die Lage in seiner Heimat unerträglich wurde. Die türkische Armee bekämpfte damals kurdische Rebellen, und die Christen gerieten zwischen die Fronten. So wie Gabriel wanderten viele türkische Christen aus; durch diesen Exodus entstanden neue Gemeinden in Deutschland, Schweden, den Niederlanden und der Schweiz. Jakop kam als Goldschmied zu Wohlstand. Er versprach seiner Frau, mit 40 Jahren nach Midyat heimzukehren, und er hat sein Versprechen gehalten. Jakop Gabriel – türkischer Bürger, aramäischer Christ und irgendwie auch Schweizer – ist jetzt wieder zu Hause in der kurdischen Kleinstadt Midyat im äußersten Südosten der Türkei, zwischen dem Tigris und der syrischen Grenze. Und er gibt nicht nach.

Nicht weit entfernt liegt der Tur Abdin, der »Berg der Gottesknechte« – so heißt auch die ganze Landschaft in der Sprache der syrisch-orthodoxen Christen. Sie nennen sich selber Aramäer. In ihren Gottesdiensten erklingt noch eine Variante des biblischen Aramäisch, der Sprache Jesu. Im Alltag spricht man Toroyo, einen aramäischen Dialekt, der mit dem Hebräischen verwandt ist.

Weil die Aramäer nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, dürfen sie ihre Sprache nicht unterrichten. Sie tun es in den Sonntagsschulen trotzdem. Auch ihre Kirchen – einige davon gehören zu den ältesten des Christentums – dürfen sie nicht reparieren. Kaum mehr als 2.000 Aramäer sind in der Türkei noch übrig. Wie groß die Diaspora in Europa ist, kann niemand sagen. Die größte deutsche Gemeinde in Gütersloh hat 13.000 Mitglieder.

Jakop hofft jetzt, dass alle Aramäer aus Deutschland recht bald anreisen, denn er hat ein Hotel. Es heißt wie die Gegend, »Tur Abdin«, Jakop hat es vor ein paar Monaten gleich neben dem alten Kloster Mor Abraham eröffnet. Das Haus aus kunstvoll behauenem Sandstein ist Jakops Manifest. Jeder Raum trägt den Namen eines Dorfes, aus dem die Christen 1915, im »Jahr des Schwertes«, vertrieben wurden: Aynwardo, Kafro, Hah, Sare, Bekusyone. Heute kehren ihre Nachkommen zurück – als Heimwehtouristen. Sie wohnen in Jakops Hotel. Und manche bleiben für immer.

Das ist Jakops Mission: Die Aramäer sollen heimkommen in den Tur Abdin. Das Hotel ist der Brückenkopf seiner Operation: »Die Türken haben uns vertrieben, damit wir versprengt sind. Aber wir haben uns in Europa erst wirklich gefunden. Jetzt kehren wir zurück, damit auf dem Berg der Gottesknechte die Glocken wieder läuten.« Früher gab es im Kloster Mor Gabriel (»Heiliger Gabriel«) Hunderte Mönche, jetzt sind es nur noch drei, plus 14 Nonnen. Aramäer aus der ganzen Welt pilgern hierher. Es ist ihr »zweites Jerusalem«.

Im Juli 2012 entschied das Berufungsgericht in Ankara, dass ein großer Teil der Ländereien des Klosters an den türkischen Staat fallen solle. Schon 2008 hatten die umliegenden Dörfer und staatliche Behörden angefangen, gegen das Kloster zu prozessieren. Drei muslimische Nachbargemeinden begehren Teile des Geländes als Weidegrund für ihre Herden. In den ersten Instanzen gewannen die Mönche und Nonnen. Bis das Gerücht aufkam, das Kloster stehe auf den Fundamenten einer alten Moschee und Jugendliche würden dort »missioniert«. Beide Vorwürfe sind abwegig. Die Klage wurde vom örtlichen Amtsgericht deshalb auch abgewiesen. Da plötzlich schalteten sich das Finanzamt und das Forstamt ein. Die umkämpften Teile des Klosterbesitzes wurden kurzerhand zum »Wald« erklärt – sie werden damit nach türkischem Recht automatisch Eigentum des Staates. Dass der »Wald« aus Sträuchern, Weinreben und von den Nonnen angepflanzten Olivenbäumen besteht, kümmerte das Gericht in Ankara nicht. Das Kloster hat inzwischen in der Türkei alle Rechtsmittel ausgeschöpft, es hofft jetzt auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Jakop Gabriel sitzt auf der Terrasse seines Hotels und fährt mit dem Finger auf der Karte des Tur Abdin hin und her: »Schauen Sie, wie Mor Gabriel hier alles zusammenhält. Das ganze Netz unserer alten Dörfer ist auf das Kloster ausgerichtet. Fällt das Kloster, verlieren die Christen ihren Halt.« Die Prozesse gegen Mor Gabriel sind in seinen Augen nichts als die »Vollendung des Genozids mit anderen Mitteln«. Das Jahr 1915 – das »Jahr des Schwertes« – ist bei den Christen bis heute unvergessen. Die Osmanen vertrieben und ermordeten einen Teil der armenischen Minderheit, darunter auch eine halbe Million syrisch-orthodoxer Christen. Für die Enkel und Urenkel ist die Vergangenheit bis heute nicht vergangen.

Auch Jakop Gabriel kann sich aus der Erinnerung an alte Gräuel nicht befreien. Die Gefährdung des Klosters füttert die alten Ängste: »Schauen Sie sich unsere Dörfer an: In Hasankeyf gab es keine Überlebenden. In Aynwardo sind die Menschen in ihrer eigenen Kirche ausgehungert worden. In Zaz wurden alle massakriert. In Kerburan haben sie die Babys von den Dächern geworfen. Das sind die Geschichten, mit denen wir hier aufgewachsen sind. Die ganze Gegend hier ist ein Killing Field.«

Zurzeit beherbergt das Kloster Mor Abraham wieder verfolgte Christen: Seit drei Monaten hat hier eine vierköpfige Familie Zuflucht gefunden. Sie ist aus Kamischli geflohen, das nur 30 Kilometer entfernt in Syrien liegt. Der Vater, ein Mann Mitte fünfzig, fürchtet Repressalien durch das Assad-Regime und gleichzeitig den Hass islamistischer Befreiungskämpfer, die gegen Christen als Ungläubige und Kollaborateure hetzen.

»Sie sagen, wir waren Nutznießer des Regimes. Die Wahrheit ist: Wir stören sie, weil wir der totalen Islamisierung des Landes im Weg stehen. Ich fürchte, es droht ein Exodus der Christen aus Syrien wie aus dem Irak.«

Der Mann war Rechtsanwalt in Syrien, seine Frau war Lehrerin. Die beiden Töchter sind im Teenageralter.

Die Wohnung in Kamischli hat der Familienvater abgeschlossen, den gesamten Familienbesitz zurückgelassen. Ein Cousin soll aufpassen. Aber der ist auch Christ und wird wohl nicht mehr lange bleiben. Dann ist alles verloren, und für die Familie gibt es kein Zurück.

Also werden sie weiterziehen, falls sie für irgendein Land ein Visum bekommen. Sie werden zu den Millionen orientalischer Christen stoßen, die bereits im Westen sind. Jakop Gabriel dagegen wird am Fuße des Gottesberges die Stellung halten: Ein zweites Mal wird er nicht weichen.

Palästina

Als David Canaan Khoury, der damals in Boston lebte, 1994 vom Erfolg der Osloer Friedensverhandlungen erfuhr, begann es in ihm zu rumoren. Sollte es wirklich bald einen eigenen palästinensischen Staat geben? Da wird man uns Christen brauchen, dachte er. Er musste sofort zurück nach Taybeh, ins Dorf seiner Väter, auf dem höchsten Punkt des Westjordanlands. David Khoury fragte sich: »Was braucht eine Nation?« Und fand auch bald die Antwort: »Eine Hymne, eine Fußballmannschaft und ein Bier.«

18 Jahre später ist der Staat Palästina immer noch nichts weiter als eine Hoffnung. Doch in Taybeh, nicht weit von Ramallah, gibt es das beste Bier des Nahen Ostens. Es trägt den Namen »Taybeh Golden« und wird von Davids Bruder Nadim gebraut – nach dem deutschen Reinheitsgebot mit Gerste aus Bayern, Hopfen und Malz aus Tschechien und Hefe aus England. Weil das Bier danach schmeckt, feiern sie seit ein paar Jahren in Taybeh auch »Oktoberfest«, mit Musik und Tanz.

Taybeh ist das letzte christliche Dorf in Palästina. Auf einer Höhe von fast 1.000 Metern recken drei Kirchtürme ihre Kreuze in den blauen Himmel. Von dort kann man herunterschauen auf die muslimischen Nachbardörfer und den Ring jüdischer Siedlungen. Bei gutem Wetter kann man sogar Jerusalem sehen. Hinfahren kann man nicht. Seit dem blutigen Aufstand der Zweiten Intifada gibt es für Palästinenser aus der Westjordanland keine Passierscheine mehr für die Heilige Stadt. Die Christen haften mit für den islamistischen Terror. Dabei wollen die Dschihadisten nicht nur die Juden, sondern auch die Christen aus dem Land vertreiben. David Khoury ist seit sieben Jahren nicht nur Brau-, sondern auch der Bürgermeister der 1.200 verbliebenen Christen von Taybeh. Seine Familie hatte das Dorf verlassen müssen, als die israelische Armee 1967 im Sechstagekrieg das Westjordanland besetzte. Er wurde in Boston Ingenieur und brachte es mit Immobilien zu Wohlstand. Die alte Heimat blieb als dumpfer Schmerz in der Brust. Doch nie hätte Khoury sich damals vorstellen können, dass er zurückkehren und Politiker werden würde. Heute ist sein kleines Büro in der Dorfverwaltung mit Bildern von Jassir Arafat und Mahmud Abbas geschmückt. Er ist Beamter der Palästinensischen Autonomiebehörde: »Es leben mehr Christen aus Taybeh in Dearborn, Michigan, als hier bei uns. Und immer noch ziehen welche weg, weil ihnen das Leben unter der Besatzung zu schwer wird. Ich kaufe dann die Grundstücke, damit sich die Muslime aus den Nachbardörfern und die jüdischen Siedler nicht hier festsetzen.«

In Taybeh muss keine Frau ein Kopftuch tragen. Die Regierung unter der gemäßigten Fatah-Partei in Ramallah unterstützt Khoury. Sie will die Christen im Land halten. Wenn eines Tages auch hier die Islamisten von Hamas an die Macht kämen, wäre es damit vorbei.

Die Bewohner von Taybeh sind stolz, dass ihr Dorf sogar im Neuen Testament erwähnt wird. Allerdings kommt es im Alten Testament auch schon vor – darauf pochen die radikalen jüdischen Siedler vom Hügel gegenüber. Sie beanspruchen das gesamte historische Judäa, das genau bei Taybeh ans biblische Samaria grenzt. Ihre um sich greifenden Orte schnüren die palästinensischen Dörfer immer weiter ein. Die Siedler haben moderne Straßen, auf denen sie in 20 Minuten von hier nach Jerusalem brausen. Palästinenser dürfen auf diesen Straßen nicht fahren, sie müssen die schlechten, umständlichen Wege durchs biblische Gelände nehmen. Und wenn sie dann noch in einen der unangekündigten »fliegenden Checkpoints« der israelischen Armee geraten, dauert die Fahrt nach Ramallah statt einer Viertelstunde einen Tag. David Khourys Bier wird auf diesen teuren Umwegen exportiert. Fast ein Drittel davon nach Israel, wo coole Tel Aviver Bars Taybeh Golden als Spezialität anbieten. »Drink for Freedom. Taste the Revolution« lautet der Werbespruch. Die Konsumenten ahnen nicht, was sie da trinken.

Vor sieben Jahren entkamen David Khoury und seine Frau Maria nur knapp dem Tod. Davids Cousin stand im Verdacht, eine Affäre mit einer Muslimin aus dem Nachbardorf zu haben. Die Schwangere wurde von Mitgliedern ihres eigenen Clans ermordet, weil sie mit dem Christen aus Taybeh »Schande« über ihre Familie gebracht haben sollte. Ein aufgebrachter Mob aus Nachbarn zog 2005 in einer Septembernacht durch Taybeh. Vierzehn Häuser wurden gebrandschatzt; in letzter Minute konnte die Polizei die Wütenden daran hindern, auch die Brauerei und das Haus der Khourys anzustecken. Das war nicht der letzte bedrohliche Angriff: Vor zwei Jahren haben Unbekannte auf Khoury geschossen, als er sich in seiner Küche einen Kaffee machte. Und einmal wurde sein Auto nachts vor dem eigenen Haus abgefackelt. David Khoury könnte morgen weggehen, er hat noch immer Immobilien in Amerika, von denen sich gut leben ließe. Aber er denkt nicht daran. Lieber steckt er sein ganzes Geld in die Brauerei.

Die Taybeh-Brauerei bietet jetzt sogar vier verschiedene Biersorten an: Ein dunkles, ein bitteres und ein alkoholfreies sind zum Golden noch hinzugekommen. Braucht ein Staat Palästina wirklich vier Biere? 98,5 Prozent seiner Bewohner sind Muslime, die keinen Alkohol trinken dürfen. »Das ist richtig«, sagt Khoury verschmitzt, »aber es halten sich nicht alle dran. Jedes Mal im Fastenmonat Ramadan bricht unser Absatz beim Bier ein.« Nun ist auch noch ist Davids Nichte Madees Khoury in den Betrieb eingestiegen. »Sie ist die erste arabische Bierbrauerin überhaupt«, sagt der Onkel voller Stolz: »Unser Bier ist unser Widerstand mit friedlichen Mitteln.«

Quelle: http://www.zeit.de/2012/52/Christen-Minderheit-Nahost/komplettansicht

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Volker Kauder: Über Christenverfolgung nicht schweigen

Volker Kauder

Über Christenverfolgung nicht schweigen

Christen haben weltweit am stärksten unter Bedrängnis und Verfolgung zu leiden. Doch diese erschreckende Tatsache ist durch die Medien in Deutschland, von den Kirchen, aber auch in der deutschen Öffentlichkeit lange nicht wirklich wahrgenommen worden. Dabei gibt es Schätzungen, dass Christen zunehmend von Diskriminierung, Bedrängnis und Gewalt betroffen sind. Manche Organisationen sprechen für das Jahr 2009 bereits von etwa 100 Millionen betroffenen Menschen.

Benachteiligung, Bedrängnis und Verfolgung gehen vielfach ineinander über und lassen sich in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern beobachten.

Christliche Konvertiten im Iran und anderen islamisch geprägten Ländern, Christen in den Nuba-Bergen im Sudan, aber auch evangelikale Christen in Eritrea sind aufgrund ihres Bekenntnisses direkt vom Tode bedroht. Terroristen wie die „Boko Haram“ in Nigeria oder die al-Shabaab- Milizen in Kenia zerstören gezielt Kirchen und töten Gottesdienstbesucher. In den Wirren, die der „Arabische Frühling“ nach sich gezogen hat, stehen die traditionellen christlichen Minderheiten vielfach auf der Seite der Verlierer. Sie sehen sich isoliert und aufgrund ihrer Religion benachteiligt. Viele fliehen aus den für sie zunehmend unsicheren Staaten wie Ägypten, aber auch aus Syrien. Gerade in Syrien besteht die Gefahr, dass die christlichen Gemeinden, die etwa 10 % der Bevölkerung stellen, so wie es schon zuvor im Irak der Fall war, zwischen die Fronten geraten. In autoritären Regimen wie der Volksrepublik China, aber auch in Demokratien wie der Türkei, finden sich Christen ganz offen drangsaliert und benachteiligt. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Wer gegen die Benachteiligung, Drangsalierung und Verfolgung von Christen aktiv werden will, muss dies in einer zunehmend säkularen Gesellschaft tun, in der der persönliche Bezug zur Religion immer mehr abnimmt. Damit hat sich vielfach die Meinung durchgesetzt, Religion sei Privatsache und habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Christen, die in anderen Ländern verfolgt werden, weil sie sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen, scheinen bei einer solchen Sichtweise ihre Probleme selbst verursacht zu haben. Diese Ansicht und das mit ihr verbundene Schweigen zu durchbrechen, ist eine große Herausforderung für verantwortungsbewusste Politik unserer Zeit.

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben die Grundlage unseres Gemeinwesens und unserer Gesellschaftsordnung in einem anderen Geist formuliert. Ausgehend von der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, die neben allen anderen Werten auch die Religion und ihre Freiheit korrumpierten, haben sie die Glaubens- und Gewissensfreiheit weit vorne in Artikel 4 verankert. Ich sehe in der Betonung dieses Freiheitsrechts eine Bestätigung meiner Auffassung, dass es sich bei der Religionsfreiheit um eines der persönlichsten und zentralen Menschenrechte handelt.

Verstöße gegen die freie Ausübung der Religion sind gravierende Eingriffe in den Kernbereich der Persönlichkeitsrechte und zählen zu den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Häufig gehen sie einher mit der Verletzung anderer Grundrechte wie der Meinungs- und der Versammlungsfreiheit, der Unverletzlichkeit der Privatsphäre oder dem besonderen Schutz von Ehe und Familie und der körperlichen Integrität. Im Koalitionsvertrag der christlich-liberalen Koalition wird die werteorientierte und den Menschenrechten verpflichtete Außenpolitik daher als besonderer Schwerpunkt definiert und von der Bundesregierung ausgeführt.

Ich habe bereits vor einiger Zeit in einem Artikel für die Rheinische Post diese Schwerpunktsetzung erläutert: „Die Universalität der Menschenrechte und ins- besondere des Rechts auf Religionsfreiheit müssen wir gegenüber den Staaten, die dieses Menschenrecht verletzen, klar ansprechen. (…) Das Thema Christen- verfolgung muss sensibel, aber ohne falsche Rücksichtnahme behandelt werden. Aus Sorge, die Konflikte mit der islamischen Welt könnten sich verfestigen, wird die Verfolgung von Christen oft nicht offen angesprochen. Diese Tabuisierung ist der falsche Weg.“

Unser Engagement für die Religionsfreiheit ist nur glaubwürdig, wenn es nicht nur für Christen, sondern für alle religiösen Gruppen gilt. So ist es für mich selbstverständlich, dass die in Deutschland lebenden Muslime das Recht auf den Bau von Moscheen haben.

Was das universelle Recht auf freie Ausübung der Religion umfasst, so wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte des Jahres 1948 festgehalten ist, ist schließlich durchaus umstritten. Die Widersprüchlichkeit in der Auslegung des Rechts liegt in einer unterschiedlichen Definition von Religionsfreiheit begründet. Viele islamische Staaten verstehen unter Religionsfreiheit das Recht des Menschen, eine der staatlich anerkannten Religionen zu haben. So gibt etwa der Iran vor, Religionsfreiheit zu schützen und verweist auf die Kirchen der armenischen Minderheit im Land oder auf die kleine jüdische Gemeinschaft. Gleichzeitig verfolgt der Staat Angehörige der Bahai auf brutale Art und Weise: Viele religiöse Führer der Bahai sitzen in iranischen Gefängnissen oder leben im Exil – auch in Deutschland.

Aber auch die Angehörigen der anerkannten Religionen können sich nicht auf die gleichen Rechte berufen wie die muslimische Bevölkerungsmehrheit. Insbesondere ist das Recht auf den Wechsel des Glaubens zu nennen. Während ein Wechsel zum Islam auf unterschiedlichste Weise befördert und gefordert wird, ist ein „Abfall vom Islam“ in der Vorstellung einer großen Minderheit in muslimischen Staaten ein todeswürdiges Verbrechen. Auch hier ist ein Ende des Schweigens über Unrecht dringlich geboten.

Wie erfolgreich die Herstellung einer Öffentlichkeit wirken und was sie für Freiheit und Gerechtigkeit bewirken kann, zeigt der Fall von Pastor Youcef Nadarkhani. Der wegen seiner Konversion zum Christentums zum Tode verurteilte Iraner wurde aufgrund der immer lauter protestierenden internationalen Öffentlichkeit nach drei Jahren Haft schließlich im September 2012 freigelassen. Welche bessere Ermutigung für ein Ende des Schweigens kann es geben?

Volker Kauder (1949) ist seit 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2005 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag. Davor war er u. a. Generalsekretär der CDU Deutschlands. Im August 2012 wurde das von ihm herausgegebene Buch “Verfolgte Christen. Einsatz für die Religionsfreiheit” (Verlag: SCM Hänssler) veröffentlicht.

Quelle: http://kreuz-und-quer.de/2012/11/19/uber-christenverfolgung-nicht-schweigen/

„Wenn Du Muslim wirst, lassen wir Dich leben“

100 Millionen Christen werden weltweit bedroht und diskriminiert, Zehntausende angegriffen und ermordet – sie werden verfolgt wie kaum andere. Ein Zustandsbericht.

<br /> Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad<br />

Foto: dpa Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale in Bagdad

Christen werden weltweit diskriminiert und verfolgt. Die Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ ist ein Hilfswerk für diese Gläubigen. Sie führt in ihrem Weltverfolgungsindex 2011 eine Liste von 50 Ländern an, in denen Christen mit eingeschränkter Religionsfreiheit bis hin zu massiver Unterdrückung und schweren Übergriffen konfrontiert sind. Die Staaten breiten sich auf der Weltkarte betrachtet wie ein Gürtel über Afrika und Asien aus.

Nordkorea führt den Index an; in dem diktatorisch geführten Land haben christliche Gläubige keinerlei Existenzberechtigung. Werden ihre heimlichen Treffen entdeckt, drohen ihnen Gefängnis, Arbeitslager oder die Hinrichtung.

Im Erfassungszeitraum des Indexes wurden Hunderte Christen aus verschiedenen Gründen verhaftet, manche von ihnen getötet oder in politische Arbeitslager deportiert.

Auf Platz zwei folgt der Iran, wo die christlichen Gemeinden immer wieder von Verhaftungswellen erschüttert werden. Gottesdienste werden von der Geheimpolizei überwacht, Bibeln beschlagnahmt und verbrannt.

Ethnische Christen (Armenier und Syrer) sind zwar offiziell als religiöse Minderheit anerkannt, aber auch sie berichten von Verhaftungen, Vernehmungen und Misshandlungen. Es ist ihnen verboten, Christen muslimischer Herkunft zu unterstützen.

Ähnlich dramatisch ist die Lage im drittplatzierten Land auf dem Weltverfolgungsindex, in Afghanistan: Dort gibt es nur sehr wenige Christen, aber sie schweben in ständiger Gefahr. In den vergangenen Jahren kam es zu Verhaftungen; ein christlicher Entwicklungshelfer wurde von Taliban getötet. Einheimische, die ihre Religion nicht geheim halten, werden mit Gewalt oder gar dem Tode bedroht. Viele üben ihren Glauben daher nur noch im Verborgenen aus.

Auf den Plätzen vier bis zehn des Weltverfolgungsindexes folgen Saudi-Arabien, Somalia, Malediven, Jemen, Irak, Usbekistan und Laos. Nach Schätzung von „Open Doors“ leiden global insgesamt rund 100 Millionen Christen unter Verfolgung. Vier Beispiele.

Irak

Erbil, Kurdistan, Irak. „Fünf Tage lang hielten sie mich gefangen, ohne Essen, ohne Wasser. Immer wieder schlugen sie mich. Eines Tages hörte ich, wie sie in den Keller hinunterkamen, in dem ich gefangen gehalten wurde. Plötzlich fühlte ich eine kalte Klinge an meinem Nacken, jemand sagte: ‚Wenn du Muslim wirst, bringen wir dich nicht um.'“

<br /> Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz<br />

Foto: Matilde Gattoni Eine christliche Irakerin betet in der St.-Joseph-Kathedrale den Rosenkranz

Rostom Sefarian, 63 Jahre alt, sitzt in einem Lehnstuhl im Wohnzimmer seines neuen Hauses in Erbil, der Hauptstadt der irakischen Region Kurdistan. Er unterbricht seine Erzählung, kämpft mit den Tränen. Er schluckt ein paar Mal heftig und spricht weiter, mit der Hand umklammert er das Kruzifix, das er auch während seiner Gefangenschaft immer bei sich hatte. „Einmal nahmen sie es und steckten es in eine Flasche mit Urin, ich musste zusehen. ,Soll dir doch das Kreuz jetzt helfen‘, sagten sie und lachten.“

Das war im Juli 2006. Sefarian, ein armenischer Christ, der damals in Mosul im Norden des Irak lebte, war von einer Gruppe islamischer Fundamentalisten gekidnappt worden, als er in seiner Schleifwerkstatt arbeitete. Er war eines der Opfer in einer Serie von Entführungen und Ermordungen von irakischen Christen, die bis heute anhält.

„Die ganze Zeit über hatten sie mir Handschellen angelegt und die Augen verbunden. Ein Sack Kohle war mein Kopfkissen, für meine Notdurft hatte ich eine Flasche“, erzählt er. Nach fünf Tagen Qual wurde Sefarian schließlich freigelassen – nachdem sich seine Familie auf ein Lösegeld von 72.000 US-Dollar eingelassen hatte.

Es war schon das zweite Mal, dass Sefarian von einer der vielen bewaffneten Gruppen in Mosul gekidnappt wurde. Die erste Entführung war erst ein Jahr zuvor geschehen, im Januar 2005, sie dauerte einen Tag und wurde durch die Zahlung von 12.000 US-Dollar an seine Geiselnehmer beendet. Auch ein Cousin seiner Frau, ebenfalls Christ, wurde entführt, aber er sollte nicht mehr freikommen: Nach drei Tagen fand ihn seine Familie ermordet auf.

„In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr“

Sefarian traf schließlich die gleiche Entscheidung wie 35.000 weitere christliche Flüchtlinge aus dem ganzen Irak: Er flüchtete nach Kurdistan, in den autonomen nordöstlichen Teil des Irak, in die einzige stabile Gegend des Landes. Keine leichte Entscheidung. Sefarian musste sein vierstöckiges Haus in Mosul für weniger als ein Siebtel des Wertes verkaufen.

Im August 2006 zog er mit seiner Frau und dem Sohn nach Erbil, wo er jetzt in einer kleinen Mietwohnung in Ankawa lebt, einer christlichen Enklave am Stadtrand. Ohne Pension oder eine andere Unterstützung durch die irakische Regierung ist Sefarian nun auf den Lohn seines Sohnes angewiesen, um zu überleben. „In meinem Alter finde ich keine Arbeit mehr. Ich spreche kein Kurdisch und habe auch keine anderen Mittel zum Leben. In Mosul lebte ich wie ein König“, sagt er mit einem bitteren Lachen, während sein Blick über die Bilder von christlichen Heiligen und die Kruzifixe in seinem Wohnzimmer huscht.

Zufluchtsort für Minderheiten

Dank der ethnischen Homogenität und der politischen Autonomie, die Kurdistan 1991 erlangte, als die Vereinten Nationen (UN) hier eine flugfreie Zone erzwangen, um Kurden vor den militärischen Strafaktionen des Saddam-Regimes zu schützen, blieb die Region von den täglichen Bombardierungen und den religiös motivierten Morden verschont, die den Irak seit der US-Invasion gegen Saddam Hussein zerstört haben.

Kurdistan, das von der lokalen kurdischen Regionalregierung (KRG) verwaltet wird, wurde so zu einem Zufluchtsort für viele Iraker und Minderheiten, vor allem Christen, die vor der Gewalt in Städten wie Mosul und Bagdad flohen. Hier, so rühmen sich die lokalen Behörden, seien alle Religionen geschützt, gemäß dem Geist der neuen irakischen Verfassung. „Wir respektieren die Christen, und die Christen respektieren uns (die Muslims)“, erklärt Kamil Haji Ali, Minister für Stiftungen und religiöse Angelegenheiten. „Immer wenn eine neue Gruppe christlicher Flüchtlinge hier ankommt, nehmen wir Kontakt mit den örtlichen Geistlichen als ihren Repräsentanten auf.“

Tatsächlich galt Kurdistan, wo etwa 160.000 Christen leben, vor allem in Ankawa und dem nördlichen Gouvernement Duhok, als sicherer Ort für irakische Christen. Seit ein paar Jahren aber verlassen immer mehr Christen Kurdistan und den Irak endgültig, wegen mangelnder wirtschaftlicher Perspektiven, wegen sprachlicher und kultureller Barrieren und auch wegen des fehlenden politischen Schutzes. Es zieht sie hauptsächlich in Richtung Europa und Nordamerika.

Nach dem jüngsten Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ist die Zahl der geflüchteten christlichen Familien in den vier nördlichen Regierungsbezirken des Irak, von denen drei in Kurdistan liegen, von 1350 auf 500 im Jahr 2011 gesunken, während das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR im selben Jahr in der benachbarten Türkei eine Zunahme von irakischen Flüchtlingen registrierte, die Hälfte davon, rund 1700, Christen. Neueste Schätzungen gehen von einer christlichen Bevölkerung im Irak von 300.000 bis 500.000 Menschen aus. 1991 waren es 1,3 Millionen.

Seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen

Die irakischen Christen gehören fünf verschiedenen Konfessionen an, von katholischen Chaldäern über Nestorianer zu Orthodoxen. Die meisten sind ethnische Assyrer, eine Neuaramäisch oder Syrisch sprechende Bevölkerung, die auf die alte gleichnamige Gemeinschaft zurückgeht, die schon vor 4000 v. Chr. Mesopotamien bewohnte. Die Assyrer wurden in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten missioniert und haben das Christentum seitdem als eine Säule ihrer kulturellen Identität begriffen. Stolz widerstanden sie den regelmäßigen Arabisierungs- und Islamisierungsversuchen, die arabische und ottomanische Führer über die Jahrhunderte hinweg unternahmen, und nannten sich selbst die Ureinwohner des Irak.

Nun sehen sich die Christen der größten Herausforderung ihrer Existenz gegenüber: Als Bevölkerung von ein paar Hunderttausend unter mehr als 30 Millionen Irakern kämpfen sie darum, sich in einem Land Gehör zu verschaffen, das nach ethnischen und religiösen Aspekten organisiert ist und dessen Politik durch die viel größeren religiösen Gemeinschaften der Schiiten, Sunniten und Kurden dominiert wird.

„Wir sind das schwächste Glied im irakischen Mosaik“, sagt Keldo Ramzi, christlicher Sekretär der Chaldäisch-Assyrischen Jugend-Union in Erbil. „Wenn jemand den USA eine Botschaft vermitteln will, zielt er auf Christen oder sprengt Kirchen in die Luft.“ Der schlimmste Angriff ereignete sich im Oktober 2010, als eine Serie von Selbstmordattentaten die Kirche „Our Lady of Salvation“ in Bagdad traf und 58 Menschen in den Tod gerissen wurden. Laut dem neuesten Bericht der Assyrischen Internationalen Nachrichtenagentur wurden im Irak seit 2004 insgesamt 71 Kirchen angegriffen oder Ziel eines Bombenanschlags.

Nur die Schattenseiten des Baubooms

<br /> Ein christliches Mädchen in Bagdad<br />

Foto: AP Ein christliches Mädchen in Bagdad

Die Lage in Kurdistan ist nur bis zu einem gewissen Grad besser: Ende 2011 wurde von einer Anschlagsserie auf den Besitz von Christen durch Islamisten und Rebellen berichtet. Und selbst wenn Christen ihren Glauben hier in relativer Sicherheit leben können, klagen viele darüber, dass ihre wirtschaftlichen und bürgerlichen Rechte nicht respektiert würden. Eine Anstellung bei der Regierung zu finden ist schwierig für Mitglieder einer Gemeinschaft, deren Muttersprache nicht Kurdisch ist.

Während Kurdistan seit 2003 aufgrund der Ölförderung einen beeindruckenden wirtschaftlichen Boom verzeichnen kann, sagen viele Christen, dass sie nur die Schattenseiten davon erlebt haben. Abgeschnitten von dem Bauboom, der in Erbil stattfindet, bleibt Ankawa ein verschlafener Vorort, in dem christliche Kirchtürme aus einer Landschaft von kleinen Läden und Einfamilienhäusern herausragen.

Dennoch wurden in Ankawa heimlich Häuser an Muslime verkauft, sodass die religiöse Zusammensetzung der Stadt sich verändert und dem „Gentlemen’s agreement“ zuwiderläuft, das laut einigen christlichen Politikern mit dem KRG vereinbar wurde, um die christliche Identität der Gegend zu erhalten. „Sie bauen wenige, sehr teure Wohnungen, die sich niemand leisten kann“, beklagt sich Naurad Youssif, ein 41-jähriger Christ aus Ankawa, der auf dem Postamt arbeitet. „Die Christen hier sind eine arme Gemeinschaft, diese Wohnungen sind nicht für uns. Wenn sie die Identität von Ankawa ändern wollen, wird das eine Katastrophe“, sagt er.

Prostitution und Alkohol

Es gibt einen vermeintlichen Vorteil, der sich aus dem christlichen Charakter der Gegend ergibt und der seit einiger Zeit eifrig genutzt wird: Es eröffnen Nachtclubs und Restaurants mit Alkohollizenz. Sie ziehen Menschen aus der ganzen Stadt an und bringen Probleme wie nächtliche Schlägereien und, noch erheblicher, Prostitution mit sich. „Viele Prostituierte sind junge Frauen aus anderen Teilen des Irak, die keine Arbeit und auch sonst keine Perspektive haben. Wir verstehen ja ihre Probleme, aber wir sind nicht glücklich über diese Situation“, klagt der Geistliche Tariq Elissa, Gemeindepfarrer der hiesigen chaldäisch-katholischen St.-Georg-Kirche.

Ihm zufolge wurde in den letzten Jahren auch hektarweise Land der Christen von der Regierung in Besitz genommen, die darauf Bürotürme und Wohnkomplexe rund um Erbil errichtet. „Das Grundstück, auf dem der Flughafen gebaut wurde, gehörte früher Christen, aber die Besitzer hatten keine offiziellen Dokumente, um das zu beweisen, denn früher hat sich keiner um solche Dinge gekümmert“, sagt er. „Im restlichen Irak bringen sie uns mit Gewehren um, hier machen sie das mit Geld.“

Tiefe Gräben innerhalb der Gemeinschaft

Die Christen selbst tun sich schwer damit, sich selbst zu helfen, Einigkeit zu zeigen, um Aufgaben anzugehen. Die Geschichte der religiösen Spaltungen, die dazu führten, dass diese kleine christliche Gemeinschaft aus fünf verschiedenen Konfessionen besteht, spiegelt sich heute in der Politik wider, wo 17 christliche politische Parteien um drei beziehungsweise fünf Sitze konkurrieren, die im Parlament des Irak beziehungsweise von Kurdistan für Christen reserviert sind.

Auch wenn einige Parteien versuchen, eine gemeinsame Plattform zu bilden, gibt jeder die tiefen Gräben innerhalb der Gemeinschaft zu. Die politischen und religiösen Verantwortlichen werfen sich gegenseitig vor, die Interessen der Christen nicht angemessen zu vertreten. „Wir kommen alle aus einer Mutterkirche. Unsere Traditionen, Sprachen und Kulturen sind die gleichen, und trotzdem bereiten uns die internen Spaltungen Probleme“, sagt Casper Syawish, ein 73-jähriger Mann, der ursprünglich aus dem Dorf Harir stammt. Er verließ es 1963, nachdem irakische Truppen bei der Niederschlagung eines kurdischen Aufstands mehrere christliche Dörfer zerstört hatten. „Wir dürfen uns nicht zersplittern. Wir können nicht vor anderen stehen, wenn wir uns noch mehr aufspalten“, fügt der Mann hinzu, ein ehemaliger Angestellter der irakischen Telefongesellschaft.

Als ethnische Gruppe anerkannt

Der Fall Saddams hat aber natürlich nicht nur Probleme gebracht. Obwohl er von der christlichen Gemeinschaft wegen der Zunahme von Gewalt, die auf ihn folgte, mit gemischten Gefühlen begrüßt wurde, führte das neue politische Klima auch zu mehr Freiheit: Während die Assyrer unter dem vorherigen Regime zu den Arabern gerechnet wurden, erkennt die neue irakische Verfassung sie nun als eigene ethnische Gruppe an und erlaubt ihnen erstmals in der irakischen Geschichte, in Kirchen und Schulen Aramäisch statt Arabisch zu benutzen.

Eine bahnbrechende Entscheidung für ihre kulturelle Identität, die den Weg frei machte für die Errichtung von Lehranstalten wie der Sekundarschule in Ur, dem einzigen Institut in Erbil, in dem Aramäisch gesprochen wird. Die Schule, ein graues und düsteres einstöckiges Gebäude im Zentrum von Ankawa, hat zurzeit allerdings nur 45 Schüler. „Die Menschen sind nicht besonders motiviert, ihre Kinder hierher zu schicken, die allermeisten melden sie in kurdischsprachigen Schulen an“, erzählt der Rektor Akram Jaji bekümmert. „Ich befürchte, dass das langfristig unsere Identität beeinflussen wird.“

Darüber hinaus fürchten viele Christen auch andere Probleme, die sich ihnen stellen werden, wenn im Irak endlich Frieden herrschen wird. Die Folgen des arabischen Frühlings, nach dem islamistische Parteien die Wahlen in Tunesien und Ägypten gewonnen haben, sind hier nicht unbemerkt geblieben. Was könnte ein demokratischer Irak für die Christen bedeuten? „Wenn der politische Islam die Regierung hier kontrollieren wird, dann weiß ich nicht, was mit uns in 50 Jahren passiert“, sagt Farouk Anna Atto, Direktor des Syriac Heritage Museums in Ankawa, dessen Ausstellung der Geschichte der Assyrer gewidmet ist.

Diskussion um christliche Enklave

Angesichts der ständigen Abwanderung von Menschen, die, wie einige befürchten, schließlich zu einem Aussterben der Christen im Irak führen könnte, schlagen assyrische Parteien bereits die Schaffung einer autonomen Region im Land vor, in der Christen als Mehrheit und selbstverwaltet leben könnten. Da genau dieser Status schon Kurdistan verliehen worden ist, betreiben die Befürworter dieses Vorschlags Lobbying bei der Zentralregierung, um die Kontrolle über die Ninive-Ebene zu erhalten, ein Gebiet von 4000 Quadratkilometern östlich von Mosul, das schon jetzt mehrheitlich von Christen bewohnt wird.

Das Projekt, das offiziell eine selbstverwaltete christliche Enklave in einer Gegend mit reichem Ölvorkommen schaffen würde, um deren Kontrolle sich die Region Kurdistan und die irakische Zentralregierung immer noch streiten, wird von vielen Christen abgelehnt. „Die katholische Kirche war schon immer gegen dieses Projekt“, sagt Afnan de Jesus, eine 43 Jahr alte arabisch-chaldäische Nonne, die aus Mosul stammt und zum Christentum konvertiert ist. „Es wäre sehr gefährlich, nur unter uns zu leben, isoliert von den andern“, erklärt sie und gibt zu, dass eine Alternative dazu aber erst noch gefunden werden muss.

„Ich gehe davon aus, dass es einen Plan gibt, den Irak von allen Christen zu säubern. Wir wissen nicht, woher er kommt, aber es gibt ihn“, fährt sie bedrückt fort und schaut auf die drei anderen Nonnen, die im Hauptraum ihres Konvents in Ankawa sitzen. Die „Little Sisters of Jesus“, die „Kleinen Schwestern Jesu“, wie der Orden heißt, mussten Dora in der Nähe von Bagdad 2006 verlassen, nachdem Gewalt und Morde ein unerträgliches Maß erreicht hatten. Vor 2003 gab es in Dora mehr als 2000 christliche Familien, jetzt sind es nur noch 150.

„Wir müssen in die Sonne gehen“

Während sich die Mehrheit der ortsansässigen Christen offensichtlich damit abgefunden hat, zwischen einem Leben im Exil und einer unbehaglichen Existenz hier als Bürger zweiter Klasse wählen zu müssen, versucht ein junger und aktiver Teil der christlichen Bevölkerung, gegen diese passive Mentalität anzukämpfen. Angekommen in der globalisierten Welt und des Englischen mächtig, sind viele junge Christen inzwischen bei ausländischen Firmen in Kurdistan angestellt. Sie sind sich ihrer Rechte bewusst und entschlossen, auf jeden Fall im Irak zu bleiben. Dafür sind sie bereit, die Verbindung von Religion und Politik zu durchbrechen, die ihrer Meinung nach so viele Probleme geschaffen hat.

„Wenn wir unsere Rechte im Namen des Christentums einfordern, werden wir sehr schwach sein, weil Kirchen sich nicht in Regierungen einmischen können“, erklärt Savina Rafael Daoud, eine 22-jährige assyrische Frau aus Ankawa, am Rande des assyrischen Neujahrsfest, das jedes Jahr am 1. April von Tausenden Leuten in Dohuk im Nordirak gefeiert wird. Wie viele andere junge Leute um sie herum trägt sie eine Militäruniform im Gedenken an die assyrische Miliz, die in den 80ern und 90ern gegen das Saddam-Regime kämpfte. „Wir sind stolz auf unsere Kämpfer“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wir werden nicht durch die Bibel Erfolg haben, sondern nur, wenn wir unsere Rechte als Nation einfordern.“

Einige junge Leute machen sich die guten Beziehungen zwischen Kurden und Christen zunutze und öffnen sich, engagieren sich in der Gesellschaft, etwas, was die christliche Gemeinschaft bisher unterlassen hat. „Wenn wir unter uns sind, ist das gut, aber deshalb müssen wir uns nicht von den anderen separieren“, erklärt der 23-jährige David Saka, Betriebswirtschaftsstudent an der Universität von Kurdistan. „Ich habe viele kurdische Freunde, ich bin Iraker, hier will ich leben.“

Eine Vision, die von einem Flügel der assyrisch-christlichen Gesellschaft geteilt wird, der die Entscheidung, weiterhin im Irak zu leben, als ersten Schritt sieht, seine Rechte wiederzugewinnen. „Die Christen sind hier nicht sehr mutig. Ja, es gibt Probleme, aber das bedeutet nicht, dass wir das Land verlassen sollten“, sagt Salim Kako, ein assyrischer Politiker. „Wir können nicht unser Leben lang den Schatten suchen. Wir müssen in die Sonne gehen und für unsere Rechte kämpfen.“

Matteo Fagotto

Übersetzung: Ulrike Engelhardt

China

Als Bischof Ding Guangxun, Chinas einziger protestantischer Führer mit dem Titel Bischof, vor einigen Wochen starb, schickten drei KP-Parteichefs Kränze: der neue Generalsekretär Xi Jinping, sein Vorgänger Hu Jintao und der noch lebende KP-Patriarch Jiang Zemin. Ding, den man im Ausland auch K. H. Ting nannte, wurde 97 Jahre alt, jahrzehntelang leitete er die staatlich sanktionierte protestantische Kirche, zuletzt als Ehrenvorsitzender. Das Parteiorgan „Renmin Ribao“ (Volkszeitung) druckte die Nachricht von seinem Tod am 22. November auf seiner Titelseite. Bei der Trauerfeier verbeugten sich ranghöchste Kommunisten vor dem anglikanischen Bischof.

Untergrund - oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Foto: AFP Untergrund – oder Staatskirche: Katholische Kinder vor der ältesten Kathedrale in Peking

Sie hatten dafür vor allem drei Gründe, die sie auch nannten: Die KP ehre ihn als „hervorragenden Patrioten und engen Freund der Kommunisten“. Er hätte die zersplitterte protestantische Kirche nach der Machtübernahme der Kommunisten unter einem Dach vereint, mit dann nur noch zwei Gruppierungen: dem nationalen Christenrat und der sogenannten Drei-Selbst-Bewegung der Evangelen. Vor allem aber half Ding, Religion und Sozialismus kompatibel zu machen. Die KP lobte sein Credo: „Ein Christ in China ist ein noch besserer Bürger (als die anderen).“

Im Leben und im Tod des wegen seiner Anpassung an die politische Macht so umstrittenen wie auch verehrten Bischofs spiegelt sich das Dilemma der evangelischen Kirche wider. Der Leichnam Dings wurde bei seiner Aufbahrung in Nanjing für die offizielle Totenfeier unter Teilnahme höchster Parteiführer mit Chinas Nationalfahne bedeckt. Auf dem Banner stand „Trauer um Bischof Ding“; auf dem Foto dazu trug er einen Anzug. Bei der zweiten Totenfeier für die Gläubigen bedeckte ihn ein weißes Leinentuch mit Kreuz. Das Foto zeigte ihn in Bischofskleidung. Die Aufschrift lautete: „Bischof Ding. Ruhe in Frieden in den Armen des Herrn.“

Die größte Bibeldruckerei der Welt

Ding Guangxun war nach Ansicht vieler chinesischer Gläubigen zeitlebens Diener zwei Herren. Im Internet brachte es ein Blogger so auf den Punkt; „Wer wartet auf ihn im Himmel? Jesus oder Marx?“ Er gehörte zu den 138 chinesischen Christenführern, die der Partei 1954 ihre Unterstützung zusagten. Sie passten das Prinzip von der alleinigen „Erlösung durch den Glauben“ den politischen Verhältnissen an – das werfen ihnen heute Geistliche der unabhängigen evangelischen Hauskirchenbewegung vor, die neben der offiziellen Kirche explosiv gewachsen ist.

Bekannt wurde vor allem Pekings einflussreiche „Shouwang“-Kirche, deren Mitglieder immer wieder von den Behörden verfolgt und auch verhaftet werden. Selbst deren Geistliche würdigen aber auch Dings Verdienste um den Wiederaufbau der Kirche nach 1978 – nach Ende eines Vierteljahrhunderts von Maos Terror gegen alle Gläubigen.

Ding verschaffte mit seinem Religionskurs der registrierten Kirche immerhin den Freiraum zur Missionierung mit millionenfachen Taufen. Und mit der Gründung der Amity-Stiftung durch die offizielle Kirche erhielten die Protestanten das Recht auf den Druck von Bibeln; 1988 wurde ihre heute größte Bibeldruckerei der Welt gegründet. Im Juli produzierte sie ihre „hundertmillionste Bibel“. 60 Millionen der Heiligen Schrift blieben im Land. 40 Millionen wurden in alle Welt exportiert.

Christliche Religionen erleben Aufschwung

Bis zu 40 Millionen aktive Gläubige bekennen sich heute zum Protestantismus, darunter sind mindestens ein Drittel Hauskirchen-Christen. Schlechter ist es um die katholische Kirche bestellt, die bis heute am Schisma zwischen staatstreuer Kirche mit ihren knapp sechs Millionen Gläubigen und einer romtreuen Kirche im „Untergrund“ mit ebenso vielen papsttreuen Katholiken leidet. Die Volksrepublik bleibt eines der letzten sozialistischen Länder der Welt, die sich der Aussöhnung mit dem Papst (ebenso wie mit dem Dalai Lama) verweigern und die staatstreue Kirche zwingen, ihre Bischöfe selbst zu ernennen. Offiziellen 69 Bischöfen stehen heute 38 Bischöfe im Untergrund gegenüber, die immer wieder schlimmster Verfolgung ausgesetzt sind.

In der allgemeinen Vertrauenskrise um die Kommunistische Partei erleben indes alle chinesischen Religionen einen Aufschwung. Protestanten und Katholiken verbreiten sich schneller als der Islam, machen allerdings kaum fünf Prozent der chinesischen Bevölkerung aus. Ein Drittel aller Chinesen bekennt sich dagegen heute wieder zum Buddhismus, Daoismus und den Volksreligionen.

Johnny Erling

Türkei

Seit etwas mehr als zehn Jahren regiert in der Türkei eine islamisch gesinnte Regierung. Was das für die Christen des Landes bedeutete, darüber waren die Ansichten von Anfang an gespalten – würde sich ihre Lage verbessern, weil eine religiös geprägte Regierung auch anderen Religionen entgegenkommen würde? Oder verschlechtern, so wie christliche Gemeinschaften in vielen islamischen Ländern unter starkem Druck stehen?

An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

Foto: Christine de Grancy / Anzenberge An der Grenze zu Syrien leben dieser aramäische Priester und seine Frau in einer christlichen Gemeinschaft

„Grundsätzlich ist es schon so, dass diese Regierung Religion positiv sieht, und das macht sich auch in dem einen oder anderen Entgegenkommen gegenüber christlichen Gemeinschaften bemerkbar“, sagt Franz Kangler, Priester der (österreichischen) katholischen St. Georgs-Kirche in Istanbul. Aber es gebe nach wie vor beunruhigende Tendenzen – etwa die Gerichtsentscheidungen gegen das aramäische Kloster Gabriel Mor. Im Juni hatte das Oberste Gericht der Türkei frühere Gerichtsentscheidungen bestätigt, wonach Land um und in dem Kloster dem türkischen Staat gehöre. Land, welches immer als Besitz des Klosters gegolten hatte, und wofür auch immer Steuern gezahlt worden waren.

Neben solchen Entwicklungen gibt es andere, positivere. Eine Reihe historischer Kirchen sind auf Kosten der Regierung renoviert worden, Gottesdienste in der Paulskirche in Tarsus sind nunmehr ohne großen bürokratischen Aufwand möglich, obwohl die Kirche – wie auch die Istanbuler Hagia Sophia – vom Staat zum Museum erklärt wurde.

Kirchen besitzen keinen Rechtsstatus

Eine zusätzliche Gefahr für Christen erwuchs in den letzten Jahren offenbar durch den Machtkampf zwischen der islamisch geprägten AKP-Regierung und militant „kemalistischen“ (säkularen) Kreisen mit Verbindungen zu türkischen Sicherheitskräften. Es kam zu mehreren spektakulären Morden an Christen. In zwei Fällen – die Abschlachtung von drei evangelikalen Missionaren im Jahr 2007 und der Mord am katholischen Priester Andrea Santoro im Jahr 2006 – soll es Verbindungen der Täter zu einer Gruppe von Verschwörern gegeben haben, die angeblich planten, die Regierung zu stürzen. Im Jahr 2010 wurde der apostolische Vikar für Anatolien, Bischof Luigi Padovese, vom eigenen Fahrer ermordet und geköpft. Der Täter soll psychisch labil gewesen sein.

Neben der Gefährdung durch Gewalttäter bleiben auch die anderen zentralen Probleme der christlichen Gemeinden bestehen. Diese fordern vergeblich, Gebäude wie die Paulskirche wieder zu geweihten Kirchen zu machen, statt sie als „Museen“ zu führen. Die Kirchen – als Organisation – besitzen überdies keinen Rechtsstatus und können daher auch nicht selbst Immobilienbesitz erwerben oder über solchen verfügen. Stattdessen werden Immobilien über eine Vielfalt von rechtlichen Konstruktionen verwaltet, über die Gründung von Stiftungen, Vereinen oder als Privatbesitz.

Im vergangenen Jahr bestätigte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc, dass man der katholischen Kirche keinen Rechtsstatus geben könne. Auch für das griechisch-orthodoxe Patriarchat werde eine „Lösung“ gesucht, die seine Existenz zwar anerkennt, ohne ihm jedoch eine Rechtspersönlichkeit zu verleihen.

Entsprechend schwierig gestaltet sich die Abwehr von Enteignungsversuchen durch den Staat. Allein die griechisch-orthodoxe Gemeinde hat im Laufe der Jahre tausende Gebäude an den Staat verloren und von vielen Hundert Prozessen noch nie einen gewonnen. Laut türkischem Recht fallen Stiftungen und Kirchen, die nicht genutzt werden, an den Staat. Die armenische Gemeinde in Istanbul zelebriert daher jeden Sonntag in einer anderen Kirche den Gottesdienst – es gibt nicht mehr genug Gläubige, um alle Kirchen zu füllen, deswegen nutzt man sie reihum, damit sie rechtlich gesehen nicht „verwaisen“.

0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung

Insgesamt bleibt die Lage für die Christen ein frustierendes Gemisch aus kleinen Fortschritten und großer Diskriminierung. So wurde dem griechisch-orthodoxen Patriarchat nach langem Ringen die türkische Staatsbürgerschaft für ausländische Nachwuchs-Priester gewährt; aber im eigenen historischen Priesterseminar auf der Insel Helybeliada darf noch immer nicht gelehrt werden.

Rund 100.000 Christen leben in der Türkei, so schätzt man. Winzige 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung. Noch zur Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts stellten Christen ein Viertel der Bevölkerung des damaligen osmanischen Reiches. Dann kamen die Balkankriege, die mit einer massiven Fluchtwelle der Muslime aus dem Balkan in die Türkei einhergingen, der Genozid an den Armeniern ab 1915, der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland in den 20er-Jahren, und zuletzt, nach dem Istanbuler Pogrom gegen Griechen, die verbliebenen Armenier und Juden 1955.

Heute gibt es nur noch wenige Tausend Griechen. Schätzungen zufolge sind etwa 60.000 Armenier im Land, die meisten aus Armenien selbst und viele davon ohne gültige Aufenthaltspapiere. Der Wirtschaftsboom in der Türkei hat in den letzten Jahren zu einem Anstieg eingewanderter Christen aus Entwicklungsländern geführt: Das apostolische Vikariat in Istanbul geht von rund 15.000 Katholiken in der Stadt aus, die meisten davon Ausländer, etwa aus den Philippinen. Eine rasch wachsende Gruppe sind evangelikale Christen, zumeist Türken, die von freikirchlichen protestantischen Missionaren (oft aus den USA) konvertiert wurden. Ihre Anzahl dürfte mittlerweile 5000 übertreffen.

Die meisten Christen leben in Istanbul. Daneben gibt es Siedlungsgebiete im äußersten Südosten nahe der syrischen Grenze, dort leben einige geschlossene Gemeinschaften von Aramäern.

Boris Kálnoky

Nigeria

Der Terror schlägt nicht jeden Tag zu, aber er ist jeden Tag da. Vor dem Gottesdienst, unsichtbar, manifestiert in den immer gleichen Abwehrritualen. Soldaten am Eingang, Personenkontrollen beim Einlass, wie am Flughafen – nur die Warteschlangen sind länger. Einige Gläubige bringen Klappstühle mit. Halteverbot im Umkreis von einigen Hundert Metern um die Kirchen. Das längst nicht mehr Unvorstellbare als ständiger Begleiter des Alltags.

Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

Foto: Christian Putsch Ein Mitarbeiter des Interfaith Mediation Centres in Kaduna, Nigeria: Hier arbeiten Christen und Muslime gemeinsam gegen die Gewalt

James Wuye, 50, wird sich nie daran gewöhnen. An Gottesdienste in Kaduna ohne derartige Sicherheitsvorkehrungen kann sich der Pfarrer nicht mehr erinnern, „aber sie als Normalität anzusehen, würde doch heißen, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind“, sagt er. Und damit die Gewalt, den Hass, die Instrumentalisierung der Religion – sowohl die des Islams, aber auch die seine, das Christentum. Es hieße aufzugeben. Die Überzeugung, dass viele Einzelne mit dem Glauben an Frieden stärker sein werden als Wenige mit dem Glauben an Krieg.

Vor ein paar Tagen ist Wuye aus Kenia zurückgekommen. Im Flieger saß er neben dem um zwei Köpfe größeren Mohammed Ashafa, wie so oft in den vergangenen Jahren. Sie hatten Politiker und Gemeindeführer getroffen, über ihren eigenen Weg gesprochen. Wie sie von Todfeinden zu Verbündeten wurden, das Friedenszentrum Interfaith Mediation Centre aufbauten, Tausende Freiwillige ausbildeten und ein Frühwarnsystem für religiös beeinflusste Gewalt entwickelten. Eine gelungene Reise, dachten sie während des Flugs, ein Beitrag, um Gewalt zwischen rivalisierenden ethnischen Gruppen bei den anstehenden Wahlen in Kenia zu verhindern. Ein Moment des Durchatmens. Doch als sie aus dem Flieger stiegen und das Handy einschalteten, blinkte die SMS auf: „Kaduna: Bombe in Kirche explodiert. Elf Tote.“

Manchmal fühlt sich Wuye, ein kleiner, rundlicher Mann mit unermüdlichem Lächeln, an Sisyphos erinnert, erzählt er am Telefon. Der tragische Held der griechischen Mythologie wurde, so beschrieben es Autoren der Antike, dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit einen Marmorblock einen Berg hinaufzubringen, der dann immer wieder herunterrollt.

Dies war so ein Sisyphos-Moment. Nicht der erste, wahrlich nicht, und auch nicht der letzte. Noch am Flughafen rief Wuye seine Mitarbeiter an, nahm Kontakt zu Behörden und Politikern auf. Das Zentrum verschickte Tausende SMS und Emails an Christen und Muslime in der Gegend – ein Aufruf zur Besonnenheit. Nicht der erste. Nicht der letzte.

Manchmal wirkt das Ziel weit weg

Die beiden saßen an einem späten Nachmittag im Schatten eines Baumes. Ein schöner Tag. Kaduna hatte damals seit Monaten keine größeren Anschläge mehr verkraften müssen. Das Vertrauen zwischen den beiden Männern war förmlich greifbar, die Gewissheit, dass ihr gemeinsames Ziel größer war als sie selbst, und erreichbar: Frieden.

Davon ist Nigeria im Jahr 2012 weit entfernt. „Es ist kein Ziel, das man irgendwann erreicht und abgeschlossen hat“, sagt Wuye heute, „es bedarf ständiger Arbeit, und manchmal wirkt es weit weg.“ Nach Angaben der amerikanischen Denkfabrik Institute of Peace hat die Terrororganisation Boko Haram „seit August 2011 fast wöchentlich Bomben an öffentlichen Plätzen oder in Kirchen im Nordosten Nigerias gezündet“. Keine Gewalt hat Dauer, behauptete Leonardo da Vinci vor Jahrhunderten. Nigeria widerlegt ihn.

Boko Haram bedeutet in der Hausa-Sprache soviel wie „nicht-islamische Erziehung verboten“. Geleitet wird die Organisation von rund 20 Geistlichen. Nach Angaben amerikanischer und nigerianischer Geheimdienste soll es Hinweise auf grenzübergreifende Dschihad-Bewegungen geben, der auch al-Qaida im Islamischen Maghreb in Mali und Niger sowie die Al-Shabab-Miliz in Somalia angehören sollen.

Die Islamisten kämpfen für die Einführung einer besonders strengen Form der islamischen Gesetzgebung Scharia; schon jetzt gelten gemäßigte Formen in einigen nördlichen Provinzen. Erste Strategie ist dabei die Destabilisierung des Staates. Alleine in diesem Jahr sind nach Angaben der Nachrichtenagentur AP mindestens 740 Menschen von Boko Haram getötet worden. Paradoxerweise waren darunter mehr Muslime als Christen. Selbst gemäßigte Muslime sowie Beamte gelten als Feinde, bei Sprengstoffanschlägen werden nicht nur Ziele gewählt, an denen sich ausschließlich Christen bewegen.

Zehntausende Morde

Doch schon in den Jahren zuvor, lange vor der Entstehung von Boko Haram, gab es immer wieder religiös motivierte Gewalt, von Muslimen, aber auch von Christen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden Zehntausende ermordet. Das Problem ist komplexer als Boko Haram – der Hass gegen Anhänger anderer Religionen greift tiefer. Er lässt sich nicht allein mit militärischer Gewalt bekämpfen, auf die sich die Strategie der nigerianischen Regierung derzeit beschränkt.

In Nigeria leben die meisten Muslime und Christen friedlich nebeneinander, das ist wichtig zu betonen. Aber es gibt genug Fanatische, um diesen Frieden auch außerhalb der derzeit betroffenen nördlichen Provinzen zu gefährden. Im Juni appellierte Papst Benedikt XVI. an die Mörder, die Attacken „sofort zu beenden“. Nigeria müsse eine Gesellschaft formen, in der das Recht auf den eigenen Glauben „vollständig geschützt“ sei.

Die erste Hälfte ihres Lebens haben Wuye und Ashafa gegen dieses Recht gekämpft. Ashafa predigte die Ermordung von Anhängern christlicher Jugendgruppen. Als konservativer Imam in der 13. Generation hasste er Christen wie Wuye, der ebenfalls aus einer Familie mit tief verwurzeltem Glauben stammte. Der schnell in einer einflussreichen evangelikalen Kirche Karriere machte. Der früh eine Gemeinde übernahm. Die beiden kennen sich seit den 80er-Jahren, hetzten in Zeitungsartikeln und eigenen Fernseh-Sendungen gegeneinander. „Wenn es damals zum Kampf gekommen wäre, hätten wir den Tod des anderen in Kauf genommen“, hatte Ashafa während des Interviews vor zwei Jahren gesagt.

Beide waren dem Grundsatz „Auge um Auge“ so lange gefolgt, bis sie blind waren. Mehrere Cousins von Ashafa wurden bei Kämpfen mit Christen getötet. Auch Wuye verlor Verwandte – und seinen rechten Unterarm. Anfang der 90er-Jahre stellte er sich jungen Muslimen entgegen, die seine Kirche in Kaduna niederbrennen wollten. Vergeblich. Wuye verlor nicht nur die Kirche, sondern auch beinahe das Leben. Ein Angreifer hatte mit einer Machete zugeschlagen. Der Geistliche verlor viel Blut, überlebte knapp.

Irgendwann war der Respekt da

1995 traf er Ashafa in einem Hotel in Kaduna. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef und internationale Diplomaten hatten das Treffen mit der Hilfe von Gemeindeführern vermittelt, nachdem der Konflikt die Verbreitung von lebenswichtigen Impfstoffen an Kinder unmöglich gemacht hatte. Beide hatten lange gezögert, doch schließlich stimmten sie zu, das Wohl der Kinder verband. Wuye reichte seine linke Hand zum Gruß. Was für eine Symbolik, dachte er, ihm fehlte die rechte Hand, die üblicherweise zur Versöhnung gereicht wird. An ihrer Stelle trug der Geistliche eine Prothese.

Es war ein Treffen des gegenseitigen Misstrauens. Auch der Angst. Doch es folgte ein weiteres. Und noch eins. Die Gespräche wurden länger, gingen tiefer und irgendwann war da etwas, was beide für unmöglich gehalten halten – gegenseitiger Respekt. Seit 1996 arbeiten sie nun zusammen, es ist das Geburtsjahr der interreligiösen Begegnungsstätte Interfaith Mediation Centre.

Sie beschreiben die Philosophie des Hauses und seiner 14 fest angestellten Mitarbeiter (sieben Christen, sieben Muslime) als „afrikanische Lösung“. Alle Maßnahmen dienen der Vermeidung von Gewalt. Als im September 2005 die dänische Zeitung Tageszeitung Jyllands-Posten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, drohte im Norden Nigerias ein Flächenbrand. Ashafa und Wuye halfen dabei, die Aggressionen zu reduzieren, indem sie unter anderem innerhalb von Stunden christliche Kirchenführer überredeten, im Fernsehen und Radio die Verunglimpfung des Propheten zu verurteilen.

Um der Theologie des Hasses entgegenzuwirken, die oft in den Schulen und zu Hause gelehrt wird, gründeten sie Friedensclubs an Schulen und Universitäten, an denen Konfliktschlichter ausgebildet werden. Das Zentrum entwickelte ein Unterrichtskonzept, das Schulen dabei helfen soll, den Religionsunterricht von radikalen Ideen frei zu halten. Es wird an über 30 Lehranstalten umgesetzt. „Umprogrammierung“ nennt das Wuye.

Bei einwöchigen Camps diskutieren Jugendliche rivalisierender Gemeinden und Religionen und lernen gemeinsam Fähigkeiten wie das Bedienen von Computern und Buchhaltung. Ein Beitrag gegen Vorurteile, aber auch gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit im Norden Nigerias, dem idealen Nährboden aller Extremisten. Psychologen helfen nach Anschlägen verletzten Opfern, ihr Trauma zu überwinden. Inzwischen gibt es Büros in drei Provinzen sowie ein Netzwerk Tausender Freiwilliger, Wuye und Ashafa haben ihr Konzept in über einem Dutzend Ländern mit religiöser Gewalt vorgestellt. Sie unterstützten Organisationen in Ruanda, Burundi und Sudan, aber auch in Nordirland und den USA.

„Am Ende landen wir immer wieder bei der Armut“

An wenigen Orten aber ist die Situation so komplex wie in Nigeria. Die Bevölkerung teilt sich zu beinahe gleichen Teilen in Christen und Muslime auf. Neun von zehn Nigerianern beten jeden Tag, Religion bedeutet hier auch Geld und Einfluss. „In Nigeria ist es üblich, alles mit Religion in Verbindung zu bringen“, sagt Wuye. Dabei gehe es bei diesem Konflikt längst nicht nur um religiösen Fanatismus. „Es geht um Armut, rivalisierende Politiker und Rivalität um Land.“ Die Massaker im nahe gelegenen Jos kamen zustande, weil muslimische Nomaden aus dem Norden von Dürren und mangelnder Weidefläche in den Süden gedrängt worden waren. Dort rivalisieren sie zunehmend mit meist christlichen Farmern um das Land.

Gleichzeitig konzentriert sich die nigerianische Wirtschaft zunehmend auf die Rohstoffindustrie. Das Land ist der achtgrößte Erdölproduzent der Welt, Branchen wie die Landwirtschaft aber werden so an den Rand gedrängt. Daher gewinnen Jobs in den lokalen Regierungen und Verwaltungen immer mehr an Bedeutung. Sie vergeben „Eingeborenen-Zertifikate“, die für die Vergabe lukrativer Regierungsaufträge elementar ist. Über die Besetzung der jeweiligen Posten in den Behörden gibt es immer wieder Streit zwischen ethnischen Gruppen. Oft ist das entscheidender als die unterschiedliche Religion. „Am Ende“, sagt Wuye am Telefon, „landen wir immer wieder bei der Armut.“

Armut führt nicht zwingend zu fehlgeleitetem Glauben, so wie Wohlstand nicht zwingend zur religiösen Vernunft führt. Doch sie macht anfälliger für Beeinflussungen und damit die Arbeit von Wuye und Ashafa schwierig. Oft wissen sie ja selbst nicht, wie sie die Rechnungen für die Arbeit des Zentrums bezahlen sollen, die internationalen Spenden sind wertvoll, aber knapp. „Wenn wir die Ressourcen hätten, unsere 10.000 Freiwilligen für Arbeit in Gegenden einzusetzen, würden wir unser Netzwerk innerhalb von Monaten vervielfachen“, glaubt Wuye. „Wir könnten einen noch größeren Beitrag leisten.“

Dann muss er das Gespräch beenden. Die Arbeitstage werden derzeit lang, das sind sie immer, aber vor Weihnachten besonders. Gerade zu dieser Jahreszeit gab es während der vergangenen Jahre viele Anschläge. Trotzdem: „Die Leute freuen sich auf dieses Fest“, sagt Wuye, „sie werden in die Kirchen kommen.“

Christian Putsch

Quelle (WELT 9.12.12): http://www.welt.de/politik/ausland/article111895764/Wenn-Du-Muslim-wirst-lassen-wir-Dich-leben.html

Israelische Untersuchungskommission zur Gaza-Flotille

Israel hat eine Untersuchungskommission zu den Vorfällen auf der Gaza-Flotille eingesetzt, die ihren Abschlußbericht veröffentlicht hat. Jeder Rechtsstaat hat das Recht – ja sogar die Pflicht – solche Vorfälle unabhängig und neutral zu untersuchen. Israel ist dem nachgekommen.

Wer jetzt – wie ein bekannter Journalist – sagt: „War ja nichts anders zu erwarten“, der diskreditiert diesen Bericht von vornherein als Propaganda und kann keine lauteren Absichten haben. Jeder Staat hat das Recht, die Vorkommnisse in seinem Land zu untersuchen, zu bewerten und ggf. strafrechtlich zu verfolgen. So etwas nennt sich Rechtsstaat – gibt nicht so viele in der Gegend dort.

Am 14. Juni 2010 setzte die israelische Regierung eine unabhängige öffentliche Kommission ein, um verschiedene Aspekte der vom Staat Israel durchgeführten Maßnahmen zu untersuchen.

Die wichtigsten Feststellungen und Ergebnisse der Turkel-Kommission

Die wichtigsten Feststellungen

  1. Die israelische Regierung setzte eine öffentliche, unabhängige und selbstständig agierende Kommission ein. Den Vorsitz der Kommission hatte ein ehemaliger Richter des israelischen Obersten Gerichtshofes; weitere Mitglieder waren Juristen, weltweit anerkannte Experten und internationale Beobachter. Das beweist, dass Israel ein Rechtsstaat ist, der in der Lage ist, sich selbst zu überprüfen. Nur wenige Länder wären bereit, sich einer solch intensiven und fundamentalen Untersuchung zu unterziehen.
  2. Die Kommission hat eindeutig festgestellt, dass die Durchführung einer Blockade – auch in internationalen Gewässern – rechtens ist.
  3. Obwohl verschiedene Stimmen versucht haben, Israel Kriegsverbrechen zu beschuldigen, beweisen die Ergebnisse der Kommission, dass Israel die Wahrheit gesagt und in Einklang mit dem Gesetz gehandelt hat.
  4. Die israelische Regierung und die IDF werden sich mit dem Bericht ausführlich befassen und daraus die nötigen Lehren für die Zukunft ableiten.
  5. Waffen, die in den Gaza-Streifen gebracht werden, stellen ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Obwohl Israel die Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung Gazas kontinuierlich verbessert, werden weiterhin Raketen und Mörsergranaten auf israelische Städte abgefeuert. Die Hamas investiert weiter alle ihre Ressourcen in die Aufrüstung mit Raketen und Waffen.
  6. Die israelische Regierung und die Sicherheitskräfte werden weiterhin alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Zivilbevölkerung Israels zu schützen.
  7. Der Bericht unterstreicht, dass Gaza für nahezu alle Arten von Gütern und Produkten offen ist. Jede Organisation, die Hilfsgüter nach Gaza einführen möchte, kann dies über die existierenden Grenzübergänge tun. Es besteht keinerlei Notwendigkeit für weitere Flottillen. Diese stellen eine Provokation dar und haben keinen Bezug zu humanitären Hilfsprojekten.

Die wichtigsten Ergebnisse

1. Die Seeblockade wurde aufgrund der Sicherheitsbedürfnisse des Staates Israel eingerichtet und entspricht den Vorschriften des internationalen Rechts.

  • Die Kommission ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Seeblockade angesichts der Sicherheitsbedenken legitim und in Einklang mit internationalem Recht verhängt worden war.
  • Die Kommission ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Israel seiner internationalen humanitären Verantwortung unter den Gegebenheiten einer Seeblockade nachkommt. Dies wird unter anderem dadurch deutlich, dass Schiffe in den Hafen von Ashdod einlaufen und Hilfsgüter abladen dürfen.

2. Die israelischePolitik gegenüber dem Gazastreifen entspricht internationalem Recht und Menschenrechten.

  • Israels Kontrolle über den Gazastreifens endete mit der vollständigen Räumung und Abkopplung im Jahr 2005.
  • Israel verhindert nicht die Einfuhr von Gütern des täglichen Bedarfs für die Zivilbevölkerung Gazas. Es stellt jene humanitäre und medizinische Unterstützung zur Verfügung, die laut internationalem Recht notwendig ist. Israel kooperiert auf diesem Gebiet mit der Palästinensischen Autonomiebehörde und der internationalen Gemeinschaft.
  • Die Maßnahmen Israels bedeuten keine „kollektive Bestrafung“ der Bevölkerung Gazas. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Israel vorsätzlich Beschränkungen durchgesetzt hat mit dem alleinigen Ziel oder der Absicht, der Zivilbevölkerung Gazas lebensnotwendige Versorgungsmittel vorzuenthalten.

3.  Die Übernahme der Marmara wurde im Einklang mit internationalem Recht vollzogen.

  • Laut internationalem Recht ist es erlaubt, ein Schiff unabhängig von seiner Position zu übernehmen, wenn festgestellt wurde, dass dieses absichtlich versucht, eine Blockade zu durchbrechen. Dies gilt auch in internationalen Gewässern. Die Kommission hat alle Begleitumstände in Betracht gezogen und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Übernahme in internationalen Gewässern rechtens war.
  • Die Möglichkeiten Schiffe, vor allem große Schiffe, auf hoher See zu stoppen, sind sehr beschränkt. Deshalb war das Abseilen der Soldaten von Helikoptern aus eine angemessene Taktik, die internationalem Recht entspricht. Marineeinheiten anderer Länder nutzen diese Taktik ebenfalls. Außerdem kann diese Vorgehensweise das Risiko von Todesfällen im Vergleich zu anderen Methoden verringern.
  • Gemäß der Anweisungen durfte das Feuer nur in tatsächlich und unmittelbar lebensbedrohlichen Situationen eröffnet werden. Die Kommission ist davon überzeugt, dass dieser Befehl den Einheiten, die an der Aktion teilgenommen haben, klar gemacht wurde.
  • Es gab zahlreiche Warnungen an die Schiffe, aber der Kapitän der Marmara sagte, er weigere sich anzuhalten und versuchte nicht, den Kurs zu ändern.
  • Es wird hervorgehoben, dass keine humanitären Güter an Bord der Marmara gefunden wurden.

4. Die Soldaten ergriffen erst Maßnahmen, nachdem sie von der Schiffsbesatzung brutal attackiert worden waren. Das Verhalten der Soldaten entsprach internationalem Recht.

  • Während der Vorbereitung der Flottille betonten deren Organisatoren der Flotille, dass man so weit wie möglich auf Gewalt verzichten müsse. Aus diesem Grund rechneten die IDF nicht damit, dass es sich bei der Schiffsbesatzung nicht nur um unschuldige Zivilisten sondern auch um aktive Gewalttäter handeln würde. Die Anweisungen zum Gebrauch der Schusswaffe spiegelten diese Erwartungen wider und entsprachen hauptsächlich den Gegebenheiten einer Polizeimaßnahme.
  • Die Soldaten versuchten zunächst, die Marmara von Schlauchbooten aus zu betreten. Aufgrund des gewalttätigen Widerstandes wurde dann jedoch entschieden, sich von Helikoptern aus abzuseilen.
  • Die Soldaten wurden brutal mit Geschossen, Messern, Knüppeln, Hämmern, Schlägen und ähnlichem angegriffen. Neun Soldaten wurden verletzt, teilweise durch scharfe Munition und Messerstiche. Drei Soldaten wurden gefangen genommen und in das Innere des Schiffes gezerrt.
  • Die Kommission befand, dass sich die Soldaten insgesamt professionell verhalten haben, als sie mit extremer Gewalt konfrontiert wurden, mit der sie nicht gerechnet hatten. Die meisten Fälle, in denen Soldaten Gewalt anwenden mussten, befinden sich in Einklang mit internationalem Recht. Dies beinhaltet jene Fälle, in denen Soldaten Schüsse auf die Körperschwerpunkte von Angreifern abfeuerten. In einigen wenigen Fällen hatte die Kommission nicht genügend Informationen, um eine abschließende Aussage zu treffen.

5. Das Verhalten der Passagiere

  • Die Passagiere der Marmara können in zwei Gruppen unterteilt werden: Friedensaktivisten, die nach einer Sicherheitsinspektion das Schiff in Antalya betraten, sowie ein „harter Kern“ von 40 IHH-Aktivisten, die in Istanbul dazustießen. Sie unterliefen keine Sicherheitsüberprüfung und kapselten sich von den restlichen Passagieren ab. Sie wurden von ca. 60 weiteren Aktivisten unterstützt, die sich ebenfalls an den Gewalttätigkeiten beteiligten.
  • Als der Schiffskapitän alle Passagiere anwies zu ihren Plätzen unter Deck zurückzukehren, blieben die IHH-Aktivisten an Deck, zogen Rettungswesten an und bewaffneten sich mit Äxten, Ketten, Messern, Hämmern usw. Sie zeigten einen hohen Grad an Organisation und Gewaltbereitschaft.
  • Die Kommission ist überzeugt, dass die IHH-Aktivisten scharfe Munition benutzten. Ihre Intention war es, die Seeblockade zu durchbrechen und so der Hamas einen Vorteil im Kampf gegen den Staat Israel zu verschaffen.
  • Die Kommission stellt fest, dass die Mitglieder der gewalttätigen Gruppe den Status von direkt an Kampfhandlungen beteiligten Personen (direct participants in hostilities (DHP)) besitzen, denen nicht der gleiche Schutz zuteil wird, der Zivilisten zusteht.
  • Von den neun getöteten Passagieren wurden vier als IHH-Aktivisten identifiziert. Vier weitere wurden als Aktivisten türkisch-islamischer Organisationen identifiziert. Es ist nicht bekannt, ob der weitere Tote einer Gruppe angehörte. Die Verwandten von einigen der Toten sagten aus, dass diese als Shahids (Märtyrer) sterben wollten. Einige hatten sogar Briefe mit ihrem Testament hinterlassen.

6. Die Behandlung der Passagiere

  • Nachdem die Übernahme beendet war, wurden die Verletzten behandelt. Achtzehn Ärzte, sechs Rettungssanitäter, 70 Sanitätssoldaten und ein leitender Arzt waren daran beteiligt. Einige der Verletzten widersetzten sich der medizinischen Behandlung, aber niemand starb nach Beginn der medizinischen Versorgung an seinen Verletzungen.
  • Den Passagieren wurde Wasser und Essen gereicht und sie wurden zu den Toiletten geführt, wenn immer sie darum baten.
  • Einigen der Passagiere wurden Handschellen angelegt, insbesondere jenen, von denen befürchtet wurde, sie könnten versuchen anzugreifen oder Unruhe zu stiften. Durchsuchungen brachten Messer und große Summen Geld, sowie die Pistole eines israelischen Soldaten, kalte Waffen und Materialien, die der Hamas-Bewegung gehörten, und weiteres zutage.
  • Die Kommission ist der Ansicht, dass die Behandlung der Flottillen-Teilnehmer, nachdem das Schiff im Hafen von Ashdod angekommen war, legal und in Einklang mit internationalem Recht war.

(Außenministerium des Staates Israel, 24.01.2011)

Die Ergebnisse als PDF hier

Den vollständigen Teil 1 des „Turkel-Berichts“ sowie eine Zusammenfassung jeweils in englischer Sprache finden sich unter diesem Link.

Türkische Diplomatie

Der türkische Premierminister Recep Tayyep Erdogan hat die Regierung unter Benjamin Netanjahu als die „schlechteste“ in der israelischen Geschichte bezeichnet. Außenminister Avigdor Lieberman sei Israels „größtes Problem“, sagte er am Donnerstag in einem Interview des arabischen Senders „Al-Dschasira“.

Erdogan kündigte an, dass die Türkei die Kühle in den Beziehungen beibehalten werde, bis sich Israel für die Razzia auf der „Mavi Marmara“ entschuldige. Zudem müsse es die Familien der neun pro-palästinensischen Aktivisten entschädigen, die bei der Erstürmung des Schiffes Ende Mai ums Leben gekommen waren.

„Solange Netanjahus Regierung ihre Politik nicht ändert, kann sie nicht erwarten, dass wir die unsrige ändern.“

Mit seiner Kritik an Lieberman reagierte Erdogan auf Äußerungen des israelischen Außenministers. Dieser hatte zuvor die Forderungen nach einer Entschuldigung als „frech“ (Chutzpah) bezeichnet.

Der türkische Regierungschef sagte, die israelische Öffentlichkeit müsse Lieberman

„loswerden“.

Er sei ein

„verachtenswerter“ Mann.

„Es liegt bei ihnen, nicht bei uns“, den Minister seines Amtes zu entheben. „Wenn sie es nicht tun, werden sich Israels Probleme nur noch verschlimmern.“

Unterstützung bekundete Erdogan laut der Tageszeitung „Ha´aretz“ für die Hamas-Regierung in Gaza:

„Die Hamas ist keine terroristische Bewegung. Es sind Menschen, die ihr Land verteidigen. Es ist eine Bewegung, die sich zur Wahl gestellt und gewonnen hat.“

Die palästinensische Gruppe habe nie die Chance erhalten, als demokratische Regierung zu herrschen. Der türkische Premier forderte, die Hamas müsse in die Endstatusverhandlungen einbezogen werden. Denn ohne ihren Beitrag sei ein palästinensisch-israelischer Friede unmöglich.

via israelnetz

Die Regierung des demokratischen Rechtsstaates Israels – von freedom house gerade für die freiheitlichen Merkmale ausgezeichnet – sei schlecht, die Hamas keine Terrorbewegung. Dass sie Menschen umbringen (nicht nur Juden!), unterjochen und foltern – all das qualifiziert sie nicht für „Turkey’s next Terror model“. Was muss man tun, um in die Endausscheidung zu kommen?

Eine Einschätzung des israelischen Botschafter in der Türkei, Gaby Levy:

Als der israelische Botschafter in Ankara im vergangenen Jahr in der US-Vertretung in der türkischen Hauptstadt seine Sicht der Gründe für die Krise in den Beziehungen zwischen der Türkei und Israel darlegte, verwies er auf die persönlichen Gefühle von Premier Recep Tayyip Erdogan:

„Er ist ein Fundamentalist. Er hasst uns aus religiösen Gründen.“

Nach Kontakten mit anderen Gesprächspartner kam auch die US-Botschaft zu dem Schluss,

„dass Erdogan einfach Israel hasst“.

In den von Wikileaks veröffentlichten Memos der amerikanischen Botschaft in Ankara erscheint Erdogan mehrmals als machthungriger und möglicherweiser korrupter Islamist und Israel-Feind.

Doch amerikanische Diplomaten bezeichnen ihn auch als Reformer, Demokrat und als den besten Partner, den Washington sich in Ankara nur wünschen kann. Nach fast acht Jahren als türkischer Regierungschef ist Recep Tayyip Erdogan für die westliche Führungmacht USA immer noch ein Rätsel.

… Erdogan, so heißt es an einer Stelle, sei der einzige Politiker, der die Vision der USA von einer erfolgreichen, demokratischen und europäisch integrierten Türkei voranbringen könne.Doch so manch andere Depesche aus Ankara entwirft ein wesentlich finsteres Bild des türkischen Premiers. Erdogan glaube, er sei „von Gott auserkoren“, um die Türkei zu führen. Noch vor zwei Jahren konnten die US-Diplomaten nicht abschließend beurteilen, ob Erdogan einem islamistischen Geheimplan folgt, wie seine Gegner sagen, oder ob die Vorwürfe jeder Grundlage entbehren, wie seine Anhänger es sehen.

Für Erdogan drehe sich alles um ein Ziel: Macht. Der türkische Premier „hungert nach absoluter Macht“ und den matieriellen Vorteilen, die diese mit sich bringe, schrieben die Amerikaner. Er habe acht verschiedene Konten in der Schweiz und umgebe sich mit Ja-Sagern, die so ebenso wenig von der Welt außerhalb der Türkei verstünden wie er selbst.

Ganz besonders schlecht kommt Erdogans Außenminister Ahmet Davutoglu weg. Selbst Verteidigungsminister Vecdi Gönül, ein gemäßigter Muslim im Kabinett, habe Davutoglu als „extrem gefährlich“ in islamistischer Hinsicht beschrieben. Die türkische Iran-Politik lasse die USA daran zweifeln, ob bei der Eindämmung iranischer Destabilisierungsversuche in der Region auf die Türkei noch Verlass sei.

via tagesspiegel

Nicht nur die USA und die Israelis, auch die Palästinenserbehörde in Ramallah sorgt sich schon seit geraumer Zeit um die „stille Unterstützung der Hamas“ durch die Türkei, die der PLO-Beamte Maruf laut einer geheimen Depesche vom 3. Juni 2009 für „sehr gefährlich“ hält. Die Führung der türkischen Regierungspartei AKP habe ein „romantisches Verhältnis“ zur Hamas entwickelt. Diese türkische Annäherung an die radikale Hamas schwäche die Palästinenserregierung im Westjordanland.

[Der palästinensische Botschafter in Ankara, Nabil] Maruf hält zwei Dinge laut Botschaftsbericht für „besonders alarmierend“: Die wachsende Zahl der fragwürdigen NGO-Konferenzen zur Unterstützung Palästinas, die in Istanbul abgehalten würden, und Besuche von Hamas-Vertretern bei der Regierung in Ankara. Allein im Mai und Juni 2009 seien sieben Konferenzen in Istanbul abgehalten worden, die sich mit Palästina beschäftigten. Der PLO-Gesandte berichtet, so heißt es in der Depesche, dass zu den Teilnehmern „wohlbekannte Radikale aus der arabischen Welt“ gehörten.

… Während des Gazakriegs im Januar 2009 gehört Premier Recep Tayyip Erdogan zu den schärfsten Kritikern Israels. Sogar Syriens Präsident Baschir al-Assad soll ihn damals gebeten haben, sich im Ton zu mäßigen.

Vertreter des Mossad sind der Ansicht, dass das Militär und die säkularen Parteien an Einfluss verloren hätten und die stärkste Gefahr für die AKP von noch radikaleren islamistischen Parteien ausgehe. Zudem habe der Mossad Hinweise darauf, dass die Türken dem Iran bei der Umgehung der Finanzsanktionen helfen und den iranischen Waffenschmuggel über Syrien an die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah ignorieren würden. Über die weitere Zukunft ihrer Beziehungen zur Türkei machen sich die Israelis im November 2009 schon keine Illusionen mehr. Die Türken würden „Israel auf lange Sicht nicht brauchen“.

via welt.de

Die Türkei gleicht diplomatisch gesehen einem Elefanten im Porzellanladen – sie zerschlägt alles, was ihr quer kommt. Diplomatie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man persönliche Gefühle und Einschätzungen zurückhält und eine ausgewogene Sprache benutzt.

Dass Erdogan und seine Kumpels darauf verzichten, bedeutet imhO nur eines: Man hat eine Mission, man betrachtet die Dinge im Lichte eines Auftrages. Wenn die amerikanischen Diplomaten Erdogan immer noch als Hoffnungsträger sehen, dann ist das wohl in erster Linie das Pfeifen im Walde, denn der Verlust des (Nato-) Bündnispartners Türkei wiegt schwer.

Die offensichtliche Annäherung Ankaras an die extrem-islamischen Staaten und Diktaturen Iran, Syrien und Libanon – schön als Diplomatie nach dem Motto „in der Öffentlichkeit allzu harsche Kritik an Teheran vermeiden, aber dafür hinter verschlossenen Türen mit den Iranern Tacheles reden“ verpackt – ist kein Zufall, sondern Absicht.

Der Auftrag der  Türkei ist die (Wieder-) Herstellung der Führungsposition in der islamischen Welt und eine klare Positionierung zum Islam. Die Zeit des türkischen Laizismus ist vorbei – es heißt nun: Heiß oder kalt – nicht mehr lauwarm – oder die alte Frage des Gretchens: „Sag mir, Moslem, wie hältst Du es mit der Religion?“

Türkei fühlt sich durch Israel bedroht

Der Türkische Nationale Sicherheitsrat hat Israel auf seine Liste der Länder gesetzt, die eine Bedrohung für die Türkei darstellen. Der Iran, Syrien, Bulgarien, Georgien und Armenien wurden aus dem Dokument entfernt. Das berichtete der israelische Fernsehsender „Kanal 10“ am Samstag unter Berufung auf türkische Medien.

Demnach heißt es in dem türkischen Dokument mit dem Titel „Das rote Buch“:

„Die Instabilität der Region rührt von Israels Aktionen und seiner Politik her, die zu einem Wettrüsten im Nahen Osten führen könnten.“

Israels Tourismusminister Stas Misezhnikov forderte die israelische Bevölkerung nach der Meldung dazu auf, die Türkei als Reiseland zu boykottieren. Die Beziehungen zur Türkei seien für Israel zwar wichtig, aufgrund der nationalen Ehre müsse die Türkei als Tourismusziel nun jedoch boykottiert werden.

via israelnetz

Ja, so ist das, wenn der Verstand aussetzt und der Bauch regiert. Der Iran wird abgesetzt, Israel als neues Feindbild etabliert. Die Türkei macht sich auf einen bösen Weg.

Wer den Schulterschluss mit dem Iran sucht, wird ein böses Erwachen erleben.

Kann die Türkei eine Demokratie werden?

Der an der Münchener Universität lehrende Soziologe Dr. Aydin Findikçi fordert einen Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der türkischen Regierungspartei, weil sie das Land islamisiere.

Die Türkei ist bekanntlich ein wunderschönes Land. Dieses Land wurde in Form einer Republik am 29.Oktober 1923 von Mustafa Kemal Atatürk ins Leben gerufen. Seit ihrer Gründung verfolgte die Türkei bis zu den Wahlen im November 2002 eine nach Westen ausgerichtete Politik.

Das Jahr 2002, in dem die AKP „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ von Recep Tayyip Erdogan im November 2002 die Wahlen gewann, ist für die gesamte Türkei ein Wendepunkt. Seit dieser Zeit wird die türkische Gesellschaft in jeder Form verändert, manipuliert und islamisiert. Die von der AKP-Regierung vorgenommenen grundlegenden Veränderungen der türkischen Gesellschaft dienen nicht zu weiteren Europäisierung und Modernisierung, wie dies fälschlicher Weise öfter in Teilen der europäischen Medien dargestellt wird, sondern zur vollständigen Islamisierung der türkischen Gesellschaft und Totalisierung des Landes.

Und diese Entwicklung ist die Hauptgefahr des Friedens mit fatalen Folgen für Europa. Gerade diese Entwicklung stellt das Haupthindernis des Landes auf dem Weg der Etablierung der Demokratie nach westlichen Normen dar. Ein Land, wie die Türkei, das mit seiner eigenen Kraft es nicht schafft, sich zu einer Demokratie im westlichen Sinne zu entwickeln und sich bewusst von der westlichen Welt abzukoppelt, kann auch keinen Anspruch darauf haben, Mitglied der Europäischen Union (EU) zu werden und eine Regionalmacht zu sein.

Türkei ist wichtig für die westliche Welt
Es steht außer Zweifel, dass die Türkei sowohl in ihrer Region als auch für die Interessen der westlichen Welt ein wichtiges Land ist. Aufgrund ihrer strategischen Stellung war und ist die Türkei immer für die westliche Welt von erheblicher Bedeutung. Mittlerweile befindet sich die Türkei von Atatürk in einer sehr schwierigen Lage, die in erster Linie dadurch gekennzeichnet ist, dass sie von der AKP-Regierung von Tag zu Tag von der westlichen Welt abgekoppelt und folglich in einen ethnisch motivierten Bürgerkrieg getrieben wird.

Die Abkopplung der Türkei von der westlichen Welt und von ihren Normen liegt sicherlich weder in ihrem eigenen Interesse noch im Interesse ihrer Region noch im Interesse des Westens.

Es steht mittlerweile fest, dass es der Türkei aufgrund der Abkoppelungspolitik der AKP-Regierung und ihrem Führer nicht gelingt, sich als eine westliche Demokratie zu etablieren. Das türkische Volk ist eigentlich bereit, sich an die westlichen Normen zu orientieren und sich noch mehr stärker dafür einzusetzen, wenn die politische Führung des Landes aufgrund ihrer antiwestlichen und antisemitischen Haltung den Westausrichtungsprozess von Atatürk nicht bremsen würde. Und das ist auch die eigentliche Ursache, warum es seit der Machtübernahme der APK-Regierung und ihrem Führer Recep Tayyip Erdogan im Jahre 2002 Ankara nicht gelingt, die türkische Gesellschaft zu modernisieren.

Atatürk wollte das Land aus dem Orient führen
Der Orient und der Osten waren für Atatürk gleichbedeutend mit mittelalterlicher Rückständigkeit. Die Absicht von Atatürk war die Etablierung einer demokratischen, laizistischen und europäischen Türkei, die als Teil des Westens in der Welt ihre Verantwortung übernehmen sollte. Aus diesem Grund standen Europa und der Westen für das Moderne.

Die Modernisierung der türkischen Gesellschaft nach westlichen Normen war das erklärte Ziel der Politik von Atatürk. An dieser Grundausrichtung der am 29. Oktober 1923 gegründeten Republik hat in den letzten Jahren, insbesondere seit dem Regierungsantritt der AKP und ihres Führers Recep Tayyip Erdogan vieles geändert.

Atatürk hat mit dem Ziel, die Türkei zu einem modernen Staat zu entwickeln, eine Reihe von Umgestaltungen durchgeführt. Dazu gehörte in erster Linie die Aufhebung des Sultanats (1.November 1922) und die Abschaffung des Amtes des Kalifen (3. März 1924).

Bruch mit den Kalifen
Und Ali Yüksel, der seit kurzem Berater vom AKP-Führer Erdogan geworden ist, wurde in Deuschland von der Milli Görüs und ihren Sympathisanten als Kalife gewählt. Und dieser kalifa, der mit drei Frauen verheiratet ist, berät die türkische Regierung. Daher ist die Wiederherstellung dieses religiösen Amtes das erklärte Ziel der gesamten türkischen Islamisten weltweit.

Atatürk ersetzte als wöchentlichen Ruhetag den Freitag durch den Sonntag. Die Wiedereinführung des Freitags als Ruhetag ist ebenfalls das erklärte Ziel der Islamisten, weil aus deren Sicht der Sonntag der christliche Ruhetag ist. Atatürk schaffte am 1.11.1928 die arabische Schrift ab und verordnete den türkischen Staatsbürgern das lateinische Alphabet, er verbot die osmanische Kopfbedeckung Fez am 25. November 1925 und ordnete stattdessen das Tragen westlicher Hüte an.

In Deutschland tragen immer mehr Frauen das sogenannte Kopftuch (Turban), das ihre Integration beeinträchtigt und hemmt. In diversen Jugendheimen, die vom politischen Islam in zahlreichen Städten getrieben werden, wird Koran in arabischer Sprache auswendig gelehrt.

Streben in die EU
Die Atatürk’sche Revolution war der Beginn des modernen türkischen Europa-Strebens. Aus diesem Grund entscheid sich die Türkei für die Vollmitgliedschaft in der NATO schon 1952 – drei Jahre früher als Deutschland – und 1963 für die Assoziierung mit der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), der Vorläuferin der heutigen EU. Aufgrund dieser Assoziierung ist die Türkei seit dem 1.1.1996 durch die Errichtung der Zollunion wirtschaftlich eng an der EU angebunden.

Die Türkei hat auf dem EU-Gipfel im Dezember 1999 in Helsinki die Erklärung der EU akzeptiert, mit der das Land in den Status eines Beitrittskandidaten erhoben wurde. „Auf diesem Gipfel wurde die Türkei als Beitrittskandidat für die EU benannt und somit das korrigiert, was ihr auf dem Luxemburger EU-Gipfel zwei Jahre zuvor im Dezember 1997 verwehrt worden war.

Nunmehr hat sich die Türkei in die Pflicht nehmen lassen, tief greifende Reformen zu vollziehen – Reformen, welche die Annäherung und Angleichung an die EU-Normen betreffen, die zu erfüllenden Voraussetzungen für die Vollmitgliedschaft. Der Annäherungsprozess ist durch die Unterzeichnung der Beitrittspartnerschaft auf dem Gipfel in Nizza am 7.Dezember 2000 nunmehr in eine neue Phase getreten, in der die Türkei zügig und entschlossen das Reformwerk vollziehen muss“, so Faruk Sen in einem Aufsatz 2001.

„Es gibt nur eine Zivilisation – die westliche“

In diesem Zusammenhang ist aber die Analyse von Stefan Hibberler von erheblicher Bedeutung, um die Rolle und die Stellung der modernen Türkei von Atatürk für den Westen sowie die Veränderungen der letzten Jahre in der Gegenwart besser zu verstehen.

„Bereits im 18. Jahrhundert setzten Reformbewegungen ein, die sich an westeuropäischen Vorbildern orientierten. Neben Reformen auf militärischem Gebiet begann bereits im 19. Jahrhundert die Übernahme westlichen Rechts, das zunehmend das osmanische ablöste.

Nach dem Befreiungskrieg unter Mustafa Kemal Atatürk und der Gründung der Türkischen Republik 1923 beschleunigte sich das Reformtempo, wobei sich die Zielrichtung des Prozesses mit einem Satz Atatürks umreißen lässt: „Es gibt nur eine Zivilisation – die westliche“.

Die kemalistische Außenpolitik ist pragmatisch geprägt und setzt auf friedliche Koexistenz mit allen Nachbarn. Sie trägt zugleich die Tendenz zur Neutralität, d.h. das Bemühen, zu allen großen Mächten gute (und nützliche) Beziehungen zu unterhalten. Auf der Grundlage dieser Politik beispielsweise ist die Türkei nicht aktiv in den Zweiten Weltkrieg eingetreten“.

Gesetze nach europäischem Vorbild
Die Gesetze der neuen Türkei wurden nach europäischen Vorbildern geschneidert. Die gleichen Rechte für Frauen und Männern wurden von 1926 an stufenweise gewährleistet. Zur Beschäftigungssituation der türkischen Frauen seit der AKP-Regierung stellt die Welt Online in ihrer Ausgabe vom 01.06.2007 folgendes fest: „Es gibt immer weniger Frauen in verantwortungsvollen Positionen, seit die AKP regiert…

Fairerweise muss gesagt werden, dass der Frauenanteil in der Verwaltung im Vergleich zu den meisten westlichen Ländern, etwa Deutschland, recht hoch ist und annähernd dem EU-Durchschnitt entspricht. Das hat aber nicht die AKP durchgesetzt. Der hohe Frauenanteil ist Teil der kemalistischen Staatskultur.“ (hier)

Nach Angaben von Ertugrul Özkök gibt es in der Türkei insgesamt 7283 Richter, wovon 5006 männlich und 2277 weiblich sind. Die Gleichberechtigung von Frau und Mann wurde mit dem aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen im Jahre 1934 eingeführt. Am 18.Juli 2010 hat Recep Tayyip Erdogan eine Delegation aus diverser Frauenorganisation in Istanbul empfangen und ihnen sehr stolz mitgeteilt, dass er an der Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht glaube, so Karakol Baki.

Die AKP dreht alles um
In der Türkei ist seit dem Regierungsantritt der AKP eine völlig andere Entwicklung zu verzeichnen. Seit dem Regierungsantritt der AKP von Recep Tayyip Erdogan im November 2002 befindet sich die Türkei in einer völlig neuen Situation, die durch zahlreiche besorgniserregende Entwicklungen sowohl für die gesamte türkische Wohnbevölkerung als auch für die westliche Welt gekennzeichnet ist: Die türkische Gesellschaft wird gespalten und manipuliert.

So wird z.B. in der Türkei die Bevölkerung am 12.September 2010 in einem Referendum über die Verfassungsreform abstimmen. Wer sich noch nicht im Sinne der AKP und ihres Führers zur Farbe bekennt und „Nein“ zu Verfassungsänderungen sagt, wird von Recep Tayip Erdogan hart bestraft, beleidigt und beschimpft.

Der erste Europaminister seines Landes Egemen Ba bezeichnet die türkischen Wähler in der Zeitung „Cumhuriyet“ als diejenigen „die entweder nicht alle Tassen im Schrank oder ein Problem mit der Liebe des Landes haben, wenn sie „Nein“ zu Verfassungsänderungen sagen würden“.

Erdogan mit Goebels und Hitler verglichen
Der Vorsitzende der Oppositionspartei, der CHP (Republikanische Volkspartei) Kemal Kiliçdaroglu wird aufgrund seines alawitischen Glaubens von Recep Tayip Erdogan massiv angegriffen und beleidigt. Diese Beleidigung seiner Person vergleicht Kiliçdaroglu in der „Hürriyet“ mit Goebbels aus Hitler-Deutschland und betont: „Was Goebbels nicht geschafft hat, machen sie das. Und das nennt man Faschismus“.

Der Vergleich von Erdoan mit Goebbels durch Kiliçdaroilu wird auch vom türkischen Verfassungsrechtlern Prof. Dr. Süheyl Batum geteilt. Prof. Batum weist in seinem Aufsatz „Sözden Yaziya “ (vom mündlichen zu schriftlichen) in einer Zeitung vom 23.August 2010 wie folgt darauf hin: „die Türkei rückt immer in Richtung des Hitler-Faschismus. Telefonabhören und unrechtstaatliche Taten belegen das“.

Nach Angaben des türkischen Journalisten Oktay Ekci droht Recep Tayyip Erdogan allen Wählern, Organisationen, Vereinen, Verbänden und Gewerkschaften folgendermaßen: „Entweder unterstützt ihr uns mit „Ja“ bei unserer Kampagne für die Volksabstimmung zur Verfassungsänderung, oder ihr müsst nach der Volksabstimmung mit Eurem Schicksal zurecht kommen“ So eine Drohung der Verbände durch den Ministerpräsident eines EU-Mitgliedsstaates ist überhaupt nicht vorstellbar und in jeder Form abzulehnen.

Premier will aus der Demokratie „aussteigen“
Orhan Bursal analysiert in seinem Aufsatz vom 19. August 2010 in der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ die politische Entwicklung des Landes im Hinblick auf die Haltung von Ministerpräsident Erdogan mit folgenden Worten: “Wir haben in der letzten Zeit bisher niemandem als Ministerpräsidenten erlebt, der seinen Sessel gegen die Demokratie so vehement missbraucht, wie er“. Nun hat Erdogan in der „Neuen Züricher Zeitung“ selbst zugegeben, dass die Demokratie wie eine Straßenbahn sei, in die man einsteige, bis man am Ziel sei, um sie dann wieder zu verlassen.

Die türkische Gesellschaft wird seit Jahren immer undemokratischer, konservativer und einschüchternder. Die Theologisierung der Politik und die Islamisierung der Gesellschaft haben enorm zugenommen. Die religiösen Strömungen werden immer sichtbarer und mächtiger.

Überall entstehen in der Türkei religiösen Schulen, Jugendheime, Hochschulen, Krankenhäusern, Jugendheime etc. von religiösen Sekten wie von Fetullah Gül, Süleymancilar, Ismail Aga usw., die in der Regierung und somit auch in der Gesellschaft erheblichen Einfluss gewonnen haben.

Islamisierung schreitet voran
So wurde seit dem Regierungsantritt der AKP auch die Stellung des türkischen Militärs erheblich geschwächt. Die Haftbefehle gegen mehr als 100 hohe Offiziere und Ex-Generäle wegen Putschverdacht in den vergangenen Wochen vertiefen die Gräben in der türkischen Gesellschaft. Die Generäle und ein erheblicher Teil der türkischen Gesellschaft „sehen in den Ereignissen keinen demokratischen Befreiungsschlag, sondern die Vorboten eines Unrechtsstaates. Diese Spaltung des Landes dürfte dringend nötige Reformen in dem EU-Bewerberland erschweren…

Die Festnahme der Offiziere und die damit verbundene Schwächung der Armee, so wichtig sie für die Demokratisierung des Landes auch gewesen sein mögen, bedeuten also nicht automatisch eine Stärkung der Reformpolitik in der Türkei, wie es der Berliner Tagesspiegel schrieb. Jede Schwächung des türkischen Militärs trägt zur Stärkung der Islamisierung der türkischen Gesellschaft bei.

Und mit dieser türkischen Regierungspartei führt die EU seit dem 3.Oktober 2005 die sogenannten Beitrittsgespräche durch, die von der AKP nicht nur für die vollständige Islamisierung der türkischen Gesellschaft, sondern auch für die Abkoppelung der Türkei vom Westen instrumentalisiert werden. Daher ist die Stimme der EU zu Recht von erheblicher Bedeutung, dass sie sich besorgt über die Festnahme von türkischen Armeeangehörigen wegen möglicher Putschpläne gezeigt hat. (hier)

Verschwörungstheorien gegenüber Dissidenten
Die türkische Armee gilt seit Bestehen der Republik als Hüter der Verfassung, der Demokratie und des Laizismus nach westlichem Vorbild. Aufgrund der gegen das türkische Militär gerichteten AKP-Politik herrscht in der türkischen Öffentlichkeit die breite Ansicht, dass der Recep Tayyip Erdogan und seine AKP anscheinend aus der laizistischer Republik einer gemäßigte „Islamischer Republik der Türkei“ schaffen will.

Die stufenweise Abkoppelung der Türkei vom Westen höhlt den von Atatürk eingeleiteten Westausrichtungsprozess aus. Er wollte aus den Trümmern des Osmanischen Reiches eine moderne und eine westlich orientierte Republik schaffen.

Es werden nicht nur Armeeangehörige wegen angeblicher Putschpläne verhaftet, sondern auch Dutzende von prominenten Kritikern der Regierungspartei wegen angeblicher Mitgliedschaft in der so genannten „Terrororganisation Ergenekon“. Diese angebliche „Terrororganisation Erkenekon“ „ist der Deckname für einen geheimen Zusammenschluss von Militärs, Bürokraten, Journalisten, Professoren und Richtern, die alle gemeinsam das Ziel hatten, die Regierung der islamischen AKP zu stürzen“, wie Jürgen Gottschlich es beschreibt.

Verhaftungen türkischer Intellektueller
Unter den Festgenommenen befanden und befinden sich auch der 83-jährige, Chefredakteur und Verleger der Tageszeitung „Cumhuriyet“, Ilhan Selçuk (bereits verstorben), einer der bekanntesten türkischen Journalisten, der ehemalige Rektor der Universität Istanbul, Kemal Alemdaroilu und Doiu Perinçek, der Vorsitzende der türkischen Arbeiterpartei.

Seit knapp zwei Jahren sind der Bürochef der wichtigsten Oppositionszeitung „Cumhuriyet“, Mustafa Balbay, sowieTuncay Özkan, ein Parteivorsitzender und ein weltweit angesehener Chirurg und Rektor der Universität Baskent in Ankara ,Professor Mehmet Haberal, eingesperrt, ohne dass ihnen der Grund ihrer Verhaftung offiziell mitgeteilt wurde. Alle diese türkischen Intellektuellen sind Kritiker der AKP-Regierung.

Recep Tayyip Erdogan verträgt überhaupt keine Kritik. „Er hat Karikaturisten vor Gericht gezerrt, weil sie ihn als Frosch oder als Ente gezeichnet haben. Seine Regierung verfolgt die ihm kritisch gesinnte Dogan-Mediengruppe mit einer existenzbedrohenden Steuerstrafe“.

AKP richtet den „Tiefen Staat“ ein
Am 20. Oktober 2008 begann vor dem Gericht von Silivri der Prozess gegen zahlreiche Angeklagte der vermeintlichen „Organisation Ergenekon“. Universitätsdekane, Hochschullehrer, oppositionelle Politiker, Anwaltskammern und türkische Tageszeitungen kritisieren zu Recht die harte Vorgehensweise gegen vermutete Mitglieder dieser Organisation.

Sie werfen aus berechtigten Gründen der AKP-Regierung vor, auch unschuldige Fürsprecher eines liberalen, säkularen Staates in die Ermittlungen hineinzubeziehen, um sie einzuschüchtern. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Die Ermittlungen werden absichtlicht hinausgezögert und politisch missbraucht, wie Esra Alus in der Zeitung Milliyet eindrucksvoll zeigt.

Daher herrscht in der türkischen Öffentlichkeit mittlerweile die Überzeugung, dass die AKP ihren eigenen „Tiefen Staat“ errichtet. Es ist mittlerweile bekannt geworden, dass sich einige Anklagepunkte auf Zeugen stützen, deren Identität die Staatsanwaltschaft geheim hält. Zudem werden fragwürdige abgehörte Telefongespräche als Beweismittel verwendet. Es gibt in der Türkei niemanden mehr, der keine Bedenken hat, abgehört zu werden.

Fetullah Gülen und ihre Ziele
Jeder Bürger in der Türkei rechnet damit, jederzeit willkürlich verhaftet zu werden, wenn er die Regierungspartei und ihre Politik auf demokratischer Art und Weise kritisiert. „Als treibende Kraft hinter den Verhaftungen wird die islamische Sekte von Fethullah Gülen vermutet, die mittlerweile über erheblichen Einfluss in der Polizei verfügen soll.“, vermutet der österreichische „Standard“.

Fetullah Gülen lebt in den USA, wird von der Türkei per Haftbefehl gesucht und unterhält weltweit mehrere Schulen. Serap Çileli beschreibt in einem Gespräch mit dem Bayernkurier vom 9. April 2010, wie die Gülen-Bewegung ideologisch einzuordnen ist und welche Ziele sie verfolgt:

„Die Gülen-Gemeinde unterstützt die islamisch-konservative Regierungspartei AKP. Sowohl die AKP-Oligarchie (Herrschaft einer Minderheit) als auch die Gülen-Sekte haben eine Empathie (Sympathie) für die osmanische Ideologie. In Gülen-Schulen in der Türkei wie im Ausland wird weltweit die türkisch-islamische Synthese verbreitet und gelehrt. Der türkische Staatspräsident Gül lobt die Aktivitäten der Gemeinde Gülens und hält Reden zur Eröffnung der Gülen-Schulen, aktuell in Bangladesch. Zu Recht wurden jedoch in Russland oder in Usbekistan die Gülen-Schulen geschlossen und alle Aktivitäten der Nurcu-Bruderschaft verboten. Das staatliche usbekische Fernsehen beschuldigte die Gülen-Sekte sogar, durch die Verbreitung pantürkischer Propaganda die usbekische Kultur zu zerstören…

Gülen will die Theokratie
Gülen lebt seit mehreren Jahren im selbstgewählten Exil in den USA und wird streng vom FBI bewacht. 1996/97 leitete die türkische Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Es hieß, Gülen beabsichtige die Beseitigung der demokratisch-laizistischen Türkei (Laizismus bedeutet die Trennung von Religion und Politik) und strebe die Errichtung eines theokratischen Staates auf religiöser Grundlage an (Scharia).

Und genau diesen Aspekt dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, auch wenn Gülen im Westen als jemand gilt, der islamische Lehren mit liberalen Ideen verbindet und den interreligiösen Dialog propagiert, als „gemäßigter Islamist“ mit seinen tränenreichen „Toleranz- und Friedensbotschaften“. Der Schein trügt. Die Gülen-Bewegung ist eine Glaubensgemeinschaft mit missionarischen Zwecken…

Es gibt rund 150 Nachhilfe-Institute und zwölf Schulen in Deutschland, die der Gülen-Gemeinde angehören oder ihr nahe stehen. Demnächst soll im schwäbischen Jettingen-Scheppach die erste Gülen-Schule mit Internat erbaut werden.

Der große Dschihad ist Bildung
„Unser großer Dschihad ist die Bildung“, lautet Fethullah Gülens Botschaft. Er gibt sich gern als besonnener, harmoniebedürftiger Geistlicher. Seine Anhänger nennen ihn Hodscha-Efendi. Allein in der Türkei sollen ihm sechs Millionen Menschen folgen. Die heute extrem einflussreiche Gülen-Bewegung wurde in den 1970er-Jahren gegründet und gründete zahlreiche Schulen, Universitäten, Sozialeinrichtungen, Studentenheime, Kulturzentren oder Wirtschaftsunternehmen in mehr als 50 Ländern, auch in Deutschland.

Eng verbunden damit ist die Nurcu-Bruderschaft. Außerdem gehören dazu zahlreiche Medien, allein in der Türkei über 20 Radiostationen, dazu TV-Sender und Zeitungen. Der Wert des Gülen-Imperiums wird auf 26 Milliarden Dollar geschätzt“, sagt Serap Çileli im Bayernkurier.

In der Türkei gibt es eine „defekte“ Demokratie, die als Haupthindernis im Wege der Stabilisierung des inneren und äußeren Verhältnisses des Landes steht. Und von dieser defekten Demokratie profitieren nur die Islamisten. Aus diesem Grund muss sich die Türkei endgültig zu einen Rechtssaat entwickeln.

Die EU muss den türkischen Demokraten helfen
Die Etablierung der westlichen Demokratie gefährdet den politischen Islam und führt das Land in den Fortschritt. Daher muss die Türkei in ihrem eigenen Interesse das Transition zu einer konsolidierten Demokratie bewerkstelligen, um sich als Teil der westlichen Welt zu etwablieren.

In diesem Zusammenhang ist aber eine massive Unterstützung der demokratischen und westlich orientierten türkischen Kräfte, die sich für den Säkularismus, die Modernisierung und Europäisierung ihres Landes und ihre Gesellschaft einsetzen, durch die EU unbedingt erforderlich. Ohne mithilfe des Westens ist es leider nicht möglich, gegen den politischen Islam und ihren Einfluss auf demokratischer Art und Weise vorzugehen und die Bevölkerung aufzuklären.

Mittlerweile befindet sich die Türkei aufgrund ihrer Islamisierungspolitik und anti-westliche Haltung durch die AKP-Regierung in einer Lage, in der eine mit den Grundwerten des Westens und der modernen Türkei, wie z.B. westlich orientierte Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, laizistische Staatsordnung usw. abgerechnet wird.

Aus diesem Grund ist es angebracht, mit der Türkei unter der Führung von AKP und ihrer Führer Erdogan Beitrittsgespräche abzubrechen, weil die EU als ein Bündel von westlichen Normen und Werte ist, die nur mit demokratischen, laizistischen und europäischen Staaten Beitrittsverhandlungen durchführen darf.